Stilles Örtchen Berlin plant WC-Pflicht für Supermärkte

Senioren-Organisationen fordern mehr öffentliche Toiletten, vor allem in Geschäften. Viele Großstädte nehmen sich des Problems an, Berlin will Supermärkte sogar gesetzlich dazu verpflichten, Kunden-WCs einzurichten.

Öffentliche Toilette in Köln: Städte wollen Einzelhändler in die Pflicht nehmen
DPA

Öffentliche Toilette in Köln: Städte wollen Einzelhändler in die Pflicht nehmen


Seit Stunden hat die ältere Dame nichts mehr getrunken. Weil sie gleich einkaufen will - und man in den Läden oft keine Toilette findet. Dabei sei ihre Bekannte mit Mitte 70 eine agile Frau, sagt Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen. Doch spontanes Shopping nach Kaffee und viel Flüssigkeit sei für sie - wie für viele andere - nicht mehr denkbar. Dafür gebe es in Fußgängerzonen und Supermärkten zu selten saubere öffentliche Toiletten.

Dabei werden die Deutschen immer älter - und damit wächst das Bedürfnis nach dem stillen Örtchen unterwegs. Schon jetzt ist laut Statistischem Bundesamt jeder fünfte Bundesbürger 65 Jahre oder älter, 2030 werden 28 Prozent der Bundesbürger Senioren sein. Sie sind zwar so agil und gesund wie nie zuvor, doch ohne Toilette in der Nähe fühlen sich viele nicht wohl. "Sie können den Urin einfach nicht so gut zurückhalten", erklärt Lenz.

Die ersten Großstädte haben dies als Problem erkannt - und erarbeiten Klo-Konzepte. Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) will neu eröffnende Supermärkte verpflichten, Kundentoiletten einzurichten - schon ab einer Größe von 300 Quadratmetern, wie sie etwa viele Discounter haben. Größere Läden sollen Toiletten sogar nachrüsten müssen. Bereits jetzt gibt es in Berlin Baugenehmigungen für sie nur mit entsprechender Klo-Planung.

Einzelhändler maulen

Personaltoiletten haben die Supermärkte schon - doch die einfach für alle zu öffnen, geht nicht. Der Berliner Senat verweist auf das Arbeitsstättenrecht. Auch die Einzelhändler schließen das aus: zu unhygienisch.

Generell ist der Handel von den Plänen nicht begeistert. "Die öffentliche Hand lässt ihre eigenen Aufgaben durch andere erledigen", beklagt Nils Busch-Petersen vom Einzelhandelsverband Berlin-Brandenburg. Eigentlich müsste die Landesregierung selbst für öffentliche Toiletten sorgen. Außerdem würden einmal mehr Läden in Fußgängerzonen im Vergleich zum Online-Handel benachteiligt. Denn der müsse keine Klos finanzieren.

Andere Großstädte denken über alternative Modelle nach. In München - so ein Vorschlag der dortigen SPD - sollen Wirte, die Lokale in der Nähe von Spielplätzen außerhalb der Altstadt führen, ihre Toiletten für Nicht-Kunden öffnen. "Nette Toilette" heißt das Konzept - und verspricht eine Entschädigung von der Stadt.

Auch die Stadt Köln sucht Kooperationen mit Restaurants. "Statt auf neue Vorschriften und Zwang, setzen wir bislang auf Überzeugungsarbeit gegenüber Investoren", sagt Baudezernent Franz-Josef Höing. Bei "Happy Toilet" stellen Restaurants und private Unternehmen ihre Toiletten ohne Kauf- oder Verzehrzwang zur Verfügung. Für den höheren Reinigungsaufwand bekommen sie Geld von der Stadt und zugleich mehr Kundschaft.

Von Theresa Münch, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.