Beschäftigte aus Asylländern Was hinter der hohen Fachkraftquote steckt

60 Prozent der Beschäftigten aus Asylländern arbeiten in Deutschland als Fachkraft: Das stimmt zwar - sagt aber etwas anderes aus, als es zunächst den Anschein hat.

Veranstaltung der Bundesagentur für Flüchtlinge mit akademischen Hintergrund (im Oktober 2016)
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Veranstaltung der Bundesagentur für Flüchtlinge mit akademischen Hintergrund (im Oktober 2016)

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Es klingt nach einer ermutigenden Nachricht, die sich an diesem Donnerstag in Zeitungen, auf Onlineportalen oder in den Radionachrichten findet: Knapp 60 Prozent der aus wichtigen Asylländern stammenden Beschäftigten arbeiten als Fachkraft. Das gehe aus einer aktuellen Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hervor.

Im Detail würden laut den aktuellsten Zahlen von den 140.000 betroffenen Beschäftigten rund 43 Prozent Stellen ausfüllen, die eine Berufsausbildung erfordern, mehr als neun Prozent sogar Positionen mit der Anforderung eines akademischen Abschlusses, weitere vier Prozent würden als sogenannte Spezialisten arbeiten, wofür ein Meisterbrief oder ein Techniker- oder Fachhochschulabschluss benötigt wird.

Das alles ist korrekt. Und doch mag so mancher irritiert sein: Wie passt das zusammen mit Statistiken, wonach die Mehrheit der vielen seit Anfang 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge über keine oder nur geringe berufliche Qualifikation verfügt?

Tatsächlich stellt sich die Frage, welche zulässigen Schlüsse sich aus den Zahlen ziehen lassen: Es sind nicht allzu viele, und das aus mehreren Gründen:

1. Es geht um "Menschen aus wichtigen Asylländern", nicht um Flüchtlinge

Das IW Köln nutzt die offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die erfasst zwar seit kurzem auch den Aufenthaltsstatus, also etwa auch die Information darüber, ob jemand als Schutzsuchender nach Deutschland gekommen ist. Aber eben erst seit kurzem, bis dahin erfasste die BA lediglich die Staatsangehörigkeit - was gesicherte Aussagen über die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt schwierig macht. Auch die Detaildaten zur Beschäftigung, wie sie das IW Köln nutzt, liegen nur nach Staatsangehörigkeit aufgeschlüsselt vor.

Die aktuellen Angaben beziehen sich also nicht ausschließlich auf Flüchtlinge. Sondern auf Menschen, die die Staatsangehörigkeit von acht Ländern besitzen, aus denen auch viele der kürzlich angekommenen Flüchtlinge kommen - konkret: Iran, Irak, Syrien, Eritrea, Somalia, Afghanistan, Nigeria und Pakistan.

Das trifft nun aber auch auf viele Menschen zu, die schon sehr lange in Deutschland leben und aus ganz anderen Gründen gekommen sind. Klar wird das wiederum an Zahlen der BA: Bereits im Januar 2010 hatten rund 52.000 Menschen aus diesen acht Ländern eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die meisten von ihnen dürften nach wie vor in Deutschland arbeiten - und zählen somit zu den 140.000 Personen, auf die sich die Fachkraft-Quote bezieht.

Wie viele der kürzlich nach Deutschland Geflüchteten aber als Fachkräfte arbeiten, darüber gibt zumindest diese Statistik keinen gesicherten Aufschluss. Zumal es auch Flüchtlinge gibt, die nicht aus den acht genannten Ländern kommen.

2. Die Zahlen sind inzwischen überholt

Das IW Köln bezieht sich zwar auf die aktuellsten Zahlen der BA - die geben aber den Stand von Ende März 2017 wieder und sind bereits seit Oktober frei zugänglich. (Hier als 17 MB große komprimierte Excel-Datei auf den Statistikseiten der BA; die Angaben zum Anforderungsniveau finden Sie in Tabelle 6.) Ende Januar wird die BA neue Detailzahlen zum Qualifikationsniveau der besetzten Stellen vorlegen - diese werden dann den Stand von Ende Juni 2017 abbilden.

Von März bis Juni hat sich aber eine Menge getan, so viel ist jetzt schon klar: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den acht Ländern ist in diesem Zeitraum von 140.000 auf rund 157.000 gestiegen. Im September waren es sogar schon rund 195.000.

Das IW Köln behauptet auch gar nicht, eigene oder neue Zahlen zu veröffentlichen - und bezeichnet die Publikation nicht als Studie. Vielmehr handelt es sich um einen sogenannten Kurzbericht, in dem die Autoren die bekannten Zahlen referieren, um einige Handlungsempfehlungen an die Politik abzuleiten.

3. Die Zahlen beziehen sich nur auf einen kleinen Teil der betroffenen Personen

Zwar haben 2017 bemerkenswert viele Menschen aus den acht Asylländern Arbeit gefunden - die große Mehrheit aber ist noch nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen. Im November galten rund 507.000 aus diesem Personenkreis als arbeitssuchend. 185.000 davon waren offiziell arbeitslos, die übrigen absolvieren derzeit überwiegend Integrations- und Sprachkurse.

Der in der IW-Publikation zitierte Anteil der Fachkräfte bezieht sich aber nur auf die rund 140.000 Personen, die Ende März einen Arbeitsplatz hatten. Der Anteil der Fachkräfte an allen Personen im erwerbsfähigen Alter aus diesen Ländern wäre also wesentlich niedriger.

Und auch der relativ hohe Anteil an Fachkräften unter denen, die bislang Arbeit gefunden haben, ist wenig überraschend: Erstens zählen eben auch Menschen dazu, die schon lange in Deutschland leben. Zweitens liegt es auf der Hand, dass auch unter denen, die tatsächlich kürzlich als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, die gut Qualifizierten schneller einen Arbeitsplatz finden.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird also der Anteil der Fachkräfte unter den Beschäftigten aus den acht Asylherkunftsländern in den offiziellen Statistiken schon bald erheblich sinken. So betonte BA-Vorstand Raimund Becker Ende November, dass viele derjenigen Flüchtlinge, die inzwischen Arbeit gefunden hätten, sogenannte Helfertätigkeiten ausüben.

Das wäre dann allerdings alles andere als eine schlechte Nachricht - sondern Beleg dafür, dass der deutsche Arbeitsmarkt derzeit auch Ungelernten und damit vielen Flüchtlingen Chancen bietet.

Zusammengefasst: 60 Prozent der Beschäftigten aus acht Asylherkunftsländern arbeiten laut aktuellsten Zahlen als Fachkraft. Diese Nachricht ist zwar korrekt, führt aber leicht in die Irre: Erstens geht es nicht nur um vor kurzem angekommene Flüchtlinge, sondern allgemein um Staatsangehörige aus acht Asylländern - darunter auch Menschen, die mitunter seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Zweitens bezieht sich die Fachkraft-Quote auf den Stand von März 2017 und ist damit überholt: In der Zwischenzeit haben zahlreiche weitere Menschen aus den acht Ländern eine Beschäftigung aufgenommen - laut Arbeitsagentur aber meist nicht als Fachkraft. Drittens bezieht sich die Fachkraft-Quote nur auf eine Minderheit: Jene, die bereits einen Arbeitsplatz gefunden haben. Zudem liegt es auf der Hand, dass das den bereits gut Qualifizierten schneller gelingt als Ungelernten.



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