Geheimtreffen Was an der Bilderberg-Konferenz wirklich bedenklich ist

Nein, die Bilderberg-Konferenz ist nicht die geheime Weltregierung. Aber wenn in Tirol Rüstungshersteller auf Verteidigungspolitiker und Notenbanker auf Investmentprofis treffen, ist das problematisch - die Öffentlichkeit muss nämlich draußen bleiben.

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Bilderberg-Tagungsort in Tirol: "Die Frage ist, was wir da erzählen könnten"
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Bilderberg-Tagungsort in Tirol: "Die Frage ist, was wir da erzählen könnten"


Langatmige Reden, zu viel Kaffee und als einziges Souvenir eine hässliche Tasche: Konferenzen sind oft eine denkbar unspektakuläre Angelegenheit. Bei der Bilderberg-Konferenz ist das anders.

Das Treffen, das ab Donnerstag in einem Tiroler Berghotel stattfindet, gilt Verschwörungstheoretikern als geheime Weltregierung. Diese erstellt angeblich einmal im Jahr eine Art mittelfristiger Schicksalsplanung für die Menschheit - von der Ölkrise bis zu Kanzlerwahl.

Ganz so groß ist der tatsächliche Einfluss der "Bilderberger" sicher nicht - sonst hätten die Teilnehmer so manches globale Problem längst in ihrem Sinne gelöst.

Grund zur Kritik an der Konferenz gibt es dennoch. Immerhin beraten hier Spitzenvertreter von Politik und Wirtschaft über Themen von allgemeinem Interesse, ohne dass die Zivilgesellschaft in irgendeiner Form eingebunden wäre. Beim ebenfalls umstrittenen Weltwirtschaftsforum in Davos gibt es hingegen zumindest Podiumsdiskussionen, an denen auch Umweltschützer oder Menschenrechtsaktivisten teilnehmen.

Immerhin: Neuerdings veröffentlichen die Bilderberg-Organisatoren im Internet Teilnehmerlisten und Themen ihrer Konferenzen. Auch einen Sprecher gibt es. Er kommt von der PR-Agentur CNC, die auch Krisenkommunikation für Unternehmen betreibt. "Wenn Teilnehmer nach gewissen Details oder der Historie der Konferenz gefragt werden, rufe ich manchmal für sie zurück", sagt er.

Bis in die Neunzigerjahre, so ist auf der Bilderberg-Seite zu erfahren, veranstaltete die Konferenz sogar Pressekonferenzen, die seien aber aus "mangelndem Interesse" abgeschafft worden. Dieser Mangel dürfte inzwischen behoben sein, warum also die Pressekonferenz nicht wieder einführen? "Die Frage ist, was wir da erzählen könnten", sagt der Sprecher. "Nicht viel mehr als die Liste unserer Gesprächsthemen."

Doch kritische Fragen gäbe es zur Genüge. Denn in Tirol treffen Interessenvertreter und Amtsträger in gleich drei problematischen Konstellationen aufeinander:

1. Rüstungsfirmen und Verteidigungspolitiker

Iran, Chemiewaffen, Terrorismus, Nato, Nahost, Cybersicherheit, Russland: Sieben der 15 Tagungspunkte haben einen sicherheitspolitischen Bezug. Diskutiert werden sie unter anderem von Airbus-Chef Thomas Enders und Siemens-Chef Joe Kaeser. Enders sucht eine Zukunft für seine Rüstungssparte, Kaesers Konzern hat umstrittene Abhörtechnik im Angebot.

Ihre Waren können die Konzernchefs bei Bilderberg direkt und diskret den potenziellen Endabnehmern anpreisen: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nimmt ebenso Teil wie Nato-Generalsekretär Stoltenberg. Aus den USA sind mehrere Veteranen des Irak-Feldzugs vertreten: Der frühere Oberbefehlshaber David Petraeus, mittlerweile beim Finanzinvestor KKR untergekommen. Und der Neokonservative Richard Perle, einstmals Berater von Geoge W. Bush und Chefideologe des Irak-Kriegs.

2. Banker und Geldpolitiker

Von Deutsche-Bank-Chefaufseher Paul Achleitner über Ana Botín von der Banco Santander bis zu Peter Sutherland von Goldman Sachs sind bei der Bilderberg-Konferenz jede Menge Vertreter der Finanzindustrie zugegen. Sie treffen auch auf Benoît Coeuré, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie den Chef der niederländischen Notenbank, Klaas Knot.

Wie problematisch solche Treffen sein können, hat Coeuré gerade erst erlebt: Bei einem Abendessen mit Bankern und Vertretern von Hedgefonds erwähnte er, dass die EZB einen Teil ihrer milliardenschweren Wertpapierkäufe vorziehen werde. Veröffentlicht wurde die Rede erst am nächsten Morgen. Zwischenzeitlich nutzten Eingeweihte den Informationsvorsprung für lukrative Geschäfte.

Als Reaktion schaffte die EZB Vorabinformationen für Journalisten ab, die Redetexte bislang mit einer Sperrfrist vor dem Rest der Öffentlichkeit erhielten. Dass Entscheidungsträger wie Coeuré bei den Bilderbergern vertraulich mit der Hochfinanz dinieren, scheint man bei der EZB weiterhin nicht als Problem zu sehen.

3. Handelspolitiker und Weltkonzerne

Der Freihandel und das geplante TTIP-Abkommen stehen in Tirol zwar nicht explizit auf der Tagesordnung, dürften aber mit Sicherheit zur Sprache kommen. Schließlich nimmt Karel De Gucht Teil, der bis 2014 als EU-Handelskommissar wichtigster europäischer Fürsprecher von TTIP war. Aus den USA ist Ex-Weltbankpräsident Robert Zoellick dabei, der früher als Handelsbeauftragter von George W. Bush arbeitete. Und aus Finnland kommt Finanzminister Alexander Stubb. Der sagte noch am Dienstag: "TTIP ist etwas, das vorangetrieben werden muss."

Dem werden die anwesenden Vertreter von internationalen Konzernen wie Airbus, Shell oder Google sicherlich nicht widersprechen. Der erhebliche Widerstand gegen das Abkommen aus der Bevölkerung wird dagegen nicht repräsentiert sein - die Bilderberg-Konferenz hat auch in diesem Jahr keine einzige Nichtregierungsorganisation eingeladen.



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insgesamt 151 Beiträge
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Seite 1
GSYBE 10.06.2015
1. Polizei
Geht das ohne grosses Polizeiaufgebot? Wohl kaum. Wer bezahlt das?
yeyo 10.06.2015
2. natürlich keine weltregierung...
obama, merkel and friends sind die weltregierung und allle macht geht vom volke aus. die bilderbergtreffen sind nur dazu da um in die hände zu klatschen und orgien mit schneepulver und champagner zu feiern. ansonsten sind osterhase und weihnachtsmann ein und die selbe person.
Eutighofer 10.06.2015
3. nicht überall muss die Presse dabei sein
Jeder Mensch darf sich mit anderen in beliebigen Gruppen treffen und es muss auch nicht immer eine "Nichtregierungsorganisation" oder die Presse dabei sein.
tailspin 10.06.2015
4. Alles zur Seite, was stoert
"Die Bilderberg-Konferenz hat auch in diesem Jahr keine einzige Nichtregierungsorganisation eingeladen." Wozu auch? Glaubt irgendeiner, die werden benoetigt?
vulcan 10.06.2015
5.
Wenn die Rüstungsindustrie auf Politiker trifft, darf das auf keinen Fall hinter verschlossenen Türen verbleiben. Ganz im Gegenteil.
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