S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Im Bann des billigen Geldes

Tief, tiefer, am tiefsten: Seit 30 Jahren sinken die Realzinsen - und werden weiterhin niedrig bleiben. Die Notenbanken tragen daran kaum Schuld. Es stehen schlicht zu viele Ersparnisse zu wenigen Investitionen gegenüber.

Eine Kolumne von


Der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Halb-Jahresbericht eine faszinierende Studie veröffentlicht. Sie enthält eine Hiobsbotschaft für deutsche Sparer: Die Zinsen werden sich weltweit kaum noch erholen.

Es geht um die sogenannten Realzinsen. Das sind jene Zinsen, die man in den Geldmärkten bezahlt, minus der Inflation. Lauf IWF lagen diese Realzinsen Anfang der achtziger Jahre bei rund sechs Prozent, bei 3,5 Prozent Anfang der neunziger, bei zwei Prozent im Jahr 2000, bei 1,5 Prozent 2007 und mittlerweile bei nahezu null Prozent. Die Weltwirtschaft erholt sich jetzt zwar langsam von den verschiedenen Finanzkrisen seit 2007. Normalerweise würde man erwarten, dass nun auch der Realzins wieder steigt. Doch laut IWF wird das nicht passieren - oder zumindest nicht in ausreichendem Ausmaß. Der IWF prognostiziert einen Anstieg der Realzinsen auf maximal zwei Prozent, wahrscheinlich aber eher weniger.

An dieser Stelle sollte man mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen: Die Entscheidung, ob die Zinsen hoch sind oder niedrig, treffen nicht die Notenbanken, sondern der Markt. Der Zins ist ein Marktpreis, der Investitionen und die Ersparnisse im Gleichgewicht hält. Die Notenbank kontrolliert zwar eine Reihe von Zinssätzen für kurze Laufzeiten. Sie kann sich aber nicht grundsätzlich und über lange Zeit gegen den Markttrend stemmen.

Ob die Zinsen für deutsche Sparer hochgehen werden, wie Finanzminister Wolfgang Schäuble es vor kurzem forderte, hängt also weniger von der EZB selbst ab als von den Markttrends. Auch die Schwerkraft ändert sich schließlich nicht durch den Erlass eines Wissenschaftsministers.

Pathologischer Weg des Totsparens

Warum ist der Marktzins so tief? Wenn ein Zins niedrig ist, dann ist das Angebot an Ersparnissen größer als die Nachfrage nach Investitionskapital. Die Ersparnisse sind zu hoch und die Investitionen zu gering. In Deutschland beobachten wir schon seit Jahren fallende Investitionen des Staates und des Privatsektors. Insofern hätte Schäuble im Grunde sogar mehr Einfluss auf den Realzins als EZB-Chef Mario Draghi. Die Finanzminister der 20 größten Industriestaaten könnten diesen Realzins nach oben drücken, wenn sie gemeinsam Investitionen ankurbelten. Stattdessen schieben sie den Schwarzen Peter den Notenbanken zu.

Warum erwartet der IWF trotz Erholung der Wirtschaft keine Erholung der Realzinsen? Der Grund ist, dass die Schieflage zwischen Ersparnissen und Investitionen wohl bestehen bleiben wird. Es gibt einen weiteren Faktor, der sich ebenfalls nicht ändern wird. Großanleger haben seit der Krise immer mehr in festverzinsliche Staatsanleihen investiert. Damit haben sie die Preise für die Anleihen hochgetrieben, und die Rendite gingen runter.

Härtere Regeln für Banken und Versicherungen haben diesen Trend noch verschärft, indem sie ein Mindestmaß an vermeintlich sicheren Staatsanleihen im Portfolio vorschreiben.

Was für Konsequenzen hat ein weiterhin niedriger Realzins?

  • Märkte haben die Gewohnheit, Ungleichgewichte auszugleichen, doch das kann lange dauern. Ein Realzins von null bedeutet, dass es relativ attraktiv ist, sich zu verschulden. Das ist auch der Grund, warum Staaten mit hohen Schuldenständen wie Italien momentan nur geringe Zinsen auf ihre neuen Schulden zahlen. In Japan liegt der Schuldenstand mittlerweile bei fast 250 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Das ist im Vergleich zu anderen Ländern extrem hoch, aber bei einem Marktzins nahe null Prozent ohne Schwierigkeiten zu finanzieren.
  • Für den Euro-Raum bringt der langfristige Verfall der Zinsen ein weiteres Problem. Ein niedriger Zins verlockt Länder dazu, die Stabilitätsregeln auszuhebeln. Das passiert in diesen Tagen gerade in Frankreich und Italien, wo neue Ministerpräsidenten Steuersenkungen angekündigt haben, die sie nicht vollständig gegenfinanziert haben. Deutschland hingegen baut die Schulden brav ab, so wie es in unserer Schuldenbremse vorgesehen ist. Lange gutgehen kann eine solche diametral entgegengesetzte Politik nicht.

Der Realzins ist einer der zentralen Kräfte, die die Wirtschaft treiben. Sein Verfall ist der große Wirtschaftstrend unserer Generation. Ihn zu normalisieren die große übergeordnete Aufgabe der Wirtschaftspolitik dieses Jahrhunderts.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Torkemada 09.04.2014
1.
Zitat von sysopTief, tiefer, am tiefsten: Seit 30 Jahren sinken die Realzinsen - und werden weiterhin niedrig bleiben. Die Notenbanken tragen daran kaum Schuld. Es stehen schlicht zu viele Ersparnisse zu wenigen Investitionen gegenüber. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/billiges-geld-realzinsen-bleiben-niedrig-a-963449.html
Das sind zumeist keine "Ersparnisse", das ist das Geld, das die Zentralbanken drucken und zum quasi Nulltarif an die Banken weiterleiten, die damit noch vielmehr Geld schöpfen. Einfachmal betrachten wie die Bilanzsummen all dieser explodiert sind!
vrdeutschland 09.04.2014
2. Heißt was?
Nicht nur die Ersparnisse sind gestiegen, sondern auch im besonderen Maße die Schulden. Diese können aufgrund der Wirtschaft Deutschlands noch bedient werden (obwohl der Zins so niedrig ist, steigen sie unaufhörlich, das muß man sich mal geben). Wenn also die Wirtschaftsleistung und die Steuereinnahmen, die momentan so gigantomanisch wie nie sind, sinken, ja was passiert dann ? Wieder ein Gleichgewicht herstellen, indem man die Ersparnisse einsammelt... Und wer glaubt sich in Immobilien gerettet zu haben, wird auch schwer enttäuscht werden.Im Grunde genommen ist es das beste, alles für Frauen, Autos und Alkohol auszugeben und den Rest zu verprassen... ;-)
neinsagen 09.04.2014
3. warum nur?????????????
Investitionen bekommt der Mittelstand zu diesen Konditionen des niedrigen Zinssatzes von den Banken überhaupt nicht. Was nutzen uns die Super Tabellen der Kfw Fördermittel wenn die Banken diese den Mittelständler nicht geben. Es funktioniert halt nicht weil die Regierung sich um die Vergabe von Darlehen kümmert. Wenn die Presse darüber schreibt meinen diese die Konzerne,Grosskunden. Das wichtige Unterholz lassen die Banken und Regierungen verkümmern.
Löschknecht 09.04.2014
4. Richtige Beschreibung - Falsche Schlüsse
Sehr Richtig beschreibt der Autor die Situation mit "Es stehen schlicht zu viele Ersparnisse zu wenigen Investitionen gegenüber". Die logische und heilsame Konsequenz wäre eine leichte Versteuerung von Vermögen und eine relativ starke Besteuerung von Erbschaften - gepaart mit einem staatlichen Investitionsprogramm (Schwerpunkte: Bildung, Innovationsförderung, Infrastruktur, Schuldenabbau und Förderung regenerativer Energieformen. Das würde a) die Attraktivität des Sparens gegenüber des Investierens und Konsumierens mindern b) die Verhältnisse zwischen Gespartem und Investitionen in Ordnung bringen und c) Das inzwischen auf sehr wenige Köpfe verteilte Kapital in Bahnen umgelenken, die allen Mitgliedern der zukünftigen Generationen größere Chancen auf Erfolg und Lebensfreude geben.
duke_van_hudde 09.04.2014
5. Hmm
Autsch hier sind einige wichtige Sachen nicht angesprochen worden und dann kommt man teilweise auf andere Ergebnisse. 1.Alles Geld was entsteht entsteht bei der Kreditvergabe von Banken.Das heisst die Ausweitung der Geldmenge entsteht durch die Banken. 2.Die Geldmenge ist in den letzten Jahrzehnten massiv schneller gewachsen wie das Bip.Da aber alle Erträge auf diese Geldmenge durch das Bip gedeckt werdne müssen.Bedeutet das das der Anteil den sich das Kapital an dem BIP sichert immer mehr steigt.Da aber die Arbeiter dann irgendwann sich überhaupt nichts mehr leisten können fällt die Verzinsung um den Arbeitenden überhaupt noch Geld bereit stelen zu können. 3.Das bedeutet wenn man eine positive Realverzinsung haben will dann müste man die Geldmenge schwächer steigne lassen wie das Bip. Genau dazu haben die Zentralbanken die Macht den sie könnten z.b. den Mindestreservesatz massiv erhöhen und schon können die Banken kaum neue Kredite vergeben.Das davor die Politik Angst hat ist klar aber es ist locker ohne Probleme möglich Das wir uns einen künstlichen Boom aufgebaut haben über sehr viele Jahrzente indem wir die Geldmenge haben steigen lassen wie das Bip sollte jeden auch klar sein nur das ganze kann jetzt zu Ende sein. Den die Politik steht jetzt vor einen Problem und zwar wenn es keine Inflation gibt dann ist bei Null Prozent schluss.Den negative Zinsen um eine negative Realverzinsung aufrecht zu erhalten sind nicht so einfach durchzusetzen solange es Bargeld gibt.Die Leute könnten einfahc ihr Geld in Bargeld tauschen und unter dem Kopfkissen aufbewahren.Das ist dann sogar das schlimmste was man Banken antuen könnte. Das heisst der Staat müsse Bargeld verbieten sonst ist das Spiel nicht weiter aufrecht zu erhalten.Das andere Spiel würde gehen wenn man eine Infaltion erzeugne könnte dann könnte man bei 5 % Inflation 2 % Zinsen zahlen und hätte seine 3 Prozent negative Realverzinsung.Nur hier gilt shcon sei ewig der spruch Wer mit deR Infaltion flirtet wird von ihr geheiratet. Bleibt eigentlich nur das Verbot von Bargeld und das ist auch das was ich erwarte. Den das endlich die Geldmenge sich langsamer Entwickeln muss wie das Bip um wieder vernüftige Realzinsen zu bekommen traue ich unserer Elite nicht zu.Zu viele würde sehr viel verlieren wenn wir auf dne natürlichen Weg zurückkehren würden.
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