Übernahmen deutscher Unternehmen "China nutzt die Offenheit in Europa einseitig aus"

In Berlin herrscht Alarm, seit chinesische Investoren vermehrt deutsche Hightech-Firmen aufkaufen. Was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? "Das verkraften unsere Marktsysteme nicht ohne Schaden", sagt China-Experte Björn Conrad.

Kuka-Industrieroboter
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Ein Interview von


Björn Conrad ist stellvertretender Direktor des Mercator Institut für China Studien (MERICS) in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Wahl Donald Trumps für das Verhältnis der USA zu China?

Conrad: Das ohnehin angespannte Verhältnis wird noch konfliktreicher werden. Eines von Trumps großen Themen war im Wahlkampf eine protektionistische Handelspolitik. Setzt Trump seine Versprechen um, dann stehen hohe Zölle für chinesische Produkte im Raum, mit denen er amerikanische Arbeitsplätze schützen will und die China empfindlich treffen werden

SPIEGEL ONLINE: Die deutsch-chinesischen Beziehungen sind ebenfalls angespannt. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat in der Frage chinesischer Investitionen schärfere Töne angeschlagen, ausgerechnet vor seiner Reise nach Peking. War das klug?

Conrad: Die Verstimmung der Chinesen war merklich. Trotzdem wäre es falsch gewesen, diesem Konflikt aus dem Weg zu gehen, nur um kurzfristig die Stimmung mit China nicht zu stören. Klare Signale in der Frage staatlicher gelenkter Investitionen in Deutschland waren überfällig. Und es ist ja auch die Aufgabe des Wirtschaftsministers, deutsche Interessen klar zu formulieren.

SPIEGEL ONLINE: Viele Wirtschaftsvertreter haben Angst, China zu verschrecken. Berechtigt?

Conrad: Das ist meiner Meinung nach kurzsichtig. Viele Unternehmen wollen sich aus kurzfristiger Sicht natürlich die Chancen auf dem chinesischen Markt nicht verscherzen. Mittelfristig ist eine Auseinandersetzung über chinesische Investitionen in Deutschland aber unausweichlich. Wenn die Bundesregierung nun Verhandlungsdruck aufbaut und zugleich offen für Lösungen in beiderseitigem Interesse bleibt, ist dies auch aus Unternehmenssicht hilfreich. Die chinesische Seite respektiert starke Verhandlungspartner. China macht das nicht anders, sie sind immer sehr klar in ihren Forderungen.

SPIEGEL ONLINE: Chinesische Investoren sind in Deutschland auf Einkaufstour: Den Robotik-Spezialisten Kuka haben sie bereits gekauft, beim Halbleiterhersteller Aixtron haben die USA interveniert, beim Leuchtmittelhersteller Osram zögert die Bundesregierung. Sind die Bedenken gerechtfertigt?

Conrad: Große Teile der chinesischen Investitionen in Europa sind weitgehend unbedenklich. Sie entspringen einer normalen privatwirtschaftlichen Logik. Ich denke da an Immobilien, Hotelketten und Ähnliches. Deutsche Unternehmen profitieren davon und auch für die deutsche Volkswirtschaft sind solche Investitionen unproblematisch. Bei Übernahmen von deutschen Hochtechnologie-Unternehmen sieht das allerdings anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Conrad: Hinter Investitionen in deutsche Technologieführer steht von chinesischer Seite ein klar formuliertes politisches Programm, das in Dokumenten und Plänen auch ganz offen fixiert ist. Es geht darum, die technologische Aufholjagd zu beschleunigen. China hat Technologien identifiziert, bei denen es sehr lange dauern würde, sie selbst zu entwickeln. Durch den Zukauf im Ausland will China mehrere Entwicklungsstufen überspringen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass China neue Quellen des Wachstums braucht. Billige Arbeitskräfte allein reichen nicht mehr, China will hochklettern in der Wertschöpfungskette.

SPIEGEL ONLINE: Steht Deutschland besonders im Fokus?

Conrad: Deutschland hat besonders viele interessante Hidden Champions in Hightech-Bereichen, deren Technologie China erwerben möchte. Langfristig geht es China darum, Kontrolle zu bekommen über die profitabelsten Knotenpunkte der globalen Fertigungsnetzwerke, gleichsam die Filetstücke der globalen Wertschöpfungskette.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sollte das verwerflich sein?

Conrad: Normal ist, wenn Privatunternehmen nach den Regeln fairen Wettbewerbs Technologien einkaufen. Problematisch ist, dass China diese Bemühungen von staatlicher Seite steuert und massiv fördert. Mit Wettbewerb zwischen Unternehmen hat das nichts mehr zu tun. China nutzt die Offenheit marktwirtschaftlicher Ordnungen in Europa einseitig aus. Hochsubventionierte chinesische Firmen mit vergünstigten Finanzierungskonditionen und undurchsichtigen Eigentümerstrukturen gehen auf globale Einkaufstour. Das verkraften unsere Marktsysteme nicht ohne Schaden in der Substanz.

SPIEGEL ONLINE: Kann man bereits negative Folgen für Deutschland erkennen?

Conrad: Nein. Wir stehen ja noch ganz am Anfang der Entwicklung. Da wird noch eine größere Welle kommen. Darauf müssen wir uns jetzt vorbereiten. Im vergangenen Jahr hat China seine Strategie "Made in China 2025" verkündet. Dort ist dezidiert festgelegt, welche Technologien sie brauchen, das kann man auch als eine Einkaufsliste für Investitionen im Ausland lesen.

SPIEGEL ONLINE: In der Debatte war zu hören, die Bundesregierung solle Druck auf Peking ausüben, um besseren Marktzugang für deutsche Firmen in China auszuhandeln.

Conrad: Das ist legitim, aber auch etwas naiv. Chinas investiert im großen Stil im Ausland, zugleich schottet das Land aber weite Teile der chinesischen Wirtschaft ganz strategisch ab. Nur jene Teile des Marktes sind offen, in denen China selbst Investitionen braucht. Ansonsten schützt das Land seine heimischen Unternehmen sehr konsequent vor ausländischer Konkurrenz.

SPIEGEL ONLINE: Wird China unter Druck davon abrücken?

Conrad: Es gab bislang keine Anzeichen dafür. Die Abschottung strategischer Branchen wurde eher strikter. Trumps Wahl könnte das allerdings ändern. Sollten die USA protektionistischer werden, würden China und Deutschland einander mehr brauchen denn je, um den lahmenden Welthandel am Laufen zu halten. China hätte dann großes Interesse, die verbleibenden Märkte offen zu halten, vor allem Europa - und könnte im Gegenzug Kompromisse beim Zugang zum eigenen Markt eingehen. Die teilweise Öffnung einiger hochlukrativer Branchen, zum Beispiel der Pharmaindustrie oder der Medizintechnik, rückt dann in den Bereich des Möglichen.

SPIEGEL ONLINE: Daimler-Chef Dieter Zetsche hat Gabriels Kurs kritisiert. Er pocht darauf, die Politik habe sich nicht in die Belange der deutschen Wirtschaft einzumischen.

Conrad: Ich denke, es ist ein Missverständnis auf Seiten der Wirtschaft, jede staatliche Intervention als Protektionismus zu verurteilen . Hier geht es nicht um eine Abkehr von der offenen Marktwirtschaft. Im Gegenteil, Gabriels Vorstoß soll sie sie gegen jene verteidigen, die diese Offenheit missbrauchen. Wir haben es mit einem großen politischen Programm zu tun, das ein anderer Staat betreibt. Ein Eingreifen der Bundesregierung ist da legitim. Auf ein staatlich koordiniertes Vorgehen können nicht einzelne Unternehmen, sondern kann nur die Politik antworten.



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dreamrohr2 16.11.2016
1. ...das sehen aber unsere blinden nicht...
der Ausverkauf geht munter weiter, von Weitsicht ist aber nicht die Rede. Hauptsache die Rendite stimmt... egal was anschliessend mit den Mitarbeitern, den Steuern und vor allem mit dem Know-How passiert. Nicht dass es jemanden interessiert, dass anschliessend dann diese in D hergestellten Güter, plötzlich aus China kommen, natürlich etwas günstiger, aber bestimmt nicht mehr auf den gleichen Niveau wie vorher, zumindest nicht, wenn all die vorher mitverkauften Teile erstmal verbaut wurden. Danach kommen die nach chinesischem Verständnis gebauten und erzeugten Teile zum Einsatz. Ich kenne sowas aus einer anderen Branche. Dort werden hohlköpfig Teile eingebaut, die zwar schon dahin gehören, im originalen Zustand aber eine FUNKTION haben, im chinesischen Nachbau aber so wie gedacht, NICHT FUNKTIONIEREN. Daran merkt man, dass man zwar gerne kopiert, aber NICHTS KAPIERT. Ja, und am allermeisten ärgert mich die Politik, unsere Politik. Da lassen sich die EU-Beamte lieber mit "befreundete Unternehmer Privatflugzeugen" durch Europa fliegen, "natürlich ohne weiteren Hintergründen", anstelle mal unseren Industriellen auch mal auf die Finger zu hauen, wenn sie derartige, durch deutsche Steuergelder ermöglichte Erfolge, plötzlich verramschen, weil sie vorher, den Einstieg in eine Aktiengesellschaft nicht kapiert haben. Den Fehler darf dann wieder der gekündigte Mitarbeiter ausbaden.
Mertrager 16.11.2016
2. gewollt
Der Staat erzwingt doch mit seinen strafbewehrten Veröffentlichungspflichten, dasz (fast) jedes Unternehmen seine Wirtschaftsdaten veröffentlichem muss. Das erleichtert doch diese Entwicklung. Einen wirklich sinnvollen Sinn kann ich nicht sehen.
mickt 16.11.2016
3. Guter Artikel!
Kluge Entscheidung von Gabriel und guter Artikel. Stimme völlig zu. Viele sind viel zu naiv im Umgang mit China.
lgerlich 16.11.2016
4. Forschung
Naja die zu große offenlegung von Wirtschaftszahlen ist eine Sache. Dir andere ist, dass man praktisch ausserhalb von Europa die jahrelange Forschung aufkauft und diese dann im schlechtesten Fall in Europa nicht mehr verwendet werden kann. Zwar gibt es Bestrebungen dies so zu verankern, dass geförderte Forschung nicht Exklusiveigentum bleibt, aber das ist wahrscheinlich wiederum zu intransparent.
kalim.karemi 16.11.2016
5. @3
Was die Pflicht zur Veröffentlichung der Betriebsergebnisse von Kapitalgesellschaften mit Wissenstransfer nach China zu tun hat, bleibt wahrscheinlich ihr Geheimnis. Der Standard gilt übrigens auch für China.
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