"Blockupy"-Proteste: Rave gegen das System

Von , Frankfurt am Main

Frankfurt blockiert sich selbst: Wegen der "Blockupy"-Proteste gleicht die Stadt einer Festung. Die befürchtete Randale bleibt aus. Stattdessen feiern 20.000 Menschen eine Party gegen den Kapitalismus - zusammen mit skurrilen Aktivistengruppen. 

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DPA

Eigentlich hätten die Demonstranten gar nicht mehr zu kommen brauchen. Vier Tage lang wollte die "Blockupy"-Bewegung in der deutschen Hauptstadt des Geldes wider den Kapitalismus protestieren. Sie wollte das öffentliche Leben mit Kundgebungen, Konzerten und Protestmärschen durcheinanderwirbeln.

Doch dann wurden die meisten Aktionen wegen der Gefahr gewalttätiger Ausschreitungen verboten. Die Stadt Frankfurt sprach ein allgemeines Versammlungsverbot aus, der Einspruch von Blockupy wurde wegen formaler Fehler abgewiesen.

Am Samstag nun, als die einzig legale Protestaktion starten sollte, hatten die Demonstranten ihr Ziel längst erreicht. Die Stadt glich drei Tage lang einer Festung. Im Bankenviertel gingen nur wenige zur Arbeit, Luxusgeschäfte verrammelten ihre Fenster. "Du, Asterix, die blockieren sich selbst", steht auf einem Protest-Banner. "Die spinnen die Römer."

Gegen Mittag setzt sich der Protestmarsch in Gang. Geschätzt 20.000 Demonstranten ziehen durch die Innenstadt. Ein Beamter wünscht dem Demonstrationszug vom Lautsprecherwagen herunter einen "erfolgreichen Verlauf." Die Polizisten lassen ihre Kameras eingeklappt. Zu offensichtlich ist, dass von dem bunten Protestzug keine Gefahr ausgeht.

"Schier orgiastische Demonstrationsverbote"

Es ist eine fröhliche Veranstaltung, mit einer heterogenen Generation von Demonstranten. Teilweise trägt die Veranstaltung hippieeske Züge. Zwei Frauen, die ihre nackten Oberkörper in den europäischen Farben blau und gelb bemalt haben, ziehen vorbei: "Eine mögliche Welt ist anders", steht auf ihrem Rücken.

Viel Spanisch hört man, einige hundert Menschen sind aus Italien angereist, noch ein paar mehr aus Frankreich. Gekommen sind auch viele in Deutschland lebende Zuwanderer aus Afrika oder der Türkei. Gut zwei Drittel der Demonstranten dürften unter 30 Jahre alt sein.

Elise Clément von der Pariser Sektion des globalisierungskritischen Netzwerks Attac ist mit Gleichgesinnten aus Frankreich angereist. Seit Mittwoch ist die Frau, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Juliette Binoche hat, in der Stadt - und immer noch reichlich verwundert, mit welcher Vehemenz die Polizei bis Freitag Abend jede Menschenansammlung auseinandergetrieben haben. Es habe genügt, "wenn irgendwo vier Punks mit einer Gitarre musiziert haben", sagt sie. "Schon kamen die".

Die "schier orgiastischen Demonstrationsverbote" ("Süddeutsche Zeitung") stoßen auch in der Politik auf Unverständnis. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nannte es "erschreckend", wie die Stadt mit den Demonstrationen umgehe. Sie fürchte, dass die Versammlungsfreiheit "nicht ernst genommen wird". Der Vorsitzende der Linkspartei, Klaus Ernst, kündigte ein parlamentarisches und juristisches Nachspiel an.

Feministische Banker gegen den Kapitalismus

Die Demonstranten indes bleiben bei ihrer einzigen legalen Demo größtenteils friedlich. Gewaltbereite Demonstranten, den sogenannten schwarzen Block, schirmen die Einsatzkräfte hermetisch ab - mit bis zu sechs Doppelreihen Polizisten. Einmal explodiert ein Feuerwerkskörper, zu den befürchteten Straßenschlachten kommt es nicht - ein Erfolg, den beide Seiten für sich verbuchen.

Der restliche Protestzug besteht aus mitgeschleppten Anwohnern und zahlreichen bunten Kleingruppen, von der jede ein anderes Anliegen hat. Es gibt feministische Gruppen, Dritte-Welt-Gruppen, Schwulenverbände, Anti-Genfood-Organisationen, "Gewerkschafter gegen Stuttgart 21" und ein halbes dutzend junger Frauen, die sich "feministische Banker gegen den Kapitalismus" nennen. "Wir arbeiten hier in Frankfurt bei Banken und Kreditinstituten", sagt eine von ihnen, dunkelblonde Haare, Pferdeschwanz, wesentlich modischer gekleidet als die meisten anderen Demonstranten. Sie störe, dass viele hier nur gegen die Banken protestieren, sagt sie. Das eigentliche Problem sei doch der Kapitalismus.

Es gibt viele verschiedene Forderungen in dem fünf Kilometer langen Demonstrationszug. Doch es gibt auch einen Minimalkonsens: Die Teilnehmer haben das Gefühl, dass Beschäftigte, Schüler und Studenten der europäischen Länder gegeneinander ausgespielt werden. Dass die Politik nur noch den Vorgaben der Märkte folgt.

"Italien wird von einem Euro-Technokraten regiert, nicht von einem Politiker", sagt ein Student aus Genua. "Das sagt doch alles." Und die Demonstranten fühlen sich von der Bevölkerung in ihrem Unmut gestützt. Mit dem Zeigefinger deutet der Italiener nach oben, eine ältere Dame sitzt am Fenster ihrer Wohnung am Mainufer und reckt den Daumen empor. "Wir sind die 99 Prozent", ruft der Student.

Am späten Nachmittag steht ein kleines Grüppchen vorm Eingang des Frankfurter Hauptbahnhofs. In der Ferne sieht man die Europäische Zentralbank. Einer der Anwesenden fotografiert sie. "Noch ein Bild, so lange das Mistding noch steht", scherzt er. Dann lachen alle.

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