Blockupy in Frankfurt Krisenprotest in der Krise

Bei der Blockupy-Kundgebung in Frankfurt am Main nahmen deutlich weniger Demonstranten als 2012 teil. Dennoch kam es beim Protestmarsch zu Scharmützeln. Die Polizei kesselte Aktivisten stundenlang ein.

Von Meike Schreiber, Frankfurt am Main


Der Sonderzug aus Stuttgart trifft deutlich verspätet ein. Hunderte Demonstranten aus der S21-Metropole verpassen so am Samstagvormittag den Auftakt der "internationalen Großdemonstration" in Frankfurt. Dabei können die Veranstalter am Main jeden Aktivisten gebrauchen, es sind deutlich weniger Teilnehmer zur Blockupy-Demonstration gekommen als 2012. Damals waren es gut 25.000, heute spricht die Polizei von 7000. Die Veranstalter selbst geben am Samstagmittag keine Schätzung ab.

Am Samstagnachmittag erscheint die Anzahl den Protestteilnehmer plötzlich groß. Es kommt zu Scharmützeln zwischen Ordnungskräften und Demonstranten. Als die Polizei den Demo-Zug stoppt, um vermummte Teilnehmer am Weiterziehen zu hindern, herrscht angespannte Stimmung. Beamte feuern Pfefferspray in die Menge. Aus dem Demonstrationszug fliegen Farbbeutel und einzelne Feuerwerkskörper auf die Polizei. Stundenlang kesseln Polizisten Hunderte Vermummte ein. Schließlich, Stunden später, werden die Aktivisten aus dem Kessel abgeführt.

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Blockupy-Protest: Pfefferspray gegen Demonstranten
Die Auftaktveranstaltung auf dem Baseler Platz im Bahnhofsviertel ähnelte am Morgen einer Mischung aus Stadtteilfest, Junggesellenabschied und Trauermarsch. Keine Spur von der vorrevolutionären Stimmung des vergangenen Jahres, als sich die Frankfurter als Teil eines weltumspannenden Ganzen fühlen konnten. Als Tafeln und Plakate ("New York, Rio, Tokio") davon kündeten, dass Occupy in ähnlich vielen Ländern präsent war wie die Deutsche Bank.

Eine Handvoll Demonstranten trägt eine Guy-Fawkes-Maske, jenes Symbol der Occupy-Bewegung, die einst von New York aus die Welt erobern wollte. Nun sind es vor allem Vertreter der üblichen Verdächtigen aus DKP, Attac, Europäische Linke und Gewerkschaften, die sich die Beine in den Bauch stehen. Ein älterer Demonstrant trägt den "Oben bleiben"-Button von Stuttgart 21, aus einem Lautsprecher tönt "Where have all the flowers gone". Botschaften wie "Weltweite Steuern auf Vermögen und Maschinen", "Deutsche Bank enteignen, Finanzmärkte entmachten" oder auch überraschend konkret "ALG II: Mindestens 500 Euro Eckregelsatz" werden auf selbstgemalten Schildern in die Höhe gehalten.

Die 62-jährige Resi singt "Griechische Pein"

Es ist kühl und windig - Bonjour tristesse. "Die Leute kommen erst, wenn ihnen wirklich der Arsch brennt", sagt Henning, Controller in einer Darmstädter Klinik. Die Euphorie der Jahre 2011 und 2012 sei weg. Anders als etwa den Griechen gehe es den Deutschen wohl zu gut, sie wüssten zu wenig darüber, wie ungleich die Vermögen in Europa verteilt seien, sagt der 35-Jährige. Seine Schlussfolgerung: "Warum arbeiten wir? Letztlich um die Zinsen der Reichen zu erwirtschaften."

Ein paar Meter weiter steht Resi, 62, Psychologin aus Köln. Sie demonstriert auf rheinisch-fröhliche Art, in Hippie-Verkleidung, als Mitglied der "No Troika Singers" singt sie Lieder wie "Griechische Pein" oder "That's Amore, das ist Krise". Resi hat jahrzehntelange Protesterfahrung, angefangen mit den Notstandsgesetzen 1968. Heute sorgt sie sich um die Lage der jungen Generation, die Arbeitslosigkeit im Süden Europas. "In Spanien und Portugal werfen sie ihre Jugend auf den Müll", sagt Resi. Als Demo-Routinier bleibt sie angesichts der wenigen Teilnehmer gelassen: "Das gibt es oft, dass solche Bewegungen in sich zusammenfallen."

Schuldenkrise, Finanzkrise, Euro-Krise - nichts davon ist ausgestanden, und doch ist kaum etwas übrig vom Occupy-Hype, der einst die Feuilletons füllte und die Nomenklatura herausforderte. Nach dem Höhepunkt der Finanzkrise hatte eine bunte Mischung aus Studenten, Linksalternativen und Wutbürgern rund um den Globus Zeltstädte aufgebaut, um gegen die Banker zu demonstrieren. Ein richtiges Thema zur richtigen Zeit.

Blockupy hat sein Geschäftsmodell diversifiziert

Doch in New York mussten die Aktivisten ihr Camp Ende 2011 nach gewaltsamen Auseinandersetzungen räumen, in Frankfurt war im Sommer 2012 Schluss - auf bürokratisch-deutsche Art, weil die Stadt den Müllberg vor der Europäischen Zentralbank (EZB) abtragen wollte. Vor allem aber scheiterte die Bewegung an ihrem eigenen Anspruch, sich basisdemokratisch und führerlos zu organisieren. Inhaltlich zu diffus, politisch zu schwach.

Jetzt, in diesem Jahr, richten sich die Proteste längst nicht mehr nur gegen die Banken und die EZB, die für die Aktivisten das Symbol der europäischen Krisenpolitik ist. Am Flughafen wird gegen die Abschiebung von Flüchtlingen demonstriert und auf der Einkaufsmeile Zeil gegen schlechte Produktionsbedingungen in der Textilwirtschaft sowie Mietpreiserhöhungen in Großstädten. Blockupy hat sein Geschäftsmodell diversifiziert, an Attraktivität freilich mangelt es.

Der Anspruch sinkt mit der Teilnehmerzahl

"Die klassischen Träger von Sozialprotesten, etwa die Gewerkschaften, sind weniger stark vertreten. Denen sind diese Formen des zivilen Ungehorsams oft nicht so ganz geheuer", sagt Oliver Nachtwey, Soziologe an der Universität Trier, der an einer Studie zur Occupy-Bewegung mitgewirkt hat. Er wertet es immerhin schon als Erfolg, dass die Proteste überhaupt stattfinden. Schließlich sei die Veranstaltung in diesem Jahr viel schwieriger zu organisieren gewesen, da das Camp nicht mehr existiert. Auch die Veranstalter sind zufrieden mit den Protesttagen: "Wir haben unsere Aktionsziele erreicht, die EZB blockiert, es gab tolle Aktionen vor der Deutschen Bank", sagt eine Sprecherin.

Am Freitag etwa blieben viele Banken und Firmen in der Frankfurter Innenstadt verwaist. Die Mitarbeiter mussten meist einen Tag Urlaub nehmen, Überstunden abbummeln oder zu Hause arbeiten. Über Büroräume außerhalb der City sicherten die Geldhäuser den Notbetrieb. Bankern, die dennoch ins Büro gingen, wurde geraten, in Jeans und Pullover zu kommen, um keine Angriffsfläche zu bieten - Casual Friday aus Notwehr.

"Das war reichlich übertrieben", findet der Mitarbeiter einer Frankfurter Privatbank, der am Freitag in Jeans und Turnschuhen über das zeitgleich stattfindende Fressgass'-Fest schlenderte, das 2012 noch abgesagt worden war. "Ich hätte ohne weiteres zur Arbeit gehen können, das war auch letztes Jahr schon so."

Das sehen viele Demonstranten ähnlich. Die gewaltige Polizeipräsenz sei "total unangemessen", sagt der 28-jährige Micha aus Mönchengladbach. Der Student der Kulturpädagogik ist das erste Mal bei Blockupy, am Freitag hat er an der Hauptwache Flugblätter gegen Mietpreiserhöhungen verteilt.

Tatsächlich ist die Polizei in diesen Tagen allgegenwärtig: Ständig kreisen Hubschrauber über den Bankentürmen, den Brunnen am Opernplatz bewachen panzerähnliche Fahrzeuge. Überall in der Stadt stehen sich Ordnungshüter die Beine in den Bauch, die meisten schauen gelangweilt drein. Wie viele Polizisten, Fahrzeuge und Hubschrauber im Einsatz sind, sagt die Pressestelle nicht. Gefühlt aber kommt auf jeden Polizisten ein Demonstrant, so bleibt offen, wer in diesen drei Tagen die Stadt belagert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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kurwaaa 01.06.2013
1. optional
wie arm.. eine demo gezielt zu sprengen und an feuerwerk (bunte rauchpatronen mit der intensität eines brennenden tischtennisballes) hochzuziehen, was das frankfurter journal mit "bunt, aber nicht gefährlich" benannte. So stoppt die Stadt gerichtliche Auflagen der Demo bzw. dessen unliebe Route aus politischen Gründen. Kolleteralsschäden mehrere hundert Verletzte Menschen und ein ganz schwaches Bild. Kaum besser als die Herren in Istanbul, wenngleich nicht so lebensgefährlich brutal im Vorgehen der Robocops.
Lunatic206 01.06.2013
2. Polizeipräsenz
Dieses unverhältnismäßige Gleichgewicht zwischen Demonstranten und der Exekutive dieses Landes zeigt eine Gewisse Angst der Herrschenden, die Menschen welche unter ihnen leiden könnten etwas mehr als üblich aufmucken. Das muss ja Gründe haben. Der Autor dieses Artikels redet die vielfältigen Initiativen an diesem Tag viel zu klein. Es wurde gegen viele Dinge, die falsch laufen in unserem Land demonstriert. Das muss ja nicht immer mit Zehntausenden Leuten ablaufen. Diese Aktionen begründen aber den Trend, daß immer mehr Menschen aufmerksamer werden. Es werden immer mehr. Selbst wenn im September nichts am austeritären System geändert werden wird, so werden es dennoch immer mehr werden, die sich dieses nicht mehr gefallen lassen.
speedy 01.06.2013
3. Wo vor hat Bouffier und Merkel Angst????
Es ist alles wie gehabt.Die Staatsdiener stellen sich vor die Mächtigen in dieser Gesellschaft.Die Banken sagen der Politik und der Polizei wo es lang geht.Selbst der friedliche Protest wird in unserer Diktatur mit unverhältnismäßigen Aktionen seitens der Regierung brutal und mit Rechtsbeugung nieder gemacht.Die Politischeführung wie die Wirtschaft- und Finanzmafia haben den Staat für sich unterworfen und wer sich in Zivilcurage dem wiedersetzt der wird als krimineller behandelt.Die Bilderberger und ihre NWO dulden keinen wiederspruch und wenn doch wird in manier einer Lupenreinen Diktatur zurück geschlagen.Wer egal wo das System in Frage stellt der muss mit der geballten macht des Staates (Bilderberger) rechnen.Ägypten,Libyen,Tunesien,Saudi-Arabien, Katar, Iran,Türkei,China,USA oder Europa jeder der das bestehende System in Frage stellt spielt mit seinem Leben und seiner Existenz auch von seiner Familie.
danido 01.06.2013
4.
Zitat von Lunatic206Dieses unverhältnismäßige Gleichgewicht zwischen Demonstranten und der Exekutive dieses Landes zeigt eine Gewisse Angst der Herrschenden, die Menschen welche unter ihnen leiden könnten etwas mehr als üblich aufmucken. Das muss ja Gründe haben. Der Autor dieses Artikels redet die vielfältigen Initiativen an diesem Tag viel zu klein. Es wurde gegen viele Dinge, die falsch laufen in unserem Land demonstriert. Das muss ja nicht immer mit Zehntausenden Leuten ablaufen. Diese Aktionen begründen aber den Trend, daß immer mehr Menschen aufmerksamer werden. Es werden immer mehr. Selbst wenn im September nichts am austeritären System geändert werden wird, so werden es dennoch immer mehr werden, die sich dieses nicht mehr gefallen lassen.
Sie klingen als ob Sie im Yoga-Sitz vor der Tastatur hocken und sich meditativ einreden "es werden immer mehr, immer mehr". Sorry, aber die fakten sprechen gegen Sie. Und zu behaupten, dass ein Wahlergebnis darüber keine Aussagekraft hätte ist schlicht absurd. Sehen Sie es ein, die Leute interessieren sich mehr für ihr Haus und ihre Familie als für sinnlose Proteste, zumal die Demonstranten selbst keine Konzepte haben wie man es besser machen könnte. Arbeiten Sie und Ihresgleichen lieber an Lösungsvorschlägen anstatt einfach nur dagegen zu sein, dagegen sein kann jeder, das ist keine Kunst ;)
carlitom 01.06.2013
5. Alles in einen Topf - Hauptsache, es klingt toll
Zitat von speedyEs ist alles wie gehabt.Die Staatsdiener stellen sich vor die Mächtigen in dieser Gesellschaft.Die Banken sagen der Politik und der Polizei wo es lang geht.Selbst der friedliche Protest wird in unserer Diktatur mit unverhältnismäßigen Aktionen seitens der Regierung brutal und mit Rechtsbeugung nieder gemacht.Die Politischeführung wie die Wirtschaft- und Finanzmafia haben den Staat für sich unterworfen und wer sich in Zivilcurage dem wiedersetzt der wird als krimineller behandelt.Die Bilderberger und ihre NWO dulden keinen wiederspruch und wenn doch wird in manier einer Lupenreinen Diktatur zurück geschlagen.Wer egal wo das System in Frage stellt der muss mit der geballten macht des Staates (Bilderberger) rechnen.Ägypten,Libyen,Tunesien,Saudi-Arabien, Katar, Iran,Türkei,China,USA oder Europa jeder der das bestehende System in Frage stellt spielt mit seinem Leben und seiner Existenz auch von seiner Familie.
Diese völlig unterschiedlichen Systeme und Proteste in einen Topf zu werfen, disqualifiziert Sie für eine seriöse Diskussion noch mehr als Ihre Orthographie und Grammtik im Text darüber.
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