WSI-Bericht Deutsche geizen beim Mindestlohn

Ein Mindestlohn von 8,50 Euro lässt Arbeitgeber schaudern: Sie schreien Zeter und Mordio und klagen über den Verfall ihrer Konkurrenzfähigkeit. Die Klage ist unbegründet, wie das WSI jetzt herausfand. Der Mindestlohn in Deutschland ist im europäischen Vergleich allenfalls Mittelmaß.


Düsseldorf - Für SPD und die Arbeitnehmervertreter in der CDU ist er ohne Alternative. Für Unionspolitiker und Arbeitgeber ist er Teufelszeug: der Mindestlohn. Mit großer Mühe hatte man sich auf 8,50 Euro pro Stunde geeinigt, doch schon werden von allen Seiten
Forderungen nach Ausnahmeregelungen laut. In anderen EU-Ländern verfolgt man die Debatte mit wachsendem Erstaunen - schließlich ist hier der Mindestlohn längst Alltag. Und die Deutschen bewegen sich mit dem jetzt anvisierten Niveau lediglich am unteren Rand der westeuropäischen Spitzengruppe, wie das das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in der Hans Böckler Stiftung berichtet. Nach Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Irland, liegt die Bundesrepublik auf Rang sechs.

Damit steige Deutschland keineswegs besonders hoch ein, heißt es im WSI-Bericht. In den westeuropäischen Euro-Ländern betrügen die niedrigsten erlaubten Bruttostundenlöhne nun zwischen 8,65 Euro in Irland und 11,10 Euro in Luxemburg. In Großbritannien müssten umgerechnet mindestens 7,43 Euro gezahlt werden. Dieser Wert sei aber von der Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro beeinflusst; sonst würde der britische Mindeststundenlohn heute bei 9,22 Euro liegen, erklärte ein WSI-Experte.

Gesetzliche Mindest-Stundenlöhne in der EU

Land Mindestlohn in Euro pro Stunde zuletzt geändert seit 2013 um*
Luxemburg 11,10 10.2013 +0,8%
Frankreich 9,53 01.2014 +0,2%
Niederlande 9,11 01.2014 -1,4%
Belgien 9,10 12.2012 -1,1%
Irland 8,65 07.2011 -0,5%
Deutschland 8,50 ab 01.2015 beschlossen
Großbritannien 7,43 10.2013 -0,7%
Slowenien 4,56 01.2014 -1,1%
Malta 4,15 01.2014 +0,8%
Spanien 3,91 01.2013 +1,4%
Griechenland 3,35 03.2012 +0,9%
Portugal 2,92 01.2011 -0,3%
Polen 2,31 01.2014 +4,0%
Kroatien 2,30 01.2014 +4,9%
Estland 2,13 01.2014 +9,3%
Slowakei 2,02 01.2014 +2,7%
Ungarn 1,97 01.2014 +1,8%
Tschechien 1,95 08.2013 +3,8%
Lettland 1,93 01.2014 +12,9%
Litauen 1,76 01.2013 -1,0%
Rumänien 1,14 01.2014 +17,4%
Bulgarien 1,04 01.2014 +8,8%

*reale Entwicklung 01.2013 - 01.2014
Quelle: WSI-Mindestlohndatenbank 2014; Hans-Böckler Stiftung
Stand: 1.1.2014

15 EU-Länder haben den gesetzlichen Mindestlohn zum 1. Januar 2014 oder kurz davor angehoben um die Teuerungsrate auszugleichen. Außerhalb von Europa ergibt sich derzeit ein ähnliches Bild. Viele Länder setzten auf moderate Zuwächse. In den USA sank der Mindestlohn preisbereinigt.

Regelmäßige Erhöhung

Der aktuelle WSI-Bericht hebelt auch ein Argument aus, das deutsche Mindestlohngegner immer wieder verwenden. Entscheidend für die Mindestlohnentwicklung seien nicht politische Zyklen, sondern die Entwicklung der Konjunktur, ergibt die Analyse. Es gebe kaum Indizien dafür, dass Erhöhungen als "Wahlkampfgeschenke" beschlossen würden.

Ganz im Gegenteil: Wenn es überhaupt eine "Politisierung" von Mindestlöhnen gebe, dann eher in die andere Richtung. Konservative Regierungen versuchten, sich dadurch zu profilieren, dass sie den Mindestlohn für längere Zeit nicht anpassen - selbst um den Preis, dadurch Binnennachfrage und Konjunktur zu schwächen.

International wird die schwache Entwicklung vieler Mindestlöhne zunehmend kritisch diskutiert, insbesondere in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. "Mit 7,25 Dollar können wir nicht überleben!" Mit diesem Slogan haben zuletzt US-Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor auf sich aufmerksam gemacht.

Ihr Protest wurde sogar von sieben Nobelpreisträgern unterstützt. Im Januar plädierten die Laureaten mit Unterstützung von rund 600 amerikanischen Ökonomen in einem offenen Brief für eine kräftige Anhebung des US-Mindestlohns auf 10,10 Dollar bis zum Jahr 2016, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Aus der aktuellen WSI-Analyse kann man sogar eine Handlungsanweisung für die Bundesregierung herauslesen. Denn die schleichende Entwertung von Mindestlöhnen ließe sich zumindest begrenzen, heißt es. Um das zu erreichen, haben einige EU-Länder bereits klare Regeln eingeführt. So wird beispielsweise in Frankreich, den Niederlanden oder Luxemburg die Lohnuntergrenze einmal im Jahr mindestens an die Entwicklung der Verbraucherpreise oder die der übrigen Löhne angepasst. Darüber hinaus sind weitere Erhöhungen möglich. Eine ähnliche Regelung hält das WSI auch in Deutschland für sinnvoll.

bos

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
auweia 05.03.2014
1. Wes' Brot ich ess...
Zitat von sysopDPAEin Mindestlohn von 8,50 Euro lässt Arbeitgeber schaudern: Sie rufen Zeter und Mordio und klagen über den Verfall ihrer Konkurrenzfähigkeit. Die Klage ist unbegründet, wie das WSI jetzt herausfand. Der Mindestlohn in Deutschland ist im europäischen Vergleich allenfalls Mittelmaß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/boeckler-stiftung-deutscher-mindestlohn-im-europa-vergleich-niedrig-a-957045.html
Genauwie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zur "Gegenseite" der Arbeitgeber zu rechnen ist, ist die Hans-Böckler Stiftung parteiisch - weil gewerkschaftsfinanziert.
rainer_daeschler 05.03.2014
2. Kanzleramt der Wunschzettelbriefkasten der Wirtschaft
So lange das Kanzleramt der Wunschzettelbriefkasten der Wirtschaft ist (bzw. derjenigen, die auf Grund ihre Einflusses sich dafür ausgeben), wird der Mindestlohn in Deutschland, wenn dann mal eingeführt, ein löchriger Käse bleiben, der von Ausnahmen nur noch so wimmelt. Jede Sparte, die von ihm betroffen ist, wird Merkel und Co. auch gleich die passende Ausnahmeregelung dazu diktieren.
pepe_sargnagel 05.03.2014
3.
Zitat von auweiaGenauwie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zur "Gegenseite" der Arbeitgeber zu rechnen ist, ist die Hans-Böckler Stiftung parteiisch - weil gewerkschaftsfinanziert.
Vielen Dank für die Benennung der Geldgeber. Diese sollten in allen Berichten erwähnt werden.
Chris_7 05.03.2014
4. So kann man Statistiken auch vergewaltigen...
Der "untere Rand der westeuropäischen Spitzengruppe" besteht oberhalb von Deutschland noch aus den "Ministaaten" (und Industriezwerge) Luxemburg, Belgien und den Niederlanden sowie aus Irland. Einziger ebenfalls einigermaßen nennenswerter Industriestandort vor Deutschland wäre Frankreich. Und nach Deutschland kommt, wenn man GB mal weg lässt lange nichts und dann sind es mit Masse weniger als 50% der in D geplanten 8,50€. Deshalb halte ich den Inhalt des Artikels und das darin geäußerte Fazit für falsch-tendenziös.
rainer_daeschler 05.03.2014
5. INSM <-> Hans-Böckler-Stiftung
Zitat von auweiaGenauwie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zur "Gegenseite" der Arbeitgeber zu rechnen ist, ist die Hans-Böckler Stiftung parteiisch - weil gewerkschaftsfinanziert.
Das ist völlig richtig. Allerdings schickt man bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) gerne das Institut der deutschen Wirtschaft Köln vor, das aus dem selben Topf finanziert wird und unter gleiche Adresse sesshaft ist. Die Analysen in sich sind durchaus schlüssig, werden allerdings nicht ganz intensionsfrei in Umlauf gebracht.
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