ARD-Börsensendung Fernsehen für die Parallelgesellschaft

Es heißt ja, ARD und ZDF würden zu viel für Minderheiten senden und zu wenig für normale Bürger. Genau! Wer, außer ein paar finanziell Auffälligen, braucht zur besten Sendezeit den Börsenbericht? Ab ins Nachtprogramm!

"Börse vor acht" mit Anja Kohl (Archivbild)
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"Börse vor acht" mit Anja Kohl (Archivbild)

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Es wird ja gelegentlich der Unmut geäußert, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehe es viel zu oft um Minderheiten statt um die Mehrheit der normalen Bürger. Selbst im "Tatort". Wo gelegentlich sicher auch was dran ist. Umso erstaunlicher ist, wie geduldig das Volk bisher jeden Abend zu bester Sendezeit eine der verrücktesten Minderheitensendungen mitverfolgt, die es je gab: die "Börse vor acht", früher "Börse im Ersten".

Jetzt wird der eine oder andere Quoten-Kenner darauf verweisen, dass da immerhin soundsoviele Leute den Fernseher anhaben, wenn das läuft. Nur kann das natürlich auch daran liegen, dass danach die "Tagesschau" kommt - und davor das Wetter. Da lohnt es nicht, zwischendurch auszumachen. Das Durchgucken sagt auch nichts darüber, für wie viele es jetzt wirklich wichtig ist zu wissen, was am Tag so an der Börse los war. Und ob der Dax nachgegeben hat. Und wie es der Thyssenkrupp-Aktie im Verlauf so erging. Oder ob der Euro über Mittag von irgendwas beflügelt wurde.

Nach Erhebungen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) haben zwar immerhin zwölf Prozent der Deutschen irgendwas mit Aktien. Und die Zahl ist zuletzt sogar wieder gestiegen, weil es auf Sparbuch oder Staatsanleihen derzeit ja eher Nullzins gibt. Von diesen zwölf Prozent hat aber mehr als die Hälfte gar keine einzelne Aktie, sondern Anteile an irgendwelchen Fonds, in denen Aktien drin sind, die aber der jeweils zuständige Fondsmanager verwaltet. Deshalb hat es für diese normalen Fondsanteilsbesitzer wenig Wert, allabendlich dem Tagesgemüt einzelner Aktien nachzufiebern.

Andere haben mehr oder weniger gezwungen Aktien des Betriebs, in dem sie arbeiten; die können aus Börsenberichten gar keine Konsequenzen ziehen, es sei denn, sie kündigen ihren Job.

Nimmt man also nur die, die direkt Aktien besitzen und auch damit handeln können, schrumpft der entsprechende Anteil der Betroffenen an der Bevölkerung auf gerade noch knapp sechs Prozent. Was - nur mal so zum Vergleich - in etwa dem Bevölkerungsanteil der Muslime in Deutschland entspricht. Wobei wir jetzt gar nicht ausmalen wollen, was Horst Seehofer sagt, wenn wir vor der "Tagesschau" immer den "Muslim vor acht" gucken müssten.

Warten, bis Anja Kohl die Börsenkurse aufsagt

Wenn wir als Maßstab mal bei Aktien bleiben, vermitteln selbst die sechs Prozent wahrscheinlich noch eine Verzerrung nach oben. Umfragen zufolge hat mehr als jeder Dritte, der überhaupt Aktien hat, ganze ein bis vier verschiedene Aktien im Depötchen. Wann kommen die dann schon mal im Börsenbericht vor?

Dass der Verlauf einzelner Aktien nicht so unendlich viele Zuschauer des Vorabendprogramms unmittelbar betrifft, lassen auch Statistiken der Bundesbank vermuten, wonach gut die Hälfte aller Aktien hiesiger Konzerne ohnehin von Ausländern gehalten werden - die im Zweifel gar nicht wissen, dass es kurz vor acht bei uns den Börsenbericht gibt (und den wahrscheinlich auch gar nicht verstehen würden). Weitere 30 Prozent werden wiederum von Profis bei hiesigen Banken, Versicherungen, Investmentgesellschaften und Unternehmen gehalten und gehandelt - also von Leuten, die mit einiger Wahrscheinlichkeit auch nicht den ganzen Tag warten, bis Anja Kohl endlich aufsagt, wie sich die Kurse im Dax so entwickelt haben.

Alles zusammen heißt das, dass nur etwas mehr als jede zehnte Aktie überhaupt von Privatleuten in Deutschland gehalten wird. Wovon dann wiederum ein ziemlich hoher Anteil ziemlich konzentriert bei relativ wenigen Reichen liegen dürfte. Auf ein klares Reichending lässt schließen, dass immerhin jede dritte Aktie im Land jemandem gehört, der über ein Nettomonatseinkommen von mehr als 4000 Euro verfügt.

Will sagen: Der Großteil des täglichen Börsengeschehens trifft ohnehin niemanden, der abends "Börse vor acht" guckt. Und wenn überhaupt, dann zu einem sehr großen Teil Leute, die nur dank eines ziemlich hohen Vermögens so viele Aktien haben, dass es lohnt, je nach Börsenbericht öfter etwas hin- und herzuschieben. Womit wir es wahrscheinlich gerade noch mit einer gesellschaftlichen Minderheit von zwei, drei Prozent zu tun haben - bei denen wir wiederum nicht wissen, ob die kurz vor acht bereits vom Sundowner auf der Klub-Terrasse zurück sind. Das guckt dann eher der Gärtner. Sparten-TV.

Die Deutschen wurden trotzdem nicht zu Aktienliebhabern

Es war einmal eine Zeit, da gab es in der "Tagesschau" kurz mal eine Notiz von der Börse. Dann kam der New-Economy-Hype. Und die Maßgabe ans Volk, dass jetzt alle T- und andere Volksaktien kaufen sollten. Was die Entscheider bei der ARD - mit etwas Verspätung - Ende 2000 ganz offenbar dazu animierte, wochentäglich den Börsenbericht ganz schick und prominent gleich vor die "Tagesschau" zu setzen.

Wobei in der Zwischenzeit bekanntlich nicht nur der Hype sondern auch schon einiges Anlegergeld weg war - nur die Börse im Ersten blieb. Ohne dass die Deutschen dadurch jetzt alle zu Aktienliebhabern wurden. Vielleicht sogar deshalb gerade nicht: Weil ihnen jeden Abend erzählt wird, wie irre es da wieder zuging. Und weil die Konzentration des (Aktien-)Reichtums auf die obersten zehn Prozent seither noch zugenommen haben dürfte. Parallelgesellschaft.

Nun ist jede Minderheit bei uns natürlich willkommen - und darf nicht einfach diskriminiert werden. Klar. Und es ist natürlich auch wichtig, dass Unternehmen Geld bekommen; und die Leute was über Wirtschaft lernen. Muss es aber unbedingt Börsen-TV sein? Zur besten Sendezeit? Ab ins Nachtprogramm damit! Da, wo Fernsehen für Sonderbares sonst ja auch hin verschoben wird.

Den freien Platz könnte dann so etwas wie "Lohnplus vor acht" einnehmen - aktuelle Berichte darüber, wo es heute mal wieder deutlich mehr Lohn im Betrieb gab. Oder schöne Sonderzahlungen. Von mir aus auch eine tolle neue Erfindung, die der Menschheit hilft. Mehrheitsfernsehen eben.

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jpinfact 06.04.2018
1. Es ist ein geschlossener Markt für Spekulanten und Reiche
Stimmt sehr wohl. Für den Normal ist das ein "hätte ich doch damals"-Markt in den nie eingestiegen wird. Der Aktienmarkt ist sowieso zu einem superschnellen Zuckermarkt verkommen. Hören wir doch Anja mal aufmerksam zu: Heute ist das passiert und da hat sich auf die Kurse sofort ausgewirkt. Da ist nichts langfristiges zu erkennen, nur schnelles Zocken.
konfuzius67 06.04.2018
2. andersrum
Man könnte es auch anders herum sehen. Es ist besonders relvant für die 88%, die noch nichts mit Aktien am Hut haben. Denn die verschwenden ihre Kohle mit weniger lukrativen Investitionen. Insofern besteht hier ein gewisser Nachholbedarf bei der Bevölkerungsmehrheit.
WernerJordan 06.04.2018
3. Alles besser als noch mehr Reality TV, Talkshows, Soaps
oder Unterhaltungsmüll wie DSDS, Bauer sucht Frau, Dschungelcamp, Adam sucht Eva oder wie der ganze Müll heißt. Ich würde Telekolleg wie früher auch besser finden als Aktienkurse, aber besser etwas Bildung als nur Müll.
Emderfriese 06.04.2018
4. Streichen
Sofern diese Börsennachrichten kurz vor 8°° gestrichen werden, entgeht den Aktienhändlern - also vor allem den Banken - eine wichtige Werbemöglichkeit. Denn nichts anderes als Reklame für den Aktienkauf ist das Ganze. Man sollte eher den Händlern eine saftige Rechnung für die Werbezeit präsentieren, damit auf diese Weise die GEZ-Gebühren deutlich gesenkt werden. Auch eine Maßnahme, die sehr Reichen an Allgemeinkosten entsprechend zu beteiligen.
Cora 62 06.04.2018
5. Vielen Dank für diesen Beitrag
Sie sprechen mir aus der Seele. Vielen Dank dafür.
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