US-Börsenboom Die Reichen jubeln, die Armen leiden

Die Wall Street schreibt täglich Rekorde, doch nicht alle können sich darüber freuen. Der Boom geht an den meisten Amerikanern vorbei. Das US-Spardiktat macht das nur schlimmer - die Kluft zwischen Arm und Reich wächst.

Obdachlose und Geschäftsmann in New York: "Wir sind viel zu schnell nach oben gelangt"
AFP

Obdachlose und Geschäftsmann in New York: "Wir sind viel zu schnell nach oben gelangt"

Von , New York


Die Bullen rasen wieder durch die Wall Street. Drei Tage hintereinander: Auch am Donnerstag schloss der Dow-Jones-Index erneut mit einem historischen Rekord - 14.329 Punkte. Doch viele reagierten nur noch mit Schulterzucken. "Wann kippt der Markt wieder?", schrieb ein Klient dem Chefstrategen der Investmentfirma Phoenix Partners, Michael Block. Seine zynische Replik: "Wenn du aufhörst zu fragen."

Nur Schritte von der Wall Street entfernt wurde ein anderer Rekord vermeldet: Die Coalition for the Homeless, die älteste Interessengruppe für Obdachlose in den USA, legte ihre jüngsten Zahlen für New York vor, die Stadt der Trader und Händler. Fazit: Derzeit schlafen hier 50.135 Menschen in Obdachlosenasylen, darunter 21.034 Kinder - mehr als je zuvor seit der Weltwirtschaftkrise der dreißiger Jahre.

Im Klartext: Investoren und Großkonzerne mögen jubeln. Doch wer in ihrem Schatten schuftet, hat kaum Anlass zur Freude. Die Konjunktur klemmt, die Arbeitslosigkeit auch, die Kluft zwischen Reich und Arm wird immer größer. Mehr noch: Das brutale Spardiktat, das sich die USA jetzt aufgezwungen haben, wird vor allem die Ärmsten treffen. Sollte es wirklich umgesetzt werden, wird die Kluft zur Schlucht.

Nach außen hin ist alles prima. Dem Höhenflug des Dow schlossen sich auch der Nasdaq und der S&P an. Die Fundamente des Booms sind so solide wie seit der Rezession nicht mehr. Der jüngste Stresstest der Notenbank Fed, am Donnerstag veröffentlicht, gab fast allen US-Banken grünes Licht.

Der Immobilienmarkt erholt sich, Aufträge ziehen an, den Firmen geht es gut, Dividenden schießen in die Höhe. Schon sieht die "New York Times" ein "goldenes Zeitalter für Konzerngewinne".

Kein Wunder, dass die Börsen boomen. Seit März 2009 hat sich der Dow fast verdoppelt. Doch das verdankt er externen Faktoren - vor allem der Notenbank, die seit der Finanzkrise mehr als drei Billionen Dollar in die Wirtschaft gepumpt hat und die Zinsen künstlich niedrig hält.

Dabei wollte die Federal Reserve Bank in erster Linie den Arbeitsmarkt dopen. Stattdessen beflügelt sie nun die Börsen - und die Firmen, die Gewinne abschöpfen, ohne sie in Jobs oder Gehaltserhöhungen umsetzen zu müssen. Die Zahl der Arbeitsuchenden fällt zwar. Doch kommen lange nicht genug neue Stellen hinzu - die Arbeitslosenquote stagniert seit Monaten.

Das staatliche Spardiktat wird das alles wohl nur noch schlimmer machen. Die 85 Milliarden Dollar an Kürzungen, die nun querbeet bis Ende des Haushaltsjahrs am 30. September erfolgen müssen, dürften Stellenstreichungen auf breiter Front nach sich ziehen. Pessimisten erwarten Hunderttausende neue Arbeitslose.

Das Spardiktat ist erst der Anfang

So geht der Börsenboom an den meisten Amerikanern vorbei, vor allem an den bedürftigsten. Viele Schlagzeilen galten jetzt Flughäfen, Nationalparks und Schulen, die unter den Einsparungen leiden. Geht es aber nach den Republikanern, dürfte es woanders viel schlimmer einschlagen - bei Kranken, Alten, Behinderten und Arbeitslosen.

So wollen die fiskalischen Hardliner die Sorgenkinder des Haushalts gesundschrumpfen - die staatlichen Gesundheits- und Rentenprogramme. Das Spardiktat ist nur der erste Schritt. Der nächste: ein drakonischer Sparetat, der auch die Krankenversicherung für Senioren treffen könnte. Das ängstigt selbst manche Konservative: "Ich kenne einige Leute, die ehrlich besorgt sind, wo das hinführt", sagte der republikanische Abgeordnete Peter King der "Washington Post".

Das als Sequestrierung bezeichnete Zwangssparen könnte so auch zu einem weiteren Anstieg der Obdachlosigkeit führen. Denn staatliche Programme für Miethilfen sind ebenfalls betroffen. US-Bauminister Shaun Donovan rechnet mit rund 125.000 Personen und Familien, die ihre finanzielle Unterstützung verlieren und auf der Straße landen könnten.

Die Wall Street dagegen bleibt von den Sparzwängen verschont. Was auch erklärt, weshalb die Börsianer beim Haushaltsdrama in Washington kaum mit der Wimper zuckten. Die Sparsumme von 85 Milliarden Dollar ist für sie Kleingeld: So viel gibt die Federal Reserve Bank für Staatsanleihen und über Hypotheken gesicherte Wertpapiere aus - im Monat.

Hinzu kommt, dass der Sparzwang auch für die US-Finanzaufsichtsbehörden gilt. Sprich: Die Wall Street hat wieder freie Bahn.

Dort herrscht aber nicht nur Freude. Insider prophezeien bereits eine Kehrseite des Booms. "Wir sind viel zu schnell nach oben gelangt", sagte der Trader Gordon Charlop vom Investmenthaus Rosenblatt Securities im TV-Börsender CNBC. "Es wäre nur gesund, wenn jetzt eine Art von Abschwung käme."



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insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
h_grabowski 08.03.2013
1. Demnächst andersrum...
Wenn es so weiter geht, jubeln demnächst die Armen, wenn die Reichen leiden... Wäre nicht das erste Mal in der Geschichte!
zweistein59 08.03.2013
2. Die Börsen jubeln -
aber die Kassen sind leer. Apokalypse now - die Matrix verselbständigt sich - koppelt sich vom realen Leben ab und führt ein virtuelles Dasein. Wäre ein gute Thema für nen "Endzeit-Thriller".....
wakaba 08.03.2013
3. optional
1 Person in den USA hat mehr Geld auf der hohen Kante als 240 Millionen Bürger zusammen. In 10 Jahren sieht D genauso aus. http://www.alternet.org/speakeasy/alyssa-figueroa/one-most-powerful-portrayals-what-has-happened-america-you-will-ever-see
eisbaerchen 08.03.2013
4. Kommt ja jetzt
Zitat von sysopAFPDie Wall Street schreibt täglich Rekorde, doch nicht alle können sich darüber freuen. Der Boom geht an den meisten Amerikanern vorbei. Das US-Spardiktat macht das nur schlimmer - die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/boersenboom-in-den-usa-waechst-die-kluft-zwischen-arm-und-reich-a-887572.html
wirklich sehr überraschend..;-)...zeigt eben, dass die Wallstreetgiernasen ihr Handwerk in der Krise nicht verlernt haben...und daran wird sich nichts ändern solange man im Spätkapitalismus immer noch das freie Spiel der freien Märkte vergöttert.
eisbaerchen 08.03.2013
5. Hääh..?
Zitat von h_grabowskiWenn es so weiter geht, jubeln demnächst die Armen, wenn die Reichen leiden... Wäre nicht das erste Mal in der Geschichte!
wann haben denn die Armen gejubelt (in der letzten Finanzkrise..), habe ich da was verpasst??
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