Was ist menschenwürdige Arbeit? Darüber streitet Bolivien mit dem Ausland, seit die Regierung das Mindestarbeitsalter auf zehn Jahre senkte. Verlierer des Konflikts sind Kinderarbeiter, die selbst für das Gesetz gekämpft haben.

Eine Multimedia-Story aus Bolivien von David Böcking (Text) und Yvette Paz-Soldan (Fotos/Videos)

Geschäfte am Grab

Der Tag der Toten ist ein guter Tag für Guido. Am Día de los Muertos ist der Friedhof im bolivianischen Potosí voller Menschen. Ganze Familien versammeln sich vor Grabnischen, die über mehrere Etagen gestapelt sind. Sie haben Blumen mitgebracht und Tantawawas, Weckmänner mit bunten Gesichtern.

Wer es sich leisten kann, lässt den Lieben im Jenseits jetzt ein Ständchen bringen - von solo tremolierenden Gitarristen oder auch ganzen Bands in Mariachi-Kostümen. Wer seinen Respekt etwas günstiger zollen will, der ruft Guido, Kapuzenpulli, Pausbacken, 13 Jahre alt.


Guido ist Grabpfleger. Sein aktueller Arbeitsplatz ist eine blau umrandete Grabnische am Pavillon 113, vierte Etage. Guido klettert auf eine Leiter, befreit erst den Innenraum vom gröbsten Schmutz, bringt dann Scheibe und Einfassung wieder zum Glänzen. Am Ende drücken die Angehörigen ihm einen Zehn-Bolivianos-Schein in die Hand, knapp 1,40 Euro.

Video: Die Grabpfleger


Guido macht den Job, seitdem er elf ist. "Wenn ich Glück habe, verdiene ich an einem Tag 100 Bolivianos", erzählt er. Geld, das seine Mutter gut gebrauchen kann. Sieben Geschwister gibt es, der Vater ist tot. Doch Guido sagt, er wäre auch unter günstigeren Umständen hier. "Ich würde immer arbeiten wollen."

Was in der westlichen Welt als Unding gilt, ist in Bolivien offiziell anerkannt: Vor gut zwei Jahren verabschiedete die Regierung des sozialistischen Präsidenten Evo Morales ein Gesetz, laut dem Kinder unter bestimmten Voraussetzungen schon ab zehn Jahren als Selbstständige und ab zwölf Jahren als Angestellte arbeiten dürfen.

Das Ausland war verstört. Kaum eine Wirtschaftspraxis wird in den Industriestaaten heute so einhellig abgelehnt wie Kinderarbeit. Auch viele ärmere Länder haben die Arbeit von Unter-14-Jährigen offiziell untersagt. Mit dem Gesetz 548 stellte sich Bolivien als weltweit erstes Land gegen diesen Trend.

Fotostrecke: Gesichter der Kinderarbeit

Die elfjährige Cielo arbeitet an einem Gebäckstand ihrer Familie in La Paz.

Der Streit um das Gesetz schwelt bis heute, und er wirft eine wichtige Frage auf: Kann sich die Welt überhaupt darauf einigen, was "menschenwürdige Arbeit" ist? So lautet eines der Nachhaltigkeitsziele der Uno. Verbunden ist es mit der Absicht, bis 2025 "Kinderarbeit in jeglicher Form" abzuschaffen.

In Bolivien aber halten ausgerechnet die vermeintlichen Opfer von Kinderarbeit an ihr fest: Zu den lautstärksten Befürwortern der Alterssenkung gehörten Gewerkschaften arbeitender Jungen, Mädchen und Jugendlicher, auf Spanisch abgekürzt Nats. In der Bergbaustadt Potosí sind diese Kindergewerkschafter besonders stark. Das Logo ihres örtlichen Dachverbands Connatsop trägt auch Guido auf seiner roten Weste.

Auf dem Papier haben die Kindergewerkschafter vor zwei Jahren gesiegt, aber nur dort. Tatsächlich droht sich ihre Lage seit der Gesetzesänderung sogar zu verschlechtern. Sie sind gefangen in einem Streit, bei dem es nicht nur ums Kindeswohl geht - sondern auch um Ideologien.

Der heimische Kritiker

Der Repräsentant des ungeliebten Auslands ist selbst Bolivianer. Rodrigo Mogrovejo hat dichte schwarze Locken, freundliche Umgangsformen und einen heiklen Job. Im schicken Süden von La Paz leitet er die bolivianische Vertretung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Als Bolivien die Alterssenkung verabschiedete, protestierte die ILO deutlich, seitdem fordert sie eine Überarbeitung des Gesetzes. Der Kampf gegen Kinderarbeit ist zu einem der wichtigsten Ziele der Organisation geworden, sie veröffentlicht auch die umfassendsten Zahlen zum Thema.

Demnach gingen im Jahr 2012 rund 168 Millionen Fünf- bis Siebzehnjährige einer Beschäftigung nach, welche die ILO als Kinderarbeit definiert. Das entsprach rund einem Zehntel aller Kinder weltweit. Dennoch sieht die ILO Grund zur Hoffnung: Vier Jahre zuvor habe die Zahl der Kinderarbeiter noch bei 215 Millionen gelegen.

Und wie ist die Lage heute in Bolivien? "Wir haben schlicht kein Kriterium, um das zu beurteilen", sagt Mogrovejo. Die letzten Zahlen, die noch mithilfe der ILO erhoben wurden, sind aus dem Jahr 2008. Demnach gibt es in Bolivien rund 800.000 arbeitende Kinder und Jugendliche. Knapp 490.000 sind jünger als 14 Jahre, wovon wiederum fast 90 Prozent besonders gefährliche Arbeiten ausführen. Neue Daten erhebt die Regierung derzeit allein - auf eine Zusammenarbeit mit der ILO konnte sie sich nicht mehr einigen.

Die Bolivianer verteidigen ihr Gesetz damit, dass es minderjährige Arbeiter aus der Illegalität hole und so vor Ausbeutung schütze. Ein Argument, das in ähnlicher Form auch aus Debatten um die Legalisierung von Drogen oder Prostitution bekannt ist. "Mir erscheint das nicht als gute Strategie, um gegen Kinderarbeit zu kämpfen", sagt Mogrovejo. Auch bezweifle er, dass die Nats für die Mehrheit der arbeitenden Kinder sprechen. "Die repräsentieren sie sicherlich nicht." Doch die Kindergewerkschafter erhielten finanzielle Unterstützung, auch aus Europa.

Mogrovejo legt Wert darauf, dass dies persönliche Meinungen seien, für die gesamte ILO könne er ohnehin nicht sprechen. Tatsächlich besteht die Organisation nicht nur aus Funktionären wie ihm. In ihre höchsten Gremien entsendet jedes Mitgliedsland neben Regierungsvertretern auch Repräsentanten von Arbeitgebern und Gewerkschaftern. Sowohl Boliviens Gewerkschaftsverband als auch die Arbeitgeber haben die Alterssenkung klar abgelehnt und kritisiert, dass die Regierung sie dazu nicht konsultiert habe.

Offensichtlich ist Mogrovejo nicht der einzige Bolivianer, der ein Problem mit dem Gesetz hat. Dennoch scheint der ILO-Mann um Deeskalation bemüht. Zweifellos habe die Regierung auch sinnvolle Schritte beschlossen, sagt er, etwa eine Prämie für den Schulbesuch. Für eine Beurteilung von Gesetz 548 sei es noch zu früh. "Es könnte auch sein, dass es funktioniert."

Schutzlos im Berg

Bislang jedenfalls funktioniert es nicht. Das zeigt sich wenige Kilometer von Potosís Friedhof entfernt in einem Berg, dessen Äußeres aus ockerfarbenem Geröll wenig über die Schätze im Inneren verrät: Im Cerro Rico ließen die spanischen Eroberer seit 1545 genug Silber abbauen, um über Jahrhunderte die Dekadenz der heimischen Krone mitzufinanzieren. In einem grausamen Rotationsprinzip mussten indigene Zwangsarbeiter und später auch afrikanische Sklaven monatelang unter Tage schuften. Schätzungen zufolge starben bis zu acht Millionen Menschen im Berg.

Bis heute arbeiten hier Menschen, auch sehr junge. Einer von ihnen ist Armando, ein vergnügter, selbstbewusster 16-Jähriger. Wie viele Altersgenossen träumt er von einer Zukunft als Fußballspieler. Noch aber ist Armando Bergmann wie sein Vater Pastor.

Der Weg an den Arbeitsplatz der beiden ist beängstigend: Die Stollen sind über weite Strecken ohne Abstützung in den Fels getrieben und so niedrig, dass die Bergleute gebückt gehen müssen. Frische Luft gelangt nur über einfache Leitungen ins Innere. Kurzfristig drohen hier Stolleneinstürze und verspätet explodierende Dynamitladungen, langfristig vor allem die Staublunge, an der viele Bergleute schon in jungen Jahren erkranken.

Video: Der Bergjunge


Armando arbeitet im Berg, seitdem er elf ist. "In der Mine verdient man am meisten", sagt er. Zu dritt schieben sie Loren voller Gestein, bergauf und bergab ins Freie. Pro Lore bekommt Armando mindestens 20 Bolivianos, an guten Tagen schafft er 20 Stück. Mit dem Geld unterstützt er die siebenköpfige Familie. "Was fehlt, kaufe ich."

Armando hat gehört, dass andere Länder Bolivien wegen des neuen Gesetzes kritisieren. "Sie wissen nicht, wie das Leben hier ist", glaubt er. Sein Zuhause ist ein zweistöckiger Ziegelbau in Sichtweite des Cerro Rico, zwei Zimmer, verbunden durch eine Holzleiter. Das Erdgeschoss besteht aus wenig mehr als zwei Betten. Hier erzählt Vater Pastor, ein 42-Jähriger mit müden roten Augen, dass er inzwischen manchmal seine Lunge spüre. Dennoch war er nicht dagegen, dass Armando seinem Beispiel folgt. "Man muss sich von Kindheit an daran gewöhnen, zu arbeiten."

Doch darf das unter solchen Bedingungen geschehen? Die Antwort ist eigentlich auch in Bolivien ein klares Nein. Gesetz 548 zählt zahlreiche Tätigkeiten auf, die für Kinder und Jugendliche untersagt sind - auch den Bergbau. Laut Artikel 129 müssen zudem alle Arbeitsverhältnisse von Unter-14-Jährigen durch spezielle Ombudsstellen für Kinder und Jugendliche genehmigt werden. Auch eine medizinische Untersuchung ist vorgeschrieben.

Doch ein Treffen mit dem Koordinator der Ombudsstellen von Potosí fällt ernüchternd aus. Carlos Gómez ist zum vereinbarten Zeitpunkt erst nicht im Büro, stattdessen bietet seine Vorgesetzte einen Gesprächstermin an, zu dem sie dann ebenfalls nicht erscheint. Schließlich kommt Gómez doch noch, ein nervös wirkender Mann in Lederjacke.

Gómez berichtet, man habe in jüngster Zeit einige Minderjährige an unerlaubten Arbeitsplätzen aufgestöbert, vor allem in Chinarestaurants. Von den im Gesetz vorgesehenen Genehmigungen seien im vergangenen Trimester drei erteilt worden - in einer Stadt mit rund 200.000 Einwohnern.

Gab es auch medizinische Untersuchungen? Diese Vorgabe scheint Gómez nicht zu kennen. Nachdem ihm der entsprechende Abschnitt im Gesetzestext gezeigt wurde, versichert er, die Untersuchungen werde man künftig machen. Für seine Wissenslücken hat Gómez immerhin eine Erklärung: Er sei erst seit zwei Monaten im Amt.

Der im Gesetz versprochene Schutz ist bislang kaum mehr als ein Versprechen - und das nicht nur in Potosí. Marco Antonio Gira war früher selbst Ombudsmann in La Paz. Heute sagt der Anwalt, die Ombudsstellen hätten gleich drei große Probleme: "Mangelnde Kontinuität beim Personal, politische Einflussnahme und einen Mangel an Ressourcen."

Kinderarbeiter an der Macht

Draußen, auf dem apricotfarbenen Flur, warnen Poster vor Machismus und Gewalt gegen Frauen. Drinnen, im Büro von Ana Bazán, kleben Kinderfotos an einem abgewetzten Aktenschrank, Stuhlpolster sind mit Klebeband geflickt und Schreibtische mit Dokumenten überladen. Auch Bazán, zuständig für Kinderrechte im Vizeministerium für Chancengleichheit, arbeitet mit knappen Mitteln. Erst recht seit der Verabschiedung von Gesetz 548.

"Wir haben das Problem, dass es noch nicht in allen Kommunalregierungen Ombudsstellen gibt", räumt Bazán ein. Gerade in abgelegenen Landesteilen sei es schwierig, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Außerdem sollten eigentlich schon bis 2015 die neuen Daten zur Zahl der Kinderarbeiter erhoben sein. Doch die Umfrage kostet 1,5 Millionen Dollar. "Die Mittel gab es nicht."

Obwohl die Wirtschaft seit Jahren durch boomende Rohstoffexporte angetrieben wird, ist Bolivien immer noch das ärmste Land Südamerikas. Die Regierung ist deshalb auf Unterstützung angewiesen. Doch sowohl für die Umfrage als auch für ein Programm zur Stärkung ausgewählter Ombudsstellen fanden sich laut Bazán bislang keine ausländischen Finanziers. Auch aus Deutschland habe man im vergangenen Jahr Absagen erhalten. Die Umfrage finanziert Bolivien nun allein.

Hat sich Bolivien mit Gesetz 548 den Zugang zu ausländischen Hilfen verbaut? Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erklärt auf Anfrage, grundsätzlich fördere es auch nach der Alterssenkung Projekte zum Thema Kinderarbeit. Doch eine Unterstützung solcher Projekte ist durch den Streit mit der ILO heikler geworden.

Die wichtigsten Abschnitte von Gesetz 548

Artikel 126: Recht auf Schutz bei der Arbeit

I. Mädchen, Jungen und Jugendliche haben das Recht, durch alle staatlichen Ebenen, ihre Familien und die Gesellschaft, geschützt zu werden; besonders vor wirtschaftlicher Ausbeutung und der Erledigung jeglicher Berufstätigkeit oder Arbeit, welche ihre Bildung behindern könnte, Gefahr bedeutet, gesundheitsgefährdend ist oder ihre Würde und vollständige Entwicklung beeinträchtigt.

(...)

Artikel 127: Aktivitäten im familiären Rahmen

I. Aktivitäten, die Mädchen, Jungen und Jugendliche im Rahmen von Familie und sozialer Gemeinschaft ausüben, haben schulenden Charakter und dienen der Sozialisierung und Ausbildung.


II. Arbeit im Rahmen von Familie und sozialer Gemeinschaft darf auf keinen Fall die Rechte der ausübenden Mädchen, Jungen und Jugendlichen bedrohen oder verletzen und sie nicht ihrer Würde, vollständigen Entwicklung oder Schulbildung berauben.

Artikel 128: Gemeinschaftlich-familiäre Aktivitäten

I. Es handelt sich um Aktivitäten, welche Mädchen, Jungen und Jugendliche gemeinsam mit ihren Familien in ländlich-indigenen, afrobolivianischen und interkulturellen Gemeinschaften ausüben. Diese Aktivitäten sind kulturell geschätzt und akzeptiert und haben grundlegende Fertigkeiten für ihre Leben sowie die Stärkung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens im Rahmen des Vivir Bien zum Ziel; auf der Basis uralten Wissen, das die Saat und Ernte, das Hüten natürlicher Güter wie der Wälder, des Wassers und der Tiere beinhaltet; stets mit spielerischen, erholsamen, künstlerischen und religiösen Bestandteilen.

(...)

Artikel 129: Mindestarbeitsalter

I. Als Mindestarbeitsalter werden 14 Jahre festgelegt.


II. Ausnahmsweise können die Ombudsstellen für Kindheit und Jugend selbstständige Arbeit von Mädchen, Jungen und Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren und unselbstständige Arbeit von Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren genehmigen, solange diese nicht ihr Recht auf Bildung mindert, gefährlich oder gesundheitsschädlich ist, ihre Würde und vollständige Entwicklung beeinträchtigt oder ausdrücklich gesetzlich verboten ist.

(...)

Artikel 131: Einwilligung und Genehmigung

I. Mädchen, Jungen und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren müssen ihre Bereitschaft zu jeder Art von Berufstätigkeit oder Arbeit ausdrücken und ihr freiwillig zustimmen.


II. Die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber ist verpflichtet, eine geschriebene Erlaubnis von entweder Mutter, Vater, Erziehungsberechtigter, Erziehungsberechtigtem oder Vormund einzuholen, mittels eines Formulars, das vom Ministerium für Arbeit, Beschäftigung und Sozialfürsorge herausgegeben wird und genehmigt werden muss von

a) den Ombudsstellen für Kindheit und Jugend im Fall von nichtselbstständigen jugendlichen Arbeitern zwischen 12 und 14 Jahren; und

b) dem Ministerium für Arbeit, Beschäftigung und Sozialfürsorge im Fall von nichtselbstständigen Jugendlichen über 14 Jahre.


III. Die Ombudsstellen für Kindheit und Jugend genehmigen die selbstständige Berufstätigkeit oder Arbeit von Mädchen, Jungen und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren.


IV. Bevor sie die Genehmigung erteilen, müssen die Ombudsstellen für Kindheit und Jugend in allen Fällen eine umfassende medizinische Untersuchung von Mädchen, Jungen und Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren veranlassen, welche ihre Gesundheit und physische und mentale Fähigkeit zur jeweiligen Berufstätigkeit oder Arbeit bestätigt.

Bei einem Besuch der Kindergewerkschaft Taypinats in La Paz erzählen die Verantwortlichen, dass ihr Projekt Ende des Jahres schließt, weil seine Finanzierung durch die Schweizer Caritas ausläuft. Die Alterssenkung spielte der Caritas zufolge keine Rolle, die Kinderarbeiter hätten "nie im thematischen Fokus unserer Arbeit in Bolivien" gestanden. Neue Unterstützung ist nicht in Sicht. "Die meisten Nichtregierungsorganisationen streben eine Abschaffung der Kinderarbeit an", sagt eine Projektverantwortliche. Zum Teil würden potenzielle Mittel auch vom Arbeitsministerium verwaltet, das trotz des Streits weiter mit der ILO kooperiert.

Eine leise Sorge um die Finanzen ist Ministeriumsmitarbeiterin Bazán anzumerken. In der Sache aber bleibt sie hart: "Letztlich hinkt die ILO hinterher."

Das Selbstbewusstsein der Regierung rührt auch aus der Überzeugung, erstmals die Interessen aller Bolivianer zu vertreten. Wie seine linken Amtskollegen in Venezuela oder Ecuador ließ Evo Morales eine neue Verfassung erarbeiten. Neben den vielen indigenen Gruppen des Landes wurden dabei auch Kinder beteiligt. Seitdem ist Bolivien ein "plurinationaler Staat", seine Vielfalt symbolisiert nun auch offiziell die Regenbogenflagge Wiphala.

Am Ende des Gesprächs sagt Bazán, man müsse noch ihren Chef kennenlernen: Raúl Escalante hat gerade eine Besprechung hinter sich, stärkende Kokablätter in der Backe und eine Strickweste über sein Hemd gezogen. Damit erinnert er ein wenig an seinen Präsidenten, den Ex-Kokabauern und überzeugten Pulloverträger Morales. Es ist nicht die einzige Parallele.

Wenn sich Morales beim Thema Kinderarbeit eines nicht vorwerfen lassen muss, so ist es Praxisferne. Der Präsident hat selbst von klein auf gearbeitet, um seine arme Familie zu unterstützen. Bei Abteilungsleiter Escalante ist es ähnlich: "Ich komme aus einer Familie von Fernfahrern", erzählt er. Schon mit sieben Jahren habe er seinem Vater geholfen, ab zwölf sei er selbst mit einem provisorischen Führerschein für Minderjährige gefahren. "Das war prägend für mich." Später studierte Escalante Jura und wurde Anwalt.

Vielleicht müssen Menschen mit solchen Lebensläufen zwangsläufig zum Schluss kommen, dass das Ausland keine Ahnung von der bolivianischen Wirklichkeit hat. Mancher ausländische Wissenschaftler teilt diese Haltung: Eine Gruppe von rund 75 Akademikern, zu denen auch der Berliner Pädagogikprofessor Manfred Liebel gehört, fordert beim Thema Kinderarbeit eine Kursänderung der ILO.

Ein heimischer Vordenker von Gesetz 548 ist Jorge Domic, Psychologe und Gründer einer Kinderhilfsorganisation in La Paz. "In diesem Land haben Kinder Verpflichtungen", sagt der 68-Jährige. Diese Verpflichtungen seien gerade in den indigenen Kulturen ein wichtiger Teil der sozialen Beziehungen. Im neuen Gesetz ist ausdrücklich vermerkt, dass Tätigkeiten von Kindern innerhalb ihrer Familien "kulturell geschätzt und akzeptiert" seien. Sie dienten der persönlichen Entwicklung und dem Vivir Bien - einem auf indigenen Vorstellungen basierenden Konzept vom guten Leben.

Seine Psychologen-Kollegen im Westen hätten sich mit der Bedeutung von Arbeit für die kindliche Entwicklung lange kaum beschäftigt, kritisiert Domic. Ein einziges Buch zum Thema habe er finden können: "Die Seele des proletarischen Kindes" - erschienen 1925, vom Sozialdemokraten und späteren Rätekommunisten Otto Rühle.

Dabei hatten Europäer und Amerikaner eigenes Anschauungsmaterial zur Genüge: Kinderarbeit war auch im Westen lange Normalität, in Fabriken ebenso wie im Bergbau. Abgeschafft wurde sie nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit. In Deutschland fürchtete der preußische Staat vielmehr wegen der frühzeitigen Arbeitsbelastungen einen Mangel an gesunden Wehrpflichtigen. Den Schulbesuch förderte er, weil hier Loyalität zum Staat gelehrt wurde. Außerdem protestierten Erwachsene zunehmend gegen die billige Konkurrenz - ein Reflex, den Kritiker noch heute hinter der Haltung der Gewerkschaften innerhalb der ILO vermuten.

Chronik: Kinderarbeit in Deutschland

Gewandelt aber hat sich die westliche Haltung zur Kinderarbeit zweifellos. Sollte das in Bolivien nicht möglich sein?

Doch, sagt Domic. "Kultur ist nicht statisch." Doch um auf Kinderarbeit verzichten zu können, müsse auch die Armut verschwinden. Selbst mit Boliviens jetzigem Wachstum werde das Berechnungen zufolge rund 80 Jahre dauern. "Achtzig Jahre werden wir noch über Kinderarbeit reden!"

Der Kampf geht weiter

An einem kühlen Samstagabend haben sich die Kindergewerkschafter von Potosí in ihrer Zentrale versammelt. Die Friedhofsarbeiter sind anwesend, vertreten durch ihren Präsidenten Jonathan, einen Kumpel von Guido. Ebenso Brotverkäufer, Zeitungsboten, Markthändler. Rund 20 Kinder insgesamt. Die Stimmung ist munter, gelegentlich muss Paola für Ordnung sorgen. "Ihr seid die Basis", ruft sie dann, oder auch einfach: "Chicoooos!"

Paola, eine 17-jährige Delegierte beim landesweiten Verband Unatsbo, führt das Wort. Es geht darum, ob sie eine Delegation nach La Paz schicken wollen, für Gespräche mit dem Gewerkschaftsverband und anderen Institutionen. Sie wollen.

Eigentlich hätten die Kindergewerkschafter reichlich Grund zur Resignation. "Das Gesetz ist geschrieben, aber niemand setzt es um", sagt Paola. "Wir werden weiterkämpfen, denn das haben wir immer gemacht."

Vierzig Jahre ist die Nats-Bewegung schon alt. Sie begann, als sich arbeitende Kinder in Peru einem Streik von Erwachsenen anschlossen. Mittlerweile existieren Kindergewerkschaften in vielen Ländern Lateinamerikas, außerdem in Afrika und Asien. Drei Welttreffen gab es schon, eines davon in Berlin.

So groß wurden die Nats auch mithilfe von Erwachsenen. Ausländische Nichtregierungsorganisationen unterstützen sie ebenso wie heimische Sozialarbeiter. Die Kindergewerkschafter von Potosí werden seit Langem von Luz Rivera betreut, einer herzlich-energischen 48-Jährigen, die an diesem Abend mehrfach moderierend eingreift. Rivera sagt, die ILO habe "eine sehr romantische Vorstellung" vom Ende der Kinderarbeit. Sie sagt aber auch, dass Kinder ihre Zeit nur mit Spielen und Lernen verbringen, halte sie nicht für "das Ideal der Bolivianer".

Video: "Sie arbeiten und sie werden nicht damit aufhören"


Ganz unbeeinflusst durch die Ideologien von Erwachsenen scheinen auch die Kindergewerkschafter nicht zu sein. Doch die Kinder, die sich in Potosí und anderswo organisieren, tun das zweifellos aus eigenem Antrieb. Ihnen mögen Wissen und Erfahrungen fehlen. Ihre Situation aber zwingt sie geradezu, schneller erwachsen zu werden als Altersgenossen im Westen.

Am Rande der Versammlung in Potosí beginnen drei Kindergewerkschafter, den Reporter zum deutschen Schulsystem auszufragen. Ganz genau wollen sie wissen: Welche Schultypen gibt es, welche Fächer, wie sind die Berufsaussichten? Alle berichten, dass sie neben ihrer Arbeit selbst die Schule besuchen - wie sämtliche Kinderarbeiter, die wir für diese Reportage befragt haben. Manche gehen morgens, manche am Nachmittag, in Bolivien ist beides möglich.

Diese Kinder sehen ihre jetzige Arbeit nicht als Endstation. Sie streben genauso nach Aufstieg wie die ehemaligen Kinderarbeiter in der bolivianischen Regierung. Das ist nicht wenig in einem Land, in dem weite Teile der Bevölkerung bislang von politischem Leben und sozialem Aufstieg abgekoppelt waren.

Anführerin Paola ist eine ernste junge Frau. Mit zwölf hat sie angefangen, Getränke zu verkaufen, mittlerweile geht sie putzen. "Jeder wird in seine Realität geboren", sagt sie nüchtern. Die Haltung der ILO aber muss den Kindergewerkschaftern so vorkommen, als werde diese Realität nicht einmal akzeptiert. Neben der Untätigkeit der eigenen Regierung ist das die zweite große Enttäuschung.

Was also ist menschenwürdige Arbeit?

Bolivien und das Ausland dürften sich darüber auf absehbare Zeit nicht einigen. Zwar könnte die Regierung ihr Verbot gefährlicher und die Menschenwürde missachtender Arbeiten für Minderjährige endlich besser überwachen. Das wäre im Sinne der ILO, die solche "schlimmsten Formen der Kinderarbeit" als Erstes abschaffen will. Ein grundsätzlicher Streitpunkt aber bleibt bestehen: Ist Kinderarbeit ein grundsätzlich zu überwindender Missstand - oder gehört sie in manchen Kulturen einfach dazu?

Vielen Kinderarbeitern dürfte diese Debatte ziemlich egal sein. Sie leben nicht in der abstrakten Welt von Entwicklungszielen. Sie wollen mit ihren Sorgen heute Gehör finden, genau wie andere Arbeiter. Seit Längerem bemühen sich Nats-Vertreter deshalb darum, bei Konferenzen der ILO sprechen zu dürfen. Bisher stets vergeblich.

Die Hilfsorganisationen Terre des Hommes Deutschland und die Kindernothilfe, die beide Projekte mit Kinderarbeitern in Potosí unterstützen, versuchen derzeit einen neuen Anlauf: Unter dem Motto "Time to Talk" ("Zeit zu reden") sammeln sie weltweit Meinungen arbeitender Kinder. Die sollen 2017 bei der nächsten Weltkonferenz zur Kinderarbeit in Argentinien vorgetragen werden.

Hat der Wunsch Aussicht auf Erfolg? Ein Anruf bei José Ramirez, Lateinamerika-Experte der ILO in Genf. Ein umgänglicher Mann, wie sein bolivianischer Kollege Mogrovejo. Doch als das Gespräch auf den Wunsch von Kindergewerkschaftern nach Mitsprache kommt, sagt Ramirez, das sei ein bisschen so, als wolle er auf eine Vegetarierparty eingeladen werden - "und dort über die Vorzüge des Fleischessens reden".

Klingt, als hätten die Kinderarbeiter noch viel Überzeugungsarbeit vor sich. Andererseits: Selbst zwischen Vegetariern und Fleischessern soll es ja schon vernünftige Gespräche gegeben haben.

Impressum

Forum: Ist Kinderarbeit ein notwendiges Übel - oder muss ein Verbot her? Diskutieren Sie mit.

Autor: David Böcking

Fotos und Videos: Yvette Paz-Soldan

Videoschnitt: Marco Kasang

Redaktion: Yasmin El-Sharif

Dokumentation: Almut Cieschinger und Claudia Niesen

Bildredaktion: Nasser Manouchehri

Schlussredaktion: Sebastian Hofer und Dörte Karsten

Programmierung und Grafiken: Frank Kalinkowski, Chris Kurt und Philipp Seibt

Koordination: Philipp Seibt

Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.