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Boom der Ungleichheit: Jedes dritte Stellenangebot richtet sich an Zeitarbeiter

Die Konjunktur zieht an, und der Jobmarkt stabilisiert sich - einen wirklichen Boom erlebt aber nur die Leiharbeit: Laut Bundesagentur für Arbeit ist im Juni jedes dritte Jobangebot in der Zeitarbeitsbranche ausgeschrieben worden. IG Metall und Linkspartei nennen die Tendenz alarmierend.

Reinigungskraft in Davos: Wachsende Jobangebote in der Leiharbeit Zur Großansicht
AP

Reinigungskraft in Davos: Wachsende Jobangebote in der Leiharbeit

Berlin - Die Unternehmen in Deutschland setzen bei Neueinstellungen zunehmend auf Zeitarbeit. Für mehr als jede dritte neue Stelle suchten die Betriebe nach Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Juni einen Leiharbeiter. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage der Linkspartei hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Demnach haben sich die Jobangebote in der Leiharbeit seit Jahresanfang mehr als verdoppelt, während die Zahl der übrigen Stellen lediglich um ein Drittel zulegte. Entsprechend kletterte der Anteil der Leiharbeitsposten an allen neuen Stellen von 26,2 Prozent im Januar auf 34,9 Prozent im Juni.

Insgesamt waren der Bundesagentur im Juni 370.047 Stellen für ungeförderte Beschäftigungsverhältnisse gemeldet, davon 113.176 in der Leiharbeit. Allein im Juni gingen 184.191 Stellenmeldungen ein, davon 64.335 in der Leiharbeit. In der Zeitarbeitsbranche gibt es zwar einen Tarifvertrag, aber keinen verbindlichen Mindestlohn.

"Diese Zahlen bestätigen unsere Befürchtungen", sagte der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Detlef Wetzel der "Berliner Zeitung", die die Anfrage als erstes veröffentlicht hatte. "Leiharbeit vermehrt sich geradezu rasant und verdrängt mehr und mehr Stammbeschäftigung." Wetzel kündigte verstärkten Widerstand an. "Gegen das Bestreben, durch Leiharbeit ein niedrigeres, zweites Tarifniveau in den Betrieben zu etablieren, werden wir Gegenwehr in den Betrieben organisieren." Die Bundesregierung sei in der Pflicht, dem Missbrauch von Leiharbeit Einhalt zu gebieten.

Kritik kommt auch von der Linkspartei. Deren arbeitsmarktpolitische Sprecherin Jutta Krellmann nannte die Daten alarmierend. Sie forderte einen Stopp des Lohndumpings per Gesetz. Dieses müsse das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit vom ersten Tag an festschreiben.

In Deutschland werden viele Jobs für immer weniger Geld erledigt. Laut einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen arbeiten mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten für weit weniger als zehn Euro in der Stunde - viele sogar für unter fünf Euro. Minijobber, Frauen, Ausländer und junge Leute sind am häufigsten betroffen.

Gute Chancen für qualifizierte Arbeitnehmer

Einen Lichtblick für Arbeitnehmer gibt es an anderer Stelle: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung werden Jobs in der Produktion zwar weiterhin ins Ausland verlagert, dennoch sind die Berufsaussichten für qualifizierte Arbeitnehmer in Deutschland gut. Demnach wird in den kommenden 15 Jahren die Nachfrage nach Arbeitskräften stärker wachsen als das Angebot. Die Arbeitslosigkeit geht strukturell zurück.

Nach Berechnungen der Stiftung wird die Zahl der Vollerwerbsarbeitsplätze im Vergleich zu 2003 bis 2020 um 1,7 Millionen zunehmen. Profitieren werden vor allem die qualifizierten Arbeitskräfte in den Boom-Branchen. Aber auch Angelernte und gering Qualifizierte bekommen wieder bessere Chancen, wenn sie in den richtigen Berufen tätig sind, heißt es in der Studie.

Als Berufe mit guten Zukunftsaussichten nennt die Studie zum Beispiel Gesundheitsberufe wie Altenpfleger, Krankenschwester und Sprechstundenhilfe oder sozialpflegerische Berufe wie Heimleiter oder Sozialarbeiter. Dazu kämen Dienstleister wie Gästebetreuer, Hotel- und Gaststättenpersonal oder Flugbegleiter. Besonders zukunftsfest seien auch die Arbeitsplätze von Kaufleuten in der Datenverarbeitung, im Speditions- und Rechnungswesen, im Fremdenverkehr oder der Werbung, meinen die Autoren der Studie.

Besonders gefragt aber werden der Studie zufolge in zehn Jahren Akademiker sein: Der Bedarf steigt bis 2020 um rund 800.000 Universitäts- und 1,1 Millionen Fachhochschulabsolventen. Die besten Aussichten haben demnach Absolventen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Ingenieure, Erziehungswissenschaftler, Mathematiker, Juristen, Maschinenbauer und Naturwissenschaftler.

ssu/dpa

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insgesamt 162 Beiträge
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1. ...
MentalWorks 28.07.2010
Zitat von sysopDie Konjunktur zieht an, und der Jobmarkt stabilisiert sich - einen wirklichen Boom erlebt aber nur die Leiharbeit: Laut Bundesagentur für Arbeit ist im Juni jedes dritte Jobangebot in der Zeitarbeitsbranche ausgeschrieben worden. IG Metall und Linkspartei nennen die Tendenz alarmierend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708808,00.html
In manchen Regionen ist es sogar noch extremer. Tja die Sklaverei erlebt ihre Renaissance...
2. Juhu!
hook123 28.07.2010
Zitat von sysopDie Konjunktur zieht an, und der Jobmarkt stabilisiert sich - einen wirklichen Boom erlebt aber nur die Leiharbeit: Laut Bundesagentur für Arbeit ist im Juni jedes dritte Jobangebot in der Zeitarbeitsbranche ausgeschrieben worden. IG Metall und Linkspartei nennen die Tendenz alarmierend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708808,00.html
Jobs statt Arbeit. Schlecht bezahlt und nur für kurze Zeit. So sieht es aus das "Jobwunder" was das Hetzblatt unserer degoutanten Kanzlerin im Wochenrhythmus propagiert.
3.
Callimero 28.07.2010
Zitat von sysopDie Konjunktur zieht an, und der Jobmarkt stabilisiert sich - einen wirklichen Boom erlebt aber nur die Leiharbeit: Laut Bundesagentur für Arbeit ist im Juni jedes dritte Jobangebot in der Zeitarbeitsbranche ausgeschrieben worden. IG Metall und Linkspartei nennen die Tendenz alarmierend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708808,00.html
Zeitarbeit = Staatlich geförderte moderne (Lohn)Sklavenhaltung Deutschland ist mittlerweile europäisches Billiglohnland. Fast alle haben uns mit den Löhnen bzw. der Lohnentwicklung überholt. Die Zeitarbeit war hierzu mit das wichtigste Instrument, Druck auf die Löhne auszuüben und einen Billiglohnsektor neben den eigentlichen tariflichen Löhnen entstehen zu lassen. Und das alles mit Segen der Politik, also unsere eigenen, gewählten "Volksvertreter", der es in erster Linie um eine geschönte Arbeitslosenstatistik und um die Wiederwahl der Verantwortlichen geht. Leider muss man den Deutschen zum Kampf für seine Rechte, zu Demonstrationen, hintragen, da er zusätzlich durch die Massenmedien betäubt, viel zu träge ist. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden...
4. .
VerHartzter 28.07.2010
Meiner Meinung nach hat Zeitarbeit schon seine Berechtigung, wenn es richtig gemacht wird. Zum Abfangen von Spitzen oder bei schnellem Aufbau der Firma, wo die Chance besteht, dass die Zeitarbeiter übernommen werden. Um hier die Sklavenverleihe von den seriösen Arbeitnehmerüberlassungen zu trennen ist nur eins nötig: Die gesetzliche Vorgabe das Leiharbeiter das gleiche verdienen müssen, wie das Stammpersonal. Dadurch wird der Leiharbeiter für die Firma teurer als Festangestellte. Problem gelöst.
5. Teilhabe am Arbeitsmarkt
Berlinjoey 28.07.2010
Zitat von sysopDie Konjunktur zieht an, und der Jobmarkt stabilisiert sich - einen wirklichen Boom erlebt aber nur die Leiharbeit: Laut Bundesagentur für Arbeit ist im Juni jedes dritte Jobangebot in der Zeitarbeitsbranche ausgeschrieben worden. IG Metall und Linkspartei nennen die Tendenz alarmierend. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708808,00.html
Zeitarbeit bedeutet Teilnahme am Arbeitsleben. Ein Teil der Zeitarbeitnehmer wird vom Kundenbetrieb übernommen, Zeitarbeit ist ein Brücke und ein Sprungbrett in andere Beschäftigungen. Die Zeitarbeit bietet besonders Gering- und Nichtqualifizierten die Möglichkeit zu arbeiten. Die Alternative ist zu Hause hocken, Unterschichtenfernsehen und Alkohol. Die Gewerkschaften toben, weil sie in der Zeitarbeit noch weniger Einfluss haben, als in anderen Branchen. Dabei haben die Gewerkschaften in Jahrzehnten den Arbeitsmarkt selbst einbetoniert. Gäbe es nicht so unflexible Arbeitsgesetze wäre auch die Zeitarbeit nicht so erfolgreich. Die Linkspartei hat Angst ihre Klientel würde mit Arbeit einen sozialen Aufstieg erleben und dann ihr Kreuzchen woanders machen. Den Postkommunisten ist es am liebsten, wenn noch mehr Menschen von Hartz4 lebten. Diese sind alle potentielle Wähler.
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Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.

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