Schwere Wirtschaftskrise Brasilien muss beim Karneval sparen

Das frühere Boomland Brasilien steht vor der schwersten Rezession seit den dreißiger Jahren. Selbst die legendären Karnevalsumzüge können sich viele Städte nicht mehr leisten.

Karneval in São Paulo (Archivbild): Party gestrichen
REUTERS

Karneval in São Paulo (Archivbild): Party gestrichen


Brasiliens Karneval ist normalerweise eines der größten Feste der Welt - doch in diesem Jahr wird es deutlich weniger bunte Umzüge geben. Wie die "Financial Times" ("FT") berichtet, müssen immer mehr Städte ihre Festivitäten aus Geldmangel absagen.

So könne beispielsweise die Drei-Millionen-Menschen-Metropole Campinas im Bundestaat São Paulo keine öffentlichen Gelder mehr für den Umzug der örtlichen Sambaschulen bereitstellen. Die Steuereinnahmen seien eingebrochen, sagte Bürgermeister Gabriel Rapassi der Zeitung. Man könne sich die umgerechnet gut 300.000 Euro teure Party schlicht nicht leisten.

Städte wie Porto Ferreira, Macapá oder Lavras do Sul hätten den Karneval sogar komplett gestrichen, berichtet die "FT" weiter. Weitere Städte dürften folgen. Brasiliens größte Karnevalsparty in Rio kann indes wohl wie gewohnt stattfinden. Die Karnevalszeit beginnt Anfang Februar.

Der brasilianische Karneval ist eine der Hauptattraktionen des Landes. Im vergangenen Jahr kamen allein eine Million Touristen nach Rio, um sich die Umzüge anzuschauen. Für die Brasilianer ist der Karneval die wichtigste Ferienzeit des Jahres. Die Umzüge gelten als Symbol der brasilianischen Lebensfreude. Und sie galten bislang als unverzichtbar: Selbst 2008, im Jahr der Weltfinanzkrise, waren sie nicht abgesagt worden.

"Brasilien am Rande des Abgrunds"

Derzeit aber ist den meisten Brasilianern so gar nicht nach Feiern zumute. Ökonomen zufolge steht das Land vor der schwersten Rezession seit den dreißiger Jahren, allein im vergangenen Jahr ist die Wirtschaft um 3,7 Prozent geschrumpft, im laufenden Jahr könnte sie um weitere drei Prozent zurückgehen. Arbeitslosigkeit und Inflation sind in bedenkliche Höhen gestiegen. Die Landeswährung Real ist abgestürzt. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat brasilianische Staatsanleihen auf Ramschniveau zurückgestuft.

Hinzu kommen schwere Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung. Präsidentin Dilma Rousseff droht ein Amtsenthebungsverfahren; laut einem Gerichtsurteil hat ihre Regierung aus Wahlkampfkalkül 2014 die Haushaltsbücher manipuliert. Parlamentspräsident Eduardo Cunha soll mehreren Kronzeugen zufolge fünf Millionen Dollar Schmiergeld aus Geschäften der halbstaatlichen Ölgesellschaft Petrobras bezogen haben.

Der Ökonom Nouriel Roubini warnte kürzlich vor einer gefährlichen Spirale: Ohne ein wirksames Sparprogramm "wird das Land von den Ratingagenturen weiter herabgestuft, der Real wird seinen Verfall beschleunigen, und die Wirtschaft wird weiter schrumpfen", sagte er der "Folha de Sao Paulo", der größten Tageszeitung des Landes. "Brasilien steht am Rande des Abgrunds."

Da hilft auch Jesus nicht: Brasilien steht am Abgrund, die Machtelite ist zerfressen von der Schmiergeld-Mentalität, der Bevölkerung stehen Jahre Arbeitslosigkeit und Armut bevor.

Ein geschlossenes Lagergelände im brasilianischen Macae. Brasilien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die politische Führung macht die weltwirtschaftliche Lage dafür verantwortlich. Doch Top-Politiker leisten ihren Beitrag für den Abstieg des Landes.

Da wäre etwa Parlamentspräsident Eduardo Cunha. Es gibt starke Indizien, dass er Schmiergeldzahlungen bekommen hat. Doch der Politiker denkt nicht an Rücktritt.

Die halbstaatliche Ölgesellschaft Petrobras steht im Mittelpunkt einer gigantischen Korruptionsaffäre, die das Land erschüttert. Politiker nutzten die Firma offenbar als Selbstbedienungsladen. Der Skandal schreckt Investoren ab.

Präsidentin Dilma Rousseff bekommt die Krise nicht in den Griff. Sie setzte darauf, dass die Bürger durch niedrige Zinsen mehr kaufen. Doch stattdessen wurde die Inflation angeheizt.

Der frühere Präsident Luiz Inacio Lula Da Silva hatte starken Rückhalt im Volk. Aber inzwischen ist klar: Bereits während seiner Amtszeit kassierten Politiker und Manager Milliarden aus zwielichtigen Petrobras-Geschäften.

Die Industriestadt Itaboraí bei Rio de Janeiro ist ein Symbol für den Verfall. Petrobras wollte hier massiv investieren. Doch Korruptionsfälle wurden bekannt, dem Konzern ging das Geld aus. Tausende Menschen verloren ihren Job.

Die Armen versuchen, sich selbst zu helfen. Hier eine Szene aus Rio de Janeiro. Dutzende Familie zogen in dieses Gebäude ein, das leer stand. Die Regierung versucht oftmals, die Menschen umzusiedeln.

Blick auf ein Slum in Rio de Janeiro: Für viele Arme gibt es derzeit kaum Aussichten, in die Mittelschicht aufzusteigen. Zu viele Probleme lähmen das Land.

Oft sind es Nichtregierungsorganisationen, wie hier in Sao Paulo, die den Armen helfen. Jahrelang wurde Korruption in Schwellenländern wie Brasilien als Kavaliersdelikt angesehen.

Viele Ärmere versuchen, sich selbst Recht zu verschaffen - etwa indem sie Gebäude besetzen. Hier bringen Hausbesetzer ihre Habseligkeiten wieder zurück in ein Slum, weil Behörden sie aus bereits vergebenen Sozialwohnungen vertrieben haben.

ssu

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
carahyba 12.01.2016
1. Umzüge ...
Früher wurde Carneval auch ohne teure Umzüge gefeiert.
MatthiasPetersbach 12.01.2016
2.
Nun, was zu streichen, weil man kein Geld mehr hat, ist in D gerade NICHT Mode. Ist trotzdem sinnvoll.
gigi76 12.01.2016
3. Karneval in Campinas...
geschenkt. Vollkommen richtig in Krisenzeiten zu sparen.
eckawol 12.01.2016
4. Dilma Rousseff schafft sich ab
Rein rational ist die Sparmaßnahme akzeptabel. Der Carneval ist aber ein feierlicher Höhepunkt der Armen in Brasilien. Mit den auf Regierungsebene und bei brasilianischen Staatsbetrieben oder überwiegend staatlichen Unternehmen(Petrobras) geflossenen Schmiergelder könnten aber die Einsparungen vermieden werden. Wie wäre es also mit "Spenden" der "Spenden-Begünstigten"?
kaibrasil 12.01.2016
5. Deprimierend
Entweder Boom oder Absturz, schwarz oder weiss. Meine Güte, schaut Euch doch mal hier um, statt reisserische Agenturmeldungen im Ton von Grabesreden nachzubeten. Schreibt doch mal was über die Menschen, die teilweise verblüffende Lösungen finden, um ihr Überleben zu sichern. Fragt doch mal die Leute auf der Strasse, statt irgendwelche "Experten" zu zitieren. Die Lage ist mies, kein Zweifel, aber warum diese Abgesänge?
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