Grenzkontrollen am Brenner Verspätungen bis Bielefeld und Verona

Der Brenner ist die wichtigste Güterverbindung Europas. Das österreichische Heer hat bereits Posten bezogen, Bayern will seine Grenzkontrollen ausbauen. Das gefährdet den Handel - und kommt teuer.

Österreichische Polizeikontrolle am Brenner
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Österreichische Polizeikontrolle am Brenner

Vom Brennerpass berichtet


Als Lokführer Max Saller endlich den Beschleunigungshebel umlegt, kriechen bereits die ersten Schatten die Alpenhänge hoch. Die Sonne steht tief im Westen. Stetig nimmt sein Zug Fahrt auf, 520 Meter lang, 1291 Tonnen schwer, beladen mit Gerste, roten Marmorkieseln und Stahl für die deutsche Industrie.

Vor Saller liegt die Fahrt über den Brenner, Europas wichtigster Gütertrasse. Sie verbindet die beiden Industrienationen Deutschland und Italien. Beide Länder sind mittelständisch geprägt, haben viele Zulieferer, die Handelsketten sind komplex. Kartoffeln aus Deutschland gehen nach Italien und kommen als Chips zurück. Ton aus Limburg wird in Italien zu Fliesen verarbeitet, die in deutschen Badezimmern verlegt werden. Deutscher Schrott wird in Italien zu Stahlträgern gegossen und über die Schienen zurückgeschickt. Dazu kommen das Automobilgewerbe, die Pharmaindustrie, Chemie.

Vergangenes Jahr wurde ein neuer Handelsrekord zwischen den Ländern aufgestellt. Etwa 43 Millionen Tonnen Waren passieren pro Jahr den Alpenpass, 70 Prozent per Lkw, 30 Prozent per Güterzug.

Lokführer Max Saller
Raphael Thelen

Lokführer Max Saller

Saller trägt feste Arbeitsschuhe zum kurzärmligen Karohemd und die Haare kurz geschnitten. Zugfahren ist sein Element. Sein Großvater war Lokführer, sein Vater arbeitete bei der Bahn, er selbst spielte als Kind mit einer Modelleisenbahn, die bis heute auf seinem Speicher lagert.

Er ist ein pragmatischer Typ. Er will, dass die Dinge funktionieren. Was ihn nervt: Kollegen, die ein loses Kabel nicht feststecken; Betriebsleiter, die unnötige Lokwechsel durchführen; Politiker, die Grenzkontrollen anordnen, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen.

Nach wenigen Kilometern, kurz hinter der österreichischen Grenze, muss Saller schon wieder auf 20 Stundenkilometer herunterbremsen. Er tut dies auf Befehl. Der Befehl kommt vom österreichischen Heer.

Der Zug kriecht eine Plattform aus gestanzten Metallplatten entlang, daneben ragt ein Beobachtungsturm auf. Soldaten stehen in Flecktarnuniform auf dem Turm und auf der Plattform. Ihre Blicke wandern die Waggons entlang. Sie fahnden nach Menschen, die versuchen, mit dem Zug nach Norden zu reisen, um dort um Asyl zu bitten.

Österreichischer Posten nahe Gries am Brenner
REUTERS

Österreichischer Posten nahe Gries am Brenner

"Völliger Wahnsinn ist das", sagt Saller - nicht wütend, sondern in ruhigem Ton. Er sagt das, weil verhältnismäßig wenige Menschen tatsächlich auf dieser Strecke unterwegs sind. Die Österreicher haben im Juli zehn Personen aufgegriffen. Im Vormonat waren es vier. Saller sagt das auch, weil ihm bewusst ist, dass die Kontrollen den freien Handel in Europa bedrohen.

"Abweichungen machen alles kaputt"

Saller weiß, wovon er spricht. Er arbeitet nicht nur als Lokführer, sondern auch in der Streckenplanung. Erst kürzlich entwickelte er für seinen Arbeitgeber Lokomotion die Pläne, wie die Züge auf der neuen Strecke Rostock - Cervignano am schnellsten vom Start zum Ziel kommen. Saller kennt nicht nur viele Fahrpläne auswendig, sondern auch alle wichtigen Strecken Deutschlands, alle Grenzen und alle Grenzkontrollen.

Die Probleme gingen los am 20. Juni 2017 in Raubling. Ein kleiner Bahnhof in Oberbayern, zwei Gleise, bis zur österreichischen Grenze sind es zehn Kilometer. Die deutsche Bundespolizei begann, Züge zu stoppen, um sie zu kontrollieren. Nicht jeden, nur stichprobenartig, aber weil dort nur zwei Gleise liegen, mussten die nachfolgenden Züge warten. Oft staute es sich bis ins 30 Kilometer entfernte Kufstein. Es kam zu Verspätungen von bis zu sechs Stunden. "Solche Abweichungen machen alles kaputt", sagt Saller. "Die Fahrpläne, die Schichten der Lokführer. Die Kunden rufen verärgert an und fragen, wo ihre Waren bleiben. Alles ist so eng getaktet, dass sich eine Verspätung schnell bis nach Bielefeld und Verona zieht."

Unternehmen wie Lokomotion haben Druck auf die Politik gemacht. Daraufhin verlegte die Bundespolizei im Oktober die Kontrollen auf mehrere Abstellgleise in Rosenheim. Seitdem kommen nur noch die kontrollierten Züge zu spät, alle anderen können passieren, vorausgesetzt, sie geraten nicht in eine österreichische oder italienische Kontrolle.

Ruby van der Sluis, Vertriebsleiterin von Lokomotion, sitzt in ihrem Büro am Rande Münchens. Das Unternehmen beschäftigt etwa 160 Menschen, 2017 hat die Firma gut 70 Millionen Euro Umsatz gemacht und etwa 8000 Züge über den Brenner geschickt.

Van der Sluis stammt aus den Niederlanden, ist aber in Frankreich geboren und in Deutschland aufgewachsen. Der europäische Zusammenhalt liegt ihr am Herzen. Als studierte Volkswirtin kennt sie die wirtschaftliche Verflechtung. Sie weiß, wie wichtig die Verbindungen zwischen Italien und Deutschland sind.

Lokomotion hat erst kürzlich für etwa 32 Millionen Euro neue Loks angeschafft. Doch mit den Grenzkontrollen war all das gefährdet: der Warenverkehr, der Handel, das wirtschaftliche Wachstum.

Vergeltungsmaßnahmen anderer Länder

Die Kosten pro Zugfahrt stiegen um gut 25 Prozent. Kunden drohten massenhaft mit dem Absprung. Die schlimmsten Folgen konnte Lokomotion abwenden. Das Geschäftsergebnis blieb 2017 allerdings weit hinter den Erwartungen zurück. Deshalb verfolgt Vertriebsleiterin van der Sluis sehr genau die Ankündigungen von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der mit seinem "Masterplan Migration" schärfere Kontrollen an der bayerischen Grenze fordert. Ihre Kritik formuliert sie kaufmännisch-vorsichtig: "Wenn es jetzt wieder zu Vollkontrollen käme, wäre das für uns sehr schwierig."

Lkw-Verkehr am Brenner
DPA

Lkw-Verkehr am Brenner

Andere sind weniger zurückhaltend. Sabine Lehmann ist Geschäftsführerin des Landesverbands Bayerischer Spediteure. Sie vertritt Lkw-Transportfirmen. Manchmal komme ihr angesichts der Lage der Satz von Walter Ulbricht in den Sinn: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen", hatte der Staatsratsvorsitzende der DDR 1961 beteuert. Kurz darauf begann der Bau der Mauer.

Lehmann spielt auf die Straßenkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze in Kufstein an. Sie wurden schon am 15. September 2015 eingeführt, ursprünglich zeitlich begrenzt auf 30 Tage, mit einer möglichen Verlängerung um weitere 30 Tage. Sie bestehen bis heute.

Die Fahrtzeit auf der Strecke Bayern-Tirol habe sich dadurch um 20 Prozent verlängert. Spediteure, die früher fünf Fahrten machen konnten, schaffen nur noch vier, und das bei gleichbleibenden Kosten für Fahrzeuge und Fahrer.

Außerdem würden die deutsche Grenzkontrollen zu Vergeltungsmaßnahmen seitens anderer Länder führen. "Böse Zungen behaupten, die Österreicher hätten deshalb die Blockabfertigung in Tirol eingeführt, die jetzt deutschen Lkw-Unternehmen schadet", sagt Lehmann.

Grenzkontrollen machen Europa weniger wettbewerbsfähig

Besondere Sorge bereitet ihr die neue bayerische Grenzpolizei. Seehofers Parteikollege, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, hat sie kürzlich gründen lassen. Anfänglich mit 500 Beamten soll sie zusätzlich zur Bundespolizei Grenzkontrollen durchführen und später auf 1000 Beamte aufgestockt werden. Von 1945 und 1998 existierte die bayerische Grenzpolizei bereits. Mit dem Beitritt Österreichs zum Schengenabkommen wurde sie jedoch aufgelöst. Menschen und Güter sollten frei reisen können. Jetzt wird die Vereinbarung teilweise zurückgenommen. Lehmann sieht das kritisch: "Je mehr man solche Grenzkontrollen institutionalisiert, desto mehr bewegen wir uns in Richtung eines Europas, in dem es keine Bewegungsfreiheit mehr gibt."

Für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft könnte das schwerwiegende Folgen haben. Jörg Buck ist Geschäftsführer der Auslandshandelskammer in Rom. Er vertritt die Interessen deutscher Unternehmer, kennt ihre Sorgen. Die Kammer verweist auf eine Berechnung des italienischen Transportverbands Conftrasporto. Demnach entstehen allein durch die österreichische Lkw-Blockabfertigung der gesamten Wirtschaft für jede dadurch verursachte Stunde Verspätung Kosten von 370 Millionen Euro. Und 170 Millionen Euro davon müssten die Transportunternehmen schultern.

"Grenzschließungen sind für die engverflochtenen Wertschöpfungsketten zwischen Italien und Deutschland ein Desaster", sagt er. "Da ist ja alles just in time." Gerade viele Zulieferer im Automobilbereich sind mittelständisch. Der Wettbewerb ist hart, die Margen klein. Extrakosten im Bereich Logistik gingen schnell an die Substanz. "Da ist Angst", sagt Buck. Auf dem Spiel stehe auch die Wettbewerbsfähigkeit vieler Betriebe gegenüber der Konkurrenz aus China und den USA.

"Bald sind ja die Landtagswahlen in Bayern"

"Ein Treiber des neuen deutsch-italienischen Handelsrekords ist das Thema Industrie 4.0", sagt Buck. Die italienische Regierung setzt seit 2016 in ihrer Industriepolitik erstmalig auf Digitalisierung, setzt Unternehmen fiskalische Anreize in diesem Bereich. 13 Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln hat sie dafür versprochen. Das hat einen Investitionsstau gelöst, viele italienische Unternehmen gehen in Deutschland auf Shoppingtour. "Es besteht da eine riesige gegenseitige Abhängigkeit", sagt Buck. "Ein Ende von Schengen wäre eine Katastrophe."

Bayerns Ministerpräsident beim Start der Kontrollen der neuen Grenzpolizei
DPA

Bayerns Ministerpräsident beim Start der Kontrollen der neuen Grenzpolizei

Max Saller hat in seinem Güterzug kurz vor München noch 45 Minuten Verspätung. Einen Teil davon wird er noch aufholen können. Der Zug rollt durch die Landschaft, die untergehende Sonne färbt den Himmel rosa und lässt die Gleise golden leuchten. Es sind diese Momente, für die er seinen Job liebt.

Als der Zug seinen Heimatort passiert, drückt er zweimal auf einen Knopf am Pult vor ihm. Laut erschallt die Hupe der Lok, ein Gruß an eine Freundin, die in der Nähe wohnt. Die ruft auf seinem Handy an und beschwert sich über die vermeintliche Lärmbelästigung. Saller grinst.

Wie es weitergeht im Grenzverkehr? Sein Blick wird ernst. "Das hängt von der Politik ab. Wenn ich mir die Flüchtlingszahlen angucke, kann ich nicht glauben, dass es damit zu tun hat", sagt Saller, blickt stur durch die Windschutzscheibe und schiebt hinterher: "Aber bald sind ja die Landtagswahlen in Bayern."



insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
haarer.15 05.08.2018
1. Grenzkontrollen
Es kommt wohl noch viel doller. Viel Spaß auch, wenn in Bayern die Sommerferien enden und der Rückreiseverkehr aus dem Süden einsetzt. Bereits im Juni hab ich einen Vorgeschmack erhalten. Es kommt, was kommen musste - dank solcher Kurzsicht-Politik.
newline 05.08.2018
2. Ich kann mich erinnern,
wie LKW-Fahrer den Brenner blockierten, um gegen die schleppenden Grenzkontrollen zu protestieren. Ein gewisser Franz-Josef Strauß lies sich zu ihnen fliegen und versicherte ihnen seine Solidarität. Harry Valerien berichtete live im ZDF. Wenn Schengen erledigt ist, was kommt als nächstes?
salomohn 05.08.2018
3. Was das kostet!
Wenn man die Kosten und den Streß betrachtet, kommen den Speditionsprofis, Mittelständlern und Konzernen zu recht die Tränen. Das alles, nur um Show zu machen für die Bayern, statt eine konkrete, einfache Einwanderungsregelung.
markus.pfeiffer@gmx.com 05.08.2018
4. Nicht zu Ende gedacht
"Wenn es jetzt wieder zu Vollkontrollen käme, wäre das für uns sehr schwierig." Schwierig wird es vielleicht kurzfristig wegen verärgerter Kunden - so lange, bis diese Kunden mitbekommen, dass die Verspätungen der per LKW transportierten Güter durch Vollkontrollen um ein Vielfaches größer sind als auf der Schiene. Bei der derzeitigen Grenzinfrastruktur dürfte bei Vollkontrollen ind Österreich und nochmal in Deutschland die Strecke von Verona bis Kufstein für einen LKW ca. 6 Tage dauern - in einem einzigen gigantischen Stau.
Shevchenko 76 05.08.2018
5. Ist doch okay!
Verhältnismäßige Grenzkontrollen sind doch in Ordnung und notwendig. Man muss ja nicht alles dem Profit unterordnen. Auch Schleierfahndung sollte ausgeweitet werden. Die illegale Migration ist da als Grund eher zweitrangig. Viel mehr muss damit Waffenhandel, Autoschieberei, Menschenhandel...halt organisierte Kriminalität allgemein bekämpft werden!
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