Brexit-Angst der britischen Wirtschaft "Die dümmste Idee seit hundert Jahren"

Das politische Hin und Her in Großbritannien hinterlässt Spuren in der Wirtschaft. Das Konsumklima auf der Insel fällt, auch Irland fürchtet Wachstumseinbußen. Der Ryanair-Chef attackiert die Brexiteers scharf.

London
REUTERS

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Die andauernde Hängepartie über die Modalitäten des britischen Austritts aus der EU verunsichert Konsumenten und Wirtschaft in Großbritannien. In einer Erhebung des Umfrageinstituts YouGov ist das Konsumklima auf der Insel erneut gesunken. Mit einem Wert von 104,3 Punkten lag es im Januar auf dem niedrigsten Wert seit Mai 2013. Zwar bedeutet ein Wert über der Marke von 100 laut YouGov, dass die Konsumenten im Schnitt eher positiv in die Zukunft blicken. Der Abwärtstrend ist allerdings deutlich: Innerhalb von vier Monaten hat sich das Geschäftsklima um 3,8 Punkte verschlechtert.

Ebenfalls unter Druck ist ein zweiter Indikator von YouGov: Die Geschäftserwartungen für das kommende Jahr gingen um 2,7 Punkte auf nun 112,9 Punkte zurück. Das ist der niedrigste Stand, seit YouGov 2011 mit den Aufzeichnungen begonnen hat. Das Unternehmen befragt für seine Erhebung mehr als 6000 Personen pro Monat.

Ryanair-Chef greift Brexiteers an

Kurz vor der wichtigen Abstimmung im Unterhaus kamen aus der Wirtschaft teils vernichtende Bewertungen des Kurses der Regierung in London. Der Chef der irischen Billigfluglinie Ryanair etwa hält den Brexit für die "dümmste Idee seit hundert Jahren". Er sei sich aber sicher, dass es "keinen harten Brexit geben wird", sagte Michael O'Leary.

Für die beste Lösung hält der Ryanair-Chef eine Übergangsphase im Verhältnis von Großbritannien und der EU, in der "es sich London noch mal anders überlegt und doch in der EU bleibt". Sollte es ein zweites Referendum geben, würde O'Leary auf ein anderes Ergebnis als noch bei der Abstimmung 2016 tippen, da aus seiner Sicht dann mehr jüngere Leute teilnehmen würden. "Aber es würde auch zu mehr politischen Problemen in Großbritannien führen."

Brexit-Verfechter in London
AP

Brexit-Verfechter in London

Große Sorge in Irland

Im EU-Mitglied Irland wachsen indes Sorgen vor massiven Wachstumseinbußen. Finanzminister Paschal Donohoe warnt vor einem "erheblichen Abschwung" im Falle eines ungeordneten Brexits. Das Wirtschaftswachstum Irlands werde dann deutlich geringer ausfallen als bislang mit plus 3,6 Prozent prognostiziert. Bei einem No-Deal-Brexit werde das Wachstum eher bei unter einem Prozent liegen.

Zuvor hatten sich Spitzenvertreter britischer Handels- und Restaurantketten mit einem dramatischen Brief an alle britischen Abgeordneten gewandt - und vor Problemen mit der Lebensmittelversorgung gewarnt. Es gebe zwar Notfallpläne, dennoch rechneten die Konzerne mit "erheblichen Risiken für die Aufrechterhaltung von Wahlmöglichkeiten, Qualität und Haltbarkeit" des Lebensmittelangebots.

Die im Zuge eines harten Brexits höheren Kosten, Währungsschwankungen und Zölle hätten zur Folge, dass sich Konsumenten auf "unausweichlichen Druck auf Lebensmittelpreise" einstellen müssten.

beb/dpa

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insgesamt 29 Beiträge
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m.klagge 29.01.2019
1. Sehr Seltsam.
Plötzlich wird aus dem selbst bei SPON als äußerst unangenehmer Zeitgenosse geführten Herrn O'Leary ein guter Prophet, der für eine von und für die Neoliberalen zurechtgeschnittene EU trommelt. Aber keine Sorge. Es wird geschehen was die Banken und die Industrie wollen. Das britische Volk hat ganz eindeutig einen Feler gemacht, vor dessen Folgen es geschützt werden muss. Erstmal durch die Verschiebung des Brexit auf St. Nimmerlein.
alt-nassauer 29.01.2019
2. Die wirklich dümmste Idee war und ist...
1973 Großbritannien in die EWG auf zunehmen und nach dem 1975 Referendum - noch Pro EWG. Diese Briten bis Heute mit deren Rosinenpickerei durch zu schleppen. Alle Vorzüge der EWG/EU eingeheimst und gleichzeitig mit Verpflichtung und sehr wichtig Europäische Gemeinsamkeiten nichts am Hut haben wollen. Nun geht die Schmieren Komödie so richtig los... Wie wäre es mit Rauswurf am 28 März 2019! Das wäre auch ein Zeichen... Das wäre weniger Dumm!
Johann Dumont 29.01.2019
3. wohl kaum !
Die Briten sind jedenfalls bei der nächsten Euro Rettung nicht dabei. Auch die Zukunft des Euro, die durch unterschiedliche Produktivität in Europa nur mit einem differenzierten Eurosystem mit zwei Wertungen zu lösen ist - kann den Briten egal sein. Seit über 20 Jahren wird in der Londoner City mehr Geld generiert als durch die gesamt weitere Volkswirtschaft. Das wird in Zukunft ähnlich funktionieren - durch lockere Gesetze holt London ein Stück vom Kuchen aus der Schweiz und Singapure zurück nach Great Britan. Im Übrigen sind die Briten einfach härter im Nehmen, auch im Wegnehmen.
EinerVon80Mio 29.01.2019
4. In zwei drei Jahren kräht kein Hahn mehr danach
denn entweder schaffen es die Briten alleine oder eben nicht. Vielleicht waren sie nur die Ersten, vielleicht auch die Letzten. Mir ist dieser Tumult echt zuwider. Heirat aus Liebe aber Scheidung ist nunmal ein Geschäft. Also zieht das jetzt durch und heult nicht wegen gestern rum. Wir haben echt wichtigere Aufgaben zu lösen.
Mr Bounz 29.01.2019
5. Beitrag 3
Die Briten sind beim Euro nicht dabei. Ihre Argumentation ist somit ab dem ersten Satz fehlerhaft. Zum Thema City haben Sie das, vermutlich unabsichtlich, richtig formuliert als Sie "Geld generiert" geschrieben haben. Sie Blase platzt auch wenn der Zugang zu den Milliarden der EU Bürger weg fällt. Und noch zu den Differenzen der Wirtschaftsleistung innerhalb der EU, schauen Sie Mal in England zwischen London und .... In diesem Sinne Bye Bye Britania.
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