Brexit-Folgen Bankendämmerung in London

Der Brexit gefährdet Londons Status als europäische Finanzhauptstadt, Tausende Jobs sind in Gefahr. Die großen Banken geben sich bisher gelassen - doch sie bereiten sich auf den Ernstfall vor.

Bank of England
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Von Sascha Zastiral, London


Wie ein Koloss liegt die Bank of England in der City of London, dem Finanzzentrum der britischen Hauptstadt. Hohe Säulen lassen das siebenstöckige Gebäude aussehen wie einen römischen Palast. Die gusseisernen Türen sind tonnenschwer. Der gesamte Gebäudekomplex ist umringt von einer meterhohen, fensterlosen Mauer. Die Bank of England - Großbritanniens Zentralbank - ist in vielerlei Hinsicht das Herz der britischen Finanzindustrie.

Mark Carney ist der Chef der Bank of England - und wird nie müde, vor den möglichen Folgen des Brexits zu warnen. Bereits im vergangenen Jahr hat der kanadische Ökonom alle Banken, die Geschäfte auf dem europäischen Kontinent machen, dazu aufgefordert, ihre Notfallpläne für den Brexit der Zentralbank mitzuteilen. Carney weiß, dass es Grund zur Sorge gibt: Insidern zufolge rechnet die Bank of England damit, dass der Brexit im schlimmsten Fall 65.000 bis 75.000 Jobs im britischen Finanzsektor kosten könnte.

Zentralbankchef Mark Carney
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Zentralbankchef Mark Carney

Denn so, wie es derzeit aussieht, werden die Banken in der City nach dem EU-Austritt das sogenannte Passporting-Recht verlieren, das ihnen bislang ermöglicht, EU-weit Geschäfte zu machen. EU-Verhandlungsführer Michel Barnier hat mehrfach klargemacht, dass er keine Möglichkeit sieht, wie die Londoner Banken nach dem Brexit dieses Recht behalten könnten. Kürzlich sagte er, die EU brauche die City of London nicht. Ein Sonderabkommen für den britischen Finanzsektor werde es nicht geben.

Droht der britischen Finanzindustrie also bald eine massenhafte Verlagerung von Arbeitsplätzen? Städte wie Paris, Frankfurt und Dublin werben schon jetzt massiv um die Jobs, die von der Insel herüberkommen könnten.

Fünf führende US-Investmentbanken, unter ihnen JP Morgan und Goldman Sachs, lassen sich im Moment zumindest nach außen hin jedoch noch keine Brexit-Panik anmerken. Sie suchten Berichten zufolge noch im Februar in London nach rund 1500 neuen Mitarbeitern. In Dublin, Paris und Frankfurt haben dieselben Firmen nur weniger als 200 Stellen ausgeschrieben.

Und auch das Volumen der internationalen Kredite, die Londoner Banken vergeben, lässt nicht darauf schließen, dass hier in Kürze der Betrieb zurückgefahren werden könnte. Ganz im Gegenteil: Ende 2017 stieg diese Kreditvergabe so schnell an wie seit dem globalen Finanzcrash 2008 nicht mehr. Waren alle Warnungen nicht mehr als heiße Luft?

"Bis jetzt hat es nur ein paar Ankündigungen von Jobverlagerungen gegeben", sagt der "Financial Times"-Journalist und Finanzmarktexperte Chris Giles. Die gingen aber bei Weitem nicht in die Zehntausende, wie anfangs befürchtet worden war. "Aber", fügt er hinzu: "Die Firmen in der City haben auch keinen Anreiz, Jobverlagerungen anzukündigen. Hinter den Kulissen werden durchaus Krisenpläne umgesetzt. Bestimmte Unternehmensfunktionen werden in die Eurozone verlegt, damit die Geschäfte nach dem Brexit weiterlaufen können."

Bankenviertel "Canary Wharf" in London
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Bankenviertel "Canary Wharf" in London

Ein Sprecher der Deutschen Bank bestätigt, dass Vorbereitungen getroffen würden. "Wir müssen uns überlegen, welche Dienstleistungen man weiter aus London anbieten kann, welche Dienstleistungen man weiter aus London anbieten darf und welche Dienstleistungen man nicht mehr aus London heraus anbieten darf", sagt Frank Hartmann. "Da sind wir schon relativ weit. Konkrete Entscheidungen dazu gibt es bislang aber noch nicht." Bevor Entschlüsse publik gemacht würden, wolle man mit den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sprechen.

"Nicht mehr nur Krisenplanung"

Andere Stimmen aus der City of London deuten darauf hin, dass man sich dort durchaus auf umfangreichere Jobverlagerungen einstellt. Aber die würden nicht auf einen Schlag erfolgen, sondern über mehrere Jahre verteilt. Mark Boleat hatte bis zum vergangenen Jahr eine führende Position in der Bezirksverwaltung der City of London inne. Er sagte kürzlich dem "Guardian", schon jetzt würden nach und nach Stellen aus London in andere Finanzzentren verlagert. In den kommenden Jahren könnte deren Zahl durchaus auf die anfänglich geschätzten 75.000 anwachsen.

"Das ist nicht mehr nur Krisenplanung", sagte Boleat. "Kurzfristig wird man mit Blick auf Mitarbeiterzahlen nicht viel merken . Die Banken werden keine Presseerklärungen herausgeben, in denen steht, dass sie einen Teil ihrer Geschäfte wegen des Brexits verlagern. Sie wollen die Publicity nicht. Sie machen das einfach." Derzeit mache das internationale Geschäft in der City of London 80 Prozent des Geschäfts aus. "In Zukunft werden es vielleicht um die 60 Prozent sein", glaubt Boleat.

Konservativer Jacob Rees-Mogg
AFP

Konservativer Jacob Rees-Mogg

Auch die Londoner Investmentfirma Somerset Capital Management (SCM) hat kürzlich ein sogenanntes Anlagevehikel in Dublin gegründet. In einem Prospekt warnte das Unternehmen vor den Risiken eines harten Brexits. Denn der könne "die Kosten erhöhen und es schwieriger machen (...), die Ziele (des Fonds) zu verfolgen." So weit nichts Ungewöhnliches.

Was der Sache jedoch einen seltsamen Beigeschmack gibt: Einer der Gründer und Mitinhaber von SCM ist der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg. Er steht einer Gruppe von rund 60 Brexit-Hardlinern in der konservativen Fraktion im Unterhaus des Parlaments vor und setzt sich für einen umfangreichen Bruch mit der EU ein.

Rees-Mogg wies den Verdacht zurück, seine Firma habe den Fonds in Irland gegründet, um sich gegen einen harten Brexit zu versichern. Eine Reihe "bestehender und potenzieller Kunden" habe um die Gründung des Anlagevehikels in Irland gebeten. "Die Entscheidung, den Fonds auf den Weg zu bringen, hat nichts mit dem Brexit zu tun", ließ der Politiker in einer Erklärung wissen. Die Warnung vor einem harten Brexit sei keine "Grundsatzerklärung" von SCM gewesen, sondern eine "Beratung für Investoren", die Anwälte verfasst hätten.

Video: Die Gier der Banker

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lanzarot 29.06.2018
1. Der Brexit gefährdet Londons Status als europäische Finanzhauptstadt
Die Meldung kam schon kurz nach dem Brexit-Votum und wird seither gebetsmühlenartig alle 2 Monate wiederholt.
archi47 29.06.2018
2. wollen wir solche Konzerne überhaupt noch hier?
Viele derer spekulativen Geschäftsmodelle laufen den kontinentalen Sanierungsnotwendigkeiten hier zuwider. Sie sollten doch eher mit den USA ihre "Geschäfte" machen, dort passen sie hin, als dass sie hier unsere Gesundung beeinträchtigen. Sie zögern offenbar auch aus innerer Einsicht, denn in der EU wird das Plündern der Realwirtschaft sicher weiter erschwert werden. Andernfalls gibt es hier keine Gesundung der Realwirtschaft. Das Plündern der Realwirtschaft führt eben zu ihrem Absterben, wie in GB und USA exemplarisch zu sehen. Da hilft auch kein Jammern und Protektionismus mehr, wenn nur "Groß sein" und "Andere für sich arbeiten lassen" respektabel ist. Solange dieses Einsicht in GB und USA nicht wahlentscheidend ankommt, sind die Organisationen besser dort aufgehoben, wo ihrer noch gehuldigt wird.
Egon von Trollingen 29.06.2018
3. Panikmache
Mit entscheidend für die Banken wohin sie sich bewegen wird die finanzielle Belastung sein. Sprich das steuerliche Entgegenkommen würde sie auch in London halten. Es gibt einige Bankenplätze in der Welt, die nun wirklich nichts mit der EU zu tun haben. Und da funktioniert alles prächtig. Kann jeder selbst mal nachlesen. Und im Grunde, wenn London zu teuer wird, kann alles nach Asien verlagert werden. Heute können Banker überall ihren Geschäften nachgehen, nur gefallen muss es ihnen in ihrem Arbeitsumfeld. Da kommt Ffm schlecht weg, auch wenn sich Profiteure eine Bankenverschiebung dorthin (höhere Lebenskosten in der Stadt und im Speckgürtel) wünschen. Und wenn vor Ort Arbeitsplätze wegfallen, entstehen anderswo neue. Globalisierung eben. Finden doch fast alle toll...
iffelsine 29.06.2018
4. Es braucht ja nur einen formalen Sitz in einem EU-Land
Dank IT kann die Arbeit weiter in GB erledigt werden - also keine Panik !
Ökofred 29.06.2018
5. ja .. und?
Zitat von lanzarotDie Meldung kam schon kurz nach dem Brexit-Votum und wird seither gebetsmühlenartig alle 2 Monate wiederholt.
Waum auch nicht, insbesondere wenn sie richtig ist. Für London vlt gar nicht schlecht, dann fallen die Immobilienpreise und auch Normalsterbliche können sich wieder leisten, in London zu wohnen (wenigstens zur Miete!)
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