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Argumente der Brexit-Befürworter: Der Traum vom Singapur auf Steroiden

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Skyline der City of London: Traditionelle Skepsis gegenüber der EU Zur Großansicht
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Skyline der City of London: Traditionelle Skepsis gegenüber der EU

Ohne EU geht es der britischen Wirtschaft besser: Das versprechen Brexit-Befürworter, die mehr Handel und weniger Bürokratie erwarten. Doch ihre Hoffnungen sind mit hohen Risiken behaftet.

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Sollten die Briten am 23. Juni für einen Austritt aus der EU stimmen? Kaum eine Gruppe antwortet auf diese Frage derzeit lauter mit Nein als Wirtschaftvertreter.

Am Dienstag warnten die Chefs von rund 200 britischen Unternehmen wie Vodafone Chart zeigen, Jaguar Land Rover und Shell Chart zeigen mit einem offenen Brief in der "Times" vor dem sogenannten Brexit. Bei einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung sprachen sich vier von fünf Unternehmenschefs für einen Verbleib in der EU aus. Andernfalls, so die Brexit-Gegner, drohten Jobverluste und Unternehmensverlagerungen.

Doch auch die Brexit-Befürworter fahren ökonomische Argumente auf. Zu ihnen gehört etwa die Gruppe Business for Britain, deren Co-Chef John Mills das Homeshoppingunternehmen JML gründete. Die Gruppe kooperiert mit der Brexit-Kampagne Vote Leave, die unter anderem vom Reebok-Gründer Joe Foster unterstützt wird. Als Stimme wirtschaftlicher Vernunft präsentiert sich auch das Bündnis Leave.eu, dessen Mitgründer Arron Banks mit Versicherungsunternehmen zum Millionär wurde.

Die Briten waren zwar schon immer EU-kritischer als Kontinentaleuropäer. Doch der Zugang zu einem gemeinsamen Markt mit mittlerweile mehr als 500 Millionen Konsumenten war für die Briten ein schlagendes Argument. Umso mehr überrascht es, dass nun auch die Brexit-Befürworter ökonomisch argumentieren. Ihre Kritik untermauern sie dabei mit zum Teil eindrucksvollen Zahlen. Doch oft sind die geforderten Alternativen selbst mit hohen ökonomischen Risiken verbunden.

Handel: Schwellenländer statt EU

Der Wegfall von Handelshemmnissen durch den Binnenmarkt und Abkommen mit anderen Ländern ist aus Sicht von Unternehmern der wohl größte Vorteil der EU-Integration. Doch dafür muss sich Großbritannien wie jedes EU-Land gemeinsamen Regeln unterwerfen. Die halten Brexit-Befürworter für hinderlich und behaupten, auf eigene Faust könnte ihr Land erfolgreicher Handel treiben.

Airbus-Produktion in Wales: Bessere Abkommen im Alleingang? Zur Großansicht
Getty Images

Airbus-Produktion in Wales: Bessere Abkommen im Alleingang?

Leave.eu etwa verweist darauf, dass die Exporte in den Rest der Welt doppelt so schnell wachsen wie die Ausfuhren in die EU-Länder. Mit aufstrebenden Volkswirtschaften könne man allein viel passendere Handelsabkommen schließen - auch weil Großbritannien künftig wieder eine eigene Stimme in der Welthandelsorganisation WTO hätte. Man werde "ein neues Großbritannien-EU-Abkommen haben, das auf Freihandel und freundlicher Kooperation beruht", wirbt Vote Leave.

Doch wie freundlich das Verhältnis nach einem Brexit tatsächlich wäre, ist fraglich. Die EU könnte dann zumindest andere Prioritäten haben, als gleich neue Verträge mit den Briten zu schließen. Und auch andere Länder dürften es mit Abkommen weniger eilig haben, wenn es für sie nur um den Zugang zum britischen Markt geht und nicht um den riesigen Markt der gesamten EU.

Finanzsektor: Freiheit vom Regulierungswahn

Mehr Freiheit wünschen sich Brexit-Befürworter für den traditionell starken Finanzsektor in der City of London. Der könnte ohne lästige EU-Regularien noch viel offensiver um die globalen Geldströme werben. Als "Singapur auf Steroiden" hat der "Economist" dieses Modell einmal umschrieben.

Doch die Meinungen über ein solches Szenario gehen in der Branche auseinander. Stuart Gulliver, Chef von Europas größte Bank HSBC Chart zeigen, hält es für "im wirtschaftlichen Interesse Großbritanniens, innerhalb einer reformierten EU zu bleiben". Konkurrent Lloyds Chart zeigen warnte für den Fall eines Brexits sogar vor einem "regulatorischen Nirvana", das die eigenen Geschäfte schädigen würde.

Passanten in der City of London: Werben um die globalen Geldströme Zur Großansicht
REUTERS

Passanten in der City of London: Werben um die globalen Geldströme

Eine Studie von Barclays Chart zeigen erkannte in einem Brexit dagegen Vorteile für den Finanzplatz - allerdings aufgrund einer ziemlich spekulativen Annahme: Großbritanniens Abschied werde einen Auflösungsprozess der restlichen EU einleiten, in dessen Verlauf viele Investoren auf die Insel flüchten.

Währung: Der Euro als Drohkulisse

In ihrer Skepsis gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung dürfen sich die Briten durch die Eurokrise bestätigt sehen. Zwar beteiligte sich Großbritannien nicht an den Milliardenhilfen für Länder wie Griechenland. Dennoch ist der Euro den Brexit-Befürwortern ein Dorn im Auge.

Sie verweisen darauf, dass die Länder der Eurozone als Reaktion auf die Krise eine engere politische Union anstreben - also das Gegenteil dessen, was die Brexit-Bewegung will. Dies könnten die Euro-Länder durchdrücken, da sie in der EU zusammen über eine qualifizierte Mehrheit verfügen. "Nicht-Eurozonen-Länder sollten aufhören, dieses Projekt zu blockieren", heißt es bei Vote Leave. Im Klartext: Sie sollen austreten.

Euro-Gegner in London (Archivbild): Schwindende Macht im Währungshandel? Zur Großansicht
Getty Images

Euro-Gegner in London (Archivbild): Schwindende Macht im Währungshandel?

Ironischerweise könnte der Euro am Ende aber eher ein Argument für den Verbleib in der EU sein. Denn auch wenn die Briten am Pfund festhalten, sind sie mit Abstand der wichtigste Handelsplatz für die Gemeinschaftswährung: Am Finanzplatz London werden mehr als doppelt so viele Euro umgesetzt wie in den 19 Eurozonen-Ländern zusammen.

Die Europäische Zentralbank versuchte schon einmal, den Handel einzuschränken, wogegen sich Großbritannien jedoch erfolgreich wehrte. Nach einem Brexit würde es schwerer werden, den Euro-Handel zu behalten, glaubt Jim Rogers, Co-Gründer des legendären Investmentfonds Quantum. "Falls Großbritannien die EU verließe, würde Londons Vormacht im Währungshandel inklusive Euro langsam schwinden", sagte Rogers der Nachrichtenagentur Reuters.

Bürokratie: Das Monster aus Brüssel

Die EU-Bürokratie kostet viel und bringt wenig: Davon sind viele Briten überzeugt. Zwar handelte Premierministerin Margaret Thatcher einst einen Rabatt bei den Mitgliedsbeiträgen heraus, doch dieser wurde mittlerweile reduziert. Insgesamt koste die EU-Mitgliedschaft jeden britischen Haushalt durchschnittlich 9265 Pfund pro Jahr, schreibt Leave.eu, und verspricht: "Die EU zu verlassen, würde mehr Geld in Ihrer Tasche bedeuten."

Postfächer im EU-Parlament: Ungeliebte Brüsseler Vorgaben Zur Großansicht
Matthias Kaufmann

Postfächer im EU-Parlament: Ungeliebte Brüsseler Vorgaben

Der Unmut wird dadurch verstärkt, dass Euroskeptiker viele der in Brüssel erarbeiteten Vorschriften für wachstumshemmenden Unsinn halten. So sieht die EU-Arbeitszeitrichtlinie ein Wochenlimit von 48 Stunden vor. Über solche Werte kann ein echter Londoner Banker nur müde lächeln - und die britische Regierung erlaubt denn auch, sich von der 48-Stunden-Regel befreien zu lassen.

Grundsätzlich könnten viele EU-Vorgaben aber im Fall eines Austritts weiter gelten. Das zeigt sich an Norwegen, das als mögliches Vorbild für Großbritannien gehandelt wird. Norwegen ist kein EU-Mitglied, gehört aber zusammen mit Island und Liechtenstein zum europäischen Wirtschaftsraum. Daher musste das Land einen Großteil der Brüsseler Regularien übernehmen.

Würde Großbritannien dasselbe Modell wie Norwegen wählen, würden ihm nach Berechnungen des Think Tanks Open Europe durch EU-Regeln weiterhin Kosten von gut 31 Milliarden Pfund pro Jahr entstehen. Das entstpricht 94 Prozent der heutigen Ausgaben.

Video: Londons Bürgermeister Johnson wirbt für Brexit


Zusammengefasst: Obwohl ein Großteil der britischen Wirtschaft vor einem EU-Austritt warnt, werben dessen Befürworter mit angeblichen ökonomischen Vorteilen. Dazu sollen bessere Handelsabkommen, eine Stärkung des Finanzplatzes London und weniger EU-Bürokratie gehören. Doch den Chancen stehen enorme Risiken gegenüber.

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insgesamt 173 Beiträge
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1. Kuhhandel wankt!
troll_von_luftikus 24.02.2016
Bleiben sie nun, oder gehen sie? David Cameron in der Rolle des Zauberlehrling, die Geister die ich rief ... Es wundert mich immer wieder was im politischen Leben alles möglich ist, würde ich im normalen Leben Forderungen mit Drohungen, Erpressung unterlegen würde ich von meinem Arbeitgeber entlassen, vom Gesetzgeber zur Rechenschaft gezogen und in der Familie vielleicht nur den Vogel gezeigt bekommen! In der Politik gehen die Uhren eben anders, Herr Cameron droht der EU, und diese weis sich nicht anders zu helfen als zu katzbuckeln - nun hat man einen "faulen" Kompromiss ausgehandelt (die Verhandlungsführer sehen dies natürlich anders) und alle glauben, hoffen, die Kuh wäre vom Eis. In GB gibt es noch eine unabhängige Meinungsbildung, die so manchen faulen Kompromiss im Hinterzimmer einen dicken Strich durch die Rechnung macht, warten wir mal auf den 23, vielleicht setzt sich der gesunde Menschenverstand durch und die anderen stehen vor dem politischen Scherbenhaufen!
2. Wenn Austritt, dann richtig
McKlugscheiss 24.02.2016
Ich hoffe, dass nach dem Referendum Ruhe eintritt und Großbritannien bei einem Verbleib in der Union von seiner permanenten Sonderrolle abstammt nimmt. Allerdings erwarte ich das nicht und denke, die Briten werden für den Austritt stimmen. Das mag zugegebenermaßen meine durch Medien verzerrte Wahrnehmung sein, da ich in letzter Zeit mit wenigen Briten gesprochen habe. Wenn sie allerdings austreten, hoffe ich, dass sie ganze Sachen machen (bzw. die EU): kein priveligierter Zugang zum freien Markt und Reisen auf den Kontinent nur mit gültigem Visum.
3.
appel&ei 24.02.2016
"Doch ihre Hoffnungen sind mit hohen Risiken behaftet." Kennen wir die folgenden Argumente nicht schon? Fast wörtlich? Richtig! Die britische Regierung selbst brachte sie (im vergleichbar kleineren Rahmen) gegen die Schotten vor. Und sogar der IWF schloß sich an! Angst verbreiten und ein demokratisches Grundrecht beeinflussen. Da muss aber jemand wirklich Angst haben.
4. Lasst sie gehen
AndWag 24.02.2016
Wer nicht Mitglied der EU sein möchte, soll diese verlassen. Ich hoffe, dass unsere Politiker dann mal den Mut haben GB aus sämtlichen Euro-Gemeinschaften zu drücken! (EWR usw.) Wenn sie raus wollen, dann sollen sie komplett raus.
5.
mkummer 24.02.2016
Adenauer und de Gaulle hatten seinerzeit schon recht, als sie sich ein Europa ohne England vorstellten, da sie die Mentalität der Insulaner schon damals richtig einschätzten. Insgesamt wird der Austritt wohl passieren - allerdings wird er sich für alle Beteiligten als einen ziemlichen Blödsinn erweisen. Sicherlich nicht der einzige im 21. Jahrhundert.
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