Brexit Britische Firmen bereiten sich auf Verlagerung ins Ausland vor

Die britische Wirtschaft trifft Vorbereitungen für einen "harten" Brexit. Laut einer Umfrage unter den Vorständen größerer Firmen arbeiten drei Viertel der Befragten bereits an Umzugsplänen.

Finanzdistrikt in London: Unsicherheit nach dem Brexit-Votum
REUTERS

Finanzdistrikt in London: Unsicherheit nach dem Brexit-Votum


Gut drei Viertel der britischen Firmenchefs erwägen nach dem Brexit-Votum einer Umfrage zufolge die Verlagerung von Geschäftsteilen ins Ausland. 76 Prozent der 100 befragten Chefs von Unternehmen mit Umsätzen zwischen 100 Millionen und einer Milliarde Pfund denken darüber nach, den Firmensitz oder Teile des Betriebs aus Großbritannien abzuziehen, wie aus einer am Montag veröffentlichten Erhebung der Beratungsgesellschaft KPMG hervorgeht.

Zwar beurteilten 86 Prozent die Aussichten ihres Unternehmens und 69 Prozent die Aussichten für die britische Konjunktur positiv. Die Firmenchefs bereiteten aber wegen der Unsicherheit nach dem Votum für einen britischen EU-Austritt auch Notfallpläne vor. Denn mehr als die Hälfte von ihnen rechnet mit Beeinträchtigungen für die Firmen nach einem Brexit.

Übereilte Schritte dürften aber in nächster Zukunft nicht zu erwarten sein. Denn bislang hat das Ergebnis des Referendums noch keine nennenswerten Auswirkungen auf die britische Wirtschaft gehabt. Die Aktienkurse haben die anfänglichen Verluste längst wieder wettgemacht, und auch Staatsanleihen sind gefragt. Der Rückgang bei den Häuserpreisen ist eigentlich nur in London spürbar, auch die Umsätze im Handel sind stabil. Volkswirte und Wirtschaftsinstitute korrigierten ihre Wachstumsschätzungen für dieses Jahr um 0,1 Prozentpunkte nach oben. Und auch im kommenden Jahr soll die Wirtschaft um 0,9 Prozent wachsen - mehr als zuvor angenommen.

Skeptiker verweisen allerdings darauf, dass in Sachen Austritt noch nicht viel passiert ist. Die drängendsten Fragen, wann der formale Austritt beantragt wird und wie die zukünftige Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU aussehen soll, sind noch offen.

Der Grund für die Planspiele der Unternehmen könnte sein, dass sich die Zahl derjenigen vergrößert, die einen "harten" Brexit befürchten. Damit ist der Ausstieg aus der Zollunion mit der EU und aus der Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt gemeint. Als entscheidende Klippe könnte sich die Personenfreizügigkeit erweisen, die eine Grundbedingung für die Teilnahme am EU-Binnenmarkt ist, und die Premierministerin May einschränken will, um dem Abstimmungsergebnis gerecht zu werden. Auch in anderen Bereichen beharren die Briten darauf, ihre nationale Souveränität zu bewahren, zum Beispiel wenn es um die Rechtsprechung des EuGH geht.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein französischer Amtskollege Michel Sapin haben in der vergangenen Woche noch einmal klar zu verstehen gegeben, dass die EU von den Grundprinzipien nicht abweichen werde. "Der Binnenmarkt hat etwas mit den vier Grundfreiheiten in Europa zu tun", sagte Schäuble am Freitag nach einem Treffen mit Sapin in Berlin im Rahmen des regelmäßig tagenden deutsch-französischen Finanz- und Wirtschaftsrats.

Video: Ex-Investmentbanker Geraint Anderson: "Der Brexit wäre ein Desaster"

dbate.de

mik/dpa-AFX



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Grummelchen321 26.09.2016
1. Dann sollen Sie
doch endlich die nötigen Schritte in die Wege leiten.Rosinenpicken ist nicht mehr.
Ottokar 26.09.2016
2. Also hat der Brexit
doch was Gutes wenn die Firmen auf das Festland umziehen und dann ihre Steuern in der EU zahlen müssen. Also ein Win Win Situation.
mimas101 26.09.2016
3. Ich denke
die Firmen werden nach EWG-Land outsourcen, egal ob der Austritt, so er denn kommt, hart oder weich werden wird. Schließlich benötigen alle zukünftig ein Arbeits- und Aufenthaltsvisum für England und die drei anderen Staaten der britischen Konföderation. Das macht keine wirtschaftlich rechnende Firma mit, zumal man hört das die Obergrenze für solche Visa bei 100.000 p.a. liegen soll. Die ersten Firmen sind schon aus GB entfleucht: Ein britischer Autobauer will in Slowenien (oder Slowakei) ein Autowerk mit einem Jahresausstoß von bis zu 300.000 Geländewagen errichten. Geschätzte 5.000 Jobs sind das im Endausbau. Die fehlen dann schon mal in GB und die Einnahmen aus Steuern pp gleich mit. Slowenien (oder Slowakei oder so) wird's natürlich freuen.
gleis_1 26.09.2016
4. spiel auf zeit
die briten lassen sich viel zeit, in der hoffung, dass sich die eu langsam selbst zerlegt und man dann mit den einzelnen partnern wieder gute verträge aushandelt. leider stehen die zeichen dafür nicht schlecht.
ein_verbraucher 26.09.2016
5.
Also haben 86 von 100 Notfallpläne erstellen lassen oder lassen diese erstellen. Das Sie aber tatsächlich verlagern möchten ist nicht der Fall. Also bereiten diese Firmen jetzt die Verlagerung vor oder nicht? Die Überschrift ist Falsch und eine offenkundige reisserische Lüge ! Was soll das?
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