Austritt ohne Abkommen Britischer Notenbankchef warnt vor hartem Brexit

Die schleppenden Brexit-Verhandlungen sorgen Großbritanniens Notenbankchef. Die Wahrscheinlichkeit eines Austritts ohne Vertrag sei derzeit "unangenehm hoch", sagt Mark Carney.

Mark Carney
FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mark Carney


Der britische Notenbankchef Mark Carney warnt vor einem ungeregelten Ausstieg aus der Europäischen Union. "Ich denke, die Möglichkeit, dass es keinen Vertrag gibt, ist zu diesem Zeitpunkt unangenehm hoch", sagte Carney dem Sender BBC Radio 4. Allerdings sei ein ungeregelter Ausstieg immer noch "relativ unwahrscheinlich".

Carney rief die Verhandlungsparteien eindringlich auf, zu einer Einigung zu kommen. Beide Seiten sollten alles unternehmen, um einen harten Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU zu vermeiden. Eine solche Situation sei "in hohem Grade unerwünscht". Sollte es dennoch zum harten Bruch mit der EU kommen, sei das Finanzsystem aber auf die dann folgenden "sehr schwierigen Umstände" vorbereitet. Großbritannien werde bei keiner Art von Brexit in eine Situation geraten, bei der es zu einem Ansturm auf die Banken komme.

Zuletzt hatte der britische Außenminister Jeremy Hunt auf die wachsende Gefahr eines harten Brexits hingewiesen. "Wir steuern auf einen Austritt ohne Abkommen zu", sagte Hunt am Mittwoch nach einem Treffen mit der österreichischen Außenministerin Karin Kneissl in Wien.

Großbritannien tritt voraussichtlich Ende März 2019 aus der Europäischen Union aus. Nach wie vor ist unklar, wie die wirtschaftlichen Beziehungen zur EU künftig gestaltet werden. Die bisherigen Vorschläge der Regierung in London für einen Austrittsvertrag stoßen bei der EU-Kommission auf Widerstand. Die unklare Lage ist auch ein Problem für Unternehmen. Einer neuen Umfrage zufolge hat bislang nicht einmal jeder dritte Manager einen Notfallplan entwickelt.

Das britische Pfund reagierte mit Kursverlusten auf Carneys Aussagen. Es fiel am Vormittag unter die Marke von 1,30 Dollar. Die Bank of England hatte bereits vor dem Brexit-Referendum vor Risiken eines Austritts gewarnt. Brexit-Befürworter warfen dem Kanadier Carney deshalb Panikmache vor.

Seit dem Brexit-Votum hat das Pfund immer weiter an Wert verloren, die Inflation liegt weit über dem Teuerungsziel. Kürzlich hat die Bank of England mit einer Leitzinserhöhung gegengesteuert. Bei einem harten Brexit könnte sich diese aber als nachteilig erweisen.

Endlich verständlich: Die wichtigsten Antworten zum Brexit.

dab/dpa/Reuters

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der_rookie 03.08.2018
1. Hm
No Deal bedeutet eben das: Nicht ein einziger Vertrag. So lange da nicht ganz rasch doch Einzelregelungen oder Einzelausnahmen kommen bedeutet dies, dass eben das gar nichts geregelt ist. Konsequenzen für den normalen Bürger Z.B. - Keine Flugrechte für EU Fluggesellschaften nach UK oder umgekehrt. Ferien auf der anderen Seite vom Kanal lieber nicht für die Zeit kurz nach dem Brexit planen - Keine Zollregelungen, damit kein Im- und Export. Wer Autos aus UK (Mini, Jaguar, Land Rover) kaufen will sollte dies vorher tun (bzw. Umgekehrt). - Fans von Schottischem Whiskey oder anderen UK Produkten sollten sich lieber einen kleinen Vorrat davon anlegen - oder mal Alternativen ausprobieren - Keine Regelungen zu Finanztransaktionen. Überweisungen könnten wegen fehlender Kontrollmöglichkeiten bezüglich Geldwäscheverdachts gestoppt werden müssen. Kunden britischer Finanzdienstleister sollten sich erkundigen ob sie eigentlich Kunde einer Deutschen Tochter oder einer UK-Gesellschaft sind. Nicht das die Versicherung im Schadensfall nicht einmal zahlen darf (selbst wenn der Versicherungsfall unstrittig ist) Für Firmen gilt: Sie sollten sich ihre Lieferketten ansehen und kritische Einkaufsteile die von der anderen Seite des Kanals kommen entweder auf Vorrat kaufen oder sich alternative Lieferanten suchen In Wahrheit vermute ich, dass ganz viele Aufsichtsbehörden im Zweifellsfall am Tag nach dem Brexit ganz viele temporäre Ausnahmeregelung erlassen werden weil sonst zu viel zusammenbricht. Damit delegieren die Politiker die Entscheidung wie der Brexit abläuft auf die Verwaltungen. Das muss im Ergebnis nicht negativ sein, zeigt aber nur, dass demokratisch gewählte Politiker nicht notwendigerweise dem Kern ihrer Aufgabe gerecht werden und regieren.
Profdoc1 03.08.2018
2. es wird
vermutlich zu einem kräftigen, aber nicht komplett ungeregelten Brexit kommen. Irgendwann zum Jahresende wird auch London bemerken, was das heißt: keine Flieger mehr von UK nach EU, Zoll nach WTO-Regeln, Visa-Beantragung für Briten, ungeregelte Aufenthalte, etc. Umgekehrt gilt das genauso. Die UK-Wirtschaft würde innerhalb von 1-2 Woche wohl kollabieren. Warenströme wurden abreißen, usw. usf. Ach ja, und die Sun würde Angela Merkel natürlich als Adolf Nazi Parodie darstellen. Dem gemeinen Volk würde daraufhin erklärt, dass die EU natürlich an allem schuld sei. Britannia rules the waves! Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt. Und dass sich UK darauf besinnt, was es ist: ein kleines Inselkönigreich in der Nordsee, dass die EU dringlichst benötigt.
hansulrich47 03.08.2018
3. Es wird interessant werden!
No deal, das bedeutet in der Tat keine Regeln für die Trennung. Aber wäre das so schlecht? Es ist doch leider so, dass GB heute immer noch jede Menge Sonderrechte beansprucht. Steueroasen auf den Kanalinseln, auf der Isle of Man, in Gibraltar, sogar auf Zypern gibt es "britisches Territorium". Wer behauptet, z. B. in Gibraltar würden auch Spanier gutes Geld verdienen, schiebt zur Seite welche Art Firmen dort tätig sind: Sportwetten mit sehr fragwürdigem Ruf und andere Abzocker tummeln sich. Da wäre doch eine echte Grenze nicht schlecht!? wenn Steuersparmodelle durch Kreditfinanzierung und Gewinnverrechnung auf der Isle of Man nicht mehr möglich wären, das wäre doch gut!.
mkalus 03.08.2018
4. Wie war das noch?
"No Deal is better than a bad deal". Nutuerlich wurde "Bad Deal" nie wirklich definiert aber das Chequers Paper zeigt klar auf das man nach wie vor Rosinenpicken will. Es gefällt mir aber durchaus wie sehr die Briten der Meinung zu seien scheinen das die EU sie vor sich selber retten muss. Klare Antwort: Nein. Die EU ist ihren Mitgliedern verbunden, nicht denjenigen die draussen im Regen stehen, vor allem nicht wenn die selber das verursacht haben.
Liberalitärer 03.08.2018
5. Kronbesitz
Zitat von hansulrich47No deal, das bedeutet in der Tat keine Regeln für die Trennung. Aber wäre das so schlecht? Es ist doch leider so, dass GB heute immer noch jede Menge Sonderrechte beansprucht. Steueroasen auf den Kanalinseln, auf der Isle of Man, in Gibraltar, sogar auf Zypern gibt es "britisches Territorium". Wer behauptet, z. B. in Gibraltar würden auch Spanier gutes Geld verdienen, schiebt zur Seite welche Art Firmen dort tätig sind: Sportwetten mit sehr fragwürdigem Ruf und andere Abzocker tummeln sich. Da wäre doch eine echte Grenze nicht schlecht!? wenn Steuersparmodelle durch Kreditfinanzierung und Gewinnverrechnung auf der Isle of Man nicht mehr möglich wären, das wäre doch gut!.
Das sind keine Sonderrechte, weil die Isle of Man oder die Kanalinseln nicht in der EU sind und auch nicht im UK. "Sie ist als autonomer Kronbesitz (englisch crown dependency) direkt der britischen Krone unterstellt, jedoch weder Teil des Vereinigten Königreichs noch Britisches Überseegebiet. Des Weiteren stellt sie ein gesondertes Rechtssubjekt dar und ist kein Mitglied der Europäischen Union" https://de.wikipedia.org/wiki/Isle_of_Man Die brauchen also mangels EU Mitgliedschaft keinen Extra Brexit, weder Westminster noch Brüssel sind zuständig. Gibraltar und Zypern sieht anders aus.
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