Brexit-Debatte in Cornwall Danke fürs Geld. Und bye-bye

Das britische Urlaubsparadies Cornwall hat Hunderte Millionen Euro von der EU bekommen. Trotz der Subventionen wollen viele hier den Brexit. Warum?

Aus Cornwall berichtet (Text und Fotos)



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Da fährt er vorbei, der Stolz der kornischen Küche. Rindfleisch, Kartoffeln, Rüben, Zwiebeln. Von Hand verpackt in blassgelbe Teigtaschen, abtransportiert auf einem blauen Fließband. Mit etwas Fantasie erkennt man darin die Sterne auf einer EU-Flagge.

In Saint Just, ganz im Westen von Cornwall, produziert die Bäckereikette Warrens Bakery täglich 15.000 Cornish Pasties, die bekannteste Spezialität der Region. Jason Jobling ist Geschäftsführer der Kette und Chef der Cornish Pasty Association (CPA), dem Verband der kornischen Pastetenbäcker. Und die haben sich kurz vor dem Brexit-Referendum festgelegt. "Die CPA unterstützt Großbritanniens Verbleib in der EU."

Die Entscheidung sei ein "No-Brainer" gewesen, erzählt Jobling in seinem Büro neben der Produktionshalle, alternativlos.

Sein Verband hat jahrelang dafür gekämpft, dass die Cornish Pasty von der EU als geografische Angabe geschützt wird. Seit 2011 dürfen die Pasteten unter diesem Namen nur noch in Cornwall hergestellt werden - ein großer Wettbewerbsvorteil. "Jetzt, wo wir das haben, passen wir darauf auf."

Cornwall hat Hunderte Millionen Euro von der EU bekommen - trotzdem wollen viele den Brexit

Mit seinen Stränden, Hecken und Herrenhäusern ist das echte Cornwall fast so malerisch wie in den ZDF-Verfilmungen der hier angesiedelten Rosamunde-Pilcher-Romane. Reich aber ist die Region nicht. Weil die Wirtschaftskraft deutlich unterm EU-Durchschnitt liegt, fließt seit mehr als 20 Jahren Geld aus dem Regionalfonds EFRE hierher.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Allein zwischen 2007 und 2013 gab es 654 Millionen Euro, bis 2020 sind rund 604 weitere Millionen geplant. Cornwall bekam Start-up-Center, einen neuen Uni-Campus und ein Breitbandinternet, dessen Geschwindigkeit den deutschen Besucher neidisch staunen lässt. Mit europäischer Unterstützung wurden die Kornen und ihre Sprache zudem als schützenswerte Minderheit anerkannt.

Genützt hat es der EU wenig. Selbst im Subventionsparadies Cornwall könnte Umfragen zufolge am 23. Juni eine Mehrheit für den EU-Austritt stimmen. Auch der prominenteste Brexit-Vorkämpfer schaute schon in Cornwall vorbei, Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson. Bei seinem Auftritt reckte er ausgerechnet eine EU-geschützte Backware in die Höhe und rief: "Pastete für den Brexit!"

Brexit-Befürworter Johnson in Cornwall
REUTERS

Brexit-Befürworter Johnson in Cornwall

Offensichtlich hatte Johnson sich nicht übermäßig mit den Realitäten vor Ort beschäftigt.

Doch was ist mit den Menschen in Cornwall? Warum ist die EU selbst dort so wenig beliebt, wo sie viel Geld ausgibt?

Viele Antworten, die man auf diese Frage vor Ort erhält, haben mit Macht zu tun. Die einen halten die EU für übermächtig, die anderen für wenig relevant. Was aus keiner der beiden Ansichten folgt: dass man die EU-Mitgliedschaft hüten müsste wie die Pastetenbäcker ihr Siegel.

Zukunftsängste im Armenhaus - Sheila Mitchell will ihr Land zurück

Für Sheila Mitchell bedeutet die EU schlicht Fremdherrschaft. An einem Mittwochmorgen steht die 73-Jährige mit ihrem Mann Les und anderen Brexit-Befürwortern hinter einem Infotisch in der Hafenstadt Falmouth. Sie sei wegen ihrer Enkel hier, sagt die Krankenschwester im Ruhestand, sie fürchte um deren Zukunft. "Unsere Souveränität ist wichtig. Unsere Königin ist wichtig."

Besonders missfällt Sheila die Zuwanderung, die durch die EU-Mitgliedschaft unkontrollierbar geworden sei. "Wir können nicht alle aufnehmen", sagt sie. "Es ist ein kleines Land und wir wollen es zurück!" Aus Syrien kämen so viele junge Männer. "Warum ziehen die keine Uniform an und kämpfen?"

Auf die Entgegnung, dass sie vor den Bomben eines Diktators fliehen, sagt einer der Brexit-Freunde tatsächlich: Die EU sei doch auch eine Diktatur.

Immer wieder halten Passanten an und nehmen Broschüren mit. Umfragen zufolge fühlen sich viele trotz der nahenden Abstimmung schlecht informiert. Doch es gibt auch andere: Während Sheilas Mitstreiter John Reeds Flugblätter verteilt, kommt ein junger Mann auf ihn zu. Lange Haare, Nasenring. Ob Reeds eigentlich wisse, wie viel Geld die EU nach Cornwall gepumpt habe? "Du lebst im ärmsten Teil des Landes - denk mal drüber nach!"

"Er hat einen Punkt", sagt Reeds, nachdem der Mann verschwunden ist. Dann folgt ein Aber, das in den folgenden Tagen immer wieder zu hören ist: Die Hilfen habe man zuvor doch in Form von Mitgliedsbeiträgen nach Brüssel überwiesen. "Es ist unser Geld."

Wie unsinnig sind die EU-Subventionen?

Schon immer haben die Briten skeptischer auf die EU geschaut als viele Kontinentaleuropäer. Der Verdacht, die EU-Mitgliedschaft sei in Wahrheit ein Zuschussgeschäft, bündelte sich in Margaret Thatchers Ausspruch: "I want my money back". Obwohl die Premierministerin anschließend einen großzügigen Rabatt für die britischen EU-Beiträge aushandelte, ist das Misstrauen geblieben. Selbst in einer Empfängerregion wie Cornwall.

Jede Woche überweise Großbritannien 350 Millionen Pfund nach Brüssel, stand auf dem Bus der Vote-Leave-Kampagne, dessen erster Stopp Boris Johnson nach Cornwall führte. Doch diese Zahl berücksichtigt weder den Beitragsrabatt von fast 100 Millionen Pfund noch Subventionen, welche die Briten erhalten. Sogar der Chef des britischen Statistikamtes bezeichnete die Rechnung deshalb als "potenziell irreführend".

Cornwall macht mit der EU zweifellos ein Plus. Eine andere Frage ist allerdings, was die Subventionen bringen.

Als Wirtschaftsprüfer kürzlich die Förderung untersuchten, kamen sie zu einem unerfreulichen Ergebnis: Das Programm hatte alle Zielmarken verfehlt. Statt gut 15.000 Jobs wurden nur rund 5000 geschaffen, statt 500 Millionen an Investitionen aus dem Privatsektor kamen knapp 80 Millionen zusammen. Wo Arbeitsplätze entstanden, kosteten sie mehr als vergleichbare Jobs im öffentlichen Sektor. Das sei "ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis", schrieben die Autoren.

Solche Kritik gab es schon häufig. Manche Ökonomen halten EU-Subventionen sogar für so ineffizient, dass sie ihre komplette Abschaffung fordern.

Für die enttäuschten Hoffnungen in Cornwall gibt es jedoch noch eine andere Erklärung als unfähige Brüsseler Bürokraten: Die Programmziele wurden festgelegt, bevor die Folgen der US-Finanzkrise Großbritanniens Wirtschaft in die tiefste Rezession der Nachkriegszeit stürzten.

Tom Teagles Firma hat 190.000 Pfund erhalten - aber findet die EU nicht so wichtig

Dass Cornwalls Wohl und Wehe nicht allein von der EU abhängt, weiß Tom Teagle nur zu gut. Nahe dem Verwaltungssitz Truro stellt seine Familie seit fast 80 Jahren Landmaschinen her. Wo Teagles Großvater einst mit simplen Pferde-Kippkarren anfing, führt sein Enkel heute durch ein verzweigtes Netz von Produktionshallen. Schließlich geht es in eine Halle, in der zwei Männer mit einem knatternden Schweißgerät zugange sind. Hier wird der bis zu acht Meter lange Miststreuer Titan hergestellt.

Es ist sozusagen das europäische Haus von Teagle. Der Bau der Halle wurde mit knapp 150.000 Pfund aus dem EU-Regionalfonds gefördert, weitere 40.000 Pfund erhielt das Unternehmen, um eine Homepage in acht Sprachen aufzubauen. "Es war sehr kompliziert", sagt Teagle über die Beantragung der Mittel. "Aber das erwarte ich auch, wenn mir jemand Geld gibt."

Teagle ist ein ruhiger, reflektierter Mann. "Wir sind sehr dankbar für die EU-Unterstützung", sagt er. Doch sei die nicht annähernd so wichtig wie globale Trends: Chinas Appetit auf Milchprodukte, der schwankende Wechselkurs von Pfund und Euro oder der Konflikt in der Ukraine - früher der drittgrößte Markt des Unternehmens. "Das sind die Hebel, die in den vergangenen Jahren wirklich Jobs bei Teagle geschaffen oder vernichtet haben."

Sein Unternehmen könne auch außerhalb der EU überleben, sagt Tom Teagle. Große Sympathie für die Brexit-Befürworter zeigt er aber nicht - auch weil an ihrer Spitze der Politclown Johnson steht. "Soll mich das überzeugen, dass es eine ernsthafte Kampagne ist?"

Roger Jenkin hat 150.000 Pfund erhalten - und ist trotzdem für den Brexit

Die zwei Kälber sind ebenso durstig wie unerfahren. Eines wurde gestern geboren, das andere heute. Mühsam versucht Roger Jenkin, ihnen den Gebrauch eines Plastiktrogs beizubringen, aus dessen Gummizitzen erwärmte Milch fließt. "Normalerweise macht das meine Tochter", sagt der 54-Jährige entschuldigend.

Auf der Halbinsel The Lizard im Süden Cornwalls betreiben die Jenkins einen Bauernhof mit 600 Kühen. Eine abgelegene Idylle, der Weg dorthin führt über Straßen, die nur in eine Richtung befahrbar sind. Doch wie auf deutschen Höfen ist auch hier der ländliche Frieden bedroht, seit die EU ihre Milchquote abschaffte und der Preis ins Bodenlose stürzte.

"Im Moment verlieren wir etwa 5000 Pfund im Monat", erzählt Jenkin. Seine Tochter und sein Sohn würden den Hof gerne übernehmen. "Aber sie würden auch gerne ein bisschen Geld damit verdienen."

Für den Preissturz macht Jenkin nicht Brüssel verantwortlich, nur die Überproduktion einzelner Länder. Den Bauernhof hat die Familie auch mit EU-Geldern ausgebaut, rund 150.000 Pfund. Für den Brexit ist Jenkin dennoch. "Ich habe einfach das Gefühl, dass wir zu viel einzahlen und nicht genug zurückbekommen."

Doch was wird mit den EU-Subventionen, welche auch britische Bauern bislang für ihre Milch bekommen? Jenkin glaubt, dass sie ersetzt werden können. Nach einem Brexit würden Kunden freiwillig ein paar Pennies mehr für heimische Milch zahlen. "Sie denken offensichtlich eher britisch als europäisch. Deshalb werden sie Produkte aus ihrem Land kaufen wollen."

Paul Trebilcock misstraut der EU - aber seiner Regierung noch mehr

Am Ende ist es ausgerechnet ein Vertreter der kornischen Fischer, der solch optimistische Annahmen über einen Brexit anzweifelt. Dabei steht die traditionsreiche Branche wie keine andere für den EU-Frust in Cornwall.

"Das Herz ruft: Nix wie raus", sagt Paul Trebilcock über die EU, während er aus seinem Büro auf den Hafen von Newlyn blickt. In Sichtweite, nur knapp außerhalb der Sechs-Meilen-Zone, tauchen immer wieder französische Schiffe auf. Tonnenweise ziehen sie Schellfisch aus dem Wasser, während die britischen Fischer nur zuschauen können.

Der Grund: Die Gewässer vor Cornwall gehören zu einer Zone, in der Frankreich laut den EU-Fangquoten Anrecht auf zwei Drittel des Schellfischs hat. Die Briten kommen dagegen gerade mal auf zehn Prozent.

"Das führt zu sehr starken Anti-EU-Gefühlen", sagt Trebilcock, der früher selbst zur See fuhr. Heute ist er Chef der Cornish Fish Producers Organisation und geübt im Protest gegen EU-Vorschriften. Als der aus Cornwall stammende Fischereiminister George Eustice kürzlich in Brüssel dem Fangverbot für eine Rochenart zustimmte, schrieb ihm Trebilcock, dies sei "nahezu der Inbegriff von schlechtem Regieren" und zerstöre jegliches Vertrauen in die EU-Kommission.

Im persönlichen Gespräch klingt der 40-Jährige moderater. Eustice habe einfach schlecht verhandelt, sagt er, so wie wohl schon seine Vorgänger. Kurz bevor Großbritannien 1973 der EU beitrat, beschlossen Frankreich und die übrigen Gründungsmitglieder die Grundlagen der Fischereipolitik - zu Ungunsten der Briten, wie viele auf der Insel glauben.

Als Ausweg propagiert auch Fischereiminister Eustice mittlerweile den Brexit. "Er scheint zu denken, dass die Dinge Schwarz und Weiß sind", spottet Trebilcock. Doch auch britische Fischer profitierten von EU-Regeln. "Unseren Seehecht fischen wir vor Irland und verkaufen ihn in Spanien." Selbst die Quoten für den Schellfisch sehen ganz anders aus, wenn man über die Grenzen von Cornwall hinausblickt: Insgesamt hat Großbritannien einen Anteil von zwei Dritteln, Frankreich dagegen nur von 15 Prozent.

So ungerecht und ineffizient die EU-Bürokratie in vielen Punkten sein mag: Trebilcock bezweifelt, dass ihre Alternative für die Fischer gerechter wäre. Zwar beteuern die Brexit-Befürworter, EU-Hilfen würden nach einem Austritt durch nationale Mittel ersetzt. Doch konkrete Zusagen der Regierung gibt es bislang kaum. Weder für einen Schutz der kornischen Pasteten, noch für die Fischereiregeln nach einem Brexit.

Handelsverträge mit Nachbarländern müssten die Briten jedenfalls auch nach einem Austritt schließen. Und Paul Trebilcock fürchtet, dass seine Branche dabei ziemlich weit unten auf der Agenda steht: "Für Cornwall ist die Fischerei wichtig, für Großbritannien insgesamt nicht."

In Newlyn dürften viele Fischer am 23. Juni dennoch ihrem Herzen folgen. Manche aber auch ihrer Nase: Vor einigen Jahren brauchten sie eine neue Eismaschine, um den täglichen Fang frisch zu halten. Mittlerweile steht im Hafen ein Ungetüm, das täglich 100 Tonnen Flockeneis produziert. Finanziert wurde es, mal wieder, mit Hilfe der EU.

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Leitartikel von DER SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE: Wer klug ist, bleibt

English Editorial: It's smarter to stay

Meinungskompass

Redaktion: Jule Lutteroth

Grafiken: Aida Marquez Gonzalez

insgesamt 295 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bürger Bü 07.06.2016
1. UK ist Nettozahler
Erstens: UK ist Nettozahler. Alles was sie von der EU bekommen, haben sie mehr als eingezahlt. Zweitens: Wieso sollten Länder Brüssel hörig sein wenn sie Geld von der EU bekommen? Drittens: Der Brexit kommt und das ist gut so.
steviespeedy, 07.06.2016
2. Da hat es die EU
mal wieder nicht verstanden, als Europa der Bürger rüberzukommen.
lambda1 07.06.2016
3. Waren die Enländer überhaupt
wirklich in Europa? Als die in den 70ern beitraten, war das Land am Boden. Jetzt machen sie auf Splendid Isolation. Und Tschüss!
realplayer 07.06.2016
4.
Kann man bei einem Brexit die Subventionen nicht einfach zurückfordern? Ansonsten sind die Menschen doch sehr beschränkt die Vorteile der EU nicht mehr zu sehen.
biesi61 07.06.2016
5. Reisende soll man ziehen lassen.
Entlasst die Briten in die selbst gewählte Verarmung! Wer sich von Angstmachern und Hetzern so verdummen lässt, muss auch die Konsequenzen tragen. Denken ist auch in GB nicht verboten!
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