Brexit-Folgen Frontalangriff auf Londons Banken

Bei Londons Großbanken herrscht nach dem Brexit Krisenstimmung. Doch Start-ups sehen ihre Chance. Sie sind sicher: Die City bleibt Finanzhauptstadt Europas.

Skyline von London
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Aus London berichtet


Everleger
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Es ist zwei Uhr morgens am Tag nach dem Brexit-Referendum. Die Anzeichen für den Erfolg des Brexit-Lagers verdichten sich, und Mike Laven, Chef des Finanz-Start-ups Currencycloud, verfällt ins Leugnen. Verdammt, nein, das ist alles nicht wahr, denkt er. Um drei Uhr tobt Laven vor Wut, um vier Uhr fragt er sich, ob nicht vielleicht die Khaleesi aus "Game of Thrones" mit ihren Drachen kommen kann, um Britannien zu retten.

Um sechs Uhr versinkt Laven in eine Depression. Das ist das Ende der Zivilisation, denkt er. Vor seinem geistigen Auge sieht er die Eismonster aus "Game of Thrones" die Autobahn M11 hinauf gen London marschieren. Um acht Uhr schließlich, als er in seinem Büro ankommt, hat Laven die Realität akzeptiert. "Wir sind ein Start-up", sagt er seinen Mitarbeitern. "Wir werden dieses Problem genauso lösen wie alle anderen Probleme auch. Und wir fangen Montagmorgen damit an."

Mike Laven
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In den vergangenen Jahren ist in London eine Art Silicon Valley für Banken entstanden. Die Stadt gilt als der Ort in Europa, an dem sich die Finanzbranche neu erfindet. Tausende Start-ups, sogenannte FinTechs, entwickeln hier Geschäftsmodelle für eine digitale, dezentrale, datengetriebene Finanzwelt. Sie wollen Betrug unmöglich machen und Großbanken wie Goldman Sachs durch Software ersetzen.

Seit die Briten für den EU-Austritt gestimmt haben, herrscht Krisenstimmung in London. Banken drohen mit dem Abzug Tausender Mitarbeiter. Investoren überlegen, ihr Geld in andere Städte umzuschichten. Der Finanzplatz London sei bedroht, heißt es immer wieder.

Viele FinTechs sehen das anders. Sie halten die Probleme, die auf sie zukommen, für beherrschbar. Manche sehen den EU-Austritt gar als Chance - und wollen den Geldhäusern nun Marktanteile abtrotzen.

Currencycloud
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Currencycloud-Boss Mike Laven hat eine laute, tiefe Stimme, er ist trotz seines fortgeschrittenen Alters durchtrainiert, vor dem Start-up-Leben arbeitete er sechs Jahre als Katastrophenschutzbeauftragter bei der Uno. Er lebte in Indien und Kambodscha, half bei Tsunamis und Taifunen - so schnell macht Laven nichts Angst.

Seine Firma Currencycloud automatisiert Zahlungsströme rund um die Welt. Herzstück ist eine Software für Autozulieferer, Dienstleister und andere Unternehmen, die Tausende Rechnungen pro Woche verschickt und Währungen in Echtzeit konvertiert. Eine Software, die Geld billiger ins Ausland überweist als Banken.

Seit dem Referendum hat Laven ähnliche Sorgen wie die Chefs der großen Institute. Bei einem Brexit könnte der sogenannte EU-Pass verlorengehen, der es den in London ansässigen Finanzinstituten erlaubt, ihre Produkte in ganz Europa zu verkaufen. Viele fürchten, der Standort London könne dadurch geschwächt werden.

Currencycloud
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Laven glaubt das nicht. "Es gibt hier ein Ökosystem, das in Hunderten Jahren gewachsen ist", sagt er. Ein dichtes Netz aus Finanzprofis, Beratern, hochspezialisierten Anwälten, dazu die englische Sprache, eine komfortable Zeitzone für US-Banken - der Standort biete einfach zu viele Vorteile.

"Ich würde mich lieber in jedem EU-Land einzeln regulieren lassen, als die Vorteile von London aufzugeben", sagt Laven. Falls das überhaupt nötig ist. "Gut möglich, dass am Ende eine Firmenrepräsentanz mit ein paar Mitarbeitern auf dem EU-Festland reicht, um weiter am gemeinsamen EU-Markt teilzunehmen", sagt Laven.

Barclays Accelerator
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Ein paar Kilometer vom Currencycloud-Sitz entfernt hat der Barclays Accelerator sein Hauptquartier. Dutzende Finanz-Start-ups haben sich hier einquartiert und durchlaufen ein 13-wöchiges Trainingsprogramm. Der Weg ins Büro führt durch ein Hipstercafé, in dem Hühnchen-Burger mit koreanischem Kimchi gereicht werden. Oben, zwischen Tischtennisplatte, Gitarre und einer blinkenden Glaspyramide, sitzt Geschäftsführer Chris Adelsbach.

Chris Adelsbach
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Chris Adelsbach


Einer der Hauptjobs des schlanken, glatzköpfigem US-Amerikaners ist es, Geldgeber für die von ihm betreuten Start-ups finden. Nun zweifeln erste Investoren, ob sie ihr Geld weiter in Großbritannien anlegen sollen. Leidet der Londoner FinTech-Sektor, der bislang mehr Kapital anzieht als der Rest der EU zusammen, bald an Geldmangel?

Adelsbach verneint. "Momentan gibt es ein politisches Machtvakuum", sagt er. Es sei verständlich, dass Investoren da vorsichtig werden. Doch das werde sich wieder legen, wenn klar ist, wie die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der EU künftig funktioniert. "Viele der besten Finanz-Start-ups werden dann noch immer in London sitzen", sagt Adelsbach. "Und das Geld fließt immer dahin, wo die besten Firmen sind."

Barclays Accelerator
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Im Barclays Accelerator arbeiten Menschen aus Italien, Spanien, Polen, Schweden und vielen anderen Ländern. Laut einer Branchenumfrage kommt jeder fünfte Mitarbeiter eines Londoner Start-ups aus dem EU-Ausland. Adelsbach glaubt nicht, dass sich das künftig ändert. Zwar wollen die Brexit-Befürworter die Einwanderung begrenzen - aber eben nur im Niedriglohnsektor. Hochqualifizierte, wie sie in Start-ups arbeiten, wollen selbst die härtesten Hardliner verstärkt anlocken.

Manche, wie Freddy Macnamara, begreifen den Brexit gar als Vorteil. Er ist Chef von Cuvva, einer App, über die man Autoversicherungen für ein paar Stunden abschließen kann, zum Beispiel wenn man sich den Wagen eines Freundes borgt. "Wir führen derzeit Gespräche mit Investoren", sagt der 27-Jährige. "Dank des schwächeren Pfunds kann ich denen nun sagen: Steigt jetzt ein, wir sind gerade 20 Prozent günstiger geworden."

Freddy Macnamara
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Freddy Macnamara

Auch Adelsbach sieht in der derzeitigen Krise viele Geschäftschancen. "Start-ups sind viel wendiger als die großen Finanzkonzerne", sagt er. "Sie können ihre Geschäftsmodelle schneller anpassen. Sobald entschieden ist, wie Londons Finanzsektor und die EU zueinander stehen, werden sie als erstes eine Lösung für die neuen Probleme präsentieren."

Eine Lösung hat Adelsbach schon gefunden. Im Barclays Accelerator wurde bis vor Kurzem ein Start-up namens Helm trainiert. Die Firma bietet eine Software an, die Verstöße von Finanzunternehmen gegen Regulierungen automatisch erkennt und das Management darauf hinweist.

"Nach dem Brexit müssen Banken und Versicherungen vermutlich neue Regeln befolgen", sagt Adelsbach. "Gut möglich, dass sich manche einfach Helms Software installieren, statt sich teure Fachanwälte zu nehmen."



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Putin-Troll 03.07.2016
1. Das kann nicht sein!
Uns wurde gesagt, der Brexit sei das ende der Welt, oder zumindest das von Großbritannien. Und nun macht die Finanzbranche einfach weiter? Solche Spielverderber!
Kerze der Freiheit 03.07.2016
2.
Bank in London stark abbauen und Regierung und Parlament nach Nottingham verlegt, den obersten Gerichtshof nach Cardiff. So kann der angespannte Wohnungsmarkt Londons zugunsten der Unter- und Mittelschicht entspannt werden.
spmc-12355639674612 03.07.2016
3. Das Problem
sind ja nicht ein par Startups mit total hippen Ideen, bei denen man "man Autoversicherungen für ein paar Stunden abschließen kann" (hätte ich das schon jemals gebraucht?) und so etwas, sondern dass die Geldströme global ein wenig neu justiert werden. Eine Änderung von wenigen Prozent ist da immer gleichbedeutend mit einigen Milliarden Euro, Pfund oder Dollar. Natürlich wird GB solche Änderungen deutlich zu spüren bekommen. Dazu kommt, dass die Staatsschulden von GB nicht gerade niedrig sind und sie wahrscheinlich nach einem Brexit erst einmal wachsen werden. Nach dem Brexit werden andere Regionen Europas versuchen, Finanzexperten aus London abzuwerben und Marktanteile zu gewinnen. Wie viele London verlassen, werden wir sehen, aber jeder, der geht, wird den Finanzplatz London schwächen und davon, nicht mehr in der EU zu sein, hat GB zunächst gar nichts.
hdwinkel 03.07.2016
4. Chancen
Das mag schon richtig sein und plausibel, daß Finanzstartups den etablierten Banken das Geschäft abgraben. Dies als Teil der Industrie 4.0 verstärkt allerdings im Ergebnis, daß mehr Arbeitsplätze vernichtet werden, als woanders neue entstehen. In einem Land wie England wird dieser Effekt wahrscheinlich viel eher durchschlagen als in der EU, weil in England überproportional viele Arbeitsplätze nun mal in genau diesem Segment geschaffen wurden - interessanterweise als Teil der Schaffung einer Dienstleistungsindustrie anstelle von produzierendem Gewerbe, also vormalige Industrie 2.0.
dunnhaupt 03.07.2016
5. Verdrängung ist keine Lösung
Es sind ja nicht nur ausländische Banken, sondern Firmen aller Art aus der ganzen Welt, die sich London als EU-Filiale erkoren, weil sie von hier aus in englischer Sprache kostengünstig an den Vorteilen der EU teilhaben konnten. Ist London nicht mehr in der EU, sind Milliarden-Vorteile weg. Die Firmen sehen sich also zum Wegzug gezwungen. Großfirmen wie Goldman-Sachs sind längst auf der Suche nach einem neuen Standort.
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