Nach Brexit Hollande will Paris zum neuen EU-Finanzzentrum machen

Frankreichs Präsident Hollande will nach dem Brexit Paris als Finanzplatz stärken. Er setzt auf neue Köder für die Banker aus London.

Pariser Finanzdistrikt La Défense
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Pariser Finanzdistrikt La Défense


Wohin ziehen die Banken der Londoner City nach dem Brexit - Frankfurt am Main, Paris, Luxemburg oder gar Dublin? Frankreichs Staatschef François Hollande bringt seine Hauptstadt in Stellung, um London als wichtigsten Finanzplatz Europas zu beerben.

Da Großbritannien nach einem EU-Austritt "ein Drittstaat" werde, könnten in London ansässige Banken nicht mehr automatisch in der gesamten Eurozone operieren, sagte Hollande in einem Interview mit der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos".

Es sei "legitim und logisch, dass die französischen Banken sich folglich organisieren und vorbereiten". Die Regierung müsse daher "unsere Regeln, darunter die fiskalischen, anpassen, um den Finanzplatz Paris attraktiver zu machen", fügte Hollande hinzu. Die französische Hauptstadt hat im Kampf auf die Vorreiterrolle im Finanzwesen allerdings starke Konkurrenz: Auch Frankfurt am Main sowie Dublin und Luxemburg mit ihren liberalen Steuergesetzen gelten als Kandidaten.

Der Brexit birgt aus Hollandes Sicht neben Chancen auch Gefahren für die französische Wirtschaft. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU werde sich zwar vor allem in dem Land selbst auswirken, eine Rezession im Königreich könnte aber auch "ein Risiko für die Eurozone und Frankreich" bedeuten, sagte Hollande "Les Echos".

Um diese Gefahr einzudämmen, müsse es eine "rasche und klare europäische Antwort" auf das britische Referendum der vergangenen Woche geben. "Je kürzer die Phase der Unsicherheit über den Platz Großbritanniens in Europa, umso begrenzter werden die Auswirkungen des Brexit sein", mahnte Hollande.

Der französische Präsident, der seit Langem mit schlechten Umfragewerten und Massenprotesten gegen seine Arbeitsmarktreform zu kämpfen hat, prognostizierte für dieses Jahr eine bessere Wirtschaftsentwicklung als zunächst erwartet. Statt um 1,5 Prozent werde die französische Wirtschaft um 1,6 Prozent wachsen, wodurch mindestens 200.000 neue Jobs geschaffen werden könnten. "Es gibt durchaus eine Erholung in Frankreich und den Beginn einer Umkehr der Arbeitslosigkeitskurve", sagte Hollande in dem Interview. Dies sei "ein unbestreitbarer Fakt".

Der Staatschef stellte Steuererleichterungen in Aussicht. Sollte die französische Wirtschaft im nächsten Jahr tatsächlich um mindestens 1,7 Prozent wachsen, würden die Steuern für Privathaushalte um weitere zwei Milliarden Euro gesenkt. Zudem sollen Firmen um weitere fünf Milliarden Euro entlastet und die Steuern für kleine und mittlere Betriebe gesenkt werden.

nck/Reuters/AFP

insgesamt 168 Beiträge
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alexanderschleissinger 30.06.2016
1.
Paris darf London gern beerben... Auch wenn man ja liest, dass in FFM schon massenweise Bürofläche auf Vorrat gemietet wurde. Ich fürchte nur, das in jeder Stadt die London beerbt, die Preise in unsagbare Höhen schnellen.
MütterchenMüh 30.06.2016
2. Leichenflederei hat also schon begonnen
Brexit hat noch gar nicht richtig begonnen, da beginnt schon die Leichenfledderei. Soviel zu sogenannten europäischen Integration und Solidarität. Alles nur Sonntagsreden.
nestor01 30.06.2016
3. Paris wird sicher profitieren,
und zwar aufgrund der liberalen Bankenregeln, und der Verbreitung der englischen Sprache als Umgangssprache in Frankreich. Von Hollande lernen heißt eben siegen lernen. Aber warten wir die nächste Wahl ab. Vielleicht erleben wir mit der Präsidenten Marine le Pen einen "Frexit".
Meconopsis 30.06.2016
4. Lieber Paris, als Frankfurt
So so, der Herr Sozialist will die ganzen Schweinereien jetzt nach Frankreich holen. Anstatt, dass man sie verjagt, hofiert man die Banker. Anstatt Reformen anzustoßen, lässt man sie weiter zocken. Aber so ganz verwunderlich ist das auch nicht: denn der größte Dealer, der sich längst an keine Regeln mehr hält, ist die Europäische Zentralbank. Inzwischen bin ich 100% überzeugt: dieses System muss erst richtig kaputt gehen, ehe es zu tiefgreifenden Veränderungen kommt. Und es gilt für mich: lieber kommen die alle nach Paris, als nach Frankfurt. Denn dort kann man den Bankern besser einheizen, da gibt es viel mehr Menschen, die Widerstand leisten, wenns drauf ankommt.
HAJ 30.06.2016
5. Will dieser Mann ohne Mehrheit jetzt tatsächlich die Banken päppeln?
Das ist ja fast nicht zu glauben: Dieser angebliche Sozialist will jetzt mit fiskalischen Vorteilen die Finanzorganisationen von London nach Paris locken? Soviel zu Prinzipien. Die Frage ist ganz allein: Wird als nächstes der nationalistische Populismus ganz (in Form einer Präsidentin Le Pen) oder nur halb Frankreich regieren?
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