Britische Wirtschaft vor dem Brexit Ausstieg in den Abstieg

Kurz vor der Brexit-Abstimmung im Parlament wächst in der britischen Wirtschaft die Nervosität. Fast täglich kommen neue Hiobsbotschaften aus den Unternehmen - und die Vorbereitungen der Regierung geben kaum Anlass zur Hoffnung.

London
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London


Die Bewohner der Grafschaft Kent südöstlich von London konnten diese Woche ein eigenartiges Schauspiel verfolgen: Sie konnten dabei zuschauen, wie die britische Regierung versuchte, einen Stau zu organisieren - und dabei scheiterte.

Das Transportministerium wollte testen, ob es möglich wäre, im Ernstfall den stillgelegten Flughafen in Manston zu einem LKW-Parkplatz umzufunktionieren. So sollen massive Staus am Fährhafen von Dover verhindert werden, falls es nach einem harten Brexit zu Verzögerungen kommen sollte.

Bis zu 6000 LKW hätten auf dem Rollfeld des Flughafens Platz. Zu dem Versuch tauchten aber gerade einmal 89 Lastwagen auf. Und so sahen die wenigen LKW ein wenig verloren aus, als sie sich auf dem Rollfeld des Flughafens in einer Reihe aufstellten. Anschließend fuhr der von der Regierung organisierte Konvoi in Richtung Dover und hielt auf einem abgesperrten Teilstück einer Schnellstraße. Und das war es dann auch schon.

Dover
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Dover

"Ganz ehrlich: Das war Zeitverschwendung", sagte einer der Fahrer, der an dem Test teilgenommen hat, dem "Guardian". "Wenigstens haben sie irgendwas gemacht. Aber 80 LKW, das ist aus unserer Sicht kein Systemtest." Der frühere Vorsitzende der konservativen Partei, Chris Patten, sagte in einem Radiointerview, ihm sei "zum Heulen zumute". "An solchen Tagen denkt man sich, Großbritannien muss irgendwo falsch abgebogen sein."

Nur einen Tag zuvor musste Transportminister Chris Grayling seine zweifelhafte Entscheidung verteidigen, eine erst kürzlich gegründete Firma mit der Einrichtung einer neuen Fährverbindung zwischen dem britischen Ramsgate und dem belgischen Ostende zu beauftragen. Seaborne Freight soll dafür von der Regierung 13,8 Millionen Pfund erhalten. Doch die Firma besitzt keine Schiffe, hat keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet und hat ihre allgemeinen Geschäftsbedingungen offenbar von einem Pizza-Lieferdienst kopiert.

Patzer wie diese verdeutlichen, wie hastig die britischen Behörden derzeit versuchen, sich auf einen harten Brexit vorzubereiten. Denn der wird immer wahrscheinlicher. So gilt es als beinahe gesichert, dass die Abgeordneten des Unterhauses kommende Woche gegen das Brexit-Scheidungsabkommen stimmen werden, das Premierministerin Theresa May vor wenigen Wochen aus Brüssel mit nach Hause gebracht hat. Doch was dann?

Die Abgeordneten haben in den vergangenen Tagen in mehreren Abstimmungen deutlich gemacht, dass sie gegen einen harten Brexit sind. Doch solange sich keine Mehrheit für einen Alternativplan herausbildet, steuert das Land weiter unaufhaltsam auf einen Brexit zu, bei dem das Land die EU ohne ein Abkommen verlässt. Und das in weniger als drei Monaten.

Mitarbeiter von Jaguar Land Rover an einem Standort nahe Liverpool
DPA

Mitarbeiter von Jaguar Land Rover an einem Standort nahe Liverpool

Hiobsbotschaften aus den Unternehmen

Die Unsicherheit, die diese Hängepartie verursacht, macht sich immer deutlicher in der Wirtschaft bemerkbar. Noch 2014 hatte Großbritannien die am schnellsten wachsende Wirtschaft von allen G7-Staaten. Mittlerweile belegt das Land den letzten Platz. Im vierten Quartal 2018 kam das Wachstum offenbar komplett zum Stillstand. Die britische Wirtschaft wuchs in diesem Zeitraum um geschätzt nur noch 0,1 Prozent.

Das bleibt nicht ohne Folgen:

  • Jaguar Land Rover, der größte Autobauer des Landes, kündigte am Donnerstag an, 4500 seiner weltweit rund 43.000 Stellen zu streichen. Die meisten Entlassungen soll es in Großbritannien geben. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen schon einmal 1500 Jobs abgebaut. Maßgeblich für die neue Entscheidung seien "geopolitische und regulatorische Unterbrechungen" gewesen, sagte Konzernchef Ralf Speth. Damit meinte er den Rückgang beim Verkauf von Dieselfahrzeugen und die gesunkene Nachfrage in China. In der Vergangenheit hat Jaguar Land Rover jedoch mehrfach eindringlich vor den Folgen eines harten Brexits gewarnt und in diesem Zusammenhang Entlassungen ins Gespräch gebracht.
  • Auch der amerikanische Autobauer Ford kündigte am Donnerstag Entlassungen in Europa an. Standorte in Großbritannien sollen wohl zunächst nicht stark betroffen sein. Fords Europachef Steven Armstrong deutete jedoch an, dass im Fall eines harten Brexits britische Werke auch ganz geschlossen werden könnten. Falls der Brexit "in die falsche Richtung" gehen sollte, würde Ford "alle notwendigen Maßnahmen treffen", sagte Armstrong.
  • Der japanische Autokonzern Honda will im April seine gesamte Produktion in Großbritannien für sechs Tage stoppen. Der Konzern möchte so besser mit den logistischen Unterbrechungen klarkommen, die nach dem Brexit zu erwarten seien.
  • Nicht nur die Automobilbranche leidet unter der Ungewissheit, die der Brexit mit sich bringt. Die Kaufhauskette John Lewis warnte am Donnerstag, dass sie in diesem Jahr zum ersten Mal seit 1953 die Gewinnbeteiligung aussetzen könnte, die sie ihren Mitarbeitern zahlt. Schuld daran sei eine "relativ schwache Nachfrage".
  • Die Handelskette Halfords, die unter anderem Autozubehör und Fahrräder verkauft, musste zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres eine Gewinnwarnung aussprechen. Und die Kaufhausketten Debenhams und Marks & Spencer berichteten ebenfalls am Donnerstag über massive Einbußen beim Weihnachtsgeschäft.
John-Lewis-Filiale in London
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John-Lewis-Filiale in London

Die Hiobsbotschaften der Handelsketten sind nur die jüngsten Episoden in Großbritanniens Einzelhandelskrise. Allein im vergangenen Jahr sind der Elektronikfachhandel Maplin, die Billig-Supermarktkette Poundworld und die Spielwarenkette Toys R Us UK verschwunden. Tausende Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze.

Auch in Großbritannien kämpft der Einzelhandel damit, dass sich das Geschäft immer mehr auf das Internet verlagert. Doch der Brexit verstärkt die bestehenden Probleme. So hat der 15-Prozent-Kurssturz des Britischen Pfunds seit dem EU-Referendum Waren aus dem Ausland verteuert. Der Kursverlust führte auch zu einer Inflation, die zeitweise die Drei-Prozent-Marke überschritt. Da die Löhne und Gehälter in Großbritannien derzeit nur sehr langsam steigen, haben viele Briten deshalb effektiv weniger Geld in der Tasche als noch vor einem Jahr.

In Nordirland herrscht Angst

In einem Landesteil blicken Wirtschaftsvertreter einem drohenden harten Brexit mit besonders großer Sorge entgegen: in Nordirland. Die dortige Wirtschaft ist stark mit der in der Republik Irland verwachsen. Ein harter Brexit, mit Grenz- und Zollkontrollen, wäre für die dortigen Unternehmen extrem folgenschwer. Entsprechend schlecht ist die Stimmung.

"Wir haben unter unseren Mitgliedern eine Umfrage durchgeführt. Und dieser Umfrage zufolge glauben nur sechs Prozent unserer Unternehmen, dass der Brexit gut für sie sein wird", sagt Stephen Kelly, Chef des Branchenverbands Manufacturing Northern Ireland, der das produzierende Gewerbe in der Region vertritt. "Mehr als die Hälfte glaubt, dass er schlecht fürs Geschäft sein wird." Vier von zehn Unternehmen hätten bereits begonnen, Vorräte an Rohmaterialien anzulegen, um im Fall eines harten Brexit keine Engpässe bei der Produktion befürchten zu müssen, sagt Kelly.

"Einige unserer Unternehmen sind an dem Punkt, dass sie Entscheidungen treffen müssen", sagt Stephen Kelly dann. "Wegen der Arbeitsschutzgesetze müssen sie bis Ende Januar entscheiden, was sie mit ihren Angestellten machen. Das gilt vor allem für Unternehmen, die auf den grenzüberschreitenden Handel angewiesen sind."

Anders gesagt: Unternehmen, die befürchten, dass ihnen nach dem Brexit ein Teil des Geschäfts wegbricht, könnten schon bald Mitarbeiter entlassen. Einige nordirische Unternehmen hätten auch Niederlassungen in der Republik Irland eröffnet, sagt Kelly. "Damit wollen sie sicherstellen, dass sie nach dem Brexit einen fortgesetzten Zugang zum EU-Markt haben."

insgesamt 265 Beiträge
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feld01 10.01.2019
1. Project Fear 2.0
Genauso viele Firmeneigentümer sagen, das ein sauberer Brexit auf WTO Basis von Vorteil wäre. Hier sollte man also bei beiden Seiten sehr vorsichtig sein, was politisch, und was ökonomisch motiviert ist. Den Briten wurde ja auch bei der Euro-Verweigerung mit dem Schnelltot gedroht...
GlobalerOptimist 10.01.2019
2. Wasserstandsmeldungen aus GB
das ist nur ein Schreckgespenst. Es funktioniert mit Norwegen und der Schweiz, auch mit GB wird ein Weg gefunden.
mick richards 10.01.2019
3.
Von den Brexit-schreihälsen, die in england den Brexit lauthals propagiert haben, ist nicht mehr zu hören. Sie sind abgetaucht.
jujo 10.01.2019
4. ...
Ich verstehe, die Parlamentarier sind gegen einen harten Brexit. Sie sind aber auch gegen das verhandelte Abkommen. Könnte mir Mal bitte jemand sagen wofür (!) die Parlamentarier sind? Darüber habe ich noch nirgendwo gelesen.
Flari 10.01.2019
5.
Zitat von GlobalerOptimistdas ist nur ein Schreckgespenst. Es funktioniert mit Norwegen und der Schweiz, auch mit GB wird ein Weg gefunden.
Das mit dem Wasserstand ist ein guter Vergleich. Immer wieder werden ganze Dörfer, Städte und Landstriche meterhoch überflutet, aber am Ende fliesst das Wasser dann doch wieder ab. Also bloss Ruhe bewahren. Und die eingetreteten (Sach-) Schäden lassen sich auch überwiegend wieder beseitigen, bereits nach z.B. 10 Jahren ist für Aussenstehende davon oft nichts mehr zu sehen.
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