Erste vorläufige Brexit-Einigung Britische Finanzbranche soll Zugang zu EU-Binnenmarkt behalten

London und Brüssel haben bei den Brexit-Verhandlungen einen Fortschritt erzielt: Britische Finanzdienstleister sollen einem "Times"-Bericht zufolge weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt haben.

Finanzdistrikt in London
REUTERS

Finanzdistrikt in London


In drei Wochen will die britische Regierung ein Abkommen über den Austritt des Landes aus der Europäischen Union (EU) verhandelt haben. Bei einem wichtigen Punkt hat sie nun offenbar eine Einigung mit Brüssel erzielt. Die britische Premierministerin Theresa May habe mit der EU eine vorläufige Vereinbarung mit Blick auf die Finanzdienstleistungen erzielt, berichtet die "The Times" unter Berufung auf Insider in der britischen Regierung.

Die Einigung sehe vor, dass britische Finanzdienstleister nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU weiterhin Zugang zu den europäischen Märkten hätten. Die Regulierung der Finanzbranche in Großbritannien müsse sich dafür aber an den EU-Vorgaben orientieren. Nach der Veröffentlichung der "Times" stieg der Kurs des britischen Pfunds gegenüber dem Dollar um 0,6 Prozent.

Ein Regierungsinsider relativierte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, indem er lediglich von "Fortschritten" in den Gesprächen sprach und davon, dass eine Einigung "fast geschlossen" sei. Zudem wies er darauf hin, dass eine entsprechende Regelung nur dann zu erwarten sei, wenn ein umfassendes Brexit-Abkommen zwischen der EU und Großbritannien zustande komme.

Die Finanzindustrie hat für Großbritanniens Wirtschaft enorme Bedeutung. Entsprechend wichtig ist der Zugang der Branche zum EU-Binnenmarkt. In den vergangenen Monaten hatten sich große Finanzdienstleister auch für den Fall vorbereitet, dass die Verhandlungen scheitern und Großbritannien ohne ein Abkommen aus der EU ausscheidet. Viele Banken, Versicherungen und andere Unternehmen gründeten oder stärkten Niederlassungen in anderen EU-Staaten und verlegten zumindest einen Teil ihrer Tätigkeit dorthin.

Großbritannien will die EU Ende März 2019 verlassen. Die nun offenbar erzielte Einigung bei den Finanzdienstleistungen ist allerdings nicht das Haupthindernis für ein Abkommen zwischen London und der Staatengemeinschaft über die Beziehung nach dem Austritt. Größter Streitpunkt bei den Verhandlungen ist nach wie vor die künftige Grenze zwischen dem EU-Mitgliedstaat Irland und der britischen Provinz Nordirland.

Trotz dieser Hürde rechnet der britische Brexit-Minister Dominic Raab mit einem Abkommen in spätestens drei Wochen. Das geht aus einem Schreiben Raabs an den zuständigen Ausschuss des britischen Parlaments hervor, das am Mittwoch veröffentlicht wurde.

fdi/Reuters



insgesamt 47 Beiträge
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Ökofred 01.11.2018
1. Klare Tendenz
"Die Regulierung der Finanzbranche in Großbritannien müsse sich dafür aber an den EU-Vorgaben orientieren." Das wird wohl das Ergebnis der Verhandlungen insgesamt sein: GB unterwirft sich den EU Regularien, zahlt etwa soviel wie früher, kann aber nicht mehr mitbestimmen. Großer Erfolg! Die Hardliner werden sich alle Mühe geben, das zu torpedieren.
Online-Joker 01.11.2018
2. Ohne Not
Unverständlich, dass die EU diesen Trumpf so leichtfertig abgibt. UK bietet 300.000 Finanzprodukte in der EU an, umgekehrt sind es lediglich 25.0000. Mit dieser Entscheidung verkauft sich die EU zu günstig an die Londoner „City“! What‘s in it for us?
Timothy Martin 01.11.2018
3. So viel zur Standhaftigkeit der EU
...als nächstes kommt die Ausnahme für die Autozulieferer...und dann für den Agramarkt... Welchen Preis zahlt GB? Und an wen?
spondabel 01.11.2018
4. Einknicken
Die EU beginnt also doch einzuknicken. Und es ist kein Wunder, dass dies zuerst bei der Finanzindustrie beginnt. Deren Macht ist schon viel zu lange viel zu groß. Außerdem frage ich mich nach der Lektüre des Artikels was mit der Freizügikeit von Waren und Personen ist? Sollte die Finanzindustrie hier ein Privileg erhalten und die anderen Punkte blieben eingeschränkt wären wir wieder beim Rosinenpicken. Das würde ich als Totalversagen der EU werten.
anno1984 01.11.2018
5. Und schon bröckelt sie
Wie oft wurden die vier Säulen des EU Binnenmarktes in den Vordergrund gestellt. Und nun? Die erste bekommt Risse. Mal schauen welche als nächstes folgt und welches Land dies als Einladung sieht.
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