Grenzstaus, Lieferengpässe, Arbeitslose So gefährlich wäre ein Brexit ohne Deal

Großbritannien stellt sich langsam, aber sicher darauf ein, ohne Vereinbarung aus der EU auszuscheiden. Doch ein solcher No-Deal-Brexit hätte wohl heftige Folgen für die britische Wirtschaft. Fünf Beispiele.

London
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Von Sascha Zastiral, London


Liam Fox strotzte vor Zuversicht: "Das Freihandelsabkommen, das wir mit der Europäischen Union haben werden, sollte eines der einfachsten in der Geschichte der Menschheit sein", sagte Großbritanniens Minister für Internationalen Handel in einem Interview. Das war vor etwas mehr als einem Jahr.

Heute hört sich das, was Fox zu dem Thema zu sagen hat, ganz anders an: "Ich glaube, die Unnachgiebigkeit der (Europäischen) Kommission drängt uns in Richtung 'No Deal'", verkündete er vor wenigen Tagen in der "Sunday Times".

"No Deal", das wäre ein Brexit, bei dem Großbritannien die EU ohne ein Abkommen verlassen würde. Die Chance, dass das geschehen könne, bewerte er derzeit mit 60 Prozent, sagte Fox. Bei der EU habe offenbar "die theologische Besessenheit der Ungewählten (...) Vorrang vor dem Wohlergehen der Menschen in Europa."

Der Handelsminister steht mit seiner Warnung nicht alleine da - auch nicht in der Regierung. Außenminister Jeremy Hunt sagte vor wenigen Tagen, das Land steuere "auf einen No-Deal-Brexit aus Versehen" zu. Das Risiko dafür nehme mit jedem Tag zu. Und der neue Brexit-Minister Dominic Raab sorgte kürzlich für Aufsehen, als er einräumte, dass die Regierung plane, große Mengen an Lebensmitteln zu horten, damit es im Fall eines No-Deal-Brexits nicht zu Versorgungsengpässen komme.

Auch der Chef der Bank of England, Mark Carney, warnte jüngst davor, dass das Risiko eines No-Deal-Brexits "unangenehm hoch" sei. Es wäre im "absoluten Interesse" der EU und Großbritanniens, nach dem Brexit-Termin im kommenden März eine Übergangszeit zu haben, sagte Carney.

Die Brexit-Verhandlungen stecken schon eine ganze Weile fest. Das Hauptproblem ist, dass sich die Regierung London einen weitgehend uneingeschränkten Zugang zum Europäischen Binnenmarkt wünscht, obwohl Großbritannien diesen Binnenmarkt (genauso wie die Zollunion) verlassen soll.

Die EU bezeichnet diesen Wunsch der Briten als unerfüllbar. Und auch ein Vorstoß von Premierministerin Theresa May, mit dem sie ein Stück weit auf die EU zuging, hat das Problem nicht gelöst. Die EU zeigte sich unbeeindruckt; Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson traten aus Protest zurück.

Die Verhandlungsführer aus Brüssel und London haben sich zwar schon grundsätzlich darauf verständigt, dass es nach dem Brexit-Termin im kommenden März eine Übergangsfrist bis Ende 2020 geben soll. Während dieser Zeit würde sich am Status quo nicht viel ändern. Doch damit diese Übergangsregelung überhaupt in Kraft tritt, müssten zuerst die Scheidungsmodalitäten geklärt sein. Und das scheint derzeit schwierig. Zugleich tickt die Uhr: Da sämtliche EU-Staaten, das EU-Parlament und das britische Parlament einer solchen Vereinbarung zustimmen müssten, müsste diese eigentlich bis zum Herbst vorliegen. Und das könnte äußerst knapp werden.

Ein freundschaftliches No-Deal-Szenario?

Mittlerweile wird auch diskutiert, ob man sich nicht einfach auf ein freundschaftliches No-Deal-Szenario einigen und mit einzelnen Vereinbarungen mögliche Unterbrechungen beispielsweise beim Handel und beim Flugverkehr minimieren könnte. Doch das würde ein Wohlwollen auf beiden Seiten erfordern, das derzeit alles andere als selbstverständlich scheint.

Die britische Regierung könnte bei einem No-Deal-Brexit bereits gemachte Zusagen zurückziehen, etwa den bereits zugesicherten "Scheidungsbetrag" in Hohe von 39 Milliarden Pfund. Auch Garantien gegenüber EU-Bürgern und das Versprechen, eine harte Grenze in Irland zu vermeiden, wären erst mal vom Tisch, was für noch mehr Ärger sorgen könnte.

Von einem No-Deal-Brexit wären verschiedene Bereiche der Wirtschaft betroffen:

Handel: Neue Abkommen mit jedem Land

Containerschiff im Hafen von Felixstowe
REUTERS

Containerschiff im Hafen von Felixstowe

Ein No-Deal-Brexit sei nicht so schlimm, sagen die Brexit-Hardliner. Großbritannien würde in einem solchen Fall einfach auf die Regeln der Welthandelsorganisation WTO zurückfallen und dann eben unter diesen Regeln mit der EU Handel treiben.

Ein zentrales Argument der Hardliner lautet dabei, dass Großbritannien nach dem Brexit in der Lage sein wird, eigene Handelsabkommen mit Ländern weltweit abzuschließen. Vor allem die US-Regierung in Washington gibt sich in dieser Frage seit dem Amtsantritt Donald Trumps enthusiastisch. Doch schon jetzt ist klar, dass die USA von Großbritannien unter anderem erwarten würden, US-Lebensmittel ins Land zu lassen, die wegen der niedrigen Produktionsstandards nicht in die EU exportiert werden dürfen. Die Amerikaner dürften auch verlangen, dass Großbritannien sein Gesundheitssystem für US-Anbieter öffnet. Indien hat unterdessen zu verstehen gegeben, dass es in Sachen Handelsabkommen keinen Grund zur Eile sehe.

Derzeit genießt Großbritannien die Vorzüge, die sich aus den mehr als 50 Handelsabkommen ergeben, die Brüssel mit Staaten wie Mexiko, Südkorea und Japan getroffen hat. Nach dem Brexit könnte Großbritannien diese Handelsabkommen theoretisch übernehmen.

Doch hierzu müssten sowohl die EU als auch die betroffenen Länder ihren Segen erteilen. Da Großbritannien in einer extrem schwachen Verhandlungsposition wäre, könnten einige Staaten den Briten Auflagen diktieren, die diese kaum ablehnen könnten. Und sollte die Trennung ruppig verlaufen, könnte auch die EU ihre Zustimmung verweigern.


Grenzverkehr: Bis zu 50 Kilometer Stau an der Grenze

Lkw-Verkehr in Dover
FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Lkw-Verkehr in Dover

Derzeit verläuft der Handel zwischen Großbritannien und der EU dank Zollunion und Binnenmarkt reibungslos. Doch die Zoll-, Pass- und Qualitätskontrollen, die bei einem No-Deal-Brexit umgehend erforderlich würden, hätten lange Rückstaus im Südosten Englands zur Folge. Derzeit gibt es Pläne, einen etwa 20 Kilometer langen Abschnitt der M20-Autobahn in einen Lkw-Parkplatz zu verwandeln. Im Fall eines abrupten No-Deal-Brexits rechnen die Behörden mit Staus in einer Länge von bis zu 50 Kilometern. In der gesamten Region um Dover ist die Einrichtung riesiger Lkw-Parkplätze geplant.

Ein Vorschlag, der Staus verhindern soll und unter Brexit-Hardlinern beliebt ist, lautet: Großbritannien könnte sämtliche Zölle abschaffen und so die Notwendigkeit von Zollkontrollen umgehen. Doch der Industriesektor des Landes würde durch den zollfreien Import von Produkten aus aller Welt leiden. Und auch ein Teil der britischen Landwirtschaft würde den zollfreien Import von Agrarprodukten wohl kaum überleben.

EU-Institutionen: Im schlimmsten Fall ohne Luftverkehr

Flughafen Heathrow in London
AP

Flughafen Heathrow in London

Im Fall eines No-Deal-Brexits würde Großbritannien aus allen EU-Institutionen und aus allen EU-Agenturen fliegen, etwa aus der Europäischen Arzneimittelagentur und aus der Europäischen Agentur für Flugsicherheit. Die Briten müssten so schnell wie möglich eigene Agenturen aufbauen, die Vorschriften der EU nahtlos übernehmen und auf eine wechselseitige Anerkennung drängen. Bis das alles geregelt wäre, könnten allerdings Jahre vergehen.

Im schlimmsten Fall könnte ein No-Deal-Brexit dazu führen, dass aus Großbritannien kommende Flugzeuge keine europäischen Flughäfen mehr ansteuern dürften. Schatzkanzler Philipp Hammond gab kürzlich zu, dass es "theoretisch möglich" wäre, dass es am 29. März 2019 - dem Brexit-Tag - keinen Flugverkehr zwischen der EU und Großbritannien mehr geben würde. "Aber ich denke nicht, dass irgendjemand ernsthaft glaubt, dass wir dahin geraten könnten."


Lieferketten: Die Leiden der Autoindustrie

Jaguar-Werk in Birmingham
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Jaguar-Werk in Birmingham

Die Automobilindustrie warnte kürzlich, dass ein harter Brexit Tausende Jobs kosten könnte. Der Sektor beschäftigt in Großbritannien mehr als 850.000 Menschen, 186.000 von ihnen in der Produktion. Ein Großteil der Produktion erfolgt "just in time", das heißt: Die Teile werden erst kurz bevor sie gebraucht werden in die Fabriken geliefert. Viele Lieferketten erstrecken sich quer über den europäischen Kontinent.

Auf britische Zulieferer umzusteigen wäre teuer, würde Zeit kosten - und wäre manchmal gar nicht möglich. In jedem Fall würde die Produktion wohl teurer. Die britischen Automobilexporte würden leiden: 80 Prozent der in Großbritannien hergestellten Fahrzeuge werden exportiert, der Großteil von ihnen in die EU. Hier würden im Fall eines No-Deal-Brexits Zölle fällig werden.

Der japanische Botschafter in London äußerte sich schon vor Monaten deutlich dazu, was passieren könnte, falls die Profite von Unternehmen wie Honda und Nissan, die in Großbritannien produzieren, wegen des Brexits zurückgehen sollten: Sie könnten ihre Produktion abziehen. Die Regierung in Tokio verlangte mehrmals von Großbritannien, für einen Verbleib des Landes im Europäischen Binnenmarkt und in der Zollunion zu sorgen - ohne Erfolg. Ein No-Deal-Brexit wäre das absolute Gegenteil dieser Forderungen.


Ausländische Arbeitskräfte: Notstand bei den Pflegekräften

Krankenhausmitarbeiter
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Krankenhausmitarbeiter

Das Schicksal der rund 3,8 Millionen EU-Bürger in Großbritannien und der etwa 1,3 Millionen britischen Bürger in der EU wäre im Fall eines No-Deal-Brexits vollkommen offen. Eine Kernforderung vieler Brexit-Hardliner lautet, den "unkontrollierten" Zuzug von EU-Bürgern zu stoppen. Doch daran dürfte sich nach einem No-Deal-Brexit erst einmal nichts ändern, und das vermutlich monatelang. Die Regierung dürfte eine ganz Weile brauchen, um ein neues Einreise-, Aufenthalts- und Visaregime aufzubauen. So lange könnten EU-Bürger weiter relativ ungehindert nach Großbritannien kommen.

Falls sie das dann überhaupt noch möchten. Denn die allgemeine Unsicherheit, die sich aus einem No-Deal-Brexit ergeben würde, dürfte viele EU-Bürger dazu veranlassen, das Land zu meiden. Schon jetzt verrotten auf britischen Feldern Lebensmittel, weil nicht genug europäische Saisonarbeiter zur Ernte aufgetaucht sind. Dem Gesundheitssystem drohen katastrophale Engpässe: So kommen schon jetzt immer weniger europäische Pflegekräfte nach Großbritannien. Dem Gesundheitsdienst NHS fehlen 42.000 Krankenschwestern und Pfleger.

insgesamt 432 Beiträge
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Seite 1
jujo 08.08.2018
1. ....
Das haben die Brexitiers mit ihrer Lügerei bislang doch ganz gut hinbekommen. Vom Acker haben sie sich schon gemacht.Jetzt sind die Nachfolger schuld am zu erwartenden Chaos. Dieses kann aber niemand ernsthaft wollen?
quick_piet 08.08.2018
2. Trifft nur die Briten ?
Es trifft alle ! Und so was kann immer wieder passieren und passiert ( alles glauben was irgendwo steht) Denken hilft!
gigi76 08.08.2018
3. Sehr einseitige Betrachtung
Es gibt durchaus viele Chancen für Großbritannien durch den Brexit und sehr viele Risiken für die EU. Darauf wird hier leider nicht eingegangen. Warum nicht?
lathea 08.08.2018
4. Die englische Blauäugigkeit.....
.......führt die Briten immer mehr an den Punkt, der von Anfang an vorhersehbar war. Schade um das Land und die Bevölkerung. Vielleicht werden sie ja ein neues Bundesland ihrer ehemaligen Kolonie in Amerika. Ob sie da allerdings mit dem Rechtsverkehr, Fahrenheit, Cups u.s.w. weiterkommen, ist etwas fraglich. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
nomac 08.08.2018
5. kein Problem
Kein Problem für die Brexiters der Tories. Diese verweigern sich hartnäckig der sich gerade dramatisch verändernden Realität: z.B. dass die WTO-Regeln, auf die sie die ganze Zeit verwiesen haben, gerade von Trump komplett in Frage gestellt werden.
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