Hafen von Dover Britische Regierung probt den Nach-Brexit-Stau - mit 89 Lastwagen

Im Ernstfall wären etwa 10.000 Trucks täglich betroffen: Die britische Regierung hat für den nahenden Brexit üben lassen. 89 Miet-Lastwagen simulierten nahe Dover einen Stau durch mögliche Grenzkontrollen. Und das für viel Geld.

Lkw bei Stau-Übung nahe Hafen von Dover
REUTERS

Lkw bei Stau-Übung nahe Hafen von Dover


Gut 10.000 Lastwagen passieren täglich den Hafen von Dover - ohne Grenzkontrollen. Doch solche Kontrollen drohen im Fall eines harten Brexits. Weil es im britischen Parlament enorme Vorbehalte gegen das Austrittsabkommen mit der EU gibt, probt die britische Regierung bereits den Worst Case. Sie ließ am Montag rund um den Hafen von Dover Dutzende Lastwagen den Fall einer Wiedereinführung von Grenzkontrollen simulieren, wie das Verkehrsministerium in London mitteilte.

Um zu prüfen, wie sich in diesem Fall Staus vermeiden lassen, ließ das Ministerium 89 Lastwagen auf dem stillgelegten Flughafen von Manston knapp 32 Kilometer vom Hafen von Dover auffahren. Das Gelände könnte genutzt werden, um im Fall eines ungeordneten EU-Austritts Großbritanniens Staus nahe Dover zu verhindern, hieß es.

Übung für gut 50.000 Pfund

Der Konvoi fuhr probeweise bis zum Hafen von Dover und kehrte danach für eine weitere Übung zurück zu dem stillgelegten Flughafengelände. Ziel der Testfahrt sei es sicherzustellen, dass es "einen wirksamen Plan für den Fall von Störungen nach dem EU-Austritt" gebe, begründete das Verkehrsministerium die Aktion.

Lkw beim Brexit-Test in Dover
AP

Lkw beim Brexit-Test in Dover

Eine Sprecherin versicherte, dass die Regierung weiter hart an einem geordneten Brexit arbeite. Es liege aber auch in ihrer Verantwortung, "sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten". Dazu gehöre ein harter EU-Austritt ohne Abkommen.

Die Mietkosten für die Lkw-Übung in Dover bezifferte das Ministerium auf 48.950 Pfund. "Das ist eine Farce auf Kosten der Steuerzahler", kritisierte die liberaldemokratische Abgeordnete Layla Moran die Truck-Aktion. Diese werde die EU nicht davon überzeugen, dass Großbritannien auf einen harten Brexit vorbereitet sei.

Die Road Haulage Association (RHA), ein Handelsverband für Straßentransport, kritisierte, der Test komme viel zu spät und sei viel zu klein, um den Ernstfall mit Tausenden Trucks zu proben.

"Weniger als hundert Lkw sind wie ein Tropfen im Ozean, angesichts der 10.000 Lastwagen, die jeden Tag den Hafen passieren", sagte der konservative Abgeordnete Charlie Elphicke. Die Regierung könne Lastwagen nicht wie bei einer wilden Gänsejagd durch kurvenreiche und einspurige Straßen durch Dörfer in Kent schicken.

Brüssel will nicht nachverhandeln

Dover gilt seit Jahrhunderten als Tor Großbritanniens zu Europa. Am dortigen Hafen werden 17 Prozent des Warenhandels des Vereinigten Königreichs abgewickelt. Jeder Lastwagen benötigt nach Angaben der Hafenbetreiber bisher nur zwei Minuten, um bei der Ankunft die nötigen Formalitäten zu erledigen. Allein zwei zusätzliche Minuten würden für Staus mit einer Länge von mehr als 27 Kilometern sorgen, hieß es auf der Website des Hafens.

Laut BBC soll das Parlament am 15. Januar über den hochumstrittenen Brexit-Deal abstimmen. Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird am 29. März vollzogen. Gegen das mit Brüssel ausgehandelte Austrittsabkommen gibt es im britischen Parlament breiten Widerstand. In den vergangenen Tagen war in britischen Medien über eine erneute Verschiebung der Abstimmung spekuliert worden.

Die EU-Kommission bekräftigte ihre Weigerung, den Brexit-Deal mit London nachzuverhandeln. "Es gibt keine Verhandlungen, weil wir alles, was wir auf dem Tisch haben, als gegeben, feststehend und abgesegnet betrachten", sagte Kommissionssprecher Margaritis Schinas in Brüssel.

Aston Martin aktiviert Notfallplan

Die Unsicherheit über den Brexit belastet die britische Wirtschaft. So machte der britische Verband der Autohersteller den bevorstehenden EU-Austritt mitverantwortlich für einen Einbruch des Autoabsatzes im vergangenen Jahr.

Der britische Autobauer Aston Martin hat einen Notfallplan im Fall eines harten Brexits verabschiedet. Bisher kommen Motoren oder Getriebe, die Aston Martin in Europa beschafft, über den Hafen von Dover ins Land. Um starke Verzögerungen durch Zollkontrollen zu vermeiden, hat der Autohersteller mit dem Transportunternehmen DHL vereinbart, dass die Lkw im Fall eines harten Brexit andere Häfen ansteuern. Auch der teurere Weg über Luftfracht sei organisiert, hieß es. Um seine Luxusautos ohne Unterbrechung in Europa verkaufen zu können, hat Aston Martin zudem im vergangenen Jahr ein Lager in Deutschland aufgebaut.

mmq/Reuters/AFP/dpa

insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
dirkcoe 07.01.2019
1. Realsatire?
Wir reden über einen Stau von vermutlich tausenden LKW und geübt wird mit 89? Sorry, mag ja an mir liegen - aber Sinn erschließt sich mir jetzt nicht.
fottesfott 07.01.2019
2. Sir Michael Palin
als Brexit-Berater zu engagieren, ist die beste Idee der britischen Regierung seit sehr, sehr langr Zeit...
delta120 07.01.2019
3. Reine Propaganda Show
Da schmeißt die britische Regierung das Geld zum Fenster raus, anstatt die Entscheidung in einer 2. Volksabstimmung zu suchen. Gewinnt May die Volksabstimmung ist der Zerfall der EU gestoppt. Bei einem Austritt wäre wenigsten das Thema Zerfall erstmal vom Tisch. Kommt es zu Neuwahlen und der Brexit wird um 2 Jahre verschoben, dann werden wir 2 Jahre weiter über den Brexit und den Zerfall der EU reden.
tucson58 07.01.2019
4. So einen Unsinn
Man kann es kaum glauben das für so einen völligen Unsinn auch Geld ausgegeben wird . das ist doch alles nur Panickmache um am Ende eine Mehrheit im Unterhaus für das Abkommen mit der EU zu bekommen und eventuell die EU zu weiteren Entgegenkommen zu bewegen. Ich glaube nicht das bei der Abstimmung dieses Abkommen abgelehnt wird , denn einen harten Brexit will die Mehrheit sicher nicht und deren mögliche Folgen wir seit kurzem immer wieder allen mit diesem Theater vorgeführt . Es wird eine Mehrheit für das Abkommen geben und es wird zu zu einem völlig normalen Brexit kommen, das wissen die doch alle , aber es wird weiterhin eine Menge Geld für solchen Unsinn ausgegeben
Newspeak 07.01.2019
5. ...
Bei LKWs mit festem Ziel sollte es doch eigentlich kein Problem sein, die Formalitaeten online und vor dem Losfahren zu erledigen, um sie an der Grenze nur noch minimal bzw. stichprobenhaft zu kontrollieren. Laderaum wird verplombt, der Nachweis ueber die erfolgte Genehmigung der Einreise als QR Code ausgegeben, an der Grenze scannen, fertig.
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