Folgen des EU-Austritts Was Sie vor dem Brexit erledigen sollten

Von nun an tickt die Uhr: Wenn Großbritannien in zwei Jahren die EU verlässt, verlieren Bürger auf beiden Seiten des Ärmelkanals Privilegien. Acht Dinge, die sie zuvor noch angehen sollten.

Schlange vor der Passkontrolle auf dem Flughafen London-Heathrow
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Schlange vor der Passkontrolle auf dem Flughafen London-Heathrow

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Der Countdown an Silvester dauert Sekunden, der bei Raketenstarts maximal eine Woche. Großbritannien dagegen zählt ab sofort ganze zwei Jahre herunter. So viel Zeit bleibt für die Verhandlungen über den EU-Austritt, den Premierministerin Theresa May am Mittwoch offiziell beantragen wird.

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Heft 13/2017
Dramatische Zeiten in einer wundervollen Stadt

Trotz der langen Zeitspanne dürften viele Briten, aber auch so mancher Deutscher von nun an ein Gefühl der Dringlichkeit verspüren. Denn einiges könnte nach dem Brexit nicht mehr möglich sein:

Nach London fliegen mit halbierten Schlangen

Schlange vor der Passkontrolle in London-Heathrow (Archiv)
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Schlange vor der Passkontrolle in London-Heathrow (Archiv)

Ein Wochenendtrip nach London ist für viele Deutsche zur Selbstverständlichkeit geworden. Zwar mussten sie dabei schon bislang ihre Pässe oder Ausweise mitnehmen, weil Großbritannien nicht Teil des Schengenraums ist. Und auch heute schon lässt sich in Heathrow oder Gatwick recht gut der britische Nationalsport Schlangestehen (Queueing) üben. Dennoch genießen EU-Bürger gegenüber anderen Reisenden Vorteile. Dazu gehört, dass sie keinen Zoll auf Mitbringsel aus ihrer Heimat zahlen müssen und es dabei auch keine Höchstmengen bei Waren für den privaten Gebrauch gibt.

So einfach dürfte es nicht bleiben. Schließlich lautete eines der Hauptversprechen der Brexit-Befürworter, die "Kontrolle über unsere Grenzen zurückzuerlangen". Das könnte bedeuten, dass für EU-Bürger künftig genauso wie für Menschen aus anderen Ländern die verschärfte Identitätskontrolle der sogenannten hard border gilt. Für sie veranschlagt die Regierung eine durchschnittliche Wartezeit von 45 Minuten - bei EU-Bürgern sind es bislang nur 25 Minuten. Der Verband der britischen Flughafenbetreiber hat sich über den erhöhten Aufwand bereits "höchst besorgt" gezeigt.

Heiraten, um zusammenzubleiben

"Michelle, ma belle": Das reichte den Beatles Mitte der Sechzigerjahre noch als Liebeserklärung an eine fiktive Französin. Künftig könnte es für Briten mit ausländischem Partner etwas komplizierter werden. Denn je nach Ergebnis der Brexit-Verhandlungen haben EU-Bürger künftig kein automatisches Aufenthaltsrecht mehr in Großbritannien - und umgekehrt.

Ein naheliegender Ausweg für Paare ist es zu heiraten, damit der Partner zunächst eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und dann auch eine Staatsbürgerschaft beantragen kann. Allerdings könnten die britischen Behörden bei den Motiven genau hinschauen: Von Kriminellen arrangierte Zweckehen gelten als großes Problem in Großbritannien. Staatliche Inspektoren machen deshalb regelmäßig Kontrollbesuche bei Frischvermählten.

Echte Cornish Pasties und Nürnberger Würstchen genießen

Britinnen mit Cornish Pasties (und Flagge der Grafschaft Cornwall als Gesichtsbemalung)
Getty Images

Britinnen mit Cornish Pasties (und Flagge der Grafschaft Cornwall als Gesichtsbemalung)

Nürnberger Rostbratwürstchen aus Newcastle, Parmigiano Reggiano aus Portsmouth: Das sind nur zwei von vielen Etikettenschwindeln, die nach dem Brexit denkbar werden. Dann könnte Großbritannien das System geschützter Herkunftsbezeichnungen aufgeben, mit dem die EU bislang zahlreiche regionale Spezialitäten vor Nachahmern schützt.

Auch in Großbritannien bangen zahlreiche Hersteller um das begehrte Label. So stellten sich die Hersteller von Cornish Pasties in Cornwall gegen den Brexit und fordern nun, den Schutz auch nach dem EU-Austritt beizubehalten. Ob das gelingt, ist jedoch offen. Der frühere Vizepremier Nick Clegg warnte bereits, bald könnten Spezialitäten wie Melton Mowbray Pork Pies oder Stilton Cheese in anderen EU-Ländern kopiert werden.

In Oxford oder Heidelberg studieren

Für viele junge Europäer ist es der Höhepunkt ihrer Studienzeit: Für ein oder zwei Semester gehen sie an eine Universität im Ausland. Möglich macht es das Erasmus-Programm der EU, das seit 30 Jahren den Studentenaustausch fördert. Mit dem Brexit aber steht Großbritanniens Teilnahme infrage. Die EU hatte 2014 schon die Schweiz von Erasmus ausgeschlossen, nachdem durch die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative die Einschränkung der Freizügigkeit für EU-Bürger beschlossen wurde.

Auch für die rund 16.000 an britischen Hochschulen eingeschriebenen deutschen Studenten ist der Brexit ein Problem. Bislang zahlen sie bei den Studiengebühren denselben Satz wie Einheimische. Künftig könnten die deutlich höheren Gebühren für Nicht-EU-Ausländer gelten.

Im Krankenhaus mit Karte zahlen

Ein Krankenhausaufenthalt im Ausland gehört selten zur Urlaubsplanung. Zumindest etwas erleichtert wird er für EU-Bürger durch die Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC). Sie garantiert im EU-Ausland freie Arztwahl und gleiche Behandlungskonditionen wie für Einheimische, oft entstehen dem Patienten dabei keinerlei Kosten.

Die Briten dürften dieses Privileg bald verlieren. Der "Guardian" beruhigte seine Leser jedoch kürzlich mit britischem Humor: Bis zum Brexit gebe es noch "viele einfache Wege, sich ins Krankenhaus zu befördern, zum Beispiel während eines Besuchs auf Ibiza, in Amsterdam oder Agia Napa" auf Zypern.

Ein letztes Mal die Ernte vergolden lassen

Die EU ist nicht zuletzt eine gigantische Umverteilungsmaschine: Aus den Beiträgen der Mitgliedsländer werden milliardenschwere Subventionsprogramme für Bauern, Forscher oder strukturschwache Regionen finanziert. Dass dies immer effizient ist, darf bezweifelt werden. Sicher aber ist: Auch Briten haben jahrzehntelang profitiert. Insgesamt erhalten sie nach Angaben ihres Finanzministeriums jährlich gut vier Milliarden Pfund aus Brüssel.

Die Brexit-Befürworter hatten vor dem Referendum versprochen, den Wegfall der Fördermittel auszugleichen. Inzwischen klingen die Versprechen etwas bescheidener. So sagte Schatzkanzler Philip Hammond den britischen Bauern lediglich zu, die Summe bis 2020 zu ersetzen. Angesichts der auf zwei Jahre angelegten Austrittsverhandlungen verpflichtet sich die Regierung also gerade einmal für zwei Jahre zum Ersatz.

Schokolade in Normalgröße essen

Cadbury-Schokolade
Getty Images

Cadbury-Schokolade

Viele britische Schokoladenliebhaber bekommen den Brexit schon jetzt zu spüren: Zunächst verringerte der Hersteller Mondelez die Zahl der Zacken auf den in Großbritannien verkauften Toblerone-Riegeln. Nun wurde auch eine mögliche Verkleinerung der ebenfalls von Mondelez hergestellte Cadbury-Schokolade angekündigt.

Hinter den scheinbar skurrilen Entscheidungen steckt ein grundsätzliches Problem britischer Lebensmittelhersteller: Weil das Pfund nach dem Brexit-Referendum deutlich an Wert verloren hat, wird der Einkauf von Zutaten wie Kakao im Ausland teurer. Der Hersteller Unilever soll schon versucht haben, diese Kosten durch eine zehnprozentige Preiserhöhung an Supermarktketten wie Tesco weiterzugeben. Daraufhin waren der beliebte Brotaufstrich Marmite und andere Unilever-Produkte bei Tesco vorübergehend nicht mehr erhältlich.

Meinungskompass

Einen neuen Pass beantragen

Nicht wenige Briten wollen die Privilegien eines EU-Bürgers auch nach dem Brexit genießen - und beantragen deshalb eine neue Staatbürgerschaft. Allein in Berlin, Hamburg und Frankfurt stieg die Zahl entsprechender Anträge laut einer Umfrage der "Welt" innerhalb eines Jahres von 79 auf 480. Bundesweite Zahlen werden erst zur Jahresmitte erwartet. Insbesondere nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 wurde aber ein Anstieg verzeichnet.

Mit einem Antrag vor dem Brexit sichern sich die Antragsteller die sogenannte Mehrstaatigkeit: Im Gegensatz zu anderen Ausländern in Deutschland dürfen EU-Bürger den Pass ihres Heimatlandes behalten.

Der Trend gilt auch umgekehrt: Die Zahl der Anträge auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Großbritannien hat sich nach dem Brexit-Referendum gegenüber dem Vorjahr fast verdreifacht. Dabei wird es Interessenten nicht gerade leicht gemacht: Das Antragsformular umfasst stolze 85 Seiten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
blitzunddonner 29.03.2017
1. könnte sein, dass ungarn und polen aus dem brexit lernen und kooperativer werden.
könnte sein, dass ungarn und polen aus dem brexit lernen und kooperativer werden. auf gb bezogen bin ich gespannt, was mit der verpflichtungen wird, die gb schon eingegangen ist - ob die einfach unter den tisch fallen oder mit was oder wie die kompensiert werden. noch glaube ich nicht an einen erfolgreichen ausstieg. aber mit dem heutigen tag ist es sicher, dass die sonderrolle gbs in der eu endet. wenn am ende gb doch in der eu bleibt, dann bestimmt unter gleichen bedingungen wie die der anderen eu länder.
fronti 29.03.2017
2. Einreise in das Vereinigte Königreich
Der Autor scheint sich nicht so genau auszukennen. Laut Auswärtigem Amt reicht Personalausweis für die Einreise: Die Einreise in das Vereinigte Königreich ist für deutsche Staatsangehörige mit folgenden Dokumenten möglich: Reisepass: Ja Vorläufiger Reisepass: Ja Personalausweis: Ja Vorläufiger Personalausweis: Ja Kinderreisepass: Ja Also Pässe können zuhause bleiben
AntiGravEinheit 29.03.2017
3. Mobil telefonieren?
Was werden die Mobilfunkanbieter machen? Kann ich nach dem Brexit in GB auch mein Datenvolumen so nutzen, wie in D und dem übrigen EU-Ausland? Sprich: ohne Aufpreis. Kann ich weiterhin zum Standardtarif telefonieren, wie eben auch in D und dem übrigen EU-Ausland? Üblicherweise gelten diese Regeln in Nicht-EU-Ländern nicht.
bstendig 29.03.2017
4. Das ist doch nur oberflächlich recherchiert, was soll das?
Sie schreiben: Ein letztes Mal die Ernte vergolden lassen Die EU ist nicht zuletzt eine gigantische Umverteilungsmaschine: Aus den Beiträgen der Mitgliedsländer werden milliardenschwere Subventionsprogramme für Bauern, Forscher oder strukturschwache Regionen finanziert. Dass dies immer effizient ist, darf bezweifelt werden. Sicher aber ist: Auch Briten haben jahrzehntelang profitiert. Insgesamt erhalten sie nach Angaben ihres Finanzministeriums jährlich gut vier Milliarden Pfund aus Brüssel. Fakt ist (zahlen für 2015) An die EU gezahlt: 14.659,4 Mo. EUR Von der EU bekommen: 6.745,6 Mio EUR Netto: - 7.913,8 Mio EUR. Der britische Steuerzahler finanziert also mit knapp 8 Milliarden Euro solche "armen" Länder wie Luxembourg. Welches etwa 1,3 Milliarden Euro erhält, obwohl es eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt hat. Und einen Juncker, der jahrelang an einer "Steueroase" gebastelt hat und jetzt ohne Legitimation durch Wahlen den Oberkasper gibt. Ich kann die Engländer bis zu einem gewissen Grad schon verstehen. Bei einem solchen Konstrukt kann man wahnsinnig werden, wenn man darüber nachdenkt.
Ente24 29.03.2017
5. Reisepass?
Ich denke, dass der Personalausweis für EU-Bürger reicht.
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