Brexit-Folgen Wie sähe Großbritannien ohne seine Polen aus?

EU-Bürger dürfen überall in der Union arbeiten und leben. Auch das steht in Großbritannien nun auf dem Spiel. Hat das Land von seinen Zuwanderern eher profitiert - oder Nachteile gehabt?

REUTERS

Aus London berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als sein Land der EU beitrat, ging Piotr Winiewski* aus Polen weg. Er war den Geldmangel leid, die schlechten Jobs, das marode Gesundheitssystem. Heute lebt Winiewski in London, im Polen-Viertel an der South Ealing Road, nicht weit vom Flughafen. Er ist als Glaser gut im Geschäft, seine Frau Karolina* führt einen Laden für polnische Spezialitäten.

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Heft 24/2016
Warum wir die Briten brauchen. Why Germany needs the British

Es ist nicht alles gut in Winiewskis Leben. Aber es ist vieles besser als damals in Polen. Er sei dankbar, dass ihm ganz Europa offenstand, sagt der stämmige 44-Jährige mit den eisblauen Augen. Dass er die Wahl hatte auszuziehen, um sein Glück zu suchen und es schließlich in London zu finden.

Am 23. Juni nun haben die Briten die Wahl, und das könnte große Folgen für Leute wie Piotr Winiewski haben. Sollte Großbritannien für den EU-Austritt stimmen, dann steht ein zentraler europäischer Wert auf dem Spiel - das Recht eines jeden EU-Bürgers, überall auf dem geeinten Kontinent zu leben und zu arbeiten.

Die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit ist eine Grundidee der Römischen Verträge, aus denen die EU hervorging. Nun könnten ausgerechnet die libertären Briten daran rütteln. Brexit-Propagandisten wie Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson, Justizminister Michael Gove und Arbeitsministerin Priti Patel wollen die Einwanderung ins Vereinigte Königreich begrenzen. Sie haben das Brexit-Votum zum Plebiszit gegen die Freiheit europäischer Arbeitnehmer gemacht.

"Wenn ich Brite wäre, würde ich für den Brexit stimmen"

Obwohl Johnson & Co eine höchst uneuropäische Idee verfolgen, haben sie in der Bevölkerung viele Unterstützer.

Rund 2,1 Millionen EU-Ausländer arbeiten derzeit in Großbritannien, mehr als 750.000 davon sind Polen, derzeit kommen zunehmend Bulgaren und Rumänen. In den Städten wächst die Wohnungsnot, das Gesundheitssystem ist überlastet, und in der Gastronomie und der Pflege klagen die Angestellten über eine steigende Konkurrenz der Billiglöhner und ein sinkendes Verdienstniveau.

Die britische Regierung verspricht seit Jahren, die Einwanderung zu begrenzen und ihre Folgen in den Griff zu bekommen - bislang mit wenig Erfolg. Nicht nur vielen Briten sind die steigenden Einwanderungszahlen deshalb unheimlich. Auch an der South Ealing Road hat mancher Verständnis für die Argumente von Johnson und Co.

"Wenn ich Brite wäre, würde ich auch für den Brexit stimmen", sagt Jacek Walotka, 38, ein großgewachsener Pole mit Trainingsjacke, der als Busfahrer arbeitet. "Jeder Staat sollte selbst entscheiden, wie viele Migranten er haben will. Und außerhalb der EU hätte die Regierung darüber wieder mehr Kontrolle."

Das Brexit-Votum macht Walotka keine Sorgen. "Ich bin seit elf Jahren im Land", sagt er. Wer fünf Jahre im Vereinten Königreich arbeitet, kann die britische Staatsbürgerschaft beantragen und muss, sofern er sie bekommt, keine Abschiebung mehr fürchten. Walotka sorgt sich daher um seine Freunde, die erst seit Kurzem in Großbritannien leben.

Comeback des polnischen Klempners

Die Abschaffung der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Großbritannien wäre ein schwerer Rückschlag für Europa. Als Polen und sieben weitere osteuropäische Staaten am 1. Mai 2004 der EU beitraten, war das Vereinigte Königreich einer von gerade drei Mitgliedstaaten, die den neuen EU-Bürgern sofort unbegrenzten Zugang zu ihrem Arbeitsmarkt gewährten. Deutschland ließ sich damit bis 2011 Zeit. Durch den Brexit könnte die EU also einen ihrer Pioniere für einen geeinten Arbeitsmarkt verlieren.

Rechtspopulisten beleben gerade eine Angst wieder, die mindestens so alt ist wie die Osterweiterung der EU. Kurz nachdem Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn 2004 der EU beitraten, veröffentlichte das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" die Karikatur eines polnischen Klempners. Rasch wurde diese zum Sinnbild einer wachsenden Furcht vor einer Sintflut osteuropäischer Billigarbeiter, die angeblich Westeuropas Arbeitsmärkte zu erfassen drohte.

Werbeplakat mit polnischem Klempner
AFP/POLISH TOURIST OFFICE

Werbeplakat mit polnischem Klempner

Tatsächlich verursachten die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit und die stetige Erweiterung der EU einen Wandel. In vielen westeuropäischen Ländern nahm die Zahl der EU-Ausländer stark zu. Und tatsächlich versäumte es insbesondere die britische Regierung, die Bevölkerung bei der Zuwanderung richtig mitzunehmen und manche sozialen Effekte abzufedern.

Boris Johnson und seine Brexit-Freunde versprechen nun Abhilfe.

Sie wollen eine Art Punktesystem einführen: Man will Universitätsabschlüsse und Arbeitserfahrung fordern und somit vor allem die Einwanderung hochqualifizierter Fachkräfte erreichen. Wirtschaftsvertreter protestieren gegen solche Vorschläge. Immerhin braucht der britische Arbeitsmarkt auch viele Kräfte für Jobs mit geringeren Anforderungen - allen voran in der Hotellerie und im produzierenden Gewerbe.

Was Migranten den Briten zurückgeben

Nach Ansicht der Brexit-Befürworter sind Leute wie der Glaser Piotr Winiewski und der Busfahrer Jacek Walotka eine Zumutung für Großbritannien. Nach Ansicht vieler Ökonomen sind sie eine Bereicherung. Immerhin haben viele Einwanderer inzwischen selbst Angestellte und zahlen seit vielen Jahren brav ihre Steuern.

Laut der britischen Statistikbehörde ist die Zahl der EU-Arbeiter in Großbritannien seit 2013 um 700.000 gestiegen; im selben Zeitraum fanden gut eine Million Briten eine neue Anstellung. Derselben Statistik zufolge zahlten EU-Migranten allein im Steuerjahr 2013/2014 umgerechnet gut 3,2 Milliarden Euro mehr in die Staatskasse ein, als sie an Zuwendungen erhielten.

Glaubt man diesen Zahlen, dann ist die Geschichte der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Großbritannien unterm Strich eine Erfolgsstory. Für Piotr Winiewski war sie es in jedem Fall. Und er hat nicht vor, sein Glück so leicht aufzugeben. "Ich werde so lange hier bleiben, wie ich mich willkommen fühle", sagt er. Momentan ist das noch so. Allen Populisten zum Trotz.

Zusammengefasst: Mehr als zwei Millionen EU-Ausländer leben und arbeiten in Großbritannien. Sollten die Briten die EU verlassen, würde es für europäische Arbeitskräfte sehr viel schwerer, auf der Insel eine Stelle anzutreten. Brexit-Befürworter begrüßen das, sie warnen vor den Gefahren unkontrollierter Einwanderung. Unterm Strich aber hat die Zuwanderung dem Vereinten Königreich mehr genützt als geschadet.

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donrealo 20.06.2016
1. So viel wie hier immer dargestellt
wird sich nach einem Brexit für die Briten gar nicht ändern. Sie können mit jedem Staat und zu jedem Tha bilaterale Verträge abschließen. So auch mit Polen. Einziger Unterschied: Sie können jetzt wieder selbst bestimmen mit wem sie was verabreden.
echoanswer 20.06.2016
2. Wie soll europaweit was funktionieren, was nicht mal im Inland funktioniert?
Im Osten werden die Leute ohne Tarifverträge mit Mindestlohn und verkürzten Arbeitszeiten ausgebeutet. Der Mindestlohn hat für viele im Osten weniger Lohn als vorher zur Folge. Da braucht man über die EU gar nicht nachdenken.
laberbacke08/15 20.06.2016
3.
Es stimmt nicht, dass man nach 5 Jahren die Staatsbürgerschaft bekommt; man kann sie dann beantragen. Allerdings wurde kürzlich eine neue Hürde eingebaut und man braucht jetzt erstmal eine permanent residency card und muss dann nochmal ein Jahr warten. Der Ganze Spaß kostet dann ca. 1200 Pfund und die Ämter sind im Moment total überlastet. Ansonsten ist das Beispiel des Busfahrers ein typisches Beispiel unserer Zeit: die Leute die am meisten von den Möglichkeiten eines Systems profitiert haben wollen es dann abschaffen damit ihnen niemand folgen kann. Das ist einfach nur kurzsichtig und vergisst, dass sie hier selber trotzdem von den Einheimischen nie ganz akzeptiert werden.
usmc-cpl. 20.06.2016
4. Übliche Lob-Lied der GroKo
"Unterm Strich aber hat die Zuwanderung dem Vereinten Königreich mehr genützt als geschadet." Das will der Autor anhand vom Beispiel eines Busfahrers und einem Glaser festgestellt haben, dass der Brexit ein Unfug ist. Der Beitrag klingt mit dem Unterton so ähnlich wie das Jammerlied der Arbeitgeber-Verbände in Deutschland über den "Mangel an Fachkräften". Jedenfalls kommt das nicht mehr so ganz überzeugend rüber. Die Briten werden schon selber berechnen können, was für deren Arbeitsmarkt gut ist. Außerdem muss die Einschränkung sowie die quantitative und qualitative KONTROLLE der Arbeitnehmer-Freizügigkeit nicht unbedingt direkt in den Niedergang der Wirtschaft dort führen. Maggie Tatcher ist schon lange tot lieber Spon :=) .
sag-geschwind 20.06.2016
5. Ökonomen oder doch nur Ideologen
Heerscharen heimatloser Tagelöhner senken nunmal massiv das Lohnniveau für fast Alle. Damit sinken übrigens auch alle Staatseinnahmen, die über Löhne finanziert werden, da ja die geleisteten Arbeitsstunden z. B. in Deutschland trotz "Jobwunder(TM)" konstant blieben. Also Einnahmen für Renten, Gesundheitswesen, Daseinsvorsorge - alles was der Mensch so braucht und sich als Niedriglöhner nicht selbst finanzieren kann, schrumpft zusammen. Und das beste - das ist keine neue Erkenntnis, wird aber absichtsvoll so weitergetrieben. Fragen Sie sich, finden Sie Begriffe für solch einen Zustand und ziehen Sie Konsequenzen.
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