EU-Austritt Großbritanniens Zoll will 900 Beamte für Chaos-Brexit einstellen

Der deutsche Zoll bereitet sich auf einen chaotischen Brexit vor: 900 Beamte sollen nach Informationen des SPIEGEL neu eingestellt werden, um die möglichen Folgen eines britischen EU-Austritts ohne Abkommen abzufedern.

Zollbeamte
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Zollbeamte

Von , Brüssel


Der deutsche Zoll trifft Maßnahmen für ein Scheitern der Brexit-Verhandlungen. Nach Informationen des SPIEGEL will die Behörde im kommenden Jahr 900 zusätzliche Mitarbeiter einstellen, um auf die Folgen eines EU-Austritts Großbritanniens ohne Abkommen vorbereitet zu sein.

Die neuen Mitarbeiter sollen nach aktueller Planung schwerpunktmäßig in der Zollabfertigung der Häfen von Hamburg und Bremen sowie an den großen Flughäfen wie etwa Frankfurt am Main und Köln/Bonn eingesetzt werden. Ein weiterer Hotspot sei das DHL-Luftfrachtzentrum am Leipziger Flughafen, sagte ein Sprecher der Generalzolldirektion in Bonn. Mit den zusätzlichen Kräften werde man voraussichtlich in der Lage sein, die Mehrbelastung durch einen harten Brexit ohne Abkommen auszugleichen.

Die Neueinstellungen seien im Haushalt für 2019 vorgesehen, doch die Verstärkung der Zollabfertigung laufe schon jetzt, sagte der Sprecher. Nachwuchskräfte, die ihre Ausbildung derzeit beendeten, würden bereits in die vom Brexit voraussichtlich betroffenen Bereiche geführt. Beim Zoll arbeiten nach Angaben der Generalzolldirektion insgesamt rund 39.000 Beamte, allerdings nur ein Teil von ihnen in der vom Brexit betroffenen Zollabfertigung.

Harter Brexit wird immer wahrscheinlicher

Die EU-Kommission versucht derzeit, mit Großbritannien einen Vertrag über die Details des EU-Austritts auszuhandeln. Zentrale Probleme sind allerdings noch ungelöst, etwa Fragen über die künftige Grenze zwischen Irland und Nordirland sowie eine mögliche Mitgliedschaft Großbritanniens in EU-Zollunion und -Binnenmarkt. Die jüngsten Vorschläge der britischen Regierung hat die EU-Kommission abgelehnt. Zugleich wird die Zeit knapp: Das Abkommen muss bis Jahresende stehen, damit das Europaparlament, die EU-Regierungen und das britische Unterhaus noch bis zum Brexit-Termin am 29. März 2019 Zeit haben, den Vertrag zu begutachten.

Sollten die Verhandlungen scheitern, würde Großbritannien von einem Tag auf den anderen aus allen EU-Abkommen und auch aus Binnenmarkt und Zollunion ausscheiden. Alle Waren und Personen müssten vor dem Überschreiten der Grenze kontrolliert werden. Experten warnen vor einem heillosen Chaos und kilometerlangen Lkw-Staus. Die EU-Kommission hat Behörden und Unternehmen in den Mitgliedsländern erst vor wenigen Tagen aufgefordert, ihre Vorbereitungen auf ein solches Szenario zu beschleunigen.

Zoll unter Zeitdruck

Auch beim deutschen Zoll herrscht Zeitdruck angesichts der geplanten Neueinstellung von 900 Beamten auf einen Schlag. Um dennoch auf einen harten Brexit vorbereitet zu sein, könne man auch Personal intern versetzen und mehr Auszubildende anwerben, sagte der Zollsprecher. "Sollte auch das nicht genügen, könnte man als dritte Option externe Kräfte einstellen."

Die Deutschen sind nicht die einzigen, die derartige Maßnahmen treffen. So haben die Niederlande und Belgien kürzlich bekannt gegeben, bis Ende März 2019 Hunderte zusätzliche Zollbeamte in die Häfen von Rotterdam und Antwerpen zu schicken.

Sollten die Austrittsverhandlungen dagegen erfolgreich enden, gäbe es zunächst eine zweijährige Übergangsphase, in der Großbritannien praktisch EU-Mitglied ohne Stimmrecht bleibt. Dem Zoll würde das ein wenig Luft verschaffen, da die Ausbildung neuer Beamter zwei bis drei Jahre dauert.

Doch für eine Entwarnung wäre es auch dann noch zu früh. "Ein harter Brexit ist nicht einmal das Szenario mit der meisten Arbeit", sagt der Zollsprecher. "Ein Freihandelsabkommen mit zahlreichen Ausnahmen vom Normalverfahren könnte den Bedarf noch stärker erhöhen."

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Mr T 03.08.2018
1.
"Ein Freihandelsabkommen mit zahlreichen Ausnahmen vom Normalverfahren könnte den Bedarf noch stärker erhöhen." Das wird wohl er wahre Grund sien, meh Zollbeamte einzustellen....
tinnytim 03.08.2018
2.
Sinnvolle Vorsichtsmaßnahme. Selbst, wenn man die Beamten am Ende doch nicht für einen harten Brexit braucht, sind sie auf jeden Fall eine guze Investition für den Staat. Geschmuggelt wird inmer.
albatross507 03.08.2018
3. Synergien im Binnenmarkt
Interessante Info für alle, die glauben, dass die EU nur Kosten verursacht. Ein Beispiel dafür, dass sie in vielen Bereichen Synergien schafft und die jeweiligen nationalen Kosten senkt. Wenn einer sein eigenes Süppchen kochen will, tauchen diese Kosten eben wieder auf. Haben die britischen Brexit-Wähler sicher nicht bedacht, dass auf deren Seite ein vielfaches dieser Zahl an Zollbeamten neu eingestellt werden muss.
ruhuviko 03.08.2018
4. Gut so für den Anfang.
Aber es gibt wahrscheinlich noch wesentlich andere Bereiche, in denen personelle Verstärkung für den "harten Brexit" notwendig sein wird. Ich nehme an, bei der Kontrolle von Bankgeschäften wird es ebenfalls erheblichen Personalbedarf geben.
hausfeen 03.08.2018
5. Auf welchen Arbeitsmarkt gibt es denn 900 fertig augebildete ...
... Zollbeamte? Klar, die werden gebraucht. Für Frontex. Oder um den Iren auszuhelfen.
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