Britische Regierungsstudie Mittelschichtskinder werden ärmer als ihre Eltern

Die heutige junge Generation wird den Lebensstandard ihrer Eltern nicht mehr erreichen: Was auch für Deutschland vermutet wird, stellt eine Regierungsstudie für Großbritannien schon fest. Verantwortlich dafür seien auch hohe Studiengebühren und Immobilienpreise.

Schüler in Bristol: Mittelschicht ist vom materiellen Abstieg bedroht
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Schüler in Bristol: Mittelschicht ist vom materiellen Abstieg bedroht


Hamburg/London - Eine britische Regierungskommission sieht die materielle Zukunft der heutigen Mittelschichtskinder wenig rosig. Voraussichtlich werde diese Generation die erste seit mehr als einem Jahrhundert sein, die den Wohlstand ihrer Eltern nicht mehr erreichen wird, stellen die Autoren einem Bericht der zum "Guardian"-Verlag gehörenden Wochenzeitung "Observer" zufolge fest.

Offiziell soll der Bericht einer vom konservativen Premierminister David Cameron eingesetzten Kommission erst am kommenden Donnerstag im Parlament vorgelegt werden. Das Gremium aus Fachleuten wurde vor drei Jahren damit beauftragt, Kinderarmut und die soziale Durchlässigkeit der britischen Gesellschaft zu erforschen. Der "Observer" beruft sich auf vorab zugespielte Ergebnisse des Berichts.

Die Erkenntnisse der Kommission sind derart brisant, dass ihre Veröffentlichung verschoben wurde - eigentlich sollte sie bereits vor dem Parteitag der regierenden Tories in der vorvergangenen Woche präsentiert werden. Denn die britische Öffentlichkeit debattiert ohnehin über die "ausgequetschte Mittelschicht", die unter der Wirtschafts- und Finanzkrise am stärksten gelitten habe.

Staatliche Förderung erreicht nur die Allerärmsten

Dem "Observer" zufolge kommt die Studie zu dem Schluss, dass vor allem die Kinder der unteren Mittelklasse vom materiellen Abstieg bedroht seien. Ihre Eltern seien nicht arm genug, um die Kriterien für eine besondere Förderung durch den Staat zu erfüllen - aber auch nicht wohlhabend genug, um ihren Kindern ein sorgenfreies Leben zu garantieren.

Unangenehm für die konservativ-liberale Regierungskoalition in London dürften die Gründe sein, die die Kommission für die schlechteren Zukunftsaussichten der jungen Generation nennt: Demnach sei es eine Kombination von erheblichen Schulden in Folge hoher Schul- und Studiengebühren, hoher Immobilienpreise und unsicherer Arbeitsverhältnisse. So sei der Anteil der 25- bis 34-Jährigen, die in ihrem eigenen Haus oder ihrer eigenen Wohnung lebten, in den vergangenen zehn Jahren von 60 auf 40 Prozent gesunken.

Die Kommission wird laut der Zeitung wahrscheinlich zudem kritisieren, dass die Hilfsangebote des Staates zu sehr auf die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung gerichtet seien. In Großbritannien erhalten demnach Schulen für jeden dieser armen Schüler eine Sonderzahlung von 14.700 Pfund (rund 17.300 Euro) im Jahr. Allerdings gehörten nahezu zwei Drittel der Schüler mit schlechten Noten in Englisch oder Mathematik der Mittelschicht an - und erhielten keine dringend benötigte Förderung.

fdi

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insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
buenaire 13.10.2013
1.
Zitat von sysopGetty ImagesDie heutige junge Generation wird den Lebensstandard ihrer Eltern nicht mehr erreichen: Was auch für Deutschland vermutet wird, stellt eine Regierungsstudie für Großbritannien schon fest. Verantwortlich dafür seien auch hohe Studiengebühren und Immobilienpreise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/britische-mittelschicht-kinder-werden-aermer-sein-als-eltern-a-927608.html
In D gibt es spürbar diesselbe Entwicklung, jedenfalls in den Ballungszentren. Welcher Krankenpfleger, KFZMechaniker oder LKWFahrer denkt heute noch darüber nach, eine Wohnung zu kaufen oder ein Haus zu bauen? Noch vor zehn Jahren war das aber normal.
frank1980 13.10.2013
2.
Wirklich verwunderlich ist das nicht. Während die Preise für Immobilien/Autos/Energie rasant Ansteigen stagnieren und sinken (zumindest in Deutschland) die Nettoeinkommen seit Jahrzehnten. Gleichzeitig wird immer mehr Bildung verlangt, wo früher eine Berufsausbildung ausgereicht hat wird heute gleich ein Studium verlangt. Das führt zu längeren Ausbildungszeiten und weniger Einkommensjahren. Gleichzeitig wird die Wertschöpfung auch nicht höher und die Einkommen der heute Studierten sinkt auf das Niveau was früher für Menschen ohne Studium mit Berufserfahrung gelegen hat. Die müssen dann natürlich auf ein niedrigeres Niveau sinken. 8 Millionen Arbeitslose in Deutschland machen das sinken der Löhne erst möglich. Auf der anderen Seite stehen natürlich auch Gewinner. Die Top 5-10% der Einkommenspyramide kann sich sicherlich nicht beschweren. Die Top Gehälter steigen. Unternehmensgewinne sprudeln. Arbeitskräfte sind billig, verfügbar, und austauschbar, die Gewerkschaften in weiten Teilen der Bevölkerung verteufelt. Traumbedingungen für Unternehmer.
prefec2 13.10.2013
3. Alles Falsch
Cummings hat doch letzhin erst gesagt, dass diese mittelmäßigen Mittelschichtler einfach genetisch bedingt zu blöd seinen (danke für dieses fundierte klassistische Argument) und man lieber die Eliten fördern sollte. Mittel- und Unterschicht können ja selber sehen wie sie über die Runden kommen.
cola79 13.10.2013
4. Unwahrscheinlich
Die Prognose geht offenbar davon aus, dass sich die Jugend schweigend in ihr Schicksal ergibt. Sowohl Deutschland, als auch Großbrittanien hat das demografische Problem, dass es in naher Zukunft zu über zwei Dritteln aus pflegebedürftigen Alten bestehen wird. Das sich die Jugend Europas aufreibt, um gerade die wohlbegüterten Alten, die die Misere zu verantworten haben, quasi bei Wasser, Brot und Zeitarbeit fachgerecht zu pflegen, mutet wirklich absurd an. Es wird vielmehr so sein, dass man einfach sich selbst überlassen wird, was seiner Pflicht nicht nachgekommen ist. Wer der Jugend keine Zukunft bietet, kann selber keine erwarten. Das ist einfach nicht zu leisten, auch rein rechnerisch, ob mit oder ohne Zuwanderung ist diese Schieflage nicht zu wuppen. Ergo werden gigantische Geldsummen wieder zurück in den Markt fließen, da kann man mit den Dritten klappern und böse aus der 200qm Wohnung, in der man zu zweit wohnt gucken, es wird nicht helfen. Ich frage mich nur, warum die Alten das bis heute nicht kapieren wollen? Wahrscheinlich sind die gerade 60-70 jährigen wirklich zu wohlhabend und gutsituiert, dass sie an der allgemeinen Lebensrealität im Lande nicht mehr teilnehmen, wäre ihnen auch alles zu prekär.
Meshada 13.10.2013
5.
Zitat von buenaireIn D gibt es spürbar diesselbe Entwicklung, jedenfalls in den Ballungszentren. Welcher Krankenpfleger, KFZMechaniker oder LKWFahrer denkt heute noch darüber nach, eine Wohnung zu kaufen oder ein Haus zu bauen? Noch vor zehn Jahren war das aber normal.
Das Problem ist auch, dass Wohneigentum immer sinnloser wird. Von Arbeitnehmern wird immer mehr erwartet, flexibel zu sein - kurz: Umziehen zu können. Was dann mit dem Haus? Dazu kommt die prekäre Situation der jungen Leute - viele dieser armen Abgänger bekommen ja nicht einmal in richtige Arbeitsverhältnisse - da ist alles auf Zeit, temporär, befristet.
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