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Britische Studie: Ökonomen preisen die Putzfrauen

Sind Putzfrauen und Müllmänner wichtiger für die Gesellschaft als Banker? Das behaupten jetzt britische Ökonomen - und brechen mit dem alten Lehrsatz: Wer viel verdient, hat auch viel geleistet. Die schlimmsten Wertvernichter sind der Studie zufolge Steuerberater.

Reinigungskraft: Kein Zusammenhang zwischen Bezahlung und gesellschaftlicher Leistung Zur Großansicht
DPA

Reinigungskraft: Kein Zusammenhang zwischen Bezahlung und gesellschaftlicher Leistung

Hamburg - Die Boni-Banker in der Londoner City haben einen schweren Stand: Erst haben sie mit ihren Spekulationen das Land in eine Krise gestürzt und den Zorn der Briten auf sich gezogen. Zur Strafe will die Regierung jetzt die Hälfte ihrer Bonuszahlungen kassieren - was in der Branche als unfair und vollkommen überzogen empfunden wird. Und nun zeigt eine neue Studie (PDF) auch noch, dass die Arbeit der Banker verzichtbar wäre. Eine Reinigungskraft in einem Krankenhaus leistet demnach mehr für die Gesellschaft als ein Spitzenbanker im Finanzdistrikt.

Die Fragestellung der Analyse hat es in sich: Experten der New Economics Foundation (NEF) wollten wissen, welche Jobs mehr zum Wohlstand der Gesellschaft beitragen. Im Falle der Banker verglichen sie deren Einkommen mit der Wirtschaftsleistung der Finanzexperten, also mit ihren Steuerzahlungen und der Anzahl der geschaffenen Jobs. Das Ergebnis fällt negativ aus: Für jedes Pfund, das die Spitzenbanker verdienen, zahlt die Gesellschaft sieben Pfund drauf.

Noch verheerender fällt die Bilanz bei Steuerberatern aus: 47 Pfund kostet es die Gesellschaft, wenn einer der Steuerspargehilfen ein Pfund verdient. Der "Guardian" wird in seiner Analyse der Studie noch etwas deutlicher: Die Führungskräfte von Werbeagenturen "zerstören" mit jedem verdienten Pfund Werte der Gesellschaft in Höhe von elf Pfund.

Müllmänner sind gut für die Umwelt

Bei vielen Jobs im Niedriglohnsektor fällt die Rechnung ganz anders aus, nämlich positiv. So liege das Verhältnis zwischen Einkommen und gesellschaftlicher Wertschöpfung bei Müllmännern bei eins zu zwölf. Müllmänner helfen demnach, durch Recycling CO2-Emissionen einzusparen und Rohstoffverbrauch zu verringern. Die hochbezahlten Banker hingegen hätten mit fehlgeschlagenen Spekulationen hohen volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet.

In der Kinderbetreuung steht einem Pfund Einkommen ein zusätzlicher Gewinn zwischen 7,00 und 9,50 Pfund gegenüber - unter anderem, weil Eltern weiterhin arbeiten können, weil Kinder bei guter Betreuung zusätzliche Lernanreize erhalten und so in ihrer Entwicklung gefördert werden.

Selbst Reinigungskräfte in einem Krankenhaus tragen laut der Studie mehr zum Wohl der Gesellschaft bei als die geschmähten Banker. "Für jedes Pfund, das wir ihnen zahlen, generieren sie mehr als zehn Pfund an gesellschaftlichem Wert", schreiben die Autoren. Die gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leistungen bliebe den Putzkräften aber verwehrt, die Löhne extrem niedrig.

Was bringt ein hoher finanzieller Anreiz für die Allgemeinheit?

Es sei daher schlicht falsch, von einer hohen Bezahlung auf die gesellschaftliche Leistung zu schließen. Der oftmals angenommene Zusammenhang zwischen hohen finanziellen Anreizen und Beiträge zum Allgemeinwohl müsse vielmehr in Frage gestellt werden, schreiben die Autoren. Sie argumentieren, dass gerade diejenigen Wirtschaftszweige mit den höchsten Einkommen sich nicht an den Kosten beteiligen, die der Gesellschaft tatsächlich durch sie entstehen.

Die New Economics Foundation ist eine nach eigenen Angaben unabhängige Denkfabrik, deren Forscher über soziales und nachhaltiges Wirtschaften nachdenken. 2006 stellten sie einen eigenen Index vor, mit dem sich der wirtschaftliche Erfolg eines Landes messen lassen soll: Der "Happy Planet Index" fragt nicht nach schieren Zahlen, sondern untersucht, ob die Menschen in einem Land glücklich sind.

ore

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 119 Beiträge
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1. "Es sei daher schlicht falsch....
BonChauvi 14.12.2009
....von einer hohen Bezahlung auf die gesellschaftliche Leistung zu schließen. Der oftmals angenommene Zusammenhang zwischen hohen finanziellen Anreizen und Beiträge zum Allgemeinwohl müsse vielmehr in Frage gestellt werden, schreiben die Autoren." Wer hat so etwas je behauptet?
2. Unsinniger "Lehrsatz"
gendsl 14.12.2009
Verdienst und gesellschaftliche Leistung haben schlicht überhaupt nichts miteinander zu tun. Wer behauptet denn (außer dem Spiegel), es gäbe einen Lehrsatz, der einen solchen Zusammenhang herstellt? Der Verdienst ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Da viele Menschen putzen können, aber nur wenige Menschen Finanzderivate verstehen, ist das Angebot an Putzfrauen höher als das an Bankern. Die Nachfrage ergibt sich auf privatwirtschaftlich organisierten Märkten aus der Gewinnmöglichkeit. Wenn Banken billig Geld bekommen und teuer verleihen können, verdienen sie viel Geld und erzeugen damit eine hohe Nachfrage nach Bankern. Entsprechend verdienen Banker viel Geld. Intiutiv ist doch auch jedem klar, dass viele Berufsgruppen zwar viel für die Gesellschaft leisten, aber wenig Geld dafür bekommen. Künstler, Pflegekräfte, etc. Insofern ist es schön, dass die Briten das nochmal nachgerechnet haben. Aber damit haben sie höchstens einen alten Lehrsatz bestätigt(Einkommen ergibt sich aus Angebot und Nachfrage) und nicht widerlegt.
3. Wer denkt ans Gemeinwohl??
matula, 14.12.2009
Zitat von BonChauvi....von einer hohen Bezahlung auf die gesellschaftliche Leistung zu schließen. Der oftmals angenommene Zusammenhang zwischen hohen finanziellen Anreizen und Beiträge zum Allgemeinwohl müsse vielmehr in Frage gestellt werden, schreiben die Autoren." Wer hat so etwas je behauptet?
Es besteht allerhöchstens ein Zusammenhang zwischen der Einkommenshöhe eines Berufes und dem Wohl des Arbeitgebers bzw. des Auftraggebers! Wenn ich das Einkommen meines Chefes verdoppele, ist der plötzlich so was von bereit mir eine Exorbitante Gehaltserhöhung zu geben - ob ich damit der Gesellschaft diene, wen Interssierts? Oder aber es handelt sich um ein Arbeitsleistung, die unabhängig von der Wertschöpfung extrem knapp ist - z.B. Behördenleistungen - null Wertschöpfung, kann niemand anderes erledigen und muss per Gesetz gemacht werden, weil es auf dem freien Markt eigentlich kein Bedarf finden lassen würde..
4. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
fx33 14.12.2009
Zitat von BonChauvi....von einer hohen Bezahlung auf die gesellschaftliche Leistung zu schließen. Der oftmals angenommene Zusammenhang zwischen hohen finanziellen Anreizen und Beiträge zum Allgemeinwohl müsse vielmehr in Frage gestellt werden, schreiben die Autoren." Wer hat so etwas je behauptet?
Die, die eine hohe Bezahlung erhalten. Und damit leider auch mindestens 75% Prozent der gleichgeschalteten Medien.
5. Keine Neuigkeit
Paul-Merlin 14.12.2009
Um zu dieser Erkenntnis zu kommen ist keine Studie notwendig. Die Einkommensverteilung spiegelt die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft wider, nicht die Leistung. So kommt es eben dazu, dass sich die "Eliten" die "Fleischtöpfe" gegenseitig zuspielen, während für das Fußvolk nur die "Brotkrumen" bleiben.
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Das neue Vergütungsmodell für die Vorstände dürfte sich an ähnlichen Kriterien orientieren.

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