Neue Studie Britische Unternehmen warnen vor EU-Austritt

Die EU-Hasser dominieren seit Jahren die britische Öffentlichkeit. Doch seit Premier Cameron ein Referendum über Großbritanniens EU-Austritt angekündigt hat, formiert sich Widerstand. Mit einer neuen Studie trommelt die Wirtschaft für den Verbleib in der Union.

CBI-Direktor Cridland: "Lieber in einer reformierten EU als draußen und ohne Einfluss"
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CBI-Direktor Cridland: "Lieber in einer reformierten EU als draußen und ohne Einfluss"

Von , London


Die EU hat doch noch Freunde auf der Insel. Acht von zehn britischen Unternehmen sind für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Das ergab eine YouGov-Umfrage im Auftrag des britischen Industrieverbandes CBI. Selbst kleine und mittlere Unternehmen, die häufig über die Auflagen aus Brüssel stöhnen, wollen die Gemeinschaft nicht verlassen: 77 Prozent sprachen sich für einen Verbleib aus.

Die Umfrage ist Teil einer größeren Studie zu Großbritannien und der EU, die am Montag auf der Jahrestagung des wichtigsten britischen Wirtschaftsverbandes vorgestellt wird. Mögliche Alternativen zur Vollmitgliedschaft, wie etwa das Modell Schweiz oder Norwegen, werden darin beleuchtet und verworfen. "Lieber in einer reformierten EU als draußen und ohne Einfluss", fasste CBI-Direktor John Cridland die Stimmung in den Unternehmen zusammen.

Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft überstiegen die Kosten bei weitem, heißt es in dem 180-seitigen Werk. Großbritannien hatte vergangenes Jahr einen EU-Beitrag von 7,3 Milliarden Pfund netto gezahlt. Im Gegenzug trage die Mitgliedschaft jährlich vier bis fünf Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung bei, schreiben die Autoren. Das seien umgerechnet 62 bis 78 Milliarden Pfund - oder 3000 Pfund pro Haushalt.

Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Sie basieren nicht auf eigenen Kalkulationen, sondern nur auf der Zusammenführung bestehender Studien. Eine seriöse Kosten-Nutzen-Rechnung zur EU-Mitgliedschaft ist nach Ansicht vieler Ökonomen wegen der vielen Variablen aber unmöglich.

Immerhin sind sich die 415 befragten Unternehmen weitgehend einig in ihrem Urteil. 71 Prozent sagten, die EU-Mitgliedschaft habe insgesamt einen positiven Einfluss auf ihre Geschäfte. 63 Prozent gaben zu Protokoll, sie profitierten von der Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Camerons Problem sind EU-Gegner in der eigenen Partei

Die Studie stärkt Premierminister David Cameron den Rücken. Der konservative Politiker hatte im Januar angekündigt, die Briten 2017 in einem Referendum über die EU-Mitgliedschaft abstimmen zu lassen. Er selbst will das Land in der Union halten, muss jedoch eine starke Euroskeptiker-Fraktion in seiner eigenen Partei überzeugen. Darum will er vor dem Referendum mit den europäischen Partnern darüber verhandeln, Zuständigkeiten aus Brüssel nach London zurückzuholen. Cameron hat noch keinen detaillierten Forderungskatalog vorgelegt. Es wird aber erwartet, dass er die europäischen Arbeits- und Sozialgesetze beschneiden will. Diese sind vielen Tories seit langem ein Dorn im Auge.

Würde das Referendum morgen abgehalten, würde eine knappe Mehrheit der Briten laut Umfragen für einen Austritt stimmen. Politische Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die öffentliche Meinung kippt, sobald die Pro-Argumente offensiver vertreten werden. In den vergangenen Jahren hatten die EU-Gegner die Bühne weitgehend für sich.

Seit Cameron das Referendum versprochen hat, feilen alle Lobbygruppen auf der Insel fieberhaft an ihrer Botschaft. Die meisten Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften sind für den Verbleib in der EU, ebenso wie die drei etablierten Parteien Tories, Labour und Liberaldemokraten. Nur die Unabhängigkeitspartei UKIP ist explizit für einen Austritt.

Das CBI applaudiert Camerons Reformvorstoß in Brüssel, warnt den Premier aber auch: Es dürfe nicht bloß darum gehen, weitere Ausnahmen für Großbritannien herauszuhandeln. Vielmehr müsse die gesamte EU wettbewerbsfähiger gemacht und der Binnenmarkt vollendet werden.

Die Wirtschaftsverbände waren ursprünglich gegen das Referendum, weil es jahrelange Unsicherheit erzeugt und Investoren verschreckt. Doch mittlerweile haben sie sich mit dem Gedanken arrangiert und wollen nun dafür kämpfen, dass die Briten gegen den EU-Austritt votieren. "Wir versuchen, keine Angstkampagne zu fahren", sagt CBI-Forschungsdirektorin Katya Hall. "Es gibt ein Leben außerhalb der EU, aber es wäre mit weniger Wohlstand verbunden."



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Seite 1
lichtspiel70 04.11.2013
1. wie wäre es ...
... mal mit einer umfrage bei den kontinental-europäern über den verbleib der briten in der eu? :-)
lichtspiel70 04.11.2013
2. wie wäre es ...
... mal mit einer umfrage bei den kontinental-europäern über den verbleib der briten in der eu? :-)
saiber 04.11.2013
3. Sollen sie doch
sie kassieren mächtig ab aber haben keine Lust irgendwas zur Stabilität der Union beizutragen. Ohne das UK wirds auch nicht schlimmer werden. Vielleicht sogar besser.
meineidbauer 04.11.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSDie EU-Hasser dominieren seit Jahren die britische Öffentlichkeit. Doch seit Premier Cameron ein Referendum über Großbritanniens EU-Austritt angekündigt hat, formiert sich Widerstand. Mit einer neuen Studie trommelt die Wirtschaft für den Verbleib in der Union. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/britische-unternehmen-warnen-vor-eu-austritt-a-931553.html
Alle Vorzüge einer EU-Mitgliedschaft geniessen wollen, ohne aber die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Pfiffig, diese Briten! Der Verlust für Europa bei einem Austritt würde sich wohl in Grenzen halten und sie könnten sich dann noch mehr in Richtung ihrer Herrchen jenseits des Teiches kuscheln. Kann man als Nicht-Brite denn bei dem Referendum mitstimmen? Würde die Sache gewiss beschleunigen.
bertholdböckchen 04.11.2013
5. Ausgegrenzt
Nur nehmen und auf keinen Fall geben, immer nur die eigenen Vorteile im Blick und kein Interesse für das gesamte Konstrukt. So lässt sich die britische Haltung zu Europa zusammenfassen. In Europa sollte man die Hoffnung haben, dass die unseligen Thatcher-Zeiten vorbei sind und die Briten sich uneingeschränkt zur Europäischen Völkerfamilie bekennen. Wie es scheint, weit gefehlt; wer immer nur die eigenen Taschen zu vollstopfen im Hinterkopf hat, der wird früher oder später den Sinn des Gesamtwerkes nicht mehr erkennen und bleibt bis zum endgültigen Abschied ein unverlässlicher Partner.
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