Schuldenkrise: Schwierige Suche nach den versteckten Euro-Risiken

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Knapp 500 Milliarden Euro - diese gewaltige Summe soll die übrige Euro-Zone der Deutschen Bundesbank schulden, versteckt in einem Unterposten der Notenbankbilanz. Nach SPIEGEL-Informationen gibt die Bundesregierung jetzt Entwarnung. Doch die Begründung mutet fragwürdig an.

Beschmiertes Schild der Griechischen Zentralbank: mehr als 100 Milliarden Schulden? Zur Großansicht
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Beschmiertes Schild der Griechischen Zentralbank: mehr als 100 Milliarden Schulden?

Verbergen sich Milliardenrisiken in den Bilanzen der Euro-Notenbanken? Ja, meint Hans-Werner Sinn, Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Seiner Meinung nach könnte die Bundesbank im Extremfall auf Forderungen von einer halben Billion Euro sitzenbleiben. Denn faktisch habe die Bundesbank im Rahmen des sogenannten Target-2-Systems Darlehen in dieser Höhe an die südlichen Staaten der Euro-Zone vergeben.

Jetzt hat sich die Bundesregierung in die Target-2-Debatte eingeschaltet - mit einer Aussage, die nach Entwarnung klingt: "Target-Kredite existieren nicht", heißt es nach Informationen des SPIEGEL in einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage des CSU-Abgeordneten Peter Gauweiler. Vielmehr handele es sich bei den Forderungen und Verbindlichkeiten innerhalb der Europäischen Zentralbank um bloße Verrechnungsposten, "um die Bilanzen wieder auszugleichen".

Kritiker wie Sinn fürchten, dass die Bundesbank auf ihren Target-2-Forderungen sitzenbleiben könnte, wenn ein Staat wie Griechenland die Euro-Zone verlassen würde. Wie der SPIEGEL berichtet, wird auch das innerhalb der Bundesregierung anders gesehen. Regierungsexperten argumentieren, die Forderungen im Rahmen des Target-System blieben auch dann bestehen, wenn ein Land die Euro-Zone verlasse und eine andere Währung einführe. Zudem seien die Target-Salden mit Sicherheiten unterlegt. Deshalb müssten die Forderungen nie ganz abgeschrieben werden.

Wie aber funktioniert das ominöse Target-2-System? Und welche Risiken verbergen sich wirklich darin?

Eigentlich sollte das Target-System dazu dienen, die Zahlungsforderungen zwischen den Notenbanken abzuwickeln, die bei jeder grenzüberschreitenden Überweisung im Euro-Raum entstehen. Solange die Wirtschaft im Gleichgewicht ist und Waren und Geld in alle Richtungen hin- und herfließen, gleichen sich die Salden dabei immer wieder aus. Selbst wenn ein Land mal mehr Güter importiert als exportiert, finanziert es diese Lücke in der Regel durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland - etwa Bankkredite. Auch dann sind die Target-Salden nahe null - so wie es bis Anfang 2007 der Fall war.

Im Target-System laufen alle grenzüberschreitenden Überweisungen über Notenbanken Zur Großansicht
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Im Target-System laufen alle grenzüberschreitenden Überweisungen über Notenbanken

Weil Länder wie Griechenland, Spanien oder Portugal seit Jahren mehr importieren als exportieren, waren sie schon vor der Krise auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen, um die von ihnen gekauften Güter und Dienstleistungen zu bezahlen. Doch seit der Finanzkrise 2007 ist dieser Kapitalfluss nahezu versiegt. Die Banken in allen Euro-Staaten mussten ihr Geld zusammenhalten. Sie zogen sich aus vermeintlich unsicheren Ländern zurück. Auslaufende Kredite wurden nicht mehr verlängert.

Hinzu kam die Angst der Reichen: Aus Sorge, ihr Geld könnte bald nichts mehr wert sein, schafften sie es erst aus Griechenland, Irland und Portugal heraus, später auch aus Spanien und Italien. Den Banken dort blieben weniger Spareinlagen, die sie als Kredite weiterreichen konnten. All das führte dazu, dass in Griechenland und den anderen Krisenländern nicht mehr genügend Geld da war, um all die Importe zu finanzieren.

Wollten griechische Banken weiter Kredite vergeben, um zum Beispiel den Kauf deutscher oder holländischer Produkte zu bezahlen, mussten sie es sich bei ihrer Zentralbank leihen. Die Zentralbank wiederum schöpft das Geld einfach aus dem Nichts - und stellt es dem gesamten Euro-System als Target-Forderung in Rechnung. "Diese Länder ziehen das Geld einfach aus der Druckerpresse", schimpft Sinn.

Fest steht: Zwischen den Notenbanken der 17 Euro-Länder haben sich seit Beginn der Finanzkrise 2007 gewaltige Ungleichgewichte aufgebaut. Während die europäischen Krisenstaaten Italien, Spanien, Irland, Portugal und Griechenland im Rahmen des Target-2-Systems Defizite von insgesamt mehr als 600 Milliarden Euro aufweisen, sind die Forderungen der Bundesbank mittlerweile auf 498 Milliarden Euro gestiegen.

Forderungen der Bundesbank stehen gewaltige Schulden der Krisenländer gegenüber Zur Großansicht
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Forderungen der Bundesbank stehen gewaltige Schulden der Krisenländer gegenüber

Technisch gesehen hat die Bundesregierung mit ihrer Antwort auf Gauweilers Anfrage recht: Es gibt keine Target-Kredite, denn ein Kredit würde ja eine formale Übereinkunft zwischen Gläubiger und Schuldner voraussetzen. Tatsächlich gibt es solch eine Übereinkunft nicht - die Target-Salden wachsen einfach immer weiter, solange sich die Geschäftsbanken in Griechenland und anderen Problemstaaten der Euro-Zone ihr Geld vor allem bei den jeweiligen nationalen Notenbanken besorgen müssen - weil ihnen sonst kaum noch jemand etwas leihen will.

Richtig ist auch die Einschätzung der Bundesregierung, wonach die Forderungen im Rahmen des Target-Systems auch dann bestehen bleiben, wenn zum Beispiel Griechenland die Euro-Zone verlässt. Es erscheint allerdings kaum vorstellbar, wie die griechische Notenbank dann jemals ihre Target-Verbindlichkeiten von rund 108 Milliarden Euro zurückzahlen sollte - Euros drucken kann Athen dann ja nicht mehr.

Zumal die von der Bundesregierung ins Spiel gebrachten Sicherheiten, mit denen die Target-Forderungen unterlegt sind, im Ernstfall wenig wert sein dürften. Es handelt sich um jene Wertpapiere, die alle Geschäftsbanken bei ihrer nationalen Notenbank hinterlegen müssen, wenn sie sich dort Geld leihen. Doch gerade im südlichen Teil der Euro-Zone liegen die Anforderungen an die als Sicherheit akzeptierten Wertpapiere sehr niedrig. So akzeptiert die griechische Notenbank zum Beispiel griechische Staatsanleihen als Sicherheit. Sollte Griechenland wirklich aus der Euro-Zone austreten, wäre nach Einschätzung der meisten Experten ein Staatsbankrott unausweichlich - womit auch die vermeintlichen Sicherheiten weitgehend ihren Wert verlören.

Sicher, die von Sinn ins Gespräch gebrachten 500 Milliarden Euro markieren ein Extremszenario. So viel Geld würde die Bundesbank nur verlieren, wenn die gesamte Euro-Zone auseinanderbricht, keine einzige nationale Notenbank ihre Target-Salden ausgleicht und sich alle hinterlegten Sicherheiten als wertlos entpuppen.

Gar nicht mal so unrealistisch wirkt hingegen der Fall, dass Griechenland die Euro-Zone verlässt und die griechische Notenbank ihre Target-Verbindlichkeiten nicht begleichen kann oder will. In diesem Fall würden der Bundesbank Verluste von etwa 30 Milliarden Euro entstehen.

Da wirkt es wie Pfeifen im Walde, dass die Bundesregierung nach SPIEGEL-Informationen die Target-Risiken in ihrer Antwort auf Gauweilers Anfrage weitgehend negiert. Zumal selbst Sinns wissenschaftliche und publizistische Konkurrenten nicht in Abrede stellen, dass die Target-Risiken tatsächlich existieren. Anders als Sinn sieht aber zum Beispiel der Wirtschaftsweise Peter Bofinger keine politische Alternative zum Target-System.

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1. Erstaunlich!
Nihil novi 25.03.2012
Zitat von sysopDPAKnapp 500 Milliarden Euro - diese gewaltige Summe soll die übrige Euro-Zone der Deutschen Bundesbank schulden, versteckt in einem Unterposten der Notenbankbilanz. Nach SPIEGEL-Informationen gibt die Bundesregierung jetzt Entwarnung. Doch die Begründung mutet fragwürdig an. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823559,00.html
Die deutsche Bundesbank hatte also 500MRD Euro auf der hohen Kante,die verliehen werden konnten? Stellt man sich hier so eine Notenbank vor? Unglaublich. Wer hat den die 500MRD bei der Bundesbank einbezahlt? Haha.
2.
idealist100 25.03.2012
Zitat von sysopDPAKnapp 500 Milliarden Euro - diese gewaltige Summe soll die übrige Euro-Zone der Deutschen Bundesbank schulden, versteckt in einem Unterposten der Notenbankbilanz. Nach SPIEGEL-Informationen gibt die Bundesregierung jetzt Entwarnung. Doch die Begründung mutet fragwürdig an. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823559,00.html
Und wann bzw. in welchem Zeitraum gedenkt den die Bundesmafiosies das sich der target 2 ausgleichen würde. Oder darf es der deutsche Steuerzahler ausgleichen indem ihm die Sozialkassen geplündert werden.
3. Beim Euro lügen alle Politiker seit Jahren
JohnBlank, 25.03.2012
Zitat von sysopDPAKnapp 500 Milliarden Euro - diese gewaltige Summe soll die übrige Euro-Zone der Deutschen Bundesbank schulden, versteckt in einem Unterposten der Notenbankbilanz. Nach SPIEGEL-Informationen gibt die Bundesregierung jetzt Entwarnung. Doch die Begründung mutet fragwürdig an. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823559,00.html
Wenn einer von CDU, SPD, FDP oder Grüne den Mund zum Thema Euro aufmacht, stellt man sich auf Märchen und Lügen ein. Das zeichnet das neue Europa und den Euro aus, am Ende sind die Bänker und Zocker die Sieger, und wir Bürger mit unserer eierlosen Demokratie die Verlierer. Die EU in Brüssel macht das Spiel gerne mit. Wir Bürger verstehen allmälich!
4. Hauptsache: Entwarnung
Ulrich Berger 25.03.2012
Zitat von sysopDPAKnapp 500 Milliarden Euro - diese gewaltige Summe soll die übrige Euro-Zone der Deutschen Bundesbank schulden, versteckt in einem Unterposten der Notenbankbilanz. Nach SPIEGEL-Informationen gibt die Bundesregierung jetzt Entwarnung. Doch die Begründung mutet fragwürdig an. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823559,00.html
Solange die Bundesregierung unter dem Kommando des Kommunisten-Ueberbleibsels Entwarnung gibt - was kann da schon passieren? Das Wichtigste ist doch wohl, dass uns die peloponnesischen Betrueger und Aehnliche erhalten bleiben. Wie koennten wir sonst genuegend Schulden fuer unsere Enkel und Urenkel anhaeufen? Da die Schoenheit aus dem Kanzleramt kinderlos geblieben ist, verschliessen sich der derartige Gedankengaenge natuerlich. Woher soll da Verstaendnis fuer Verpflichtung und Verantwortung den Nachfolgenden gegenueber kommen? Ulrich Berger, Urgrossvater
5. Korrekte Darstellung
hergen.heinemann 25.03.2012
Das erste Mal. dass ich hierzu eine umfassende und korrekte Darstellung sehe. Wenn alleinig Griechenland ausfällt UND deren Sicherheiten nichts wert sind UND alle anderen Euro-Länder Ihren Anteil an dem dadurch entstandenen Verlust übernehmen, dann muß Deutschland etwa 30 Mrd. Euro tragen. Schuldenkrise: Schwierige Suche nach den versteckten Euro-Risiken - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823559,00.html)[/QUOTE]
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