Schwächere Konjunktur: BA-Chef befürwortet Kurzarbeit für Leiharbeiter

Die Konjunktur in Deutschland schwächelt - jetzt hält Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise sogar eine Ausweitung der Kurzarbeit auf die Leiharbeit für denkbar. Dennoch ist er im Interview zuversichtlich: "Die gefühlten Risiken auf dem Arbeitsmarkt sind größer als die tatsächlichen."

Bauarbeiter in Düsseldorf: "Die gefühlten Risiken sind größer als die tatsächlichen" Zur Großansicht
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Bauarbeiter in Düsseldorf: "Die gefühlten Risiken sind größer als die tatsächlichen"

Hamburg - Die Warnungen für die deutsche Wirtschaft kommen inzwischen täglich. Mal sind es die führenden Forschungsinstitute, die die Konjunkturprognose für die Bundesrepublik halbieren. Ein anderes Mal ist es der Industrieländerclub OECD, der einen Wachstumseinbruch fürchtet und eine steigende Arbeitslosigkeit vorhersagt. Aber es gibt auch Frank-Jürgen Weise. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE überraschend optimistisch. "Ich rechne damit, dass wir die stabile Lage im nächsten Jahr beibehalten können", sagt der oberste Arbeitsvermittler des Landes.

Zugleich räumt Weise Rückschläge ein: Ursprünglich sollte die Zahl der Arbeitslosen 2013 weiter zurückgehen, zudem sieht der Behördenchef die vielen Billigjobs kritisch. "Ich sehe die mangelnde Aufstiegsmobilität als größtes Problem auf dem Arbeitsmarkt an", sagt Weise.

Im Interview spricht der BA-Chef über eine Ausweitung der Kurzarbeit, Altersarmut, die Hartz-Reformen und eine Kooperation mit den Behörden in Griechenland.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weise, auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist der sonst übliche Schwung im Herbst ausgeblieben, im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Erwerbslosen zuletzt sogar. Ist das deutsche Jobwunder vorbei?

Weise: Der Eindruck täuscht. Die Lage ist immer noch gut. Wir haben so viele Beschäftigte wie nie, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Ich rechne damit, dass wir die stabile Lage im nächsten Jahr beibehalten können. Und von einem Wunder habe ich nie gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft plant jedes vierte Unternehmen, Stellen zu streichen. Wie passt das mit Ihrer optimistischen Prognose zusammen?

Weise: Die gefühlten Risiken für den Arbeitsmarkt sind im Moment größer als die tatsächlichen. Zwar gehen die Auftragseingänge aus der Euro-Zone zurück. Der Rückgang wird bislang aber durch die Nachfrage aus Asien, den USA und durch die Binnenwirtschaft größtenteils abgefedert. Uns melden Firmen sogar, dass sie Leute zusätzlich einstellen würden, wenn sie geeignete Bewerber fänden. Die schlechten und die guten Nachrichten halten sich die Waage.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret für die Arbeitslosenzahl im nächsten Jahr?

Weise: Im Schnitt rechnen wir ähnlich wie in diesem Jahr mit 2,9 Millionen Arbeitslosen. Das ist im europäischen Vergleich bemerkenswert, gemessen an unseren eigenen Zielen allerdings ein Rückschlag. Wir hatten gehofft, dass wir die Arbeitslosigkeit weiter abbauen können.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet, dass es in einigen Monaten auch mehr als drei Millionen Arbeitslose geben kann. Wen wird es treffen?

Weise: Wenn die schwächere Entwicklung wider Erwarten zur Krise wird, dann dürfte das Beschäftigte der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer treffen. Vor allem die Firmen, die stark vom südeuropäischen Markt abhängen, zum Beispiel Fiat oder Ford. Auch in der Logistik oder im Maschinenbau könnten Stellen wegfallen, insgesamt also am ehesten in exportstarken Branchen.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als 600.000 Jugendliche haben derzeit zwar Jobs, aber keinen Berufsabschluss. Gehören sie zu den ersten, die auf die Straße gesetzt werden?

Weise: Wer gute Arbeit leistet, wird vermutlich gehalten werden. Aber sicher: Junge Leute ohne Schul- und Berufsabschluss sind per se gefährdeter als andere. Da müssen wir rechtzeitig helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen sie an diese Gruppe heran?

Weise: Der Wille, eine abgebrochene die Ausbildung zu Ende zu machen oder sich weiterzubilden, muss schon da sein. Wenn etwa ein Gabelstaplerfahrer einen Englischkurs machen will, damit er die Containeraufschriften im Hamburger Hafen lesen kann, dann unterstützen wir das.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Bereitschaft denn da?

Weise: Es gibt viele, auch Arbeitslose, die sind wirklich sehr fleißig und engagiert, die wollen etwas schaffen, können es aber nicht immer. Und dann gibt es welche, die sind überhaupt nicht ansprechbar. Trotzdem fühle ich mich auch für diese Menschen verantwortlich. Da kommt es allerdings vor, dass man beispielsweise 80 Leute zum Gespräch einlädt, davon kommen etwas mehr als 30 und bei gerade mal vier von diesen kommt man am Ende zu einem guten Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: In der letzten schweren Krise haben Arbeitnehmer und Unternehmen stark von der Kurzarbeit profitiert. Deshalb ist Deutschland ohne starken Anstieg der Arbeitslosigkeit durch die Krise gekommen. Wird uns die Kurzarbeit auch im nächsten Abschwung retten?

Weise: Im Moment haben wir noch einen sehr niedrigen Stand der Kurzarbeit von weniger als 40.000. Allerdings steigen die Anzeigen von Firmen. Das signalisiert, dass in den kommenden Monaten die Kurzarbeit zunehmen wird.

SPIEGEL ONLINE: Bislang können Zeitarbeitsunternehmen keine Kurzarbeit beantragen. Sollten in Zukunft auch Leiharbeiter von dem Instrument profitieren?

Weise: Grundsätzlich widerspricht das dem Sinn der Leiharbeit, die ja eigentlich zur Abfederung von Auftragsspitzen eingesetzt werden sollte. In manchen Fällen könnte es trotzdem sinnvoll sein, allein aus menschlichen Gründen und wenn die Unternehmen ihre Zeitarbeiter halten wollen. Dafür sollte man einen rechtlichen Rahmen schaffen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Zahl der Kurzarbeiter steigt, kommen hohe Kosten auf Ihre Behörde zu. Sie haben Ihre Rücklagen in der letzten Krise fast komplett aufgebraucht, im nächsten Jahr rechnen Sie mit einem Milliardendefizit. Wie wollen Sie die Kosten decken?

Weise: Bislang planen wir mit rund 200.000 Kurzarbeitern im kommenden Jahr - dafür haben wir finanziell vorgesorgt. Wenn es deutlich mehr werden, muss ich ein Darlehen beim Bund aufnehmen, denn Kurzarbeitergeld ist ja eine gesetzlich garantierte Leistung, die die Bundesagentur zahlen muss. Sollten die Anträge deutlich darüberliegen, bräuchten wir ein Darlehen. Da wir das Geld in den kommenden Jahren wieder zurückzahlen müssten, hätten wir ein Problem: Wir haben derzeit einen halbierten Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung von drei Prozent, zudem streicht uns die Bundesregierung im kommenden Jahr Zuschüsse. Mit dem zur Verfügung stehenden Geld kann ich das laufende Geschäft finanzieren, aber da lassen sich keine Darlehen tilgen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Im schlimmsten Fall müsste der Beitragssatz wieder steigen?

Weise: Alles ist denkbar. Ich würde aber von einem höheren Beitragssatz in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit abraten. In Frage käme daher auch ein Zuschuss der Bundesregierung.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. oh ja
jamesbrand 28.11.2012
gleich wieder wenn keine Rekordgewinne zu vermelden sind die Belegschaft mit Steuerkosten bezahlen.
2. Jau, fette Gewinne für die Wirtschaft!
unixv 28.11.2012
Prekäre Jobs für den Menschen, Altersarmut für alle Arbeiter und Angestellten! Da wählt noch jemand SPDCDUGRÜNEFDP?
3. Leiharbeiter und der Herr Studienrat mit A13
derweise 28.11.2012
Zitat von sysopDie Konjunktur in Deutschland schwächelt - jetzt hält Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise sogar eine Ausweitung der Kurzarbeit auf die Leiharbeit für denkbar. Dennoch ist er im Interview zuversichtlich: "Die gefühlten Risiken auf dem Arbeitsmarkt sind größer als die tatsächlichen." Bundesagentur: Weise zur Arbeitslosigkeit, Hartz und Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bundesagentur-weise-zur-arbeitslosigkeit-hartz-und-griechenland-a-868883.html)
Ein Leiharbeiter soll sich mit der Besoldung eines Studienrates nach A13 vergleichen: Gehaltsrechner Öffentlicher Dienst (http://oeffentlicher-dienst.info/c/t/rechner/beamte/ni?id=beamte-nds-2012&matrix=1)
4. Bull...
reinerotto 28.11.2012
> In vielen Berufen kann man sicher bis 70 oder 75 arbeiten.< Sofern man einen Job findet. Hr. Weise, was ich Ihnen anbieten kann: Dipl.Ing. E-Technik, verhandlungssicheres Englisch, Auslandserfahrung, weltweit (Europa, USA, Australien). Das Problem: 40 Jahre Erfahrung im IT-Bereich, für namhafte Auftraggeber gearbeitet (Automobilindustrie, Airlines etc.) allerdings schon seit ca. 35 Jahren ... Daher: Seit 3 Jahren H4.
5.
zynik 28.11.2012
Zitat von sysopDie Konjunktur in Deutschland schwächelt - jetzt hält Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise sogar eine Ausweitung der Kurzarbeit auf die Leiharbeit für denkbar. Dennoch ist er im Interview zuversichtlich: "Die gefühlten Risiken auf dem Arbeitsmarkt sind größer als die tatsächlichen." Bundesagentur: Weise zur Arbeitslosigkeit, Hartz und Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bundesagentur-weise-zur-arbeitslosigkeit-hartz-und-griechenland-a-868883.html)
Neues aus dem Ministerium für Wahrheit. Warum man jemandem, dessen Argumentation auf nachweislich geschönten Statistiken und Zahlen basiert überhaupt noch zuhört, werde ich wohl nie begreifen.
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Zur Person
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Frank-Jürgen Weise, Jahrgang 1951, war nach dem Abitur zwölf Jahre bei der Bundeswehr, studierte BWL und lehrte das Fach an der Fachhochschule des Heeres. Bei verschiedenen Unternehmen besetzte er ab 1985 Führungspositionen. 1997 gründete Weise die Software-Firma Microlog Logistics mit und brachte sie 2000 erfolgreich an die Börse. Ab 2002 war er bei der Bundesagentur für Arbeit zuständig für Finanzen, übernahm 2004 den Vorstandsvorsitz.
Eine zusätzliche Aufgabe nahm Weise im März 2010 mit der Ernennung zum Vorsitzenden der Bundeswehr-Strukturkommission an.
Weise ist CDU-Mitglied, verheiratet mit einer Lehrerin und hat zwei erwachsene Kinder.

Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.