Nullzinsen für deutsche Anleihen Machen Sie endlich Schulden, Herr Schäuble

Der deutsche Staat kann umsonst neue Schulden machen. Trotzdem hält Finanzminister Schäuble an der schwarzen Null fest. Das ist nicht nur irrational, sondern unverantwortlich.

Finanzminister Wolfgang Schäuble
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Finanzminister Wolfgang Schäuble

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"Historisch" ist ein großes, zu oft benutztes Wort. Aber wenn die Rendite der wichtigsten deutschen Staatsanleihe - auf dem Markt seit den Sechzigerjahren - erstmals unter null Prozent fällt, dann ist das ein historischer Tag. Deutschland zahlt faktisch nichts mehr, um neue Schulden aufzunehmen.

Historisch falsch ist in dieser Situation die schwarze Null, an die sich Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) klammern. "Keine neuen Schulden" ist das Mantra, dem alle Entscheidungen untergeordnet werden - und das sich in einigen Jahren bitter rächen wird.

Schulden sind weder gut noch schlecht

Schulden haben in Deutschland einen schlechten Ruf. Schulden klingen nach Schuld, als hätte man etwas falsch gemacht.

Dabei sind Schulden per se weder gut noch schlecht. Wer sich Geld leiht, kann sich heute etwas kaufen, was er sich vorher nicht leisten konnte. Dafür muss er in Zukunft auf diesen Betrag verzichten und einen Preis zahlen - den Zins. So viel zur Lehrbuchdefinition.

Ob Schulden gut oder schlecht sind, entscheidet sich erst dadurch, wofür man das Geld ausgibt.

Schlechte Schulden sind Schulden, die lediglich für Konsum verwendet werden. Wer sich ein Auto kauft, das er nicht braucht, macht schlechte Schulden - er beschneidet sein verfügbares Einkommen in der Zukunft, nur um ein paar Jahre früher hinterm Steuer des Neuwagens zu sitzen. Das mag den Autobauer und die Volkswirtschaft als Ganzes kurzfristig freuen, der Schuldner aber hat ökonomisch nichts davon.

Gute Schulden werden hingegen investiert. Um im Bild zu bleiben: Wer sich selbstständig macht und mit dem neuen Auto zum Kunden fährt, der wird ein besseres Geschäft machen, als wenn er überall mit dem Bus hintuckert. Die Schulden lohnen sich.

Der deutsche Staat könnte eine ganze Reihe guter Schulden machen. Drei Vorschläge:

  • Bildung: Deutschland liegt laut OECD mit seinen Ausgaben für Bildung zwar über dem Durchschnitt der Industrieländer, doch gerade in den Bereichen Grundschule und bei Fünft- bis Zehntklässlern ist noch Nachholbedarf. Auch Kindergärten könnten mehr Geld , das für bessere Betreuung verwendet wird, gut gebrauchen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman zeigte, dass Investitionen in die frühkindliche Bildung besonders effektiv sind. Schließlich werden im Kindergarten Grundlagen wie Sprachkenntnisse oder soziale Kompetenzen geprägt, die für den späteren Erfolg entscheidend sind.
  • Infrastruktur: Brücken bröseln, Straßen haben Löcher, der Verkehr staut sich. Deutschland muss jedes Jahr rund zehn Milliarden Euro in seine Infrastruktur stecken. Allein aus dem Bundeshaushalt lässt sich das momentan nicht finanzieren. Doch statt neue Schulden zu machen, will Finanzminister Schäuble nach SPIEGEL-Informationen lieber die Autobahnen privatisieren. Dafür müsste sogar das Grundgesetz geändert werden. Und um die Rendite für die Investoren zu erwirtschaften, wird schon wieder über eine Pkw-Maut nachgedacht.
  • Flüchtlinge: Hunderttausende Flüchtlinge machen derzeit nichts anderes, als zu warten: auf einen Asylantrag oder auf einen Sprachkurs. Unabhängig davon, wie man zur Aufnahme von Flüchtlingen steht: Diese Menschen in Deutschland nur rumsitzen zu lassen, ist ökonomischer Unsinn. Natürlich investiert Deutschland bereits Milliarden. Doch für diese Mammutaufgabe ist mehr nötig. Jetzt mit voller Kraft in die Integration zu investieren, wird sich in einigen Jahren lohnen; für die Flüchtlinge und für die Gesellschaft. Jetzt zu wenig zu tun, wird sich rächen.

Es gibt eine Einschränkung: Gute Schulden lohnen sich nur dann, wenn die Rückzahlungen größer sind als die Zinszahlungen. Doch gerade deshalb muss Finanzminister Schäuble jetzt neue Schulden machen. Die Zinsen sind bei null. Billiger wird es nicht mehr.

Was passiert, wenn man aufgrund von Prinzipien nicht investiert, lässt sich übrigens beim Staatsunternehmen Deutsche Bahn beobachten. Da hieß das Mantra lange nicht "schwarze Null", sondern "Börsengang" - und für diesen fuhr der Vorstand die Investitionen auf ein Minimum zurück.

Heute, ein gutes Jahrzehnt später, zeigen sich die Folgen: Die Güterverkehrskunden haben sich vom Unternehmen abgewendet, die Infrastruktur ist marode. Im vergangenen Jahr fuhr der Konzern einen Milliardenverlust ein.

Fahren Sie Deutschland nicht aufs Abstellgleis, Herr Schäuble. Steigen Sie um in den Hochgeschwindigkeitszug. Der Kapitalmarkt verteilt gerade Freikarten.



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Seite 1
sailman 14.06.2016
1. Wirtschaftskenntnisde?
Warum sollten eine Physikerin und ein Jurist plötzlich Kenntnisse von der Ökonomie haben?
ofelas 14.06.2016
2. Infrastruktur
Wir haben mindestens 600 Mrd bedarf an Infrastrukturausgaben die nachgeholt werden muessen, von Investitionen fuer die Zukunft garnicht zu sprechen. Statt dessen sind (keine Ueberraschung) die ersten Hinweise auf PublicPrivatPartnerships unterwegs wo private Investoren fuer 8-12% die Finanzierung von oeffentlicher Infrastruktur herangezogen werden sollen. In GB schon laengst geschehn und eine Katastrophe fuer den Steuerzahler. Eine Goldgrube fuer die Investoren und gelegentlich fuer die Politiker in dann in derren Unternehmen unterkommen.
FrankDr 14.06.2016
3. Alles nicht so einfach...
Wüsste nicht, wo mehr Geld in Flüchtlinge aktuell Sinn machen würde. Unsere Träger sind vollgepumpt mit Geld und geben offen zu, dass sie zwar Schuhe, Hallenschuhe, Eintrittskarten und sonstwas in Hülle und Fülle bezahlen können, aber aufgrund Personalmangels keine Betreuung oder Integration leisten können. Geld wäre da... Aber woher sollen plötzlich 1 Million geschulte Arbeitslose herkommen? Gleiches bei Anträgen und Co. Eine Ausbildung im Verwaltungsrecht dauert normal 3 Jahre plus etwaiger Fortbildung 5-6 Jahre. Woher sollen die kommen (zu dem Gehalt auch noch, über das sich jede Erzieherin kaputtlacht) ?
zappa99 14.06.2016
4.
Solange der Zinsdienst der drittgrößte Haushaltsposten ist, sind neue Schulden keine gute Idee. Was könnte man mit diesem Geld alles erreichen. Von Tilgung ist gar nicht die Rede. Selbst unsere Kinder werden für die Schulden unserer Väter noch Steuern zahlen. Das ist absurd.
gedankensucher 14.06.2016
5. Idee ist sinnvoll, aber nicht die einzige Sichtweise.
Natürlich sind die Vorschläge von Philipp Seibt sinnvoll: Bildung, Infrastruktur, Sprachkurse. Es würde sich lohnen, dafür zum Nulltarif Schulden zu machen. Allerdings bleibt immer noch die Schuldenrückzahlung. Im Moment ist das Ziel der Abbau von Schulden. Jeder Abbau ergibt im nächsten Jahr mehr Spielräume für genau die vorgeschlagenen sinnvollen Investitionen. Mache ich aber Schulden, bleibt durch die Rückzahlung der Spielraum klein - und bei sinkenden Einnahmen müssen schon wieder neue Schulden gemacht werden. Man sollte die Nullzinsphase zum Umschulden verwenden. Das erhöht den Spielraum für die Zukunft.
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