Bundesbank-Chef Jens Weidmann: Der Banker der Deutschen

Von Stefan Kaiser

Jens Weidmann kämpft einen einsamen Kampf. Als Einziger im EZB-Rat stellt sich der Bundesbank-Chef gegen ein unbegrenztes Anleihekaufprogramm. Das bringt ihm viel Ärger in der Politik, aber auch viel Ruhm in der Bevölkerung - und den kann er für seine Zwecke nutzen.

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Jens Weidmann: "Ich bin mir sicher, dass er nicht zurücktritt"

Hamburg - An diesem Donnerstag wird es um Jens Weidmann wieder einmal einsam. Für den Vormittag ist eine Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) angesetzt. Dort trifft der Bundesbank-Präsident die Chefs der 16 anderen Notenbanken der Euro-Zone, dazu noch die fünf Mitglieder des EZB-Direktoriums. Insgesamt werden also 22 Leute um einen großen Tisch im Frankfurter Euro-Tower sitzen - und Weidmann wird dabei ganz allein sein.

Der 44-Jährige hat sich daran gewöhnt, seine Position gegen den Widerstand seiner Kollegen zu vertreten. Und er hat sich dafür entschieden, das ganz offen zu tun, nicht mehr nur in den Hinterzimmern. "Ich vertrete die Position, die ich als Bundesbank-Präsident und Mitglied des EZB-Rats für richtig halte", sagte er jüngst fast trotzig im SPIEGEL-Interview.

Dabei geht es im Streit mit EZB-Präsident Mario Draghi und den meisten anderen Notenbankern eher darum, was Weidmann für falsch hält: Es sind die geplanten Anleihekäufe, die ihn so aufregen. Die EZB will massenhaft Staatsanleihen europäischer Krisenländer einsammeln, um so die Marktzinsen für die Papiere zu drücken.

Seit Dienstag liegt die Beschlussvorlage des Direktoriums allen Notenbanken der Euro-Zone vor. Am Mittwochabend treffen sich die Notenbanker zum informellen Abendessen, am Donnerstag soll es dann zum Schwur kommen. Wer kann was mittragen? Skeptiker gibt es mehrere. Doch Weidmann ist der Einzige, der gar nichts mittragen will. Er hält die Anleihekäufe für eine indirekte Staatsfinanzierung und fürchtet, sie könnten "süchtig machen wie eine Droge".

Vergangene Woche machten sogar Gerüchte die Runde, Weidmann habe über seinen Rücktritt nachgedacht und diese Gedanken mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geteilt. Er wäre nicht der erste Bundesbank-Chef, der hinschmeißt, weil er im EZB-Rat isoliert ist. Schon sein Vorgänger Axel Weber verließ Anfang vergangenen Jahres aus Protest gegen ein erstes Anleihekaufprogramm seinen Posten. Kurz darauf ging auch der deutsche EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Und nun also Weidmann?

Die, die ihn kennen, glauben nicht daran. "Ich bin mir sicher, dass er nicht zurücktritt", sagt Manfred J.M. Neumann, Professor an der Universität Bonn und Weidmanns Doktorvater. Als Weidmann den Posten angetreten habe, sei dem Bundesbank-Chef klar gewesen, dass er es mit seinen Positionen im EZB-Rat schwer haben würde.

Was würde ihm ein Rücktritt auch nutzen? Egal wer nach ihm folgte, keiner könnte seine Position besser vertreten als er selbst. "Wenn er zurücktreten würde, wäre die deutsche Position auf Dauer beschädigt", sagt Bundesbank-Kenner Neumann.

Als wahrscheinlicher gilt deshalb, dass Weidmann seine Macht austestet. Er weiß, dass die Kanzlerin es sich nicht leisten kann, drei Top-Notenbanker innerhalb von zwei Jahren zu verschleißen. Allerdings kommt ihr auch der geplante Einsatz der EZB gelegen, um im Kampf gegen die Euro-Krise Zeit zu gewinnen. Und so schlingert die Kanzlerin mal wieder mehr oder weniger elegant durch die Krise. Im Ausland unterstützt sie die Haltung der EZB. Zu Hause lobt sie Weidmann. Obwohl beides zusammen eigentlich nicht geht.

"Die Kanzlerin stellt sich zwar hinter Weidmann, aber nicht hinter die Geldpolitik, die er vertritt", sagt Wirtschaftsprofessor Neumann. "Ich habe den Eindruck, dass die Bundesregierung gerne beide Augen zudrücken und das Anleihekaufprogramm durchwinken würde."

Noch hat er die Popularitätskarte nicht gespielt

Doch ganz so allein, wie es auf den ersten Blick scheint, ist der Bundesbank-Präsident nicht. Viele Abgeordnete im Bundestag sehen die Politik der EZB ähnlich kritisch wie Weidmann und sichern ihm, wie der Unionsfraktionsvize Michael Meister, ihre "volle Unterstützung" zu. Selbst Finanzminister Wolfgang Schäuble, eigentlich ein überzeugter Euro-Retter, mahnte am Montag mit Blick auf die EZB, man müsse "sehr darauf achten, dass wir jetzt nicht auch da wieder falsche Erwartungen schaffen". Es müsse klar bleiben: "Staatsschulden dürfen nicht durch Geldpolitik finanziert werden."

Die Politiker wissen, dass sich kaum einer offen gegen Weidmann stellen kann. Denn der Notenbankchef hat einen starken Verbündeten: das Volk. Dessen Vertrauen in die Bundesbank ist schier unbegrenzt. "Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle glauben an die Bundesbank", hat der Ex-Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors, einmal gesagt. Selten war der Spruch so zutreffend wie in der Euro-Krise.

Laut einer ARD-Umfrage aus dem August wollen nur zwölf Prozent der Deutschen, dass die EZB verschuldeten Staaten hilft. 39 Prozent sehen die Aufgabe der Notenbank allein in der Bewahrung der Preisstabilität. So wie Weidmann. Jeder dritte wünscht sich sogar die D-Mark zurück.

Das ist das Potential, aus dem Weidmann schöpfen kann. Er ist beileibe kein charismatischer Redner, eher ein Technokrat, korrekt und pflichtbewusst. Aber vielleicht ist das genau das Richtige, wenn es darum geht, der Gegenseite Unseriosität vorzuwerfen. "Die Bundesbank kann ihren Rückhalt in der Bevölkerung nutzen", sagt Weidmanns Doktorvater Neumann, "und sie hat es auch zu D-Mark-Zeiten schon getan." Gerade wenn es um den Wert ihres Geldes geht, sind die Deutschen sehr empfindlich.

Noch hat Weidmann die Popularitätskarte nicht gespielt, er hat allenfalls angedeutet, dass er sie besitzt. Bundesbank-Kenner Neumann glaubt, dass der Konflikt noch einmal eskalieren könnte. "So etwas hebt man sich auf, bis es kein anderes Mittel mehr gibt", sagt er. "Dann geht es am Ende um die Frage, ob man sich durchsetzt oder selbst fällt."

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1. Der Banker der Deutschen
GSYBE 05.09.2012
Die Deutschen stehen und standen schon immer auf plumpen Populismus; einfach gestrickt kommt bei denen gut an.
2.
Oskar ist der Beste 05.09.2012
Der Mann ist eben nicht der Banker der Deutschen, sondern Banker des Monetarismus und Neoliberalismus 2.0. Wenn dieser Mann sich durchsetzen würde, würde Europa zum H4 Kontinent und in Armut versinken. Was im Moment am Wenigsten gebraucht wird, ist übrigens blinder Nationalismus wie eben Weidmann ihn verkörpert.
3.
hxk 05.09.2012
Zitat von Oskar ist der BesteDer Mann ist eben nicht der Banker der Deutschen, sondern Banker des Monetarismus und Neoliberalismus 2.0. Wenn dieser Mann sich durchsetzen würde, würde Europa zum H4 Kontinent und in Armut versinken. Was im Moment am Wenigsten gebraucht wird, ist übrigens blinder Nationalismus wie eben Weidmann ihn verkörpert.
Wer Arbeitslosigkeit mit Inflation und Schulden bekämpfen will, der bekommt am Ende Arbeitslosigkeit und Inflation und Schulden. Das war in Deutschland in den späten 70ern so und in Italien, so lange sie die Lira hatten.
4. nicht nur die deutschen
iconoclasm 05.09.2012
Zitat von Oskar ist der BesteDer Mann ist eben nicht der Banker der Deutschen, sondern Banker des Monetarismus und Neoliberalismus 2.0. Wenn dieser Mann sich durchsetzen würde, würde Europa zum H4 Kontinent und in Armut versinken. Was im Moment am Wenigsten gebraucht wird, ist übrigens blinder Nationalismus wie eben Weidmann ihn verkörpert.
Was ist es denn anders als Nationalismus wenn Herr Draghi günstigere Bedingungen für sein Italien schaffen will. Das französische Handeln anfangs der Krise war auch nur darauf ausgerichtet das französische Banken ihre Ramschpapiere irgendwo loswerden.
5. Was läuft eigentlich falsch?
richman2 05.09.2012
Was läuft eigentlich falsch im System, dass ein nicht-demokratisch gewählter Vertreter einer Institution als einziger die Meinung vertritt, die der Souverän offensichtlich hat? Dazu kommt: Wenn ich mich an die Persönlichkeiten der Bundesbank der letzten Jahrzehnte zurückerinnere, fallen mir lauter Personen ein, die an Integrität, Glaubwürdigkeit, Sachverstand, Souveränität und Geradlinigkeit rundweg alle führenden Politiker der Gegenwart und auch so einige der Vergangenheit, übertreffen. Ich will bestimmt nicht sagen, dass die Bundesbank die Staatsgeschäfte übernehmen sollte. Es sollte nur zu denken geben, dass die einzige integere Institution, die sich diese Eigenschaft über die Jahrzehnte bewahrt hat, außerhalb des (politischen) Systems steht. Welcher Politiker hätte, wie Axel Weber, lieber hingeschmissen, statt gegen die eigenen Überzeugungen zu handeln? Dass er nun einen lukrativen Job hat ist kaum ein Argument. Den hätte er vorher und nachher ebenso haben können. Überhaupt, wenn man einen lukrativen Job will fängt man - in Deutschland - nicht bei der Zentralbank an. Dazu habe ich momentan den Eindruck, Weidmann ist einer der wenigen, der über die jüngste Medienarbeit "dem einfachen Menschen" tatsächlich die Krise mit Sachverstand und einfachen Bildern zu erklären versucht und dabei wirklich bemüht ist. Nicht uneigennützig freilich, er braucht die öffentliche Meinung hinter sich. Nur: Ich dachte, das brauchen Politiker, die gewählt werden wollen auch? Und wer bemüht sich da um Erklärungen? Ach ja, ist ja alles alternativlos, also braucht es keine Begründungen. Ausgerechnet der, der nicht gewählt werden muss, der sich seines Amtes sicher sein kann auch ohne auf die Meinung des Souveräns zu achten, ausgerechnet er bemüht sich um Erklärungen? Das sagt viel über die Bundesbank aber mehr noch über die Politik aus...
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  • Mittwoch, 05.09.2012 – 16:02 Uhr
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