Kauf von Staatsanleihen 1975: Als die Bundesbank ein Tabu brach

Die Bundesbank lehnt es strikt ab, dass die EZB Staatsanleihen aus Krisenländern kauft, und warnt vor einem Tabubruch. Doch eine Analyse der BNP Paribas zeigt: Die deutschen Währungshüter sahen das früher anders - und kauften im Sommer 1975 selbst Anleihen in Milliardenhöhe.

D-Mark-Münze: 1975 war für die Bundesbank der Sommer der Sünde Zur Großansicht
dpa

D-Mark-Münze: 1975 war für die Bundesbank der Sommer der Sünde

Hamburg - Es war wohl nur eine Jugendsünde - trotzdem dürfte sie knapp vierzig Jahre später für Aufregung sorgen. Es war der Sommer 1975, als die Bundesbank gegen jene Grundsätze verstieß, die sie heute so vehement hochhält: Die deutschen Währungshüter kauften damals im großen Stil Staatsanleihen. Dies ergab eine Analyse der französischen Großbank BNP Paribas, die wiederum dem "Handelsblatt" aufgefallen war.

Die Erinnerung an das lange zurückliegende Ereignis kommt für die Bundesbank zur Unzeit: Schließlich stemmt sie sich heute vehement dagegen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) Staatsanleihen aus Euro-Krisenländern aufkauft. Wird da mit zweierlei Maß gemessen?

Die Situation war damals folgende: Während die Konjunktur schwächelte - die Wirtschaft schrumpfte um knapp ein Prozent - fiel gleichzeitig die Nachfrage nach lang laufenden deutschen Staatsanleihen dramatisch. Bei weiter steigenden Renditen drohten Rezession und steigende Inflation. Unter dem Präsidenten Karl Klasen griff die Bundesbank deshalb ein, um die Renditen zu drücken.

Den Analysten der BNP Paribas zufolge kaufte die Bundesbank in jenem Sommer vor 37 Jahren Staatsanleihen und Anleihen der staatlichen Deutschen Bundespost für stolze 7,6 Milliarden Mark - das entsprach damals einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Schon damals berichtete der SPIEGEL über die Aktion der bundesdeutschen Währungshüter, und auch wenn die Bundesbank selbst ihre Zahlen nicht veröffentlicht, so sind sie doch im Jahresbericht der Deutschen Bank von 1975 zu finden. Seither aber scheint sich keiner an die Jugendsünde erinnern zu wollen. Wenn der heutige Bundesbank-Präsident Jens Weidmann den EZB-Plan zum Staatsanleihenkauf ablehnt, dann sieht er sich in guter "Tradition der Bundesbank".

In ihrem Papier weist die BNP Paribas darauf hin, dass es klare Parallelen gebe zwischen der Situation im Sommer 1975 und der Situation im Sommer 2012. Als EZB-Präsident Mario Draghi Anfang des Jahres seine "große Bewunderung" für die Bundesbank ausdrückte, schreiben die Analysten, könnte er genau an diesen Eingriff der bundesdeutschen Notenbank gedacht haben.

nck

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wir werden die Deutschen doch.....
acyonyx 08.08.2012
......wohl irgendwann weichkriegen, und dann Schuß fahren auf einer nichtmehr enden wollenden Geldlawine, oder?
2.
DorianH 08.08.2012
Zitat von sysopDie Bundesbank lehnt es strikt ab, dass die EZB Staatsanleihen aus Krisenländern kauft, und warnt vor einem Tabubruch. Doch eine Analyse der BNP-Paribas zeigt: Die deutschen Währungshüter sahen das früher anders - und kauften im Sommer 1975 selbst Anleihen in Milliardenhöhe. Bundesbank kaufte 1975 Staatsanleihen laut BNP-Paribas-Studie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,848888,00.html)
Aha. Und hat die Bundesbank denn dieses Tabu fortgesetzt gebrochen? Ganz offensichtlich war das ja wohl ein ziemlich einmaliger Ausreißer und keinesfalls die Regel...auch wenn das jetzt wohl herbeigeschrieben werden soll.
3.
Markenfetischist 08.08.2012
Häh? Damals durfte das die Bundesbank, im Unterschied heute zur EZB. Das Zentralbanken so etwas machen ist nichts Ungewöhnliches, wenn die Währung zu stark geworden ist, ist eine Art des "Gelddruckens". Ich verstehe die Aufregung nicht.
4. In dieser
kp229 08.08.2012
... war die Marktwirtschaft auch noch sozial und nicht neoliberal wie heute, wo nur noch die Interessen der Superreichen zählen.
5. Konnte die Bundesbank doch machen.
nexus7 08.08.2012
Von mir aus kann die EZB auch deutsche Staatsanleihen kaufen. Es geht bei der Diskussion ja nicht um AAA-Anleihen, sondern um Ramschanleihen für die Deutschland mithaften soll.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Bundesbank
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 87 Kommentare
PDF-Download

Wie schützt man sich vor Inflation?
Alle Details
DPA
Bei vielen Menschen grassiert die Inflationsangst. Sie überlegen, in Sachwerte oder Gold zu investieren. Die Zeitschrift "Finanztest" hat untersucht, mit welchen Anlageformen man in den vergangenen 40 Jahren am ehesten vor Inflation geschützt war.

Alle Testergebnisse im Überblick.
Tipps
Mix. Der beste Inflationsschutz für Ihre Geldanlage ist ein guter Mix aus Zinsanlagen und chancenreichen Anlagen wie Aktien und Aktienfonds.

Aktien. Wenn Sie einen möglichst guten langfristigen Schutz gegen ­Inflation suchen, kaufen Sie Aktien oder Aktienfonds. Selbst als sicherheitsorientierter Anleger können Sie 15 Prozent Ihres Depots mit Aktienfonds füllen. Gute Fonds finden Sie in den Produktfindern "Aktiv gemanagte Fonds und Indexfonds".

Zinspapiere. Wenn Sie kurzfristig gegen Inflation abgesichert sein wollen, dann legen Sie Ihr Geld auf ein gut verzinstes Tagesgeld- oder Festgeldkonto. Einjährige sowie inflationsindexierte Bundesanleihen sind im Moment nicht zu empfehlen, weil sie zu teuer sind. Test.de bietet jeweils aktuelle Konditionen für Einmalanlagen mit Festzins sowie Tages- und Festgeld.

Gold. Gold ist riskant. Es sollte in ­Ihrem Depot nicht mehr als zehn Prozent an all Ihren riskanten Anlagen ausmachen. Gold ist zurzeit teuer und notiert außerdem in Dollar. Sie tragen außer dem Goldpreis- auch ein Wechselkursrisiko. Mehr Infos zum Thema Gold finden Sie im Artikel "Gold: Das müssen Anleger wissen" aus April 2009.
Tabelle: Ergebnisse kompakt
Erste Ölkrise, zweite Ölkrise, Wiedervereinigung, Spekulationsblasen am Aktienmarkt und jährliche Inflationsraten von minus 1 bis plus 7,7 Prozent pro Jahr.

Unsere Tabelle zeigt wie hoch die realen Renditen von Aktien, Anleihen und Gold in Deutschland seit 1970 waren.