Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bundesbank-Krise: Das große Geld-Theater

Ein Kommentar von

Mit Axel Weber ist nicht nur eine Persönlichkeit tragisch gescheitert, sondern auch ein Notenbanker-Typus: der des Anti-Inflations-Falken. Sein Nachfolger wird es schwer haben, denn die Aufgabe der Währungshüter hat sich fundamental verändert. Eine To-do-Liste für den Neuen.

Geldsäcke der Bundesbank: Druck der Politik? Zur Großansicht
dapd

Geldsäcke der Bundesbank: Druck der Politik?

Axel Weber geht, zum 30. April wird er als Präsident der Bundesbank abtreten. Für viele mag dies eine große Enttäuschung sein. Denn mit Weber scheitert nicht nur eine Persönlichkeit auf tragische Weise, sondern auch ein Typus von Notenbanker: der des Anti-Inflations-Falken. Weber stand in der Tradition der Deutschen Bundesbank, die er schon als junger Gelehrter bewunderte. Er sah sich als Hüter der Geldwertstabilität.

Doch ganz so einfach ist es nicht: Die Arbeit des Zentralbankers ist heute viel schwieriger als zu alten D-Mark-Zeiten. Nur das Ziel zu verfolgen, die Inflation niedrig zu halten, wird der komplexen Post-Krisen-Welt nicht mehr gerecht. Geldwertstabilität und sonst nichts - dieses Ziel lässt sich, realistisch gesehen, gar nicht mehr durchhalten.

Der künftige Bundesbank-Präsident - wie auch immer er heißen wird - muss mit dieser neuen Komplexität umgehen können. Gefragt ist ein Notenbanker, der drei Eigenschaften in sich vereint: Er braucht

  • Prinzipientreue,
  • Pragmatismus
  • und Pioniergeist.

Klingt widersprüchlich? In der Tat: So schwierig ist das staatliche Geldmanagement geworden.

Beginnen wir mit der Prinzipientreue: Nach wie vor hat die deutsche Tradition des konservativen Notenbanking ihren Platz. Ja, es sollte sogar an Bedeutung gewinnen. Das Prinzip, wonach die Geldmenge nicht stärker wachsen sollte als die Wirtschaft (plus angepeilter Inflationsrate), gewinnt wieder mehr Anhänger. Denn dass es überhaupt zur Finanzkrise kam, liegt auch an der über viele Jahre übermäßigen Liquiditätsversorgung; ohne diese Abkehr von der Politik des knappen Geldes hätte es weder derart große Bubbles noch einen dramatischen Anstieg der Verschuldung gegeben. Die oft verlachte "Geldmengensteuerung", die die Bundesbank vor Beginn der europäischen Währungsunion verfolgte, hat durchaus ihre Berechtigung.

"Mir gefällt die ganze Entwicklung nicht"

Aber diese traditionelle deutsche Orthodoxie reicht nicht mehr als Maßstab für Geldpolitik. Gefordert ist auch ein gutes Stück Pragmatismus.

Die Rolle der Notenbanken hat sich durch die Finanzkrise fundamental verändert. Neben der Geldwertstabilität haben sie nun ein zweites Ziel: die Finanzmarktstabilität zu gewährleisten. Sie müssen Flächenbrände im Bankensektor ebenso verhindern wie ungeordnete Staatsinsolvenzen. Zu unkalkulierbar sind die realwirtschaftlichen - und sozialen - Folgen solcher Zusammenbrüche.

So war es für die EZB unabweisbar, Anleihen von pleitebedrohten Euro-Staaten vom Markt zu kaufen. Natürlich sind solche Interventionen mit erheblichen und womöglich unkalkulierbaren Risiken für die Geldwertstabilität verbunden. Aber die Risiken, die eine Kette von Staatspleiten nach sich ziehen würde, sind viel größer. Im Übrigen: So wie die Euro-Zone verfasst ist, war niemand außer der EZB überhaupt handlungsfähig.

Wer mit traditionsbewussten Bundesbankern spricht, stellt fest, dass sie die neuen Aufgaben für Teufelszeug halten. "Mir gefällt die ganze Entwicklung überhaupt nicht", sagte vor einiger Zeit ein ehemaliger deutscher Währungshüter. Die Notenbanken würden "zu stark in die Politik hineingezogen". Das bekomme ihnen "gar nicht", weil die Unabhängigkeit gefährdet sei, wenn sie nicht mehr allein der Geldwertstabilität verpflichtet seien, sondern nun allerlei Kompromisse machen müssten.

Axel Weber hat das nicht ganz so eng gesehen. So entwarf er maßgeblich den Rettungsschirm für die deutschen Banken. Aber die Geldpolitik der EZB wollte er aus diesem Geschäft möglichst heraushalten.

Mitten drin im politischen Geschäft

Notenbanken kommen nicht mehr umhin, mehrere Ziele zu verfolgen, die sich zuweilen in krasser Weise widersprechen. Sie sind mitten drin im politischen und im regulatorischen Geschäft.

Das bringt neue Konflikte mit sich - mit Finanzministern und Regierungschefs, aber auch mit den mächtigen Spielern auf den Finanzmärkten, insbesondere den Großbanken. (Gerade deshalb verbietet sich ein unmittelbarer Wechsel ins private Geldbusiness.) Spitzennotenbanker müssen diese Konflikte aushalten. Sie dürfen sich nicht vereinnahmen lassen, weder von politischen noch von Geschäftsinteressen. Und sie müssen bei all dem in der Lage sein, geschlossen als Kollektiv - ob im Bundesbank-Vorstand oder im EZB-Rat - zu handeln.

Dazu bedarf es einer gewissen Bulligkeit und persönlichen Unabhängigkeit. Notenbankchef ist ein Job für Leute mit abgeschlossener Vermögensbildung, die am Ende einer langen Karriere stehen. Für Leute, die danach nichts mehr werden wollen und nichts mehr werden müssen. Und die auch aus früheren Lebensabschnitten niemandem etwas schuldig sind. Nur dann sind sie wirklich unabhängig.

Neben all diese Eigenschaften sollte idealerweise auch noch ein intellektueller Pioniergeist treten. Denn das alte Paradigma - die reine Lehre der Inflationssteuerung - ist in der Finanzkrise krachend gescheitert. Notenbanker bewegen sich heute in unkartierten Gewässern. Sie müssen bereits sein, Neues zu wagen. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hat das bislang in kluger Weise praktiziert. Ob es der Euro-Bank nach ihm gelingen wird, hängt entscheidend von der Figur an der Spitze ab.

Für die Zukunft müssen Ökonomen und Notenbanker ein neues Paradigma entwickeln, einen neuen intellektuellen Rahmen, an dem sich Notenbanker orientieren können. Dazu müssen die Notenbankchefs kritische, offene Geister um sich scharen - Vordenker in der Frage, was eigentlich die Rolle des Geldes in der Wirtschaft ist und wie es gemanagt werden sollte.

Wer entspricht diesem - zugegebenermaßen - hochgradig anspruchsvollen Profil? Unter den bislang gehandelten Kandidaten am ehesten wohl Klaus Regling, der Chef des Euro-Rettungsfonds.

Aber auch ein Mann wie Peer Steinbrück, der krisengestählte Ex-Finanzminister, nebenher auch ein fähiger Ökonom, käme in Frage. Aber der ist Sozialdemokrat und damit wohl nicht vermittelbar.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Florian Geyer, 13.02.2011
Zitat von sysopMit Axel Weber*scheitert nicht nur eine Persönlichkeit auf tragische Weise, sondern auch ein Notenbanker-Typus: der des Anti-Inflations-Falken. Sein Nachfolger wird es schwer haben, denn die Aufgabe der*Währungshüter *hat sich fundamental verändert. Eine To-do-Liste für den Neuen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,745114,00.html
Der Ausverkauf Deutschlands an Europa und Frankreich kann nun von Frau Merkel unbehindert von Weber fortgesetzt werden.
2. Die wahre To-Do-List
kundennummer 13.02.2011
- ALTERNATIVLOSIGKEIT erkennen - HILFREICH sein - Machen was Mama sagt Ende der Liste Wenn der Neue "brav" ist bekommt er ein feines Leckerlie in Gestalt eines EU-üblich dotierten Frühstücksdirektorposten mit dem üblichen Gelöt. Motivation dürfte kein Problem sein. Der Blick in den Maghreb genügt. Wieder ein Beispiel für die weise und vorausschauende Politik unserer geliebten Kanzlerin Frau Doktor Angela Merkel und ihres treuen Kabinetts! Got Ag / Au ?
3. .
c++ 13.02.2011
Der Artikel beschreibt die ganze Misere, in die uns der Euro geritten hat. Warum an dieser Wahnidee festhalten? Hier wird nichts anderes gefordert als die Abkehr von Stabilität und Seriosität. Der Eurozone wurde nicht der Stempel der seriösen Zentralbankpolitik nach Frankfurter Muster aufgedrückt, sondern das französisch-italienische Muster wird jetzt für Deutschland gelten. Alternative ist noch die Aufgabe des Euro in seiner jetzigen Zusammensetzung. Dieser Ausstieg dürfte erheblich einfacher sein, nachdem feststeht, dass kein deutscher Zentralbanker als Feigenblatt für diese Politik herhalten muss. Man kann es natürlich auch anders sehen. Ein italienischer Zentralbankpräsident müsste sehr konsequent traditionelle Zentralbankpolitik machen, sonst könnte Deutschland ganz schnell sich aus dem Euro vom Acker machen und immer damit drohen. Wir werden sehen. Die Aussichten sind in jedem Fall schlecht. Wie auch immer, der Euro hat uns kein Erfolg gebracht, war eine üble politische Fehlentscheidung
4.
Myrlin 13.02.2011
Citat: Geldwertstabilität und sonst nichts - dieses Ziel lässt sich, realistisch gesehen, gar nicht mehr durchhalten. Interessante Aussage. Ich empfehle, mal die Merkmale des Kapitalismus zu extrapolieren. Denn diese geben ja eine feste Entwicklungsrichtung vor. Denn gibt man den 'Dingen' einen festen Geldwert, ist das Auftauchen von Konkurrenze unabänderlich. Mit ihren Positiven und Negativen Folgen. Auch die Form der Lebensführung durch Entlohnte Arbeit aufgrund der Wertbezifferung ist unausweislich. Besonders bei der Arbeit hat dies sehr negative Entwicklungskonsequenzen, denn Fortschritt und Konkurrenze lässt den Arbeitsaufwand immer geringer werden. Auch dies ist eine Zwangsläufigkeit.
5. Wieder en standhafter Mann ist weg…
wolf-wolf 13.02.2011
Zitat von sysopMit Axel Weber*scheitert nicht nur eine Persönlichkeit auf tragische Weise, sondern auch ein Notenbanker-Typus: der des Anti-Inflations-Falken. Sein Nachfolger wird es schwer haben, denn die Aufgabe der*Währungshüter *hat sich fundamental verändert. Eine To-do-Liste für den Neuen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,745114,00.html
Von wegen: 1. Prinzipientreue - wen dann den Wallstreet, 2. Pragmatismus - wen man das als Heuchelei versteht da schon, 3. Pioniergeist – wen man aber die Inflation treiben will.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
manager magazin
Henrik Müller ist seit 2009 stellvertretender Chefredakteur von manager magazin.

Buchtipp

Henrik Müller:
Sprengsatz Inflation.

Campus Verlag; 192 Seiten; 17,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: