Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bundesfinanzhof-Urteil: Studium und Lehre sind von der Steuer absetzbar

Das kann den Fiskus Milliarden kosten: Laut einem Urteil des Bundesfinanzhofs dürfen Ausbildungskosten und Studiengebühren künftig von der Steuer abgesetzt werden. Studenten und Lehrlinge können auf einen Geldsegen hoffen.

Hamburg - Es ist ein Urteil von beträchtlicher Sprengkraft: In zwei Beschlüssen hat der Bundesfinanzhof (BFH) einer gängigen Praxis von Finanzämtern widersprochen. Diese hatten Kosten, die jungen Menschen im Studium oder bei der Berufsausbildung entstehen, bei späteren Steuererklärungen nicht als Werbungskosten berücksichtigt. Nun verdonnert Deutschlands höchstes Finanzgericht die Behörden dazu, die Kosten steuerlich anzuerkennen.

Wenn Ausbildung oder Studium erkennbar durch eine spätere Berufstätigkeit veranlasst seien, könnten sie bei späteren Steuerzahlungen verrechnet werden, entschied das BFH am Mittwoch.

Das Urteil hat beträchtliche Tragweite. Je nachdem, welche Kosten anerkannt werden, kommen schnell fünfstellige Summen zusammen. Unter anderem für die Miete am Studienort, Uni-Gebühren, Computer oder Bücher. Viele Studenten jobben zwar, bleiben aber oft unter dem Steuerfreibetrag - und könnten sich entsprechende Kosten ab sofort für spätere Steuererklärungen aufsparen.

Den Finanzminister, der angesichts einer Verschuldung von knapp zwei Billionen Euro ohnehin strikt haushalten muss, dürfte das kaum erfreuen. Zumal Deutschland derzeit eine wahre Studentenschwemme erlebt.

Konkret bezieht sich das Urteil auf zwei Fälle:

  • Im ersten hatte ein angehender Pilot geklagt und Ausbildungskosten von fast 28.000 Euro geltend gemacht. In dieser Höhe beantragte er mit seiner Einkommensteuererklärung 2004 einen Verlustvortrag festzustellen. Durch einen Verlustvortrag können in einem Jahr angefallene Verluste quasi aufbewahrt und in späteren Jahren mit Gewinnen verrechnet werden. Sein Argument: Die Ausbildung gleiche vorweggenommenen Werbungskosten für seinen künftigen Job als angestellter Pilot.
  • Im zweiten Fall war eine Medizinstudentin gerichtlich vorgegangen. Auch sie beantragte für ihr Medizinstudium eine entsprechende Verlustfeststellung.

Ob künftige Lehrlings- und Studentengenerationen allerdings tatsächlich erhebliche Steuererleichterungen genießen, ist noch nicht raus. Das Finanzministerium kann einen sogenannten Nichtanwendungserlass ausstellen. Dieser würde die Finanzämter dazu verpflichten, die Anweisung des Bundesfinanzhofs zunächst nicht zu befolgen.

Aktenzeichen: VI R 38/10 und VI R 7/10

ssu

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. -
franko_potente 17.08.2011
Zitat von sysopStudenten und Lehrlinge dürfen auf einen Geldsegen hoffen: Laut einem Urteil des Bundesfinanzhofs können sie ihre Ausbildungskosten und Studiengebühren künftig von der Steuer absetzen. Dem Staat drohen hohe Steuerausfälle - allerdings kann das Finanzamt noch gegen den Beschluss kämpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,780727,00.html
Lustig. Wenn ich demnächst keine Gewerbesteuern zahlen möchte, und dann vom Amt den Zoll auf den Hals geschickt bekomme, drücke ich denen auch einen Nichtanwedungserlass in die Hand. Unglaublioch.
2. vernünftiger ansatz
sir_watch 17.08.2011
endlich! eine deratige steuererleichterung für studenten und auszubildende war längst fällig. erst neulich wurde in einem artikel moniert, dass der deutsche zu wenig konsumiert, und das obwohl der aufschwung doch da ist. wie aber soll z.b. ein akademischer berufseinsteiger dem großen konsum fröhnen, wenn er die ersten mind. 2 - 3 jahre erstmal seine schulden aus der ausbildung reinarbeiten, rücklagen bilden und zurückzahlen muss? wie sollen denn eltern konsumieren, wenn sie ihren kindern eine fundierte und hoffentlich zielgerichtete und zukunfsweisende ausbildung oder studium finanzieren wollen/sollen? desweiteren schafft ein solches modell anreize um dem fachkräftemangel entgegen zu wirken. es werden sich bestimmt mehr potentiell veranlagte menschen zu einer weiterbildung oder ähnlichem entscheiden wenn diese auch durch anreize seitens der staates gefördert werden. das argument, dass diese fachkräfe auch später mehr verdienen und daher ihre ausbildung selbst finanzieren können kann als nicht wahr eingestuft werden. nur weil ein ingenieur bei einem großen konzern arbeitet, heißt das nicht dass sich dies auch monetär wiederspiegelt! es gibt genügend beispiele aus der realität, in denen sich zeigt, dass fachkräfte oder akademiker keineswegs mehr verdienen als der ausgebildete kollege mit beruferfahrung. auf jedem fall wird hier wieder auf hohem niveau seitens des BM Finanzen gejammert! natürlich werden zunächst steuerausfälle zu verzeichnen sein, aber lässt die mittel- und langfristige rechnung nicht doch mehreinahmen durch mehr steuerarbgaben der "mehrverdiener" sowie mehr konsum und dadurch mehr wirtschaftliche stabilität zu?
3. ^^^^^^^
Gibsonman 17.08.2011
Zitat von franko_potenteLustig. Wenn ich demnächst keine Gewerbesteuern zahlen möchte, und dann vom Amt den Zoll auf den Hals geschickt bekomme, drücke ich denen auch einen Nichtanwedungserlass in die Hand. Unglaublioch.
Das Urteil an sich ist sehr schön, wenn auch für mich zu spät ... obwohl einfach mal den Steuerberater fragen :) Zum Nichtanwendungserlass: dass es sowas überhaupt gibt, ist aus Sicht der Bürger eine Frechheit. Anders herum kann man sich ja kaum wehren. Ich habe schon einmal von einer Bürgergebührenordnung geträumt, in der ich eine Gebührenordnung FÜR Behörden aufstellen kann. "Ihr wollt, dass ich eure Anfragen beantwortet? Gerne, das macht 10 Euro." "Ihr braucht meine Angaben für einen Personalausweis? Gerne. Das macht 20 Euro." Man wird ja nochmal träumen dürfen :)
4. Da hat jemand nicht verstanden
malekith 17.08.2011
Zitat von franko_potenteLustig. Wenn ich demnächst keine Gewerbesteuern zahlen möchte, und dann vom Amt den Zoll auf den Hals geschickt bekomme, drücke ich denen auch einen Nichtanwedungserlass in die Hand. Unglaublioch.
was ein Nichtanwendungserlass ist. Der sagt nämlich nur aus, dass der entschiedene Sachverhalt vom Finanzamt nicht auf ähnlich gelagerte Fälle anzuwenden ist, sondern nur für den betroffenen Einzelfall. Es steht natürlich jedem Betroffenen trotzdem frei, Klage gegen das Finanzamt zu erheben.
5. Steuerüberziehung
sprechweise, 17.08.2011
Zitat von sysopStudenten und Lehrlinge dürfen auf einen Geldsegen hoffen: Laut einem Urteil des Bundesfinanzhofs können sie ihre Ausbildungskosten und Studiengebühren künftig von der Steuer absetzen. Dem Staat drohen hohe Steuerausfälle - allerdings kann das Finanzamt noch gegen den Beschluss kämpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,780727,00.html
Und wer geht jetzt wegen der massiven Steuerüberziehung seitens des Staates bzw. der Finanzämter ins Gefängnis?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Studenten-Studie: Wie sie leben, wo sie wohnen, was sie verdienen

Was Studieren kostet

Klicken Sie auf die Länder oder wählen Sie ein Bundesland aus dem Ausklappmenü, um mehr über die Beschlusslage dort zu erfahren.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: