Grüne im Umfragetief Die Fehler von Deutschlands hochoberster Klimaschutzpartei

Das Klima schlägt Kapriolen, die Autoindustrie kriselt: Trotzdem torkeln die Grünen, Deutschlands hochoberste Klimaschutzpartei, bei der Bundestagswahl auf den wohl letzten Platz im Parlament zu. Warum?

Grünen-Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt (Mitte rechts) und Cem Özdemir (Mitte links)
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Grünen-Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt (Mitte rechts) und Cem Özdemir (Mitte links)


Die Zeit läuft. In wenigen Tagen wissen wir, wer künftig bei Frau Merkel Praktikum macht - also, wer dann womöglich vier Jahre beim Regieren unserer Kanzlerin ein bisschen mitmachen darf. Kürzlich haben wir uns hier mit den Vor- und Nachteilen der Freidemokratischen Partei Deutschlands beschäftigt. Mindestens so spannend ist, der Frage nachzugehen, warum die zweiten Kandidaten auf der Praktikantenliste nicht so richtig begeistern wollen: die Grünen.

Der Partei droht nach jüngsten Umfragen der letzte Platz im Parlament. Und das, obwohl die Zeichen sich mehren, dass die ewig-nörgelnde grüne Warnung vor den Folgen des Klimawandels allmählich bittere Wahrheit wird - schönen Gruß, Irma. Ebenso wie der internationale Druck auf die deutsche Autoindustrie, neue Antriebsarten zu entwickeln - auch ohne grünes Zutun.

Jetzt kann man nicht sagen, dass die Parteiführenden sich keine Mühe geben, das eigene etwas unglückliche Image (vor allem im rechtelnden Mainstream) aufzuhübschen. Etwa, dass man immer alle belehren will. Oder allzu viel noch von Willkommenskultur schwärmt. Bloß nicht. Dafür gibt es Spitzenkandidaten, die prickeln wie die fleischgewordene Nachhaltigkeit. Das kann es eigentlich nicht sein, was die Wählerschaft am Wachsen hindert.

Zwei unverkäufliche Themen

Das Problem liegt womöglich eher im Kern der Kampagne. So bitter es sein mag: Es gibt etliche Indizien dafür, dass es schwer ist, Menschen mit der Bedrohung des Klimas zu mobilisieren. Der Chefredakteur eines großen Magazins erklärte mir unlängst, es gebe einfach zwei Themen, die sich als Titel ganz schlecht verkaufen: die Digitalisierung und der Klimawandel. Meine Vermutung: Beide Themen sind zwar enorm wichtig, aber für die menschliche Wahrnehmung einfach (noch) zu abstrakt.

Dazu kommt, dass der Verdacht sich - nicht immer ganz zu Unrecht - hält, Klimaschützer wollten das Klimaschützen immer über alles stellen, also schützen, egal was es kostet: ob für Jobs, Wirtschaftsstandort oder Einkommen. Und dass das immer bedeutet, dass alles teurer wird (egal ob das stimmt oder nicht - für Energie zahlen die Deutschen allein dank stark gefallener Ölpreise heute weniger als zu Beginn der Energiewende).

Wenn die Diagnose stimmt, ist es womöglich die irrste Idee seit Erfindung des Brexit gewesen, einen Wahlkampf zu machen, in dem Umwelt und Klimaschutz über allem stehen - so wie es die Grünen dieses Jahr getan haben. Als etwas, das im Zweifel wichtiger zu sein scheint als Jobs und Wirtschaftsstandort und Einkommen. Das ist einem größeren Teil der Bevölkerung schwer zu vermitteln. Und womöglich auch zu Recht.

Es spricht viel dafür, dass es ohnehin besser wäre, die Sache mit dem Klima als festen Teil ganz normaler Politik zu verstehen - und nicht mehr als Sonderthema.

  • Es gibt etliche Beispiele, in denen die Industrie den Abbau von CO2-Emissionen dazu nutzt, gleichzeitig Kosten zu sparen und wettbewerbsfähiger zu werden.
  • Auf Elektroautos wird die Industrie womöglich ohnehin umschalten - weil einfach der Konkurrenzdruck aus USA und China zu groß ist.
  • Und auch die Gelder für Klimaschutz werden erst fließen, wenn etwa das globale Finanzsystem wegkommt vom allzu irrealen Hin- und Herschieben von Kapital.

Neue Definition von Globalisierung

Es spricht auch eine Menge dafür, die Globalisierung neu zu definieren - ob beim Handel, in der Finanzwelt oder eben in Sachen Klima. Im Moment herrscht bei allem eher Wirrnis, und das Neue ist erst in Konturen erkennbar. Da könnten wir eine Partei eigentlich gut gebrauchen, die es schafft, sich nicht nur übers Klima Topgedanken zu machen - sondern darüber, wie diese neue Weltordnung mit neuer Finanzwelt, neuen Handelsregeln, geringerem Reichtumsgefälle und eingebautem Klimaschutz samt ganz neuer sauberer Wirtschaft entstehen könnte. Ohne dass das Klima über allem steht.

Das Ding ist, dass es dafür gerade bei den Grünen durchaus gute Ideen gibt, wahrscheinlich sogar die besten Köpfe etwa in Sachen Finanzmarkt und Finanzpolitik im ganzen Bundestag. Gut möglich, dass es keine richtig gute grüne Idee war, das eher als Nebenfach zu definieren. Aber wir wollen ja auch niemanden belehren. Könnte ohnehin knapp werden, die Botschaft in den verbleibenden Tagen noch zu korrigieren.

Thomas Frickes SPIEGEL-ONLINE-Kolumne "Die Rechnung, bitte!" erscheint jeden Freitag.

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ansch 20.09.2017
1. Klimaschutzpartei??
Das mit der "Klimaschutzpartei" ist hoffentlich ironisch gemeint. Wurde nicht gerade eine grüne(!) Landesregierung auf die Einhaltung der Gesetze zur Luftreinheit verklagt? Weiterhin ist einer der beiden Spitzenkanditaten nicht durch Qualifikation. sondern durch Quote auf dem Posten. Da kann man nicht viel erwarten. Die Grünen war mal gut, um den Umweltschutz voranzubringen, aber inzwischen sind sie nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich.
gympanse 20.09.2017
2. Einfache Antwort
Das liegt daran, dass die Grünen eben nicht mehr die Protestpartei sind, die sie früher waren und sich von den anderen etablierten Parteien nicht mehr oder nur in geringen Nuancen abgrenzen. Da kann man dann auch gleich den größeren potentiellen Fraktionspartner wählen oder eben eine Partei, die teilweise noch andere Ideen und Schwerpunkte hat also die anderen wie z.B. die Piratenpartei oder so.
stephx 20.09.2017
3. Unsäglichliche Aussagen der Bundestags-Grünen
die Grünen haben Recht mit ihrem Wahlprogramm, was die Umwelt angeht - dafür würde ich sie eigentlich auch wieder wählen. AAAAber: die Aussagen, die die Führung aus Berlin in Sachen Flüchtlingspolitik gemacht haben, sind dermaßen naiv, weltfremd und nicht bis zu Ende gedacht, so dass ich sie in diesem Punkt sogar für gefährlich für Deutschlands Zukunft halte. Aus diesem Grund hoffe ich sogar, sie mögen die 4,9% nicht überspringen!
wutbürger2010 20.09.2017
4. Fehlende Ausstrahlung
Herr Özdemir gibt sich alle Mühe und kommt, glaube ich, auch ganz gut und authentisch rüber bei den Menschen. Aber bei der 2. Person im Spitzen-Duo, Frau Göring-Eckhard, da fehlt es irgendwie an Charisma, an Profil, an Biss. Zudem sind die Themen Umwelt und Atomkraft mittlerweile nicht mehr oben auf der "Hitliste" der Kompetenzthemen für die Wähler. Würden die Grünen aus dem Bundestag ausscheiden, man es würde wohl kaum bemerken.
celebraler_kortex 20.09.2017
5. Klientelpolitik
Das Problem der Grünen ist nicht nur der Klimaschutz, sondern auch dass, wofür sie sonst stehen, und sei es nur in den Augen des Großteils der Wählerschaft: Minderheitenpolitik. Die Grünen setzen sich ein für...so ziemlich jede Minderheit, die es gibt. Aber wenn man keiner angehört, wie soll mensch sich da repräsentiert fühlen? Und 120 auf der Autobahn in D werden das Klima nicht retten.
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