Bundestagswahl Wählt die besten Krisenmanager für morgen!

Die Deutschen steuern auf ungemütliche Zeiten zu - und werden am Sonntag trotzdem nach aller Wahrscheinlichkeit ein merkelsches Ist-doch-eigentlich-alles-relativ-okay-bei-uns wählen. Letzter Aufruf.

Modell-Figuren von Kanzlerkandidat Martin Schulz und Bundeskanzlerin Angela Merkel
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Modell-Figuren von Kanzlerkandidat Martin Schulz und Bundeskanzlerin Angela Merkel


Unser Gehirn hat eine Menge eindeutig toller Fähigkeiten. Zu den weniger eindeutigen zählt, dass wir uns relativ schlecht vorstellen können, was in Zukunft so alles passieren kann - und wie wir dann reagieren. Das hat evolutorisch sicher einen guten Zweck, weil wir sonst vor Sorge vielleicht kirre würden. Bei Wahlen in einer Demokratie kann dieser Mangel aber zum Nachteil gereichen. Er befördert im Wählerverhalten die Neigung, eher unter dem Eindruck dessen zu entscheiden, was gerade ist oder war - und weniger danach, was kommen könnte.

Am Sonntag dürfte dies trotz aller Wutbürgerschreie klar Angela Merkel zugute kommen. Den meisten Menschen in Deutschland geht's ja ganz okay. Dabei ist die mindestens so wichtige Frage, ob das so bleibt. So eine demokratische Wahl ist ja keine Goldene Kamera für Politiker oder die hübschesten Porträtfotos (mit Sonderpreis fürs Lebenswerk) - sondern idealerweise dazu da, möglichst diejenigen zu bestimmen, die nach allem, was sie so sagen, in den nächsten vier Jahren die besten scheinen, um auftauchende Krisen zu lösen (weiß Christian Lindner das?).

Womit wir wieder bei unserem Gehirn wären. Woher sollen wir wissen, wen wir wählen, wenn wir uns nicht so gut vorstellen können, wie es ist, wenn wir in, sagen wir, zwei Jahren Probleme haben - selbst wenn die absehbar sind? Und wenn die Amtsträgerin nicht sagt, was sie dann tun würde?

Wenn das stimmt, lässt sich jedenfalls relativ gut erklären, was wir für eine bizarre Vorwahlzeit hatten. Und warum SPD-Kandidat Martin Schulz mit Merkels Ablösung mehr oder weniger kläglich scheitern dürfte. Klar, gibt es schlimme Zustände an Unis und Schulen. Und eine hohe Zahl an wirtschaftlichen Verlierern: die 20 Prozent, die zu Billiglöhnen arbeiten; die 40 Prozent, die seit Jahren reale Lohnrückgänge haben; oder eine Million Langzeitarbeitslose, die gar keinen Lohn kriegen. So etwas hält keine Gesellschaft auf Dauer aus. Zumal es auch jene ängstigt, die sich von alledem bedroht fühlen.

Warum die Mehrheit lieber weiter merkelt

Nur gilt für hier und heute: dass zwar 40 Prozent real tatsächlich weniger Einkommen haben als 1999, 60 Prozent aber spürbar mehr. Was nach Adam Riese (immer noch) die Mehrheit ist. Bei zudem kurzfristig noch guter Konjunktur - also positiver Tendenz in den vergangenen Monaten. Wenn für Wahlen wichtig ist, was für die Mehrheit der Menschen ist und war - dann ist kein Wunder, dass sich in Deutschland dieses Jahr nicht das durchgesetzt hat, was Martin Schulz anfangs zu erzeugen schien und Politikgurus Wechselstimmung nennen. Dann lässt sich allein wirtschaftlich-konjunkturell schon ganz gut erklären, warum es zwar eine Menge Unmut gibt, die Mehrheit dann doch lieber weiter merkelt und die Gewinner die Deutungshoheit noch einmal zurückgeholt haben. Noch.

Das Tückische liegt im Fortschreiben. Es spricht nüchtern betrachtet einiges dafür, dass innerhalb der kommenden vier (Legislatur-)Jahre in Deutschland der nächste konjunkturelle Abschwung einsetzen wird - alles andere wäre aller Erfahrung nach eher ein Wunder. Ebenso wahrscheinlich wie der Abschwung sind neue große Turbulenzen an den Finanzmärkten. Dann könnte diesmal die viel beschriebene Ungleichheit bei wieder steigender Arbeitslosigkeit eine Mehrheit wütend machen.

Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden in den kommenden vier Jahren die Immobilienmärkte in Deutschland überhitzen. Eine reale Gefahr ist, dass es zum Krach um den Welthandel und Deutschlands ewige Exportüberschüsse kommt - und dass dieser Krach nicht mehr durch Beten für den Freihandel zu lösen sein wird. Zudem könnte ein viel beschriebener Trend allmählich durchschlagen: Jobs durch Roboter zu ersetzen. Gut möglich, dass die deutsche Autoindustrie bis 2021 einen E-Schock erlebt, weil Amerikaner und Chinesen schneller waren. Und dass es in den nächsten Jahren zu Klimaschocks kommt, die eine ganz neue Krisenpolitik erfordern.

Unser Gehirn kann schlecht nach vorne denken

Klar wirkt das jetzt wie Schwarzmalen, wo unser Gehirn doch auf Fortschreibung der relativ guten Zeiten setzt. Dass die Wahrscheinlichkeit für das eine oder andere dennoch recht hoch ist, steht allerdings in krassem Gegensatz zur Andacht in den Tagen und Wochen vor dieser Bundestagswahl, in der am Sonntag über die (potenziellen) Krisenmanager der kommenden vier Jahre entschieden wird.

Gut möglich, dass wir einmal ziemlich konsterniert auf diesen Sommer 2017 zurückblicken und fragen werden, wie naiv wir damals waren, uns für so robust zu halten und die - dann zwischenzeitlich eingetretenen - Krisen nicht ansatzweise seriös zu besprechen. Unser Gehirn kann zwar schlecht nach vorne denken, nach entsprechenden Schocks dafür aber sehr schnell das Gefühl erzeugen, dass wir das, was wir nicht vorhergesehen haben, (angeblich) schon immer gewusst haben, wenn es dann passiert ist. Eine menschliche Anpassungsfähigkeit, ohne die wir die vergangenen Millionen Jahre wahrscheinlich nicht so gut überstanden hätten.

Eigentlich bräuchten wir jetzt Politiker (und Vordenker), die für all das einen eher großen Wurf entwickeln - eine ganz neue Politik, die:

  • neuen Krisen vorbeugt und systematisch mehr Geld in Dinge investiert, die uns auf die Zukunft vorbereiten - Stichwort Schulen und so;
  • mit ganz neuen Regeln dafür sorgt, dass Finanzmärkte sich wieder darauf konzentrieren, reale Investitionen zu finanzieren, statt mit Geld als Selbstzweck zu jonglieren;
  • (so auch) einen guten Teil der Automatik bricht, mit der Reich und Arm auseinanderdriften, weil, wer Geld hat, damit heute immer mehr Vermögen machen und vererben kann;
  • das Abwenden von Klimaschocks zum festen Teil innovativer Wirtschaftspolitik macht, die Jobs schafft;
  • die Regeln für einen geläuterten Freihandel schafft, der deutlich weniger Verlierer (und Trump-Wähler) produziert - und trotzdem vor dumpfem Protektionismus schützt.

Nur um einen Eindruck davon zu vermitteln, worum es in diesem Wahlkampf auch hätte gehen können. Da reicht es halt nicht, möglichst oft Gerechtigkeit zu rufen - und dann ein paar Dinge hier und dort zu korrigieren. Aus Gerechtigkeit allein entsteht ja auch kein Wohlstand.

Vielleicht hätte Martin Schulz mit einem großen Wurf eine Chance gehabt - trotz guter Konjunktur. Es wäre schön, wenn sich in den kommenden vier Jahren ab Sonntag jemand darum kümmert, genau so etwas zu entwickeln. Ob in der Regierung - oder besser in der Opposition. Damit wir in vier Jahren nicht wieder genauso blöd dastehen. Nur, dass es dann schon arg kriselt.

Exklusiver Praxistipp: Versuchen Sie ihr Gehirn am Sonntag auszutricksen und angestrengt nach vorne zu denken, wenn sie an den bröckelnden Wänden der Grundschule vorbei ins ambulante Wahllokal treten. Das hilft vielleicht nicht, die richtige Partei zu finden. Es kann Ihnen aber keiner nachher vorwerfen, Sie hätten es nicht versucht.

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insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
bigroyaleddi 22.09.2017
1. Danke für diese Hinweise
Es dürfte uns allen eigentlich klar sein, dass es einen ewigen Aufschwung nie geben wird. Unser Leben besteht immer aus einer Achterbahn, das Wirtschaftsleben selbstverständlich auch. So schön Stabilität ist, sie zu bewahren ist eine Aufgabe. Sie auf Dauer zu erhalten, vermutlich nicht leistbar. Aber dann man los, weiter so - alles wird gut - uns gehts doch bestens - wählt Muddi und es bleibt wie es ist. Schön wärs, wir sprechen uns nach der Wahl wieder.
GyrosPita 22.09.2017
2.
Was bin ich froh wenn endlich Sonntag 18 Uhr ist. Ich kann es wirklich nicht mehr hören, dieses Geweine. Ja, ich will ein WEITER SO. Ich habe gutbezahlte Arbeit, mein Auto ist abbezahlt und ausreichend motorisiert, ich habe Wohneigentum (noch nicht abbezahlt, aber noch nie eine Rate ausgesetzt)-, und am Monatsende ist immer noch Geld zum Verjuxen da. Lasst mich in Gottes Namen endlich in Ruhe mit Eurem Geknatsche. Und haltet mir gefälligst auch keinen Vortrag von wegen denen denen es nicht so gut geht. Ich bin ein sozialer Mensch der den anderen gerne hilft. Kann ich jeden Monat auf meinem Gehaltszettel nachlesen....
mundusvultdecipi 22.09.2017
3. Vor allem die jungen Wähler..
..sollten sich die neuste Statistik verinnerlichen,die besagt,dass man monatlich 3.005,-EURO ein Leben lang verdienen muss,um dann eine Rente in Höhe der heutigen Grundsicherung zu bekommen.Also wählt Parteien,die für höhere Renten und höhere Grundsicherungen sorgen.Mir fällt da nur eine ein.
lathea 22.09.2017
4. Das beste Krisenmanagement wäre ....
..... halt ein Team aus Merkel und Schulz. Denn ein starkes Europa wäre der beste Garant für ein Überwinden von Krisen. Mit Schulz an ihrer Seite würde es Merkel schaffen, zusammen mit den anderen EU-Ländern etwas Größeres und Zukunftsweisendes für uns zu schaffen und vielleicht wirklich ein Land gestalten, in dem wir gut und gerne leben wollen, weil es sozial gerecht wäre. Da hilft es nur, die SPD zu wählen und zu stärken. Jede andere CDU-Koalition würde die Schere zwischen Arm und Reich vergrößern. Und Rot-Rot-Grün wäre momentan nicht krisensicher. Die SPD sollte auch schon allein aus einem vernunftorientierten Demokratieverständnis etwas mehr gestärkt werden.
unky 22.09.2017
5. Schön wäre es
Aber wenn ich die Mehrzahl der Foristenbeiträge in den letzten Monaten vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, wird genau nicht nach Maßstäben der Vernunft gewählt werden - ganz im Gegenteil. Die "Wutbürger" werden die faschistoide AfD wählen, die 60 % der Gutverdienenden CDU/CSU/FDP - und damit ein Weiterwurschteln in Sachen Wirtschaft/Ökologie/Soziales/Bildungschancen. Einzig die Kombination Rot/Rot/Grün verspräche eine zukunftsorientierte Politik (Zweifler sollten sich einmal die Mühe machen und deren Wahlprogramme gründlich studieren.). Aber diese Konstellation erscheint ja wohl den Bundesbürgern als der Leibhaftige. Es ist schade, dass offensichtlich eine Mehrheit der Wähler - und Nichtwähler - nicht begreifen will, dass wir uns in Zeiten rasanter Umbrüche befinden, die nicht aufzuhalten sind. Man kann sie nur gestalten. Und auch das nicht mit den Spielregeln von gestern, sondern nur mit völlig neuen Methoden und Zielen.
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