Bundeswehrreform Angst vorm Abzug

Neuer Verteidigungsminister, alte Probleme: Die Bundeswehr muss drastisch schrumpfen. Wenn Dutzende Kasernen schließen, fällt in vielen Gemeinden der wichtigste Arbeitgeber weg. Schon jetzt ist die Furcht vor dem Untergang groß - vor allem in strukturschwachen Regionen.

Aus Mengen berichtet Tanja Tricarico

dpa

Tonnenweise Stahl und Aluminium hat Georg Bacher verarbeitet, wochenlang Treppen, Stahlträger, Spinde und Gewehrständer in der Oberschwabenkaserne gebaut. Sein Auftraggeber war das "Luftwaffenausbildungsregiment 3" der Bundeswehr.

Der Job war für Bacher ein Heimspiel. Der 50-Jährige kennt jeden Winkel der Kaserne, jede Unebenheit, die in keinem Lageplan zu finden ist. Seit Jahren hält er den Bau instand. Die Soldaten am Kaserneneingang winken Bacher problemlos durch, die Kommandeure duzt er. Allein die jüngsten Aufträge haben dem Metallbauer rund 250.000 Euro eingebracht.

Doch es könnten die letzten Euro gewesen sein, die Bacher an der Bundeswehr verdient hat. Denn die deutsche Armee steht in den kommenden Jahren vor der größten Umstrukturierung ihrer Geschichte. Nicht weniger als eine gigantische Doppel-Herausforderung muss sie meistern: bis 2014 mehr als acht Milliarden Euro einsparen und die Truppe von 250.000 auf 185.000 Soldaten schrumpfen.

Mit den Soldaten verschwindet die Kaufkraft

Weniger Geld, weniger Soldaten - das heißt vor allem: Viele Standorte werden überflüssig. Bislang ist völlig unklar, wen es trifft. Aber überall in der Republik geht die Angst um. Derzeit hat die Bundeswehr noch 400 Standorte. Dutzende werden in den kommenden Jahren dichtmachen.

Eins wissen sie im Landkreis Sigmaringen im Süden Baden-Württembergs aber bereits: Es wird uns wohl treffen. Denn im Umkreis von wenigen Kilometern gibt es gleich vier Kasernen: Stetten, Sigmaringen, Pfullendorf - und eben Mengen. Mindestens ein Stützpunkt dürfte verschwinden, vielleicht auch mehrere.

Schließt eine Kaserne, trifft es vor allem die lokale Wirtschaft. Gehen die Soldaten, verschwindet Kaufkraft. Und Handwerksbetriebe verlieren den Großteil ihrer Aufträge.

Georg Bacher ist auf dem Heimweg. Bei der Fahrt durchs Mengener Industriegebiet deutet er immer wieder auf leerstehende Werkshallen. Zu jedem Betrieb hat er eine Geschichte parat. Etliche Schlossereien, Installateure oder Schreinereien mussten in den vergangenen Jahren schließen. Mit am schlimmsten traf die ohnehin strukturschwache Region der Stellenabbau beim Textilmaschinenhersteller Croon & Lucke.

Rekruten geben gerne Geld aus

"Mengen braucht die Bundeswehr", sagt Bacher. "Sonst ist hier ja gar nichts mehr los." Seinen Metallbaubetrieb gibt es seit fünf Generationen. Mehr als 7,5 Millionen Euro Umsatz macht er im Jahr. Bis zu zehn Prozent seiner Einnahmen bekommt er durch Aufträge in der Kaserne. Bacher macht gern Geschäfte mit dem Militär. Die Aufträge sind lukrativ, die Rechnungen werden pünktlich bezahlt. "Da gibt's keine Feilscherei", sagt er.

Immerhin hat Bacher vorgesorgt und sich in den vergangenen Jahren immer mehr von der Bundeswehr emanzipiert. Inzwischen ist nicht mehr der Bund sein lukrativster Arbeitgeber, sondern das Land. Er hat einen Großauftrag bei der Uni Tübingen. "Die Hochschule ist zwar arm, aber so schnell wird die nicht dichtmachen", spottet er.

Doch die Kaserne ist für die Stadt immens wichtig. Sie sorgt für eine Wirtschaftskraft von mehr als zehn Millionen Euro, schätzt Mengens Bürgermeister Stefan Bubeck. Die Gebäude müssen instand gehalten werden, jede Woche schneidet ein Friseur den Soldaten die Haare, vier Ärzte arbeiten für die Bundeswehr. Dazu kommt die Kaufkraft der rund 850 Soldaten. Ob in Kneipen, Kinos, Clubs oder beim Shoppen: Die Rekruten geben gerne Geld aus.

Bubeck fürchtet, dass vor allem kleinere und mittlere Betriebe den Abzug der Bundeswehr zu spüren bekommen, manche seien gar in ihrer Existenz gefährdet. Ziehen die Berufssoldaten mit ihren Familien weg, fallen die Preise für Bauplätze und Immobilien im Ort. Kurzum: Das Ende der Oberschwabenkaserne könnte der Anfang vom Ende für Mengen sein.

Leere Straßen, viele alte Menschen

Die Bundeswehr gehört zur 10.000-Einwohner-Stadt wie der harte Winter auf der Schwäbischen Alb. Beide sind rau und ruppig, aber lebensnotwendig für die Region. In den Nachkriegsjahren sahen Bevölkerung und Wirtschaft in den Soldaten eine Bedrohung. Heute ist die Bundeswehr nicht mehr wegzudenken. "Sie ist der größte Arbeitgeber", sagt Bubeck.

Der Bürgermeister glaubt, dass Mengen, wenn überhaupt, nur eine 50-Prozent-Chance hat, irgendwie als Bundeswehrstandort zu überleben. Die Luftwaffe hat nur vier Zentren für die Grundausbildung, eines davon hier. Außerdem wurde die Kaserne erst vor kurzem rundum saniert. "Das könnte reichen", sagt Bubeck.

14 Uhr, Mengen, Hauptstraße: Bis auf einen Bäcker sind alle Geschäfte geschlossen, kein Auto fährt, nur wenige Menschen sind unterwegs. An diesem grautrüben Nachmittag kommt niemand zufällig zu Gerda Orth. Nur wenige Meter vom Rathaus entfernt verkauft sie Zigaretten, Zeitungen, Spirituosen. Seit über einem halben Jahrhundert gibt es ihren Laden.

Weniger Geld in der Kasse

Bereits vor drei Jahren traf die Verkürzung des Wehrdienstes die Mengener Kaserne. Früher kamen die Wehrdienstleistenden drei Monate auf die Schwäbische Alb, dann nur noch acht Wochen - und bald gar nicht mehr. Das bekam auch Orth zu spüren. Die Einnahmen gingen um 20 Prozent zurück. "Ohne meine Stammkunden hätte ich längst dichtmachen müssen."

Die guten Zeiten seien lange vorbei, sagt Orth. Und fügt verbittert an: "Jetzt ist Mengen eine Geisterstadt, der jegliches Leben ausgetrieben wurde." Orth ist Mitglied im Gewerbeverein. Optiker, Schuster, Bäcker - alle Geschäftsleute klagen über weniger Kundschaft und weniger Geld in der Kasse. "Hier gibt es bald nur noch alte Menschen", sagt Orth.

In ein paar Jahren wird sie in Rente gehen. Ob ihr Sohn den Laden dann noch halten kann? Orth zuckt mit den Achseln. Es ist ihr verzweifelter Versuch, gegen die Realität anzukämpfen. Denn eigentlich kennt sie die Antwort.

Selbst der Guttenberg-Termin platzte

Hat Mengen die Vorzeichen der wirtschaftlichen Misere, die Abhängigkeit von einem Arbeitgeber, einfach zu spät bemerkt? Bürgermeister Bubeck zögert, bevor er antwortet. Er weiß um die miese Lage seiner Heimat. "Mengen ist die Stadt in Süddeutschland, die mit am weitesten von der Autobahn entfernt ist", sagt er. Es soll ein Scherz sein, aber er wirkt bemüht. Als Wirtschaftsstandort hat Mengen nicht gerade das, was man gute Voraussetzungen nennt.

Auch was einen Plan B für die rund hundert Hektar große Fläche der Kaserne angeht, wirkt der Bürgermeister alles andere als überzeugend. Eine Festhalle wäre möglich, vielleicht auch Hotels und Tourismus. Am liebsten wäre Bubeck, wenn eine Hochschule auf dem Gelände eröffnen würde. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Grundstück der Bundeswehr lange brachliegt.

Viel Vergangenheit, wenig Zukunft. Da passte es, dass eigentlich Karl-Theodor zu Guttenberg nach Mengen hätte kommen sollen. Ein halbes Jahr hatte Bürgermeister Bubeck für den Termin mit dem Verteidigungsminister gekämpft. Dann trat er zurück und sagte alle Termine ab.

Ob Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maizière bald in den Süden der Republik kommt? Bubeck zuckt mit den Schultern. Er weiß längst: "Meine Region genießt keinen Artenschutz mehr."



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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
delta058 06.03.2011
1. Naja
Zitat von sysopNeuer*Verteidigungsminister, alte Probleme:*Die Bundeswehr*muss*drastisch schrumpfen.*Wenn Dutzende Kasernen*schließen, fällt in vielen Gemeinden der wichtigste Arbeitgeber weg. Schon*jetzt ist die Furcht*vor dem*Untergang groß - vor allem in strukturschwachen Regionen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,748234,00.html
Na Gott sei können sich die Bayern in Sicherheit wiegen werden sie aus unerfindlichen Gründen von Standortschließungen oder Verkleinerungen wieder und wieder weitesgehend verschont, während es Länder erwischt die diese Arbeitsplätze wesentlich nötiger hätten.
querulant112 06.03.2011
2. Trauer hält sich in Grenzen
Da geht Kaufkraft dahin die der Steuerzahler speist. Ja und? Wir brauchen die Bundeswehr in ihrer jetzigen Form nicht mehr, da müssen Standorte geschlossen werden. Wenn da von Wirtschaftsfaktor gesprochen wird ist das falsch, weil vergessen wird wer die Bundeswehr bezahlt! Das ist der Steuerzahler allgemein, der dem Handwerker brav die Rechnungen bezahlt. So wie Bochum lernen musste ohne Nokia klar zu kommen müssen die Bundeswehrstandorte lernen ohne Bundeswehr auszukommen. Jeder hat sein Kreuz zu tragen, auch wenn es ein Balkenkreuz ist
GyrosPita 06.03.2011
3.
Tja, für die betroffenen Gegenden ist das natürlich nicht schön. Aber der Auftrag einer Armee kann es nicht sein, in irgendwelchen strukturschwachen Gegenden dafür zu sorgen das die Wirtschaft brummt. Wenn das das entscheidende Kriterium sein soll, dann können wir die BW auf eine Million Mann aufstocken und den 36-monatien Wehrdienst einführen. Auf der anderen Seite hat man sich in den jeweiligen Gegenden über Jahrzehnte komfortabel mit der Staatsknete eingerichtet: Die BW ist da, die BW zahlt, alles in bester Ordnung. Da ist in Zukunft ein wenig Phantasie gefragt bei der Erschließung neuer Wirtschaftszweige, und die Vorschläge sollten möglichst eine andere Qualität haben als das jahrelange Umwandeln von Militärflugplätzen in Zivilflughäfen. Die Idee des Bürgermeisters, eine staatliche Institution durch eine andere (Hochschule) zu ersetzen läßt aber schon schlimmes befürchten...
blacksky 06.03.2011
4. Ohje.
Die Bundeswehr schliesst doch seit Jahren schon Standorte. In diesem Land muss vieles sehr schief gelaufen sein wenn wirtschaftlich scheinbar ganze Regionen am Alkoholkonsum von Bundeswehrrekruten hängen. Und nichts anderes suggeriert mir der Artikel.
vox veritas 06.03.2011
5. ...
Zitat von sysopNeuer*Verteidigungsminister, alte Probleme:*Die Bundeswehr*muss*drastisch schrumpfen.*Wenn Dutzende Kasernen*schließen, fällt in vielen Gemeinden der wichtigste Arbeitgeber weg. Schon*jetzt ist die Furcht*vor dem*Untergang groß - vor allem in strukturschwachen Regionen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,748234,00.html
Anfang 2000 hat in unserer Stadt der letzte Bundeswehrverband, ein Pionierbatallion, die Porten zur Kaserne geschlossen. Der Verband wurde zum Teil aufgelöst, der Rest an einen neuen Standort verlegt. Jeder 11. Arbeitsplatz war davon betroffen! Unsere Stadt hat sich von dem Abzug der Bundeswehr nicht mehr erholt. Hier sieht's momentan nicht schön aus.
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