Finanzinvestor David Rubenstein "Wir brauchen eine so starke Regulierung nicht"

Die neuen Regeln für die Finanzmärkte findet er zu hart: David Rubenstein, legendärer Mitgründer des Private-Equity-Fonds Carlyle, über Gier, unvermeidliche Spekulationsblasen und die Zukunft des Euro.

David Rubenstein: "Ich halte mich aus der Politik lieber raus"
REUTERS

David Rubenstein: "Ich halte mich aus der Politik lieber raus"


SPIEGEL ONLINE: Herr Rubenstein, Sie haben neulich gesagt, Carlyle sei die unpolitischste Firma überhaupt. Ist dies die richtige Zeit für einen Finanzkonzern, unpolitisch zu sein?

Rubenstein: Obwohl ich unter Jimmy Carter als Berater der Demokraten im Weißen Haus gearbeitet habe, wurden wir lange Zeit als republikanische Firma gesehen, weil ich James Baker, Ex-Präsident George Bush senior und Frank Carlucci zu uns geholt habe. Diese Leute haben Carlyle vor vielen Jahren verlassen. Wir sind keine politische Firma, sondern ein Vermögensverwalter. Ich halte mich aus der Politik lieber raus.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Finanzmärkte sind von der Politik und neuen Regulierungsversuchen beeinflusst wie nie zuvor.

Rubenstein: Die Märkte tun, was für sie am besten ist, ich weiß nicht, ob sie politisiert sind. Was unsere Branche angeht, so haben die meisten Politiker verstanden, dass Private Equity kein Risiko für die Stabilität des Finanzsystems ist. Das ist gut so, Regierungen können und sollten das globale Finanzsystem nie vollständig kontrollieren. Das sogenannte Dodd-Frank-Gesetz hat in den USA Mängel behoben, ist aber über das Ziel hinausgeschossen. Das Gesetz umfasst 848 Seiten. Die amerikanische Verfassung hat nur vier Seiten. Nach jeder Krise denken sich Regierungen Gesetze aus, um eine ähnliche Krise zu verhindern. Ein paar Jahre später gibt es eine andere.

SPIEGEL ONLINE: Europäer kritisieren, dass die US-Regierung eine Kehrtwende macht und die Regulierung ihrer Banken lockert.

Rubenstein: Als Regulierung "light" würde ich das hier nicht bezeichnen. Das amerikanische Bankwesen funktioniert wieder relativ gut, weil die USA ihre Banken konsequent gezwungen haben, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen und faule Kredite abzuschreiben. Die Europäer haben das nicht in dem Umfang getan, weil viele Banken die hohen Verluste wohl nicht verkraftet hätten.

SPIEGEL ONLINE: Sind die USA Ihrer Ansicht nach auch in der Bewältigung der Staatsschuldenkrise voraus?

Rubenstein: Wir haben 16,8 Billionen Dollar Staatsschulden und ein Haushaltsdefizit von etwa 1,2 Billionen Dollar. Wenn jemand vom Mars auf die Erde käme und sich das ansähe, würde er wohl sagen, dieses Land muss dringend seine Schulden in den Griff bekommen - und entsetzt wieder auf den Mars zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr haben Sie gesagt, Amerika könne mit der Lösung des Problems nicht bis nach der Wahl warten. Die Wahl ist vorbei, das Problem noch da.

Rubenstein: Die Finanzmärkte haben offenbar ein bestimmtes Schuldenniveau akzeptiert. Dafür gibt es zwei Gründe: Der Dollar ist die einzige globale Reservewährung, die Leute müssen also Dollars kaufen. Zweitens sind die Zinsen niedriger, als irgendjemand erwartet hat. Das scheint aller ökonomischen Logik zu widersprechen. Ich glaube, wir müssen sehr viel mehr tun, um unsere Schulden zu senken. Die einzige Lösung ist stärkeres Wachstum, etwa vier bis fünf Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Selten ist es einer Regierung gelungen, so hohe Schulden durch Wachstum loszuwerden. Der übliche Weg ist Inflation.

Rubenstein: Ich bin kein Experte in Inflationsbekämpfung. Als ich US-Präsident Carter beriet, erreichte die Teuerung 15 Prozent. Aber ich glaube nicht, dass die Regierungen in den USA und Europa einen Masterplan haben, wie sie aus dem Problem rauskommen. Sie wursteln sich durch.

SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Zone stand vor einem Jahr noch am Abgrund. Sind wir heute wieder einen Schritt davon entfernt?

Rubenstein: Heute ist jedem in Europa klar: Der Euro wird überleben. Dank Mario Draghis Ankündigung, alles zu tun, um den Euro zu bewahren, hat sich die Lage verbessert. Entweder ist das der größte Bluff der Geschichte oder eine der besten strategischen Entscheidungen, die je getroffen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Auf jeden Fall war es wie in den USA nicht die Politik, sondern die Zentralbank, die entscheidend eingegriffen hat, um die Märkte zu beruhigen. Bestimmen eigentlich die Märkte das Geschehen oder doch noch die Regierungen?

Rubenstein: Das ist unmöglich zu beantworten. Entscheidend ist: Die Zentralbank hat getan, was sie tun musste. Bei den Regierungen sind wohl die Worte besser als die Taten. Die Wahl in Italien zeigt erneut, dass die Menschen keine Sparpolitik wollen. Dafür hat noch nie jemand gestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal geschrieben, zügellose Begeisterung für das Anhäufen von Vermögen führe zu nicht tragfähigen Boomphasen und unvermeidlichen Zusammenbrüchen. 2011 haben Sie und Ihre zwei Gründungspartner mehr als 400 Millionen Dollar verdient. Ist das nicht ein Indiz für eine solch zügellose Begeisterung?

Rubenstein: Ich häufe kein Vermögen an, ich gebe es her, wie Sie wahrscheinlich wissen. Ich verteile nahezu mein gesamtes Vermögen, deshalb habe ich mich der Initiative "The Giving Pledge" von Bill Gates angeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist der zweite Schritt. Erst geht es darum, so viel Vermögen anzuhäufen wie möglich.

Rubenstein: Kapitalismus ist kein perfektes System, aber er hat seine Vorzüge. Wir versuchen, möglichst viel Geld für unsere Investoren zu verdienen, ganz überwiegend staatliche Pensionsfonds. Aber es wird immer Leute geben, die am Ende realisieren, dass sie ihr Leben lang nichts Sinnvolles mit ihrem Vermögen gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment profitieren Finanzinvestoren vor allem von niedrigen Zinsen und den Problemen der Banken. Besteht die Gefahr, dass die Fehler der Jahre 2006 und 2007 wiederholt werden?

Rubenstein: Spekulationsblasen entstehen einfach von Zeit zu Zeit - und platzen. Regierungen reagieren und legen den Grundstein für neue Verwerfungen. Das wird man nicht lösen. Aber ich sehe immer mehr Investoren, die sensibel für die Sorgen der Öffentlichkeit sind. Es ist heute viel einfacher als früher, vermögende Geschäftsleute über soziale Netzwerke zu kritisieren. Weil diese Leute das nicht mögen, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas Nützliches für die Gesellschaft tun. Diese soziale Kontrolle ist gut, solange sie nicht das kapitalistische System zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Finanzinvestoren ihre Rolle verändern und Aufgaben wie die Kreditvergabe an Unternehmen übernehmen, denen die Banken nicht mehr gerecht werden?

Rubenstein: Nein, wir werden Kreditinstitute nie ersetzen. Banken geben ihren Kunden Zinsen auf ihre Einlagen, die sie jederzeit wieder abziehen können. Das Modell gibt es seit Hunderten von Jahren und es wird nicht verschwinden. Aber Banken werden größer, stärker reguliert und wahrscheinlich weniger profitabel. Wir brauchen eine so starke Regulierung nicht. Deshalb würden wir vielleicht in eine Bank investieren, aber nicht selber eine werden.

Das Interview führte Martin Hesse

insgesamt 98 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ratem 19.05.2013
1. Was Rubenstein eigentlich meint ...
Was Rubenstein eigentlich meint, wenn er "wir brauchen das nicht" sagt, ist: "Ich will das nicht, weil ich dann keine Kohle mehr machen kann". Das wäre für ihn persölich natürlich traurig ... für den Rest der Welt dagegen ein echter Segen. Daher: Bitte her mit den Regulierungen! Je schneller desdo besser!
spaltpilz 19.05.2013
2. Da macht sich der spiegel ja zum sprachrohr
Sehr feiner Leute! "Wir brauchen eine so starke Regulierung nicht" würde übrigens auch sicherlich unterschrieben werden von Pädophilen, Betrügern, Mördern usw....
thinkrice 19.05.2013
3.
Zitat von sysopREUTERSDie neuen Regeln für die Finanzmärkte findet er zu hart: David Rubenstein, legendärer Mitgründer des Private-Equity-Fonds Carlyle, über Gier, unvermeidliche Spekulationsblasen und die Zukunft des Euro. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/carlyle-mitgruender-david-rubenstein-ueber-gier-und-hohe-staatsschulden-a-899054.html
Diese Frage bzw. Aussage hat mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun und wirft die Frage auf, welche Laiendarsteller SpOn beschäftigt. Die Lockerungen der gesetzlichen Regulierungen für den Finanzmarkt seit den 1980er Jahren wurden keinesfalls komplett zurückgedreht und verschärft, sondern die Finanzmärkte sind weiterhin in weiten Teilen regelrecht dereguliert und der Kontrolle der Politik entzogen. Es wäre wünschenswert, wenn sich der Journalist/Praktikant mit offensichtlichen Realitäten auseinandersetzen würde, bevor er solch ein Interview führt.
wolle0601 19.05.2013
4.
ich finde die Sichtweise von Ha-Joon Chang überzeugend: der Grund für Regulierung ist nicht, daß die Regierungen glauben, es besser zu können als Märkte. Es geht vielmehr darum, die Komplexität des Systems soweit zu reduzieren, daß Reaktionen überhaupt vorhersagbar werden. Insofern führt der Wunsch nach einem Masterplan auch in die Irre - ich glaube, im Moment geht nur Navigieren auf Sicht: Offenbar kann niemand kann die Reaktion der Märkte zuverlässig vorhersagen. Zu jeder plausibel klingenden Theorie gibt es eine, die genauso überzeugend klingt und genau gegenteilige Aktionen empfiehlt. Das ist das eigentlich Gruselige an dieser Sache und deshalb braucht es wohl noch mehr Regulierung.
Anja K. 19.05.2013
5.
Zitat von ratemWas Rubenstein eigentlich meint, wenn er "wir brauchen das nicht" sagt, ist: "Ich will das nicht, weil ich dann keine Kohle mehr machen kann". Das wäre für ihn persölich natürlich traurig ... für den Rest der Welt dagegen ein echter Segen. Daher: Bitte her mit den Regulierungen! Je schneller desdo besser!
Er hat leider ja nicht ganz unrecht. Die jetzigen Regulierungen (Dodd-Frank-Act, Basel III) sind aufgrund der Komplexität geradezu prädestiniert, um eine neue Krise auszulösen. Bevor man solche Regeln aufstellt, die zwangsläufig dafür sorgen, dass die Finanzprodukte noch komplexer und undurchschaubarer werden, sollte man lieber weniger regulieren. Eine klare (und auch tatsächlich umgesetzte) Regelung, wie mit bankrotten (systemrelevanten) Banken umgegangen werden würde, wäre da wohl hilfreicher. Sowas wie "bis 100.000€ wird gerettet, die restliche Bank wird zerschlagen...". Das kombiniert mit sinnvolleren Eigenkapital-Anforderungen (die auch in Basel III wieder komplett von den S&Ps etc. abhängig sind), könnte in der Realität deutlich mehr Sicherheit schaffen, als diese überbordernde Regulierung, die in ihrer Komplexität mehr Probleme schafft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.