Cum-Ex-Untersuchungsausschuss Hilfloser Löwe Maschmeyer

Carsten Maschmeyer soll einem Untersuchungsausschuss erklären, warum er in zweifelhafte Steuerfonds investierte. Doch er inszeniert sich als Opfer - das in der schlimmsten Phase seines Kampfs Todesdrohungen erhielt.

Carsten Maschmeyer
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Carsten Maschmeyer


Multimillionär Carsten Maschmeyer verrät den Plot für die folgenden Stunden schon in den ersten fünf Minuten: Er sei "dankbar", als Zeuge geladen zu sein, sagt der Gründer des berüchtigten Finanzvertriebs AWD, der mittlerweile als Start-up-Investor und Star der Vox-Sendung "Die Höhle der Löwen" eine zweite Karriere macht. So könne er "als Geschädigter" berichten, was ihm passiert sei.

Es ist Donnerstagmittag, kurz nach 13 Uhr, und Maschmeyer sitzt vor einem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags, der den Steuerskandal um sogenannte Cum-Ex-Geschäfte aufklären will. Banken, Fondsanbieter und reiche Investoren sollen den Fiskus bei diesen komplizierten Aktiengeschäften um geschätzte zwölf Milliarden Euro gebracht haben, indem sie sich nur einmal gezahlte Kapitalertragssteuer mehrfach erstatten ließen (mehr zu den dubiosen Aktiendeals lesen Sie hier).

Reiche Investoren wie Maschmeyer. Der nämlich steckte sieben Millionen Euro eigenes Geld und weitere 33 Millionen Euro für seine Kinder, seine Frau Veronica Ferres, seine Ex-Frau und den Fußballtrainer Mirko Slomka in einen mutmaßlichen Cum-Ex-Fonds, den die Schweizer Bank Sarasin vertrieb.

Ob er denn nicht mal "was richtig Geiles" für ihn habe, soll Maschmeyer den damaligen Bankchef Eric Sarasin bei einem Gespräch gefragt haben.

So kam laut Presseberichten die folgenreiche Geschäftsliaison zustande, und so zitiert es der Vorsitzende des Ausschusses, Hans-Ulrich Krüger (SPD), auch genüsslich nach Maschmeyers Eingangsstatement.

Doch der Unternehmer ist nicht gekommen, um sich als Gierschlund vorführen zu lassen. Er hat eine ganz eigene Version der Geschichte. Und in der wurde der gewiefte Finanzvertriebler, von dem sich Tausende Anleger übers Ohr gehauen fühlten, selbst zum Opfer skrupelloser Banker. Denn wenn man Maschmeyer glauben will, legte er Dutzende Millionen Euro in einen Fonds an, von dem er nie einen Prospekt bekam und dessen genaue Funktionsweise ihm nicht bekannt war.

Zusammengefasst soll es sich so zugetragen haben: 2010 bot ihm Eric Sarasin in einem Telefonat einen Aktienfonds der Bank an. Zielrendite acht bis zehn Prozent. Und das Besondere, das Maschmeyer jetzt nicht mehr "geil" nennen will, sei gewesen: dass das eingesetzte Geld zu 98 Prozent abgesichert sei.

Später habe die Bank trotz Aufforderung versprochene Auszahlungen immer wieder verschoben, sagt Maschmeyer. 2012 wurde er dann misstrauisch und ließ einen Steuerfachmann alles prüfen, irgendwann erstatte er Strafanzeige, sagte bei etlichen Staatsanwaltschaften aus und trug - so jedenfalls scheint es an diesem Nachmittag - damit zur Aufklärung der Affäre bei.

Sogar "Drohbriefe" habe er im Laufe der Auseinandersetzung erhalten, "dass, wenn ich gegen die Bank vorgehen würde, mein Leben gefährdet würde".

Natürlich wollen die Abgeordneten wissen, wie so etwas denn einem gewieften Unternehmer passieren könne.

Da aber erfahren sie Erstaunliches. Er selbst habe ja nur Produkte wie Lebens- oder Krankenversicherungsfonds verkauft, von Steuern habe er keine Ahnung, sagt der Autor des Bestsellers "Die Millionärsformel". Außerdem fuhr der Unternehmer nach ersten Gesprächen für die spätere 40-Millionen-Investition nicht selbst nach Zürich, um sich weiter informieren zu lassen, sondern schickte Sohn Marcel. Der war damals 23, hatte in London Economics studiert, machte gerade ein Praktikum bei der Deutschen Bank und gestand dem Vater nach den ersten Tagen in Deutschlands größtem Geldhaus: "Du Papa, ich verstehe hier gar nichts. Ich kaufe mir ein Fremdwortlexikon."

Nach Zürich zu Sarasin durfte er trotzdem alleine, wohl um mal praktisch das Big Business kennenzulernen. Und als er zurückkam, sagte er laut Maschmeyer. "Du, das ist ja ganz toll. Und Papa, das ist nur, weil du den Sarasin so gut kennst, sonst käme man da gar nicht ran."

Zusammen mit der erneuten Versicherung, dass die Investition nicht verloren gehen würde, reichte das Maschmeyer offenbar weitgehend an Wissen. Mehrmals betont er an diesem Nachmittag, er habe nie einen Prospekt für das Investment erhalten und den Begriff Cum-Ex damals auch "noch nie gehört gehabt".

Seine Entscheidung habe sich allein auf dem "enormen Vertrauensverhältnis" zu Eric Sarasin begründet. "Das wäre so, wie wenn Herr Daimler Sie ins Auto setzt und sagt: 'Kannst dich drauf verlassen, da ist ein Airbag drin'." Da würde man auch nicht fragen, ob das denn stimme.

"Erschreckend", findet es der Grünen-Abgeordnete Gerhard Schick im Anschluss an die Befragung, "wenn Menschen so viel Geld haben und so wenig Verantwortung übernehmen". Und Richard Pitterle von der Linken hält es für "wenig glaubwürdig", dass Maschmeyer so naiv gewesen sein soll. Trotzdem müsse man die Aussage erst einmal "so hinnehmen". Denn Beweise, dass Maschmeyer wirklich wusste, was er tat, gibt es nicht.

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