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Börsenabsturz in China: Der Kontrollverlust

Ein Kommentar von

Der Börsencrash in China ist Symptom eines fundamentalen Wandels: Um den Wohlstand zu erhalten, muss die Regierung immer mehr Kontrolle abgeben. Die Allmacht der kommunistischen Partei gerät ins Wanken.

Es war ein desaströser Jahresauftakt an den Weltbörsen: Die Aktienmärkte in China brachen am ersten Handelstag um sieben Prozent ein und schickten Schockwellen durchs globale Finanzsystem. Schockwellen, die auch Deutschland erreichten: Der deutsche Leitindex schloss mehr als vier Prozent im Minus.

Auslöser für den Kursrutsch ist ein überhitzter Aktienmarkt. Seit Sommer 2014 hatten immer mehr Chinesen Aktien gekauft und die Kurse an den Börsen in Shanghai und Shenzhen in schwindelerregende Höhen getrieben. Nun scheint diese Blase zu platzen.

Die Ursache des Absturzes aber liegt tiefer. Denn die Spekulationsblase am Aktienmarkt konnte überhaupt erst entstehen, weil die Finanzmärkte zu lange zu starr reguliert waren. Mehr als 300 Millionen Chinesen gehören inzwischen zur Mittelschicht, können also immer mehr Geld anlegen - doch die wenigsten wissen, wohin damit. Vieles, was Anleger hierzulande können, ist in der Volksrepublik verboten. Also zocken die Chinesen - mit Jade, mit Immobilien, mit Kunst. Und seit Sommer 2014 auch wieder verstärkt mit Aktien.

Um Spekulationsblasen und Crash-Gefahren zu begrenzen, müsste Chinas Regierung vor allem eines tun: loslassen. Sie müsste die Regulierung des Finanzmarkts lockern, damit sich das Geld gleichmäßiger verteilt. Doch die Öffnung des chinesischen Finanzsystems geht nur zäh voran.

Das liegt einerseits an der Angst vor Fehlern: Falsche Reformen könnten verheerende Folgen haben. Hauptgrund aber ist eine andere Angst: die Furcht vor dem Machtverlust. Noch kontrolliert die Pekinger Regierung in vielen Bereichen die Geldströme, und sie tut sich schwer, diese Kontrolle abzugeben.

Das gilt nicht nur für den Aktienmarkt, sondern für das gesamte Wirtschaftssystem. Die Regierung muss China, einst Werkbank der Welt, in eine Konsum- und Innovationsgesellschaft verwandeln. Gelingt ihr dies nicht, wird das Wachstum einbrechen. Dann drohen soziale Unruhen, vielleicht sogar Aufstände gegen die Kommunistische Partei.

Doch die meisten Reformen bedeuten im Kern einen Kontrollverlust für die KP. Die Regierung kann das Kreditsystem nur flexibilisieren, wenn sie das staatliche Bankenmonopol bricht. Sie kann innovative Privatfirmen nur stärken, indem sie schwerfällige, korruptionsanfällige Staatskonzerne schwächt. Sie kann den Konsum nur entfesseln, indem sie die Sozialsysteme ausbaut und starre Besitzregeln für Land und Immobilien lockert; das aber würde die Bürger eigenständiger und weniger erpressbar machen.

Kontrolle versus Wachstum - in diesem Spannungsfeld findet der Umbau von Chinas Wirtschaft statt. Der Börsencrash vom Montag zeigt das aufs Neue. Und er zeigt, wie verzweifelt Peking an den alten machtpolitischen Verhaltensmustern festhält.

Dass die Börse gerade jetzt abstürzt, ist kein Zufall. Bereits im Sommer 2015 war sie eingebrochen. Damals erließ Peking eine Reihe Maßnahmen, um die Kurse zu stützen. Einige davon laufen bald aus, darum stoßen die Anleger nun ihre Papiere ab.

Pekings Reaktion darauf: neue Regeln. Neuerdings muss die Börse schließen, sobald die Verluste die Marke von sieben Prozent erreichen. Kursabstürze lassen sich so verzögern, aber nicht verhindern.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Schultz, 36, arbeitet im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE. 2011 berichtete er als Reporter aus Zhongguancun, Chinas Pendant zum Silicon Valley. 2012 lebte er länger in Peking und bekam den politischen und wirtschaftlichen Strategiewechsel der kommunistischen Partei hautnah zu spüren.

E-Mail: Stefan.Schultz@spiegel.de

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insgesamt 75 Beiträge
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1. Witzig
sachse78 05.01.2016
Die Regulierung des Finanzmarktes soll gelockert werden, damit sich das Geld gleichmäßig verteilt? Ich wusste gar nicht, dass die Börse so sozial ist? Ich dachte bisher, dass hier Kleinanleger abgezockt werden. Außer die cleveren natürlich, die sich gleich dagegen aussprechen.
2. lustig..,
imlattig 05.01.2016
zu behaupten deregulierung warre das allheilmittel. 2008 hat gezeigt, dass genau das gegenteil das richtige ist. warum sollte china dieselben fehler wie der westen machen?
3. immerhin zeigt China Angst vor Fehlern
auf_dem_Holzweg? 05.01.2016
daher handelt Chinas Führung überlegt und entscheidet gemeinsam die Ziele. Nicht wie bei uns. Frau Merkel entscheidet aus dem Bauch was gut ist und genau das muss getan werden in gesamt Europa. Stellt sich nun etwa die Frage welche Staatsform demokratischer ist?
4. Eine Öffnung
schlaueralsschlau 05.01.2016
der Regulierung der Finanzmärkte würde das Geld gleichmäßig verteilen? Bitte?
5.
pishtakko 05.01.2016
direkt aus den Frankenstein Filmen.... Die KP hat die Geister gerufen und kann die nicht mehr kontrollieren.
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