Wirtschaftskrise Für China stellt sich die Systemfrage

Lange galt das chinesische Modell als Alternative zur westlichen Marktdemokratie - eine fruchtbare Verbindung von wirtschaftlicher Dynamik und staatlicher Planung. Doch die Reaktionen auf das Börsenbeben lassen an der Weisheit der Technokraten zweifeln.

Kopf einer Mao-Statue in der Provinz Henan: Zweifel am Wunder
REUTERS

Kopf einer Mao-Statue in der Provinz Henan: Zweifel am Wunder

Eine Kolumne von


"China hat eine Generation Zeit, um reich zu werden. Die Pekinger Führung wird deshalb alles tun, um das Wachstum auf Touren zu halten." Zwei Sätze, die sich mir eingeprägt haben, gesprochen vom Chefstrategen eines der größten Staatsfonds der Welt. Knapp zehn Jahre ist das her; ich hatte ihn zu einem vertraulichen Gespräch in einem Londoner Hotel getroffen. Die Pekinger Führung, sagte er, werde um jeden Preis die Wirtschaft stützen. So lange, bis irgendwann die Alterung der Gesellschaft einsetze und das Wachstum bremse.

Damals, 2006, diskutierten wir die Frage, wie lange China wohl noch den Wechselkurs seiner Währung manipulieren und das gigantische Handelsdefizit der USA finanzieren werde. Seine Antwort: sehr lange. Hauptsache: Wachstum, Hauptsache: Jobs, Hauptsache: steigende Einkommen - auf dass es die Herrschaft der Kommunistischen Partei sichere.

Es war ein dreiseitiger Deal - zwischen der Führung, dem chinesischen Volk und der globalen Geschäftselite. Die Führung versprach den Chinesen Wohlstand, im Gegenzug verzichteten die Bürger auf demokratische Freiheitsrechte. Ein stabiles Arrangement, das globale Investoren so glaubwürdig fanden, dass sie bereit waren, große Summen darauf zu setzen.

Tatsächlich war das chinesische Modell lange Zeit enorm erfolgreich. Es entwickelte globale Strahlkraft, stieg gar zur Systemalternative zur westlichen Marktdemokratie auf, gerade in afrikanischen Ländern, aber auch unter deutschen Industriemanagern. Der entfesselte Kommandokapitalismus chinesischer Prägung schien beides zu verbinden: marktwirtschaftliche Dynamik und weise, vorausschauende Planung durch versierte Technokraten.

Und jetzt das: Die chinesischen Börsen schmieren ab, Kapital fließt ins Ausland, und die Behörden wirken kopflos. Diese Woche brachen sie gleich an zwei Tagen den Handel ab, um den freien Fall der Kurse zu stoppen. Großen Investoren verboten sie zunächst, Papiere zu verkaufen. Dann machten sie die Entscheidung rückgängig, nur um sie kurz darauf abermals zu revidieren. Vertrauenserweckend ist das nicht gerade. Die Marktturbulenzen, meinen denn auch die Volkswirte der Commerzbank, seien weniger darauf zurückzuführen, dass es der chinesischen Wirtschaft objektiv schlechter gehe als bislang bekannt. Sondern darauf, "dass die Anleger zunehmend daran zweifeln, ob die chinesische Führung die Wirtschaft und die Märkte weiter erfolgreich steuern kann".

Die Reserven schrumpfen

Auch der Wechselkurs des Yuan verliert immer weiter an Wert gegenüber dem Dollar. Anders als vor zehn Jahren, als die Notenbank den Kurs niedrig hielt, hat sie sich in den vergangenen Monaten alle Mühe gegeben, den Kurs zu stützen. Ein teure Intervention: Allein im Dezember setzte sie Währungsreserven von mehr 100 Milliarden US-Dollar ein, um eine stärkere Abwertung zu verhindern.

Binnen anderthalb Jahren hat China, das immer noch die größten Währungsreserven der Welt besitzt, rund eine halbe Billion Dollar in die Devisenmärkte gepumpt. Inzwischen aber scheint sich der Abwärtstrend so stark zu beschleunigen, dass die Notenbank lieber die Währung in den Keller rauschen lässt, als ihre Stützungsmaßnahmen aufrechtzuerhalten.

Unendliche Weisheit der chinesischen Wirtschaftsstrategen? Nun ja. Die jetzige Krise hat eine lange Vorgeschichte. Und die ist durchzogen von staatlichen Eingriffen in die Finanzmärkte. Sie beginnt in den Nullerjahren mit massiven Interventionen am Devisenmarkt: Damit die Exportmaschine immer weiter laufen konnte, kaufte die Zentralbank immer größere Mengen an Dollars vom Markt, um die Währung unterbewertet zu halten.

In der Spitze standen Währungsreserven im Wert von fast vier Billionen Dollar in den Büchern. Das sicherte einerseits das schnelle Wachstum der Industrie. Andererseits verzerrte es die Wirtschaftsstrukturen: Chinas Wirtschaft wurde extrem abhängig vom Export und hat über Jahre zu viel investiert.

Ein Boom auf Pump

Als in der Rezession von 2008/09 das Wirtschaftswunder jäh zu Ende zu gehen drohte, entfachte Peking einen binnenwirtschaftlichen Boom, der vor allem auf Pump finanziert war. Die Kreditvergabe sei "seit der globalen Finanzkrise dramatisch gestiegen", so der Internationale Währungsfonds. Insbesondere die Unternehmen sind hoch verschuldet.

Das Geld kam auch von jenseits der Grenzen: Rund eine Billion Dollar haben ausländische Banken China seit 2010 geliehen, rechnete kürzlich die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vor; kein anderes Schwellenland hat höhere Auslandsverbindlichkeiten.

Ein endliches Spiel, dessen Folgen nun unübersehbar sind: große Überkapazitäten in der Industrie, Preisverfall, leerstehende Immobilien, Schulden. Die Auswirkungen erschüttern derzeit die Weltwirtschaft.

Dass es bei allen unbestreitbaren Qualitäten der chinesischen Volkswirtschaft so weit kommen konnte, liegt nicht zuletzt an den Einmischungen der Politik, die stets das Ziel verfolgte, das Wirtschaftswunder in Gang zu halten - auch zu einem Zeitpunkt, als bereits absehbar war, dass die rasche Industrialisierung und Verstädterung an Grenzen nicht unendlich weitergehen könnte.

Ob in China weise Technokraten am Werk waren, darf bezweifelt werden. Ebenso, ganz prinzipiell, ob ein mächtiger Staat in einem System ohne freie Meinungsäußerung, ohne freie Presse, ohne vehemente öffentliche Kritik vernünftig funktionieren kann.

Gut möglich, dass der Deal zwischen Führung, Volk und Big Business weiterhin hält, auch wenn er im Zuge der notwendigen Anpassungen derzeit einem Stresstest unterzogen wird. Das chinesische Modell des Kommandokapitalismus jedoch wird schwerlich in anderen Ländern als Vorbild dienen können.

MONTAG

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PRAG - Ost-West-Gegensatz - Bei einer Diskussionsveranstaltung mit der EU-Außenbeauftragten Mogherini und dem tschechischen Außenminister Zaoralek treffen in Zeiten der Flüchtlingskrise zwei Weltsichten aufeinander.

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DIENSTAG

DÜSSELDORF - Weihnachtsbilanz - Der Einzelhandel war mit dem Weihnachtsgeschäft hochzufrieden. Nun legt Metro Umsatzmeldung für Weihnachtsquartal 2015 vor.

TOULOUSE - Herren des Fliegens - Airbus bittet zur Jahrespressekonferenz.

MITTWOCH

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BERLIN - Buntes Deutschland - Das Ifo-Institut bittet hochkarätige Wirtschaftsforscher und Minister Gabriel zur Fachdiskussion zum Thema "Zukunft - nur mit Zuwanderung?".

BERLIN - Jahr der Risiken - Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gibt einen Ausblick auf 2016, ein Jahr, das für die Wirtschaft äußerst schwierig begonnen hat.

DONNERSTAG

BRÜSSEL - Turbulenzen - In Zeiten der China-Krise und erneuter Reformdebatten mit Griechenland treffen sich die Finanzminister der Euro-Gruppe.

LONDON - To raise or not to raise - Die Bank von England entscheidet über den weiteren Weg der Geldpolitik. Die große Frage: Folgt sie der Fed, die kürzlich erstmals die Leitzinsen angehoben hat? Und wenn ja, wann?

WIESBADEN - Vorläufige Bilanz - Das Statistische Bundesamt stellt seine erste Schätzung für die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Jahr 2015 vor. Spätere Revisionen, wie üblich, nicht ausgeschlossen.

HAMBURG - Nivea und Co. - Beiersdorf veröffentlicht vorläufige Zahlen zum Geschäft 2015.

CHICAGO - Viele Handvoll Dollars - Quartalszahlen der US-Großbank JP Morgan Chase.

FREITAG

BRÜSSEL - Deutschland in der Kritik? - Treffen der EU-Finanzminister. Unter anderem wird es um das "makroökonomische Ungleichgewichteverfahren" gehen. Deutschlands sehr hoher Leistungsbilanzüberschuss von über sechs Prozent des BIP verstößt seit Jahren gegen EU-Regeln.

BERLIN - Bauern-Business - Beginn der Internationalen Grünen Woche.

NEW YORK/SAN FRANCISCO - Zahlen, bitte! - Die US-Großbanken Citigroup und Wells Fargo legen Geschäftszahlen vom abgelaufenen Quartal vor.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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insgesamt 71 Beiträge
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meroswar 10.01.2016
1. Planwirtschaft ungleich Kommunismus
Es passt hier vielleicht ganz gut hin, dieses recht weit verbreitete Irrtum mal klarzustellen: Ja, China hat eine Planwirtschaft, aber nein, China ist nicht kommunistisch. Planwirtschaft und Kommunismus sind nämlich nicht deckungsgleich, auch wenn China noch immer häufig als "kommunistische Diktatur" bezeichnet wird. Dieser Kommentar ist nicht wertend, sondern soll lediglich klären.
Newspeak 10.01.2016
2. ...
Ökonomen sind eine spezielle Sorte Wissenschaftler. Jede Falsifikation ihrer Theorien führt nur zu deren weiterer Anwendung. So ist es auch zu erklären, daß man glaubt, das System verstanden zu haben und es zu beherrschen, obwohl eine Krise bereits der nächsten die Hand reicht, obwohl Markt- und Theorienversagen offensichtlich sind, sogar (und ironischerweise vor allem) den Leuten, die primär nichts mit Wirtschaft zu tun haben. Dasselbe gilt auch für die daraus abgeleitete Politik. Demokratien mögen nicht perfekt sein, aber es gibt kein einziges historisches Beispiel, wo eine Diktatur dauerhaft zufriedene Menschen produziert hätte und damit Bestand hatte. Kein einziges. Es gibt aber "langweilige" Länder wie die Schweiz, die skandinavischen Länder, oder Kleinststaaten, aber auch z.B. Kanada, die das Gegenteil zeigen, nämlich das stabile Demokratien möglich sind, z.T. über Jahrhunderte. Und wer wollte der Schweiz Sozialismus vorwerfen und das man dort nicht auch Reiche hätte? Liegt es nur daran, daß diese Länder ihre Probleme ausgelagert haben? Oder gibt es doch systemimmanente Vorteile von Demokratien? Chinas KP wird es in 100 Jahren nicht mehr geben. Und vielleicht ist ja irgendwann auch mit dem Kapitalismus heutiger Prägung Schluß. Wenn die Menschheit sich weiterentwickeln will, muß sie ein System, das nur auf Gier beruht, überwinden.
behemoth1 10.01.2016
3. China
China ist ein Teil der Welt und somit kann und muss sein Wirtschaftssystem sich auch in der Weltwirtschaft eingliedern, man kann es nicht nach den Richtlinien einer Partei betreiben, es geht immer nur eine gewisse Zeit, aber dann zeigen sich die Probleme und die kann man nicht auf Dauer selbst verheimlichen und richten. In China war schon seit längerer Zeit zu erkennen, dass ein Wandel eintreten musste, man wollte es nur immer hinausziehen und eines Tages muss es angepackt werden oder man kann nicht mehr wie gewohnt mithalten. Die Billigproduktion, womit man den Weltmark überhäufte geht stets nur zu eigenen Lasten und die zeigen nun schon die Lücken in der Beherrschbarkeit auf und das nicht nur in der Missachtung aller Umweltbedingungen. Jedes System muss sich anpassen oder es wird scheitern und bei China werden hoffentlich dir richtigen Entscheidungen getroffen. Ein schnelles und unbegrenzter Wachstum hat viele Probleme im Schlepptau.
Extremophile 10.01.2016
4. Das mit dem
Wenn die Kommunistische Partei Chinas jede Opposition im Keim erstickt und ein Monopol auf Korruption erhebt, kann sie sich anschließend natürlich hinstellen und sagen, man habe einen Deal mit dem Volk. Wer soll ihr widersprechen? Mao hat gesagt, ein Revolutionär soll sich im Volk bewegen wie ein Fisch im Wasser. Wenn sich die kommunistischen Diktatoren heute unters Volk begeben würden, Sie würden keine 12 Stunden überleben.
spon-1203191786232 10.01.2016
5. Die korrupte, diktatorische
kommunistische Spitze war in meinen Augen nie sehr weise. Der Wirtschaftboom wurde durch miese Arbeitsbedingungen, extremen Niedriglohn und rücksichtslose Umweltausbeutung erkauft. Das rein export-getriebene Wirtschaftmodell läuft sich tot und die chinesischen Politiker haben kein Rezept. Die Binnenkonjunktur springt nicht an, weil die Einkommen immer noch zu niedrig sind und sie werden in der unfreien Gesellschaft auch nicht steigen. Jetzt wird langsam der Preis bezahlt für die Umweltschäden, den Immobilienwahnsiin und die subventionierten Staatsbetriebe.
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