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China und der Nahe Osten: Die widerstrebende Weltmacht

Von , Peking

Öl aus dem Nahen Osten: Schmierstoff für Chinas Wirtschaft Fotos
REUTERS

China hat die USA überholt und ist nun größter Importeur von Erdöl aus dem Nahen Osten. Das verändert die geostrategische Rolle der Volksrepublik radikal. Die Regierung in Peking wird Verantwortung als Weltmacht übernehmen müssen.

Seit ein paar Tagen ist es offiziell: China hat die USA abgelöst und importiert mehr Öl aus den Opec-Staaten als jedes andere Land der Welt. Das ist gut für die Scheichs am Golf und die noch nicht hinweggefegten Regimes in Saudi-Arabien, im Irak und in Iran. Es ist auch gut für Deutschlands Autobauer, deren Produkte in China reißenden Absatz finden. Weniger gut ist es für die Chinesen selbst, über deren Städten sich jetzt im Herbst wieder der Smog verdichtet, ein eher unerfreulicher Beweis dafür, wie rund der Motor der chinesischen Wirtschaft immer noch läuft.

Vor allem aber setzt der Wechsel an der Spitze der Öl-Importeure allmählich einen Grundsatz der Weltpolitik außer Kraft, der fast 60 Jahre lang galt: Der Westen brauchte Öl aus dem Nahen Osten, also sorgte die Supermacht des Westens dafür, dass das Öl sicher fließt. Die Stabilität des Nahen Ostens ist ein teures Gut, die Patrouillenfahrten der US-Flugzeugträger zwischen dem Suez-Kanal, der Straße von Hormus und dem Horn von Afrika haben Milliarden verschlungen - von Amerikas Kriegen in der Region zu schweigen.

Wie lange wird Amerika diese Kosten noch tragen? Und wann fängt China an, selbst Geld und politisches Kapital in die Stabilität des Nahen Ostens zu investieren? Es sind schließlich vor allem Pekings Energielieferanten und -korridore, um die es künftig geht.

Peking folgt bislang einem sehr klugen und im Wortsinn billigen außenpolitischen Prinzip. Der Reformer Deng Xiaoping fasste es mit der Sentenz "taoguang yanghui" zusammen, sinngemäß: "Verbirg deine Stärke und warte ab." Diese Doktrin der Zurückhaltung hat dem Reich der Mitte in der Vergangenheit viel Ärger und Geld erspart. Aber damals war China nicht der Krösus, der es heute ist, und nicht die Weltmacht, die es inzwischen sein will.

Bald wird Amerika Pekings Nachschublinien nicht mehr sichern

Als Moskau und Washington im September über Syrien berieten und der Uno eine gemeinsame Resolution vorlegten, hob Peking im Sicherheitsrat die Hand - mehr nicht. Es war ein Anachronismus, ja eine Groteske der Geopolitik: Russland, selbst ein Ölriese, hat im Nahen Osten keine bedeutenden Interessen mehr - außer den Eindruck zu erwecken, es sei immer noch eine Supermacht. Auch Amerikas Interessen im Nahen Osten schwinden von Tag zu Tag. Mit dem Einsatz der Fracking-Technologie, der Förderung von Schieferöl und -gas sind die USA dabei, selbst zu einem Nettoexporteur von Energie zu werden.

Chinas Interesse an einem friedlichen Nahen Osten dagegen ist enorm. Peking ist nicht nur der größte Kunde genau jener Ölmächte, die den Konflikt in Syrien zusätzlich schüren - Iran und Saudi-Arabien. Als VIP-Kunde hat Peking dort auch wachsenden politischen Einfluss, den es offen nutzen sollte. Die Worte des chinesischen Außenministers wiegen in Teheran und Riad womöglich bald ebenso schwer wie die seines amerikanischen Kollegen.

Chinas Lage ist mit der Deutschlands nach der Wiedervereinigung vergleichbar. Ein Staat, dessen wirtschaftliches Gewicht zunimmt, wird irgendwann gefragt, was er politisch auf die Waage bringt. Im Pazifik, in Afrika und in Zentralasien zeigt China bereits seine Muskeln. Doch es wird Zeit, dass es das auch dort tut, wo das Risiko am größten ist - im Nahen Osten.

Die Zeit, in der Amerika Pekings Nachschublinien sichert, geht nämlich bald zu Ende, dafür wird allein Washingtons klammer Haushalt sorgen. Darauf sollte China nicht warten. Wer Weltmacht sein will, muss Verantwortung übernehmen.

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insgesamt 152 Beiträge
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1. Wenn man es sich nicht mit allen verdirbt ...
asteinx 12.10.2013
Wenn man es sich nicht mit allen verdirbt, braucht man auch nicht die Nachschubwege sichern. Das Waffengerassel war noch nie nötig für China. Die USA müssen irgendwann mal schnallen, dass wer Wind säht Sturm erntet. China hat Städte statt Bomben und Panzer gebaut, der wirtschaftliche Vorteil dabei ist im direkten Vergleich offensichtlich. Aber macht mal weiter ihr Kreuzritter.
2. optional
mseepgood 12.10.2013
Es geht echt alles nur um Erdöl. Ich warte darauf, dass endlich Kernfusion erfunden wird, so dass jedes Land seine eigene unerschöpfliche Energiequelle hat und nicht mehr zynisch herumgegeostrategiert und "Verantwortung übernommen" werden muss.
3.
DJ Doena 12.10.2013
Warum sollen Dtl und Chine mehr "Verantwortung" in der Welt übernehmen und wozu braucht es überhaupt eine "Ordnungsmacht", die sich ständig in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischt?
4. Interessant, Herr Zand...
judasmüller 12.10.2013
...sie glauben, im Nahen Osten ginge es um Öl? Dabei haben uns unsere amerikanischen Freunde immer versichert dass es um den Kampf gegen den Terror ginge. Nicht, dass sie noch des USA bashings verdächtigt werden ;-)
5. Den Teufel werden die tun
stasilaus 12.10.2013
Zitat von sysopREUTERSChina hat die USA überholt und ist nun größter Importeur von Erdöl aus dem Nahen Osten. Das verändert die geostrategische Rolle der Volksrepublik radikal. Die Regierung in Peking wird Verantwortung als Weltmacht übernehmen müssen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/china-importiert-mehr-oel-aus-opec-als-usa-a-927499.html
Die werden die alten Denkmuster des Kolonialismus nicht neu einführen, sondern versuchen, die Selbstbestimmung der Völker als zeitgemässen Gedanken zu unterstützen. Vom angloamerikanischen Kolonialismus haben die Chinesen noch heute die Nase voll. Und sie merken ja in Tibet und Xinjiang, was es heisst, Besatzungsmacht zu sein. Solche Eitelkeiten kosten viel Steuergeld, ohne dass diese Gebiete entsprechende Erträge zum Staat beitragen. Ein Fehler, den Ding nicht beseitigte. Xinjiang hat wenigsten nun eine gewisse Autonomie. Kein Mensch braucht eine Weltmacht. Nur diejenigen, die immer noch in Weltmachtphantasien schwelgen. Das sind die Gleichen, die als Kinder gerne Fliegen die Beine ausgerissen haben und die Nachbarskinder verprügelten, wenn die kleiner waren.
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Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.

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