China Das Wirtschaftswunderland muss sich neu erfinden

Jahrelang war China der Motor der Weltwirtschaft - jetzt stößt das Wachstumswunder an seine Grenzen: Die Exporte schwächeln, Kommunen und Unternehmen kämpfen mit horrenden Schulden. Pekings Führung befiehlt den Strukturwandel. Kann er gelingen?

Arbeiter in Fuzhou: "Weltwirtschaft kann Chinas Produkte nicht mehr aufnehmen"
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Arbeiter in Fuzhou: "Weltwirtschaft kann Chinas Produkte nicht mehr aufnehmen"

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Ist dies die Wende? Die deutschen Exporteure haben ihre Verkaufspreise so stark gesenkt wie seit über dreieinhalb Jahren nicht mehr. Sie fielen im Juni um 0,6 Prozent zum Vorjahresmonat, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Grund ist, neben der Rezession in der Euro-Zone, vor allem die Abkühlung der Konjunktur in China. Die Bundesrepublik ist unmittelbar von den wirtschaftlichen Entwicklungen in der Volksrepublik betroffen. Jahrelang profitierte Deutschland vom explodierenden Wachstum in China, nun spüren Unternehmen die Krise.

Rückblick ins Jahr 2009: Der renommierte US-Ökonom Michael Pettis, der bereits punktgenau den Kollaps der argentinischen Wirtschaft vorhergesagt hatte und nun an der Peking University lehrt, prophezeit: Schon bald werde auch das chinesische Wachstumsmodell an seine Grenzen stoßen.

Zwar hat es vier Jahre gedauert, aber jetzt scheint Pettis Prophezeiung sich zu bewahrheiten: Chinas Wirtschaft kühlt ab. Und zwar so stark, dass sich sogar die offiziellen Staatsmedien um das Wohlergehen der Ökonomie sorgen. Ein Wachstum von unter sieben Prozent sei "nicht akzeptabel" schreibt die Nachrichtenagentur Xinhua, die Zeitung "Xinjinbao" berichtet, Premier Li Keqiang habe eine Untergrenze von sieben Prozent gezogen. Lis Regierung handelt: In der Nacht zum Donnerstag kündigte sie Steuererleichterungen, Hilfen für Exportunternehmen und den Ausbau des Eisenbahnnetzes an.

Die Volksrepublik kämpft um ihr Wirtschaftswunder.

Vorbei sind die Zeiten, als Chinas Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr um 10, 12 oder 14 Prozent wuchs - und damit die Weltkonjunktur befeuerte. Schon 2012 fiel die Achtprozentmarke, bei deren Unterschreiten Arbeitsplatzverluste befürchtet werden. Quartal für Quartal verlangsamt sich die Dynamik der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde. Michael Pettis glaubt, dass bei sieben Prozent noch lange nicht Schluss ist: "Das Wachstum muss auf drei bis vier Prozent zurückgehen", sagt er SPIEGEL ONLINE, "damit sich Chinas Wirtschaft wieder ausbalancieren kann." Andernfalls drohe dem Land das Schicksal Lateinamerikas in den achtziger Jahren: eine Dekade der wirtschaftlichen Stagnation.

Chinas Regierung leitet einen Strukturwandel ein

15 Jahre lang wurde der Boom vor allem von diesen Faktoren getragen:

  • Exporte
  • Investitionen in die eigene Infrastruktur
  • eine florierende Immobilienwirtschaft
  • die extrem unterbewertete Landeswährung Renminbi

Und heute? Viele dieser Faktoren sind ausgereizt. "Die Weltwirtschaft ist zu klein geworden für Chinas Exportwachstum", sagt Markus Taube, Professor für Ostasienwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. "Sie kann diese Mengen an chinesischen Produkten nicht mehr aufnehmen." Weil Chinas Gesellschaft zudem rapide altere, leite die Regierung in Peking daher nun gemeinsam mit der Zentralbank einen Strukturwandel ein: "Die Zeit als Werkbank der Welt soll zu Ende gehen."

Der Weg dahin wird schwer. Immer deutlicher zeigt sich den Chinesen die Kehrseite des alten Booms. An den Ausfallstraßen Shanghais ragen Dutzende leere Hochhaustürme in den Himmel. Viele Ökonomen warnen vor einer Immobilienblase, ähnlich wie in den USA in den Jahren bis 2008.

Als damals die globale Finanzkrise aufzog, beschlossen Regierung und Zentralbank in Peking ein gewaltiges Konjunkturpaket im Wert von umgerechnet mehr als 400 Milliarden Dollar. Tatsächlich prosperierte die Wirtschaft weiter. Im Gegenzug aber blähten die Kapitalspritzen den Finanzsektor auf, die unregulierten Schattenbanken wuchsen. Viele Geldinstitute, Kommunen und Provinzen sind heute hoch verschuldet, wie auch eine Reihe von staatlichen und staatsnahen Großkonzernen, unter ihnen einige Solarhersteller und Schiffbauer. "Jede dritte Werft ist so überschuldet, dass sie geschlossen werden müsste", sagt Pettis.

"Die große Dynamik ist raus"

Die Regierung setzt nun vor allem auf kleinere und mittelgroße Unternehmen. Von August an befreit sie alle Betriebe mit umgerechnet weniger als 2500 Euro Monatsumsatz von der Mehrwert- und Umsatzsteuer, dazu verspricht sie den Firmen Bürokratieerleichterungen. So sollen Millionen von Arbeitsplätzen im Mittelstand gerettet werden.

Schließlich sind die Konsumenten Pekings große Hoffnung. Sie sollen künftig endlich mehr Geld ausgeben, statt weiter zu sparen. Laut einer Studie der Royal Bank of Scotland in Hongkong legen die Chinesen im Schnitt 30,6 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante - fast doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Sie bunkern für die Ausbildung ihrer Kinder, für das zukünftige Eigenheim - und vor allem fürs Alter, denn die staatlichen Vorsorgesysteme sind unzureichend. So liegt der Anteil des Konsums an der Wirtschaftsleistung mit 35 Prozent nur etwa halb so hoch wie in den USA; selbst in der Exportnation Deutschland sind es immerhin noch 55 Prozent.

Auch die hiesigen Unternehmen werden die Abkühlung in Fernost zu spüren bekommen. Schon 2012 gingen die deutschen Exporte in die Volksrepublik leicht zurück, trotzdem war China noch der drittgrößte Abnehmer hinter Frankreich und den Niederlanden. "Die große Dynamik ist raus", sagt Stefan Schilbe, Chefökonom bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. "Dennoch wird China ein ganz wichtiger Exportmarkt bleiben."

Der Maschinenbau etwa könne von der Umstellung der chinesischen Industrie auf immer höherwertigere Produkte profitieren. Und auch das Geschäft von Deutschlands Autoherstellern wie BMW, Daimler oder Audi, für die China mittlerweile der wichtigste Absatzmarkt weltweit ist, sei nicht akut bedroht. "Sollte das Wachstum wirklich einbrechen, wird die Regierung im großen Stil dagegen steuern", sagt Schilbe. Das Geld dafür hätte Peking: China verfügt über Fremdwährungsreserven von mehr als 3400 Milliarden Dollar. Da erwartet nicht einmal Michael Pettis argentinische Verhältnisse.

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Seite 1
muellerthomas 26.07.2013
1.
Zitat von sysopAFPJahrelang war China der Motor der Weltwirtschaft - jetzt stößt das Wachstumswunder an seine Grenzen: Die Exporte schwächeln, Kommunen und Unternehmen kämpfen mit horrenden Schulden. Pekings Führung befiehlt den Strukturwandel. Kann er gelingen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/china-kaempft-um-sein-wirtschaftswunder-a-913196.html
Hohe Exporte sind keine Begründung für einen geringen Anteil des Konsums am BIP. Der Anteil der Exporte am BIP könnte sogar noch viel größer sein und der Anteil des Konsum dennoch größer, wenn die Importe entsprechend groß sind.
hubertrudnick1 26.07.2013
2. Besserwessi
Zitat von sysopAFPJahrelang war China der Motor der Weltwirtschaft - jetzt stößt das Wachstumswunder an seine Grenzen: Die Exporte schwächeln, Kommunen und Unternehmen kämpfen mit horrenden Schulden. Pekings Führung befiehlt den Strukturwandel. Kann er gelingen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/china-kaempft-um-sein-wirtschaftswunder-a-913196.html
Typische Sätze eines Besserwessis, anderen kritisieren, aber selbst die eigene westliche Wirtschaft nicht auf den richtigen Weg bringen können. Unsere Krisen in der westlichen Welt sollte uns eher zum Schweigen anhalten, als das wir über andere herziehen. Wie lange haben wir im Westen nun schon dieses System und wir haben es noch immer nicht auf der Reihe gebracht, das beste Beispiel ist Detroit und dall die anderen westlichen Länder. Auch Marx und Engel haben damal das System des Kapitalismus aufgearbeitet und alles kritisiert, aber eine Grundlage für eine bessere Welt konnten sie auch nur mit unerreichtbaren Fantasien aufzeigen.
tomxxx 26.07.2013
3. Warum ist das für Ökonomen gerade so schwierig...
das chinesische Wachstum scheint so ein Dogma zu sein. Wenn der deutsche Export zurückgehen, heisst das nichts anderes als dass dort kein realwirtschaftliches Wachstum mehr besteht. Leider wird (weltweit) das Drucken von Geld als Wirtschaftsleistung verbucht, mit solchen Blasen kann man einen Immobilienboom auslösen, Autos aus dem Ausland kaufen (!) und und und. Das war in Südeuropa nicht anders... (übrigens fehlen bei uns auch Zahlen zum REALWIRTSCHAFTLICHEN Wachstum). Zur chinesischen Situation bzw. der chinesischen Bevölkerung kommt noch, dass es keine Krankenversicherung gibt und die Häuser, für die so gespart wurden, auch nicht weitervererbt werden können, gut für den Staat.. schlecht für die Bevölkerung. So gut ist das für den Staat auch nicht, da er damit die ganzen Immobilien langfristig erhält und dann natürlich wieder verkaufen muss. Und wer soll zu diesen Preisen kaufen...???
tomxxx 26.07.2013
4. Warum ist das für Ökonomen gerade so schwierig...
das chinesische Wachstum scheint so ein Dogma zu sein. Wenn der deutsche Export zurückgehen, heisst das nichts anderes als dass dort kein realwirtschaftliches Wachstum mehr besteht. Leider wird (weltweit) das Drucken von Geld als Wirtschaftsleistung verbucht, mit solchen Blasen kann man einen Immobilienboom auslösen, Autos aus dem Ausland kaufen (!) und und und. Das war in Südeuropa nicht anders... (übrigens fehlen bei uns auch Zahlen zum REALWIRTSCHAFTLICHEN Wachstum). Zur chinesischen Situation bzw. der chinesischen Bevölkerung kommt noch, dass es keine Krankenversicherung gibt und die Häuser, für die so gespart wurden, auch nicht weitervererbt werden können, gut für den Staat.. schlecht für die Bevölkerung. So gut ist das für den Staat auch nicht, da er damit die ganzen Immobilien langfristig erhält und dann natürlich wieder verkaufen muss. Und wer soll zu diesen Preisen kaufen...???
kdshp 26.07.2013
5.
Zitat von sysopAFPJahrelang war China der Motor der Weltwirtschaft - jetzt stößt das Wachstumswunder an seine Grenzen: Die Exporte schwächeln, Kommunen und Unternehmen kämpfen mit horrenden Schulden. Pekings Führung befiehlt den Strukturwandel. Kann er gelingen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/china-kaempft-um-sein-wirtschaftswunder-a-913196.html
DAS ist eben kapitalismus aber immer noch besser als der kommunismus! Es geht jetzt vielen richtig gut und noch mehr haben arbeit wovon sie kaum leben können.
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