Konjunktur: Globale Krise schwächt deutsche Industrie
Es geht abwärts mit der Weltwirtschaft, und das belastet die Bundesrepublik: Chinas Industrie schwächelt, der Ölpreis fällt auf den tiefsten Stand seit anderthalb Jahren - und die Exportaufträge für die deutsche Industrie sind so stark zurückgegangen wie seit April 2009 nicht mehr.
Berlin - Es sind wenig erfreuliche Zahlen, die die Forscher des Markit-Instituts am Donnerstag präsentiert haben: Die deutsche Privatwirtschaft ist demnach im Juni so stark geschrumpft wie seit langem nicht mehr. Der in einer Umfrage unter 1000 Unternehmen ermittelte, sogenannte Einkaufsmanagerindex fiel um 0,8 auf 48,5 Punkte. Das ist der schlechteste Wert seit Juni 2009. Das Barometer entfernte sich damit weiter von der Marke von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird.
"In den deutschen Unternehmen setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die Turbulenzen in der Euro-Zone die Geschäftsaussichten für die zweite Jahreshälfte 2012 bereits beschädigt haben", sagte Markit-Ökonom Tim Moore. Besonders deutlich wird das bei den Dienstleistern: Sie nahmen ihre Prognose für die kommenden zwölf Monate so stark zurück, wie noch nie seit Beginn der Umfrage vor 15 Jahren.
Auch der Einkaufsmanagerindex für die Industrie sank überraschend um 0,5 auf 44,7 Zähler. Das ist der niedrigste Wert seit drei Jahren. "Die sich verschlechternde Weltkonjunktur und die anhaltende Euro-Krise dämpfen die Exportnachfrage deutlich", sagte Moore zur Begründung. Die Exportaufträge gingen so stark zurück wie seit April 2009 nicht mehr. Die Industrie strich deshalb so viele Stellen wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Immerhin: Bei Dienstleistern werden noch Menschen eingestellt - wenn auch vergleichsweise wenige.
Die Umfrage reiht sich ein in eine Serie schlechter Konjunkturdaten. Auch die Konjunkturerwartungen von Anlegern und Analysten brachen nach Angaben des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im Juni ein - und zwar so stark wie seit 1998 nicht mehr.
Chinas Industrie schwächelt
Nicht nur die Euro-Krise belastet Deutschland. Auch in anderen Ländern verschlechtern sich die wirtschaftlichen Aussichten - was die Nachfrage nach deutschen Exporten senkt.
Da ist zum Beispiel die Schwäche der chinesischen Industrie. Im Juni lag der entsprechende Einkaufsmanagerindex den achten Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Von Mai auf Juni sank der Indikator um 0,3 Punkte auf 48,1 Zähler, wie die Großbank HSBC am Donnerstag mitteilte. "Die chinesische Industrie hat sich im Juni weiter abgeschwächt", kommentierte HSBC-Chefökonom für China, Qu Hongbin.
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte am Donnerstag vor großen Risiken für die Weltwirtschaft. Das weltweite Wirtschaftswachstum schwäche sich anscheinend ab, heißt es im IWF-Bericht für die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20). In den USA und in einigen anderen Industrieländern bestehe im kommenden Jahr deshalb das Risiko, dass sich die Haushaltslage deutlich verschlechtert.
Die US-Notenbank Fed hat zur Stimulation der amerikanischen Wirtschaft bereits neue Schritte ergriffen. Sie beschloss am Mittwoch, ihre in diesem Monat auslaufende "Operation Twist" bis Ende des Jahres zu verlängern und dafür rund 267 Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen. Durch ein Umschichten der Anleihen in ihrem Vermögensbestand will sie Kredite tendenziell billiger machen.
Die Ölpreise haben am Donnerstag ebenfalls weiter nachgegeben - ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage sinkt, weil die Einkäufer eine schwächere Konjunktur und dadurch einen Rückgang der Industrieproduktion erwarten. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent etwa 91 Dollar und notierte damit so niedrig wie seit Dezember 2010 nicht mehr. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI sank auf 80 Dollar.
ssu/dpa-AFX/Reuters
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