Trotz Börsenabsturz Chinas Wirtschaft wächst um sieben Prozent

Die fallenden Aktienkurse an Chinas Börsen sorgen für Alarm im Rest der Welt. Doch die chinesische Wirtschaft scheint davon bislang unberührt: Die Wachstumszahlen sind nach westlichen Maßstäben immer noch spektakulär.

Eröffnung eines Elektronikmarkts in Peking: Nachhaltiges Wachstum
AP/dpa

Eröffnung eines Elektronikmarkts in Peking: Nachhaltiges Wachstum


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Die Zahlen scheinen nicht so recht zusammenzupassen. Der Shanghai Composite Index hat seit seinem Hoch Mitte Juni rund ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Kurseinbrüche dieser Größenordnung sind in China seit mehr als 20 Jahren nicht mehr vorgekommen. Zugleich meldet nun das Statistikamt in Peking: Die chinesische Wirtschaft sei im zweiten Quartal um sieben Prozent gewachsen. Dies sei die gleiche Rate wie zu Jahresbeginn, teilte die Behörde am Mittwoch mit.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt scheint also trotz der Börsenturbulenzen in solider Verfassung zu sein. Ökonomen hatten nur mit einem Plus von 6,9 Prozent gerechnet, weil einzelne Branchen schwächeln. Dazu gehört auch der Automarkt, der in diesem Jahr nach Angaben des Verbands der Automobilhersteller CAAM nur halb so stark wachsen soll wie ursprünglich erwartet.

Andere Faktoren tragen zu einer spürbaren Abkühlung der Konjunktur bei, die sich in der jüngsten Wachstumsrate offenbar noch nicht abbildet: Der Handel wächst langsamer, insgesamt hat die Binnennachfrage nachgelassen, und auch Immobilien waren zuletzt nicht mehr so gefragt wie früher.

Abgeschottete Börsen

Zudem wurde die Zuversicht der Anleger zuletzt von einem massiven Einbruch an den Aktienmärkten erschüttert, der fast vier Billionen Dollar Marktwert vernichtete. Speziell die Aktienmärkte in Shanghai und in Shenzhen erlebten in den vergangenen Wochen einen freien Fall.

Die Achterbahnfahrt hängt jedoch nur bedingt mit der Entwicklung der Realwirtschaft zusammen. Denn an den vom Weltmarkt abgeschotteten chinesischen Festlandsbörsen herrschen andere Gesetze. Hier dominieren Kleinanleger das Geschehen, welche die Kurse in den Monaten zuvor durch massive, zum großen Teil kreditfinanzierte Aktienkäufe in die Höhe getrieben haben. Die Blase haben die Behörden nun platzen lassen, indem sie dem Kauf von Aktien auf Pump einen Riegel vorschoben. Die massive Korrektur in den vergangenen Wochen war eine direkte Folge davon.

Wohlstand wächst

Auch das Wachstum versucht Peking zentral zu steuern. In den vergangenen Jahren drehten sich die Diskussionen immer wieder darum, wie der Übergang zu bewältigen wäre, wenn die Wirtschaft ihre Dynamik verliert. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange. 2014 hatte sich das Wachstum der Volksrepublik auf 7,4 Prozent abgekühlt, das geringste Plus seit 24 Jahren. Fürs laufende Jahr liegt die Prognose bei 7,0 Prozent.

Nach Einschätzung von Experten gibt der Rückgang keinen Anlass zur Sorge. Denn gleichzeitig hat sich die Struktur der Wirtschaft nachhaltig verbessert. Die Zahl der Beschäftigten habe zugenommen und damit auch der Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten, erklärt Finanzmarktexperte Uwe Wiesner. Sehr viele Chinesen könnten sich inzwischen Wünsche über die Grundbedürfnisse hinaus erfüllen.

Die wachsende Nachfrage im Inland werde sich als wichtiger Stützpfeiler des Wachstums etablieren. Beobachter gehen davon aus, dass die Regierung dennoch weitere Schritte ergreift, um die Konjunktur in China anzukurbeln.

Zusammengefasst: Die Turbulenzen am Aktienmarkt in den vergangenen Wochen haben den Blick auf die chinesische Wirtschaft etwas verzerrt. Das Wachstum kühlt sich langsam ab. Die Wachstumsraten bleiben aber dennoch auf hohem Niveau.

mik/Reuters

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insgesamt 50 Beiträge
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westerwäller 15.07.2015
1. Schon in den siebziger Jahren wussten wir :
... "Die Überlegenheit des Sozialismus erkennt man an der schnelleren Steigerung der Produktivkräfte." Bewahrheitet sich alles. Hat nur ein bisschen gedauert ... Vielleicht gäbe es heute eine "DDR 2.0", wenn die auch "Sozialismus mit Marktwirtschaft" eingeführt hätten?
sting111 15.07.2015
2. Es gibt keinerlei Grund, den chin. Angaben zu trauen
es wird berichtet, dass China regelmaessig Exporte nach Hongkong kommuniziert, deren Angaben ca 30 Prozent hoeher liegen, als Hongkong als Import berichtet. Mit dem harschen Eingriff in Chinas Aktienmaerkte hat China gezeigt, dass jedes Mittel der Manipulation recht ist.
Cotti 15.07.2015
3.
Das ist nicht erstaunlich, denn Börse und Wirtschaft sind verschiedene Schuhe. Die Börse ist allenfalls ein kapitalistisches Spielcasino, zur Umverteilung von Geld - und zwar möglichst genauso, wie es in China geschah. Unbedarfte "Kleinanleger" wurden in die aufgeblähte Hausfrauen-Hausse gelockt und beim "Crash" abgezockt.
mr.andersson 15.07.2015
4.
"Die Zahlen scheinen nicht so recht zusammenzupassen." Die Zahlen passen hervoragend zusammen. Nur 7 Prozent ist eben für die Bewertung der Aktien dort zuwenig. Es geht ja nicht um das aktuelle Wachstum, sondern um die Frage, welches erwartete Wirtschaftswachstum in den Kursen eingepreist ist. Und wenn nun alle die Hoffnung hatten, dass aus den 7 noch 8 oder 9 werden, dann verkaufen die nun enttäuscht. Es geht wie schon immer bei Aktien nur um die Frage, was die Käufer an Wachstum erwartet haben. Erwarte ich 1 Prozent und es werden 2, steigen die Kurse im Regelfall. Erwarte ich 8 und es werden 7, gehts runter. die Aussage ist natürlich stark verkürzt und trivialisiert, aber das ist die Richtung.
muellerthomas 15.07.2015
5.
nunja, der Crash an Chinas Börsen begann Mitte Juni. Es wäre reichlich überraschend, wenn dieser bereits in Q2 Auswirkungen auf die Konjunktur gehabt hätte.
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